Part 5
Durch das dunkle Kirchenschiff geisterte der Mond. Lehrer Siebert trat die Bälge, und Philipp Engel spielte. Der und jener der Schönbacher Bauern wachte auf. »Mein Gott, da spielt doch jemand Orgel. Mitten in der Nacht!«
Des Fragers Weib aber drehte sich knurrend auf die andere Seite.
»Schlaf! Du weißt doch, daß der verbummelte Orgelstimmer im Dorfe ist.«
Die Frühsonne schielte hinter gelben Wolken hervor, da trennten sich zwei an der Kirchentür, deren einer sich einen Schüler gewonnen hatte, der die ersten Zeilen in des Lebens krauser Notenschrift lesen gelernt hatte.
Hand in Hand standen sie. Da sagte der Landfahrer sinnend: »Wie fing es doch an? Ach ja: Die Linde rauscht, es scheint der Mond. -- Leb wohl, ich muß weiter.«
»Wohin gehst du? Ich möchte dich immer zu finden wissen.«
Philipp Engel lachte wehmütig. »Du brauchst mich nicht zu suchen. Ich bin immer bei dir. Was du von mir haben mußt, kannst du jede Stunde haben. Das andere? Was willst du mit einem Scherbenhaufen?«
Die Fiedel unter dem Arm, schritt er das Dorf hinauf, und über ihm summte leise die große Glocke.
3.
Der Sonntagmorgen war schwül. Die paar Blumen, die im Garten des Hohlofenhofes standen, ließen die Köpfe hängen. Heinrich Korn selber lag es schwer in den Gliedern.
»Mir ist heute, als hätte ich gestern abend zu viel getrunken,« sprach er zu seinem Weibe.
Die neckte ihn. »Zu wenig wird es kaum gewesen sein.«
»Aber auch nit zu viel. Ich weiß immer noch, was ich sage und tue.«
»Das ist doch auch das wenigste, das man verlangen kann.«
»Sag das nit. Das kommt manchmal über den Menschen, er weiß nit wie.«
»Damit redet ihr euch immer heraus.« Sie wies auf den Fliederbusch. »Den sollten wir uns auch anpflanzen.«
Der Bauer antwortete nicht. Er war unruhiger in sich, als er zeigte, kratzte sich oft hinter den Ohren, hätte seiner Frau gern von gestern abend gesprochen und fürchtete doch ihre ruhigen, sicheren Augen und ihr treffendes Urteil. So verbohrte er sich darein: »Ich trage das selber aus. Was geht das die Weiber an? Aber mit dem Rudolf will ich reden.«
Und doch schob er auch das auf, obwohl ihm sein Sohn alle Augenblicke über den Weg lief.
Planlos ging er auf den Hof hinaus, stand vor dem verfallenen Mauerreste des Hochofens, der von Winde, Efeu und Thymian überwuchert war, und um den die Schmetterlinge gaukelten, kratzte sich wieder hinter den Ohren und wußte, daß er -- ein schlechtes Gewissen hatte. Wenn's am Ende doch das Mariele war?
Rasch schritt er nach den Bienenstöcken hinüber. Die Tiere flogen aufgeregt hin und her. Es war noch reichlich früh im Jahre, aber sie schienen Anstalten zum Schwärmen zu machen. Recht; denn je früher ein Schwarm, desto besser.
Herrgott, wie die Sonne brannte! Heinrich Korn sah nach dem Himmel. Wolken türmten auf. In die Stube zurückkehrend, bemerkte er: »Heute donnert's noch, Mutter.«
»Ein Gewitter tät nit schaden. Nur keinen Hagel!«
»Möcht wissen, woher jetzt Hagel kommen sollte.«
»Hagelwetter kommt immer, wenn man's am wenigsten erwartet.«
»Hast recht. Wenn man's am wenigsten erwartet.«
Er kratzte sich wieder hinter den Ohren. »Wo ist der Rudolf?«
»Wo wird er sein? Ist ja die ganze Zeit hier herumgelaufen. Vielleicht ist er in seiner Kammer.«
»Ob er denn nit endlich einmal zum Heiraten tun will?«
»Wird er schon, wenn seine Zeit da ist. Das ist seine Sache und geht uns nix an.«
Und der Mann auffallend scharf und laut: »Das ist nit wahr. Ist ~nit seine~ Sache. Deine und meine ist's. Zuerst deine, du bist die Mutter und hättest dich längst umtun können.«
Minna Korn ward stutzig und hielt in ihrer leichten Hantierung inne. »Ich für den Rudolf auf die Freit gehn? Bist du denn nit recht bei Trost? Da läßt sich doch nix vorschreiben. Oder hast du dir das etwa anbefehlen lassen?«
»Ich! Wo doch alles so zusammen paßte. -- Was meinst du zu dem Wolfert in Goßberg seiner Klara? Ich dächte, an der wäre nix auszusetzen.«
Minna Korn zuckte die Achseln. »Mir gefällt sie nit. Sie ist zu sehr auf den Staat aus.«
»Der Wolfert hat's dazu.«
»Desto weniger müßte es sein Mädel zeigen. -- Laß das nit deine Sache sein. Das kommt alles, wie es muß. Um den Rudolf brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich möchte überhaupt wissen, was heute in dich gefahren ist. Du tust so, so -- -- -- Ich weiß nit, wie ich sagen soll, aber du bist gar nit wie sonst.«
»Dummes Zeug. Wenn man einmal mit dir etwas ernsthaft bereden will, dann ist man nit wie sonst.«
»Ja, dafür bist du halt auch der Hohlöfner.«
»Damit aber noch lange kein Hanswurst!« brauste der Bauer auf.
Die Frau ließ sich nicht einschüchtern. »Einen Hanswurst hätte ich auch nit geheiratet. -- Dir liegt heute das Wetter in den Gliedern.«
»Muß wohl so sein.«
Sie schob ihm die Zeitung zu. »Da ist das Blatt. Lies derweile. Das Essen ist gleich fertig.«
Wann hätte der Hohlöfner je am Essen gemäkelt? Heute nörgelte er. Die Suppe war zu heiß, das Fleisch zu hart. Seine Frau sah ihn an und schüttelte den Kopf. Auch an dem Sohne rieb sich der Bauer. Er machte kleine, spitze Bemerkungen. Es wäre nachgerade Zeit, ihnen die Arbeit leichter zu machen. Egal die Schinderei und Plagerei und soviel fremde Leute auf dem Hofe.
»Darüber läßt sich reden, Vater,« entgegnete Rudolf. »Ich sehe ein, daß du es allmählich leichter kriegen mußt.«
Das aber war wieder nicht recht. »Bin noch kein alter Mann,« knurrte der Bauer. »Euch junges Volk stecke ich noch alle miteinander in die Tasche.«
»Dann weiß ich nit, was du willst, Vater.«
»Weiß ich selber nit.«
Und Rudolf lächelnd: »Scheint mir auch so.«
Da keifte der Hohlöfner: »Halt das Maul. Laß mir von dir keine Vorschriften machen.«
Immer stärker schüttelte die Bäuerin den Kopf. In Rudolfs Gesicht aber trat ein trotziger Zug.
Der Tisch war abgeräumt, Heinrich Korn hatte sich die Pfeife gestopft und lehnte in der Sofaecke, die Bäuerin las, die Brille auf der Nase, im kirchlichen Wochenblatte. Rudolf saß am Tische.
»Ich möchte etwas mit euch bereden,« begann er.
Die Mutter ahnte, was er vorbringen wollte, und wehrte ab. »Muß denn das jetzt sein? Du siehst doch, daß der Vater -- -- --«
Da fuhr der Bauer hoch. »Was soll mit mir sein? Noch bin ich der Herr im Hause!«
»Aber Vater, es ist doch nit ein Tag wie der andere, und du bist heut mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen.«
»Steige immer mit dem richtigen aus dem Bett. -- Und nun will ich wissen, was du angestellt hast.«
»Angestellt?« fragte Rudolf verwundert. »Was soll ich angestellt haben?«
»Hab schon einen Vogel pfeifen hören.«
»Kann ich mir denken, aber vielleicht hat er doch nit ganz richtig gepfiffen. -- Ich möchte heiraten.«
Der Hohlöfner pfiff durch die Zähne, sah seine Frau triumphierend an, nickte ihr zu: »Hab ich's nit gesagt?« Und sich an den Sohn wendend: »Da bin ich auch noch da, und eine Sünde und Schande ist's.«
Immer verdutzter ward Rudolfs Gesicht. Zorn stieg stärker in ihm auf.
»Ich bin kein Schuljunge mehr, habe das Alter reichlich, habe mir bei den Soldaten die Nase putzen lassen -- -- --«
»Lange nit genug,« fuhr der Bauer dazwischen.
Nun aber riß die Bäuerin mit einem Ruck die Brille von der Nase und trat an den Tisch heran. »Vater, das ist nit von ungefähr. -- Was willst du denn eigentlich? Du weißt noch gar nit, wen der Rudolf bringen will -- -- --«
»Wen er bringen will? Warum geht er nit damit heraus? Weil er weiß, daß du so gut nein sagen wirst wie ich; weil er weiß, daß das nit sein kann. Eine auf dem Hohlofenhofe, die -- -- --«
Minna Korn legte ihrem Manne die Hand auf den Mund. »Abwarten, Vater. Nit gleich so wild. Wenn's die ist, die ~ich~ denke, dann bist du's ebenso zufrieden wie ich. Rudolf, wer ist's?«
»Das Mariele. Doch keine andere.«
Minna Korn sah, durch ein paar vorwitzige Tränen lächelnd, auf ihren Mann. »Na und nun?«
Dem war der Mund offen stehengeblieben, er hielt die kurze Pfeife in der Rechten, sah ungläubig vom einen zum andern, war so völlig überrascht und hilflos, wie ihn auch seine Frau nie gesehen hatte.
Die strich ihm über den Kopf. »Gelt, Vater, wär alles nit nötig gewesen. Das liebe, liebe Mariele. Hast sie selber gern.«
Sie glaubte, völlig gewonnen zu haben.
Der Bauer aber schüttelte ihre Hand ab, fuhr sich über das Gesicht, stand auf, ging kopfschüttelnd hin und her. »Das Mariele! Das hätt ich nit gedacht. Alles andere, aber das nit.«
Da erkannte Minna Korn, daß sie doch noch nicht am Ziele war, und stutzte stärker als vorhin bei des Mannes grundloser Erregtheit. Er stampfte mir harten Schritten, bald den Namen »Mariele« murmelnd, bald ein »Dunnerlichting« zwischen den Zähnen zerbeißend, hin und her.
Rudolf begann, seine Sache wieder selber zu führen.
»Vater, gegen das Mariele wirst du kaum etwas haben können.«
»Hm,« brummte der Hohlöfner.
»Es gibt keine rechtschaffenere weit und breit.«
»Das ist das wenigste.«
»Ist heutzutag gar nit das wenigste. Die Zeiten sind anders geworden.«
»Mußt du mir das sagen?« Der Bauer fuhr sich durch die Haare, lachte zornig auf. »Abgekartetes Spiel. Ihr scheinheiliges Volk! Erst gehe ich euch auf den Leim, dann dem -- -- --« Er brach ab und hieb durch die Luft.
Sein Weib ahnte deutlich irgendein Vorkommnis.
»Wem bist du auf den Leim gegangen?« fragte sie.
»Den zweien. Dem Rudolf, der das Maul nit aufgetan hat, und dem Mariele, der -- Scheinheiligen, die -- --« Er arbeitete sich in hellen Zorn hinein, die Bäuerin aber ließ sich nicht verblüffen.
»Und wer ist der andere?«
»Der andere? Habe ich was von einem anderen gesagt? Nit ein Wort.«
»Doch, Vater, du sagtest: Und dem -- --«
»Hör andermal besser hin. Überhaupt: Kümmer dich um deine Gänse und rede nit in Männergeschäfte.«
»Vor dem Essen waren's Weibersachen.«
»Kreiz Deibel, wer ist hier der Herr im Hause, du oder ich?«
»Das hat mit Herr und Haus nix zu tun. Du bist Rudolfs Vater und ich bin die Mutter, die ihn geboren hat.«
Rudolf trat dem Vater einen Schritt näher, und der Hohlöfner war überrascht, als er ihn mit den Augen maß. Geradezu eine Offenbarung war ihm sein Fleisch und Blut. War das sein Junge, der entschlossene, ruhige, kernige Mensch, in dessen Gesicht nur eins geschrieben stand: Ich weiß, was ich will, und ich gebe nicht nach!
»Vater, das ist nit von ungefähr, daß du so wild bist. Am Mariele kann's nit liegen. Ich bitt dich, laß uns ruhig über die Sache reden. Was hast du am Mariele auszusetzen?«
Der Bauer ließ sich wieder in die Sofaecke fallen. »Erstens, daß sie mir um den Bart gegangen ist, um mich zu kirren.«
»Sie hat es ehrlich gemeint und ist nit anders gewesen als früher. Wär aber ein komisch Mädel, das den Sohn heiraten will und den Vater schlecht behandelt.«
»Laß mich nit behandeln.« Der Hohlöfner sah an seinem Weibe vorüber, die jetzt ruhig wartend zur Seite stand, beobachtete und kein Wort mehr verlor. Er wußte, daß ~sie~ seine Schauspielerei durchschaute, versuchte aber den Schein zu wahren und fuhr ruhig und scheinbar sachlich fort: »Zweitens: Du kriegst den Hohlofenhof. Das ist der größte in Schönbach und den Nachbardörfern. Damit übernimmst du eine Verpflichtung, Rudolf. Du stehst nit für dich, wie ich nit allein für mich stehe.« Im pastoralen Ton redete er, täuschte seinen Sohn, nicht aber seine Frau, die, leise lächelnd, zum Fenster hinaussah.
Der Bauer aber, nachdem er eine Weile ruhig geblieben, sprang, der Abmachung gedenkend, sich erinnernd, daß er erklärt, er wolle sich einen Hanswurst nennen lassen, sich des Enders höhnisches Gesicht vormalend, und doch in Wirklichkeit einzig überwältigt von heißem Erbarmen mit dem lieben blondzöpfigen Mädel, mit beiden Beinen wieder mitten hinein in seinen Zorn, gegen sich selber wütend.
»Soll der Einzige vom Hohlofenhofe nit mehr können, als das ärmste Mädel frein? Was nutzen die langen Zöpfe? Mag sich das Zeug abschneiden lassen, daß sie aussieht, wie sich's gehört. Könnte den beiden Weibern so passen, sich ins warme Nest zu setzen. Ist eine verfluchte Heuchelei, und du Hansnarr bist ihnen auf dem Leim gegangen. Soll sich was schämen, die alte Bertelessin.« Er hieb auf den Tisch. »Kommt mir keine auf den Hof, die nit wenigstens ihre abgezählten fünftausend Taler hat! Punktum. Mein letztes Wort. Richte dich danach!«
Rudolf stand eine dicke Zornesader auf der Stirn. Er sah den Vater an. Der schlug die Augen nieder. Des Sohnes Blick war schmerzlich und war verächtlich.
»~Dein~ letztes Wort,« begann er. »Gut, wenn's denn gleich und durchaus bis zum Letzten ausgeredet sein muß. Ich denke aber, wir reden trotzdem noch einmal darüber. Sagen wir in drei Tagen. Das ist Zeit genug zum Nachdenken.« Der Hohlöfner fluchte, seine Frau stand bereit, zwischen die Männer zu springen, Rudolf beherrschte sich, aber er ging unerbittlich auf sein Ziel los.
»Vater, hättest du dir die Mühe gemacht, mich kennenzulernen, dann wärst du heute nit so verwundert. Ich weiß, daß du mich für einen Schwächling gehalten hast. Du hast all die Jahre her kaum ein gutes Wort für mich gehabt. Ich habe nie gehört, daß du etwas gelobt hättest, das ich machte. Es war nit leicht, sich damit abzufinden. Weise mir eine einzige Stunde nach, in der ich dir die schuldige Ehrfurcht versagt hätte. Ich tu's auch jetzt nit, aber ich sage: Der da jetzt redet, ist nit der Hohlöfner, das ist ein anderer. Der Hohlöfner ist nit hartherzig, ist nit geldgierig, hat das Mariele so gern wie ich. Dem Hohlöfner könnt ich jetzt die Hand geben und sprechen: Ich danke dir, Vater. Du sollst sehen, daß du mit uns zweien, dem Mariele und mir, ein schönes Alter haben wirst. Dem andern aber sage ich: Vom Mariele lasse ich nit! Nit wenn der Himmel einstürzt! Du hast vom Hof geredet. Was der Hof ist, weiß ich. Es ist nit ein Stein, nit eine Furche, die mir nit heilig wären, aber: Hier das Mariele, da der Hof, und ich nehme das Mariele. Ich will dich nit nötigen, Vater, aber tu mir den Gefallen und laß uns in drei Tagen noch einmal darüber reden. Daß das Mariele nit viel Geld hat, weißt du. Bleibst du dabei, daß sie fünftausend Taler mitbringen muß, dann -- treibst du mich aus dem Hause; denn es ist keine Aussicht, das Geld zusammenzubringen. Und warten, bis ich graue Haare habe oder auf deinen Tod lauern, das tue ich nit. So, Vater, das wäre, was ich zu sagen hätte. Nix zu viel, nix zu wenig. Und jetzt gehe ich zum Mariele. Vom Mariele laß ich nit!«
Er ging mit festen Schritten zur Tür hinaus. Dem Hohlöfner aber hatten des Sohnes männliche Worte die Sprache verschlagen. Fremd sah er sich in der Stube um, fremd blickte er auf sein Weib. Die setzte sich neben ihn, und die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen: »Vater!«
Der Bauer erwachte. »Mutter, war denn das unser Junge?«
»Ja, Vater, das war unser Junge, so ehrlich und so gut, wie er ist. -- Und nun, Vater, tu mir die Liebe und rede dich aus. Was ist gewesen?«
»Was soll gewesen sein? -- Nix ist gewesen.« Und langsam wieder der Alte werdend: »Soll ich mir Vorschriften machen lassen? Nehme ich den Hof mit? Ist es zu viel verlangt, daß die künftige Hohlöfnerin fünftausend Taler mitbringen soll?«
»Vater, warum hast du ~mich~ geheiratet? Soll ich jetzt, nach siebenundzwanzig Jahren, hören, daß du mich bloß genommen hast, weil ich Geld hatte?«
»Mutter, red kein dummes Zeug.«
»Ich laß nit nach, Vater, ich will wissen, warum du ~mich~ gefreit hast. Hättest du mich auch genommen, wenn ich so arm gewesen wäre wie das Mariele?«
»Himmel, Herrgott!«
»Laß das Fluchen! Ich kenn dich besser, als du denkst. Mir machst du nix vor. Ich werde auch noch hinter das kommen, was dich heute kopfscheu macht. -- Also du hast das Geld geheiratet, nit mich?«
Der Bauer sprang auf, rannte hin und her, tobte, fluchte, wütete gegen sich selber, bis es ihm herausfuhr: »Der Hund! Das will ich ihm gedenken!«
Minna Korn nickte, lächelte ein ganz klein wenig bitter, aber sie blieb beharrlich. »Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Und, auch ein wenig schauspielernd: »Ist bitter, das nach beinahe dreißig Jahren zu hören, wo ich dich doch so -- --«
»Hör auf, Mutter! Siehst du denn nit, daß ich nit anders kann? Ich sitze doch fest wie der Fuchs im Eisen. Ich kann nit anders! Fünftausend Taler! Das Mariele -- --« Er knallte die Tür hinter sich zu, nach dem Garten zu gehen, traf im Hausflur den Sohn, der, zum Ausgehen gerüstet, die Treppe herabkam.
»Wohin willst du jetzt?«
»Ich geh zum Mariele.«
»Willst du dich und mich dem ganzen Dorfe zum Spott machen?«
Rudolf zuckte die Achseln. »Ich glaube nit, daß einer darüber spottet.«
»Heiliges Kreuz! Bist du denn ganz begriffsstutzig? Der Ender spottet darüber!«
»Was frage ich nach dem Ender!«
»Du nit, aber ich.«
»Tut mir leid, Vater, und war sonst nit deine Art. Ich -- geh zum Mariele!«
»Und ich leid's nit!«
Wieder zuckte Rudolf die Achseln. »Ich kann nit anders!«
Da stürmte der Bauer an dem Sohne vorüber und verschwand hinter der Scheunenmauer im Garten.
Rudolf kehrte noch einmal kurz in die Stube zurück.
»Mutter, es tut mir leid, aber ich kann nit anders.«
»Zeit lassen, Rudolf, nit gleich oben hinaus. Und nit vergessen, daß er dein Vater und daß er ein guter Vater ist.«
»Habe ich zu viel gesagt?«
»Wäre manches nit nötig gewesen.«
»Dann will ich's ihm abbitten.«
»Gesagt ist gesagt.«
Rudolf nahm der Mutter Hand. »Mutter, kannst du dir denn gar nit denken -- -- --«
»Alles kann ich mir denken. Daß du aber jetzt zum Mariele laufen mußt, das ist nix weiter als Trotz.«
»Nein, Mutter, ich hab's versprochen. Was meinst du, wie lange sie schon auf mich wartet. Sie hat doch niemand. Ihre Mutter kann nit mit. Und nun ist sie ganz allein -- -- -- und weiß doch, daß es nit gut ausgelaufen ist, denn sonst wäre ich eher gekommen.«
Da nickte die Mutter. »Ihr jungen Leute! Immer gleich, als müßte der Himmel einstürzen. Bleib nit zu lange.«
Als Rudolf draußen eben aus dem Tore trat, lief ihm der Ender in die Hände, der zum Vater wollte.
»Ist der Vater daheim?« fragte er.
»Ja, aber triffst's nit gut.«
»Warum nit?«
Rudolf sah ihm fest in die Augen. »Gerade vorhin hat er von dir geredet. -- Was hast du gegen das Mariele?«
»Ich? Nit so viel.« Der Mann schnippte mit dem Finger. »Was kann ich dafür, daß dein Vater fünftausend Taler verlangt?«
»Hat er das verlangt? Wann denn?«
»Frage ihn selber. Was geht's mich an. Ich habe mit mir zu tun. Und jetzt gehst du zum Mariele?«
»Wenn du's wissen willst, ja.«
Er trat dicht vor ihn hin. »Ender, du hast Menschen, die dir nichts getan haben, bittre Not gemacht. Wärst du nit ein alter Mann, dann wollt ich dir's heimzahlen. So -- -- -- Es kommt dir von selber heim.«
Hinaus war der Bursche. Der Bauer aber verzog hämisch den Mund.
Minna Korn saß am Fenster, die Hände im Schoße, sinnend. Da trat Ender ein. »Tag.«
»Tag, Ender. -- Du kommst mir wie gerufen. Gerade dich brauche ich. Da kann ich mir den Weg zum Wirte ersparen.«
»Was willst du beim Wirte?«
»Wissen, was gestern abend gewesen ist.«
»Was soll gewesen sein?« Ender sah an den forschenden Augen der Frau vorüber. »Ist dein Mann nit da?«
»Muß gleich wiederkommen. Er ist nur auf einen Sprung in den Garten gegangen.«
»Ich wollte der Erle wegen mit ihm reden.«
»Tu's nit. Ich rate dir. Du triffst's heute schlecht.«
»Hab's schon vom Rudolf gehört. Der ist zum Mariele.«
»Das ist er. Muß einmal aufhören, die Heimlichtuerei.«
»Sage ich auch. Ich weiß gar nit, was dein Mann an dem Mariele auszusetzen hat.«
»Nix. Gar nix. Wär ihm keine lieber, aber -- -- --«
»Das mit den fünftausend Talern ist doch dummes Zeug. Darauf braucht ~ihr~ doch am allerwenigsten zu sehen.«
»Wir sind keine reichen Leute, aber du hast nit unrecht. Rudolf braucht nit nach dem Gelde zu heiraten. -- Und nun will ich wissen, wie das im Wirtshause war.«
Ender hätte lieber unter der Dachtraufe gesessen als vor den klaren, entschlossenen Augen der Hohlöfnerin. Er drehte und wand sich, gab da eine Kleinigkeit zu und dort eine. Die Bäuerin aber war wie ein zäher Bergsteiger, der, wenn es not tut, sich mit seinem Blute festklebt. Schritt für Schritt erkämpfte sie, sah auch zuletzt nicht völlig klar, wußte aber doch, daß ihr harmloser, polteriger, überehrlicher Mann das Opfer eines niederträchtigen Streiches geworden war. Sie richtete ihre Augen voll und klar auf den Enderbauer, sprach, wie Rudolf vorhin gesprochen, aber innerlicher, mütterlich herzlich, und der Mann ward ganz klein und still vor ihr.
»Ich will's ihm ja zurückgeben,« sagte er. »War ja überhaupt gar nit so ernst gemeint.«
Minna Korn aber blickte ihn traurig an. »Da kennst du meinen Mann schlecht. Du hast ihm den Popanz Auslachen und Hanswurst hingestellt, er hat ihn angenommen, er ist der einzige, der ihn aus der Welt schaffen kann und wird. Darüber aber vergehen böse Wochen und Monate, vielleicht Jahre. Wenn ein Mann, wie der meine, etwas sagt, das wie Eisen ist, dann stirbt er, ehe er das nit hält. Ender, Ender, was hast du für Elend angerichtet! Das kannst du nit gewollt haben.«
»Wahrlich nit. Ich will mit deinem Manne reden.«
»Nutzt alles nix. Jetzt richtet auch der Herrgott nix mehr bei ihm aus. Das muß durchgebissen werden. Ich rate dir, komm andermal wieder.«
Ender erhob sich, zu gehen. Als er auf die Tür zuschritt, trat der Hohlöfner herein, die Hand auf den Mund pressend.
* * * * *
Heinrich Korn war vorhin in tiefer Erregung hinaus in den Garten gegangen. Der von Grund aus gütige und harmlos heitere Mann war völlig aus der Bahn geschleudert. Hintergangen! Von wem? Von seinem Sohne und dem Mariele? Hm, auch mit, und doch nicht eigentlich. Von seiner Frau? Offenbar hat sie mehr gewußt als er selber und doch sicher nichts Genaues und Bestimmtes. Von den Nachbarn? Warum hat sich der Schmied gestern auf die verschlungenen Hände geworfen? Auch sie hatten also allerhand gewußt und hatten nicht ein Sterbenswörtchen darum verloren. Warum nicht? Aus Falschheit? Hohlöfner, sei ehrlich. Das war nicht Falschheit, nur: Sie kennen dich alle, sie wissen, daß du dich von deinem raschen Herzen treiben läßt, und wissen, daß man bei dir am allerwenigsten voraussagen kann, wie du eine Sache aufnehmen wirst. Und du hättest ja dem Mariele beide Arme entgegengebreitet. Geld! Was fragst ~du~ nach Geld? Du hättest über das ganze Gesicht gelacht, hättest das Mädel mit beiden Händen an seinen blonden Zöpfen gezupft, hättest -- -- -- Ach, was hättest du alles vor Freude darüber angestellt, daß dein Rudolf ein so fixer, unternehmender Kerl ist, daß dir das Mariele Enkelkinder schenken wird, daß -- -- -- Und nun! Ender! Du -- Satan! Aber so schlecht kannst auch du nicht sein, daß du bis aufs Tüpfelchen gewußt hättest, was du machst. Du bist auch ein Mensch, bist Bauer und Vater! Und -- wie war das doch? -- Herrgott, ich habe ja ~selber~ das verrückte Wort gesagt. Ich, ich!