Chapter 9 of 19 · 3911 words · ~20 min read

Part 9

»Das Mariele hat noch keine gehört, und,« Minna Korn legte ihrem Manne die Hand auf die Rechte, »wenn's gesagt ist, ist's ausgestanden. Ungesagtes macht viel mehr Not. Dem armen Menschen sitzt der Tod in der Brust. Mit dem muß man Erbarmen haben.«

»Ja, Mutter, wie denn?«

»Vater, das sieht ein Blinder. Laß ihn reden. Dann kann ihm das Mariele später einmal Gutes tun. Ist's nit gesagt, findet sie den Weg nit, wenn er sie einmal braucht.« Sie zerdrückte einen Tropfen im Augenwinkel. »Wem so viel gegeben ist wie dem Mariele, der kann auch viel Gutes tun.«

»Übertreib nit, Mutter. Sie ist ein Mädel wie andre auch.«

Minna Korn nickte ihrem Manne zu. »Weiß schon, darum soll sie ja auch auf den Hohlofenhof. -- Komm, wir wollen schlafen gehen. Der Rudolf wird jetzt auch schlafen.«

»Wenn er nit etwa Nachtschicht hat.« --

Lehrer Siebert und das Mariele gingen das Dorf hinab. Am Berteles-Häuschen klopfte das Mädchen an, der Mutter zu sagen, daß sie noch ein paar Schritte ins Feld ginge.

Nun schlenderten sie auf dem benachbarten Wegrain dahin. Der Abend war still und feierlich, das Land wallte in langen, ruhigen Wellen hinüber zum fernen Horizont, Sterne blinkten. Zu seiten des Weges rauschte das Korn, Nachtschmetterlinge summten und schwirrten, und Fledermäuse huschten.

Da kam es hell und wohltönend aus dem Felde: »Pickberwick, pickberwick.« Mariele Berteles stand still und lächelte. »Das ist sie.«

»Ja,« entgegnete Lehrer Siebert, »das ist sie.«

Sie standen und lauschten, und in des Mädchens Augen lag eine kindliche Freude.

»Man kann es wohl als: Fürchte Gott, deuten,« sagte sie leise. »Fürchte Gott, fürchte Gott.«

»Die Bäuerin deutet es als: Fürcht dich nit.«

Und das Mariele mit verhaltenem Jubel: »Fürcht mich auch nit.«

»Ich auch nicht,« antwortete der Lehrer.

»Warum sollten Sie sich denn fürchten?«

»Wir wollen uns doch ein Weilchen auf den Rain setzen. Der Abend kommt mir und Ihnen nicht wieder.«

Er ließ sich in das Gras nieder, das Mariele setzte sich harmlos nicht weit von ihm mitten in die Glockenblumen, und die Wachtel schlug. Die beiden jungen Menschen schwiegen.

»Mariele,« begann der junge Lehrer nach einer Weile, »ich möchte Ihnen etwas sagen.«

Das Mädchen sah ihn erwartungsvoll an. »Warum wollen Sie das nit?«

»Ich möchte Ihnen von mir erzählen.«

Marie Berteles empfand mit feinfühlendem Herzen, daß eine Last auf sie zu rollen wollte.

»Von Ihnen?«

»~Nur~ von mir. Und es soll Sie nicht belasten; denn ich -- -- -- Mariele, meine Eltern sind früh gestorben.«

»Ach Gott. Alle beide?«

»Beide. Wir tragen von Mutters Seite aus eine Krankheit in uns. Sie kennen sie. Ich bin aus der Stadt hierher gekommen, weil der Ort hoch liegt und die Luft rein ist. Es sollte besser werden.«

»Ist's denn nit schon viel besser geworden?« fragte Marie Berteles warmherzig.

Lehrer Siebert antwortete nicht darauf.

»Ich war zehn Jahre alt, als die Mutter starb,« fuhr der Mann fort, »und zwölf, als der Vater heimging. Seitdem war ich unter fremden Leuten. Es waren gute Leute, und sie hatten mich so gern, als wäre ich ihr eigen Kind. Nun bin ich seit fünf Jahren Lehrer. -- Ich -- werde mich im Herbste beurlauben lassen. Bis dahin mag's gehen. Länger kann ich es nicht verantworten.«

»Dann gehen Sie und lassen sich ganz heilen,« fiel das Mariele ein. »Hier sind die Winter kalt.«

Lehrer Siebert lächelte. »Ich kenne den Winter, aber ich gehe trotzdem nicht fort. Vielleicht tue ich sogar bis Weihnachten Dienst. Länger kaum. Ich könnte es nicht verantworten. -- Mariele, ich höre keine Wachtel wieder im Bärenacker. Seien Sie mir nicht böse, daß ich das sage. Ich will Ihnen den schönen Abend nicht verderben, nur daran denken sollen Sie dann und wann. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich fürchtete. Ich will die Zeit, die mir noch bleibt, recht froh sein. Es ist ein heimlicher Reiz, auf der Kante zu stehen und hinüber- und herübergucken zu können. Hinüber: Die Wachtel sagt: Fürchte Gott, und ich komme nicht schlecht mit ihm zurecht. Und herüber: Da liegt alles so weit ausgebreitet da, als ob man es von einem schönen Berge aus sähe. Und alles ist mein. Ich habe gar nicht gewußt, daß alles einmal ~so sehr~ mein sein würde. Ich drücke die ganze Welt an mich, sogar Sie, auch wenn ich Sie nicht anrühre.« Er lächelte ihr zu wie ein großes Kind. »Alles, alles ist mein! Und was kann man da aus sich herausholen. Es kommt alles aus ganz anderer Tiefe und hat einen ganz anderen Klang. Wunderbar ist es. Denken Sie doch, wie das ist, wenn ~ich~ den Kindern sage: Kinder, so und so sieht die Geschichte aus. Mein Kollege hat mir auf meine Bitte den Religionsunterricht auf der Oberstufe überlassen. ~Er~ weiß warum, und ich weiß auch warum. Denken Sie, wenn so ein Junge oder Mädel in zehn, in zwanzig, in dreißig Jahren einmal seine Not mit sich und der Welt und dem Herrgott hat und auf einmal denkt der Mensch an eine Stunde, in der wir miteinander geredet haben. Dann macht er einen Strich und ist fertig: Lehrer Siebert hat so und so gesagt, und der mußte es wissen, denn -- -- -- Das ist ja mehr, als ein Mensch eigentlich ertragen kann! -- Und nun war einmal eine Zeit, in der -- sie ist vorbei, sage ich, damit Sie sich nicht etwa ängstigen --, in der ich eine Dummheit gemacht, wenn nicht einer einen Damm davor gebaut hätte. Jetzt ist das ja alles vorbei, aber was hätte das werden sollen, wenn ich dem Mädchen, das ich liebhatte, mein Herz ausgeschüttet und es mich wieder liebgehabt hätte. Um Gottes willen, was hätte das werden sollen! Das hätte ich ja nie verantworten können. Man läßt sich aber so leicht hinreißen, denn, du liebe Zeit,« er lächelte wehmütig, »man ist doch auch ein Mensch und hat seine heimlichen Träume. Dafür kann man nichts. Und es ist ja auch so fein. Wenn man sich das alles so ausmalt -- -- -- Nun ist es vorbei, und -- es ist nicht weniger schön. Wirklich.« Eine schmale, krankenblasse Hand langte nach des Marieles Zopf, der im Grase lag, und strich darüber. »Gelt, Sie sind mir nicht böse. Ich komme Ihnen wirklich nicht einmal mit einem unrechten Gedanken zu nahe. Es ist alles, alles still, und nun freue ich mich bloß und möchte nur noch eins gern erleben: Ich möchte zu Ihrer Hochzeit die Orgel spielen.«

Hatte Marie Berteles etwas von der Hohlofenbäuerin gelernt, so daß ein verzeihliches Täuschenwollen dahinter stand? Ach nein, sie war, wie sie im Kerne war, lebenstüchtig und wahr.

»Herr Lehrer,« sagte sie und sah dem Manne mit weit offenen Augen in das Gesicht, »Sie hätten nix sagen sollen, aber ich bin doch nit böse, daß Sie es gesagt haben. Wohin ich gehöre, das wissen Sie.«

»Und ich freue mich darüber.«

»Aber leicht wird das nit sein, nein, das ist nit leicht. -- Die Orgel aber sollen Sie spielen, und mit dem Sterben, Herr Lehrer, lassen Sie sich Zeit. Das hat nit solche Eile. Sie hören die Wachtel im Bärenacker wieder, und ich höre sie auch. Rudolf ist drunten in der Grube. Er ist ein Bergmann geworden. Ist ihm ganz gewiß nit leicht geworden und wird mir auch nit leicht. Aber das ist ein Übergang, und umsonst ist's auch nit. -- Über acht Tage fängt die Heuernte an. Da hat man keine Zeit mehr zum Sinnieren. Ist gut, daß es soweit ist. -- So, Herr Lehrer, und nun muß ich heimgehen, und wenn ich dem Rudolf einen schönen Gruß bestellen soll, dann will ich das gerne machen. Aber Sie müssen nun auch heimgehen. Da drüben steigt der Nebel auf, und das ist nix für Sie.« Marie Berteles sprang auf, auch Lehrer Siebert war rasch auf den Beinen. Kindliche, helle Freude in den Augen, sagte er im Dahinschreiten: »Jetzt habe ich wenigstens eine Schwester gefunden.«

Da lachte das Mädchen. »Ach, du mein, mit mir ist nit viel Staat zu machen. Ich habe nix gelernt, als was uns Kantor Ritter mitgegeben hat. -- Gute Nacht, Herr Lehrer. Und nit wieder vom Sterben reden.«

Leichtfüßig sprang sie in das Haus, und leicht ging Lehrer Siebert heimwärts. Er hatte eine gute Nacht, und in seine Träume herein klang es wie Wachtelschlag: »Fürcht dich nit!«

Viel schwerer war es Marie Berteles um das Herz. Das Leben brandete stark auf sie zu, und so tapfer sie sich gegen seine Wellen zu stellen versuchte, sie warfen sie doch zwischen Hoffen und Zagen hin und her.

* * * * *

Auch Heinrich Korn sehnte, wie das Mariele, die Heuernte herbei. Die Arbeit, die es jetzt zu tun gab, war zu unbedeutend für den Mann. Am Morgen vor Tau und Tag heraus, die Sense geschwungen, daß der Schweiß troff, in Sonnenglut das Heu gewendet, heimgefahren, es in die Scheune geschichtet, das war Arbeit, die den ganzen Menschen nahm. Es half alles Wehren nichts; acht Tage mußten noch ausgehalten werden. Viel zu viel Zeit zum Grübeln! Selbst das Pfeifen geht nicht recht. Kaum, daß sich der Mund spitzt, kommt so ein dummer Gedanke dazwischen: Herrgott, die Welt ist so schön und so weit, und da drunten ist es so finster und still und tückisch! Weg ist die Lust zum Pfeifen. Nur selten, daß sie stärker ist als die grauen Plagegeister. Und dann schallt es über den Hof, daß die Bäuerin vor sich hin lächelt: Du pudelnärrischer Mann, der noch immer nit mit sich zurechtkommen will. --

Sommerselig tändelt der Sonntag in das Dorf. Was soll man an solch langem Tage anfangen, wenn es einem in den Fäusten zuckt und im Herzen rumort, und man beides festhalten muß, Herz und Hand?

Der Städter denkt, nun geht der Bauer durch das Feld, sieht die roten Mohnblumen und freut sich ihrer, vernimmt der lieben alten Erde leichtes Raunen und holt aus seines Wesens tiefsten Tiefen alles Gute heraus. Der Bauer lacht über des Städters Gedanken.

Heinrich Korn schreitet an seinem Angeracker entlang. Das viele Unkraut! Alles ist wieder da, Kornblumen und Mohn und Winden und Wicken. Dunnerlichting, er hat doch keine schlechte Saat genommen, aber er muß ernsthaft daran gehen, die faulen Köpfe wieder einmal aufzurütteln. Das Dorf muß eine ordentliche Reinigungsanlage haben.

Dabei sieht es auf seinen Feldern immer noch weit besser aus als auf den meisten andern. Dem Ender sein Hafer war ein richtiger Hedrichschlag und jetzt hat er den Brand im Weizen. Der Mann kann einem leid tun. Er ist ein Heimtücker, natürlich, und ein Griesgram ist er auch und im ganzen ein Mensch, der das Pulver niemals erfunden hätte, aber man muß ihn trotz allem eher bedauern, als daß man ihm ernstlich böse ist.

Die Turmuhr schlägt, und die Schläge hallen über das Feld. Erst drei. Was soll man den langen Nachmittag noch machen? Ei, Hohlöfner, du hast doch sonst gewußt, was du mit deinen Sonntagen anfangen solltest.

Heinrich Korn wendet sich, schreitet auf des Heimbergers Rain entlang, überquert die Viehtreibe und -- landet im Wirtshausgarten. Du liebe Zeit, wo soll ein Bauer am Sonntagnachmittag sonst landen, wenn er nicht etwa zu den Narren gehört, die Bücher lesen. Und dazu gehört der Hohlöfner nicht. Das ist Weibersache, wenn's denn durchaus sein muß, und er ist oft genug ärgerlich gewesen, daß der Rudolf die Nase in die Bücher steckte. Bauer und Bücher! »Daß ich nit lache,« denkt der Hohlöfner, als er das Zauntürle im Wirtshausgarten aufklinkt. Die Nachbarn sitzen unter der großen Kastanie, die Pfeifen brennen, und Widuwilds Vater unkt. Nach ihm kriegten sie eine schlechte Heuernte. Er könne sich auf seine Leichdörner verlassen.

Auch Ender ist da. Er spürt, daß er alles aufwenden muß, nicht außerhalb der Nachbarschaft zu kommen.

Darum nimmt er sich der Belange besonders an, die die ganze Gemeinde betreffen. Er ist Mitglied des Schulvorstandes, und da sind Dinge zur Sprache gekommen, die höchste Aufmerksamkeit erfordern, wenn Dummheiten verhütet werden sollen. Es brennt ihm richtig im Halse. Er muß seine Weisheit loswerden. Daß der Hohlöfner kommt, ist ihm nicht ganz nach der Mütze, aber in ~der~ Sache muß er ja unbedingt mit ihm gehen.

Breit und behaglich setzt sich Heinrich Korn auf den Stuhl, streckt die Beine von sich und wischt sich den Schweiß. »Könnten einen Regen brauchen, aber nit zu lange.«

»Kriegst bald Regen genug,« unkt Widuwilds Vater.

»Deinen Leichdörnern glaub ich nit,« widerspricht der Hohlöfner lachend. »Die gehen mit dem hundertjährigen Kalender.«

»Stimmt der etwa nit?« fragt der Seifert. »Ich hab's beabsolviert.«

»Und?« fragt der Hohlöfner rasch.

»Hm, ja, dies Jahr nit,« zuckt der Seifert zurück.

Da fällt der Ender ein. Hätte er lieber den Mund gehalten. Nun macht er der Männerrunde den Hanswurst. Er hat eine blecherne Stimme, und die preßt er extra noch; denn er will weise sein und seine große, erschütternde Botschaft diplomatisch vorbereiten.

»Nix stimmt mehr,« sagt er. »Ist heutzutage überhaupt eine ganz andre Welt.«

»Hast recht,« nickt der Hohlöfner, und in seinen Augenwinkeln wird der Neckteufel lebendig. »Hast recht, Ender. Eine ganz verteixelte Welt.«

»Nix mehr von Ruhe und Ordnung,« der Ender rückt sich auf seinem Stuhle zurecht. »Aber woher kommt das? Ich sage, das geht von der Schule aus. Da kriegen sie das mit, was sie unruhig macht. Ist das nötig, frag ich einen Menschen, daß die Kinder auf der ganzen Welt herumgejagt werden? Ich hab gut rechnen gekonnt, aber bloß bis zu den Brüchen.«

»Da war's alle?« fiel der Hohlöfner ein. Eben brachte ihm sein besonderer Freund, der Wirt, ein volles Glas, trat hinter ihn, fuhr ihm mit der Hand in das dichte Wuschelhaar und zauste es. Der Griff war nicht zart und war eine Mahnung: Mach's nit gar zu arg. Heinrich Korn lachte.

»Da war's alle,« keifte Ender in leichter Erregung. »Hab aber auch mein Lebtag die Brüche nit gebraucht. Was nützen dem Bauern die Brüche, wenn er keine gerade Furche ackern kann?«

Dagegen war nicht viel zu sagen. Zwar, der Hohlöfner hätte auch das besser gewußt, aber er schwieg und verkniff nur den Mund.

»Ist das erhört, wie die Kinder heutzutage sind?« fuhr Ender fort. »Wissen alles besser, fahren den Alten übers Maul -- -- --«

»Wenn sie sich's gefallen lassen,« knurrte Korn, und Ender hatte doch gerade ihm wohltun wollen. Er war einen kleinen Augenblick verdutzt und setzte es dann hin, wie wenn er einen Trumpf auf den Tisch hiebe: »Kommen heutzutage schon ganz anders auf die Welt.«

Jetzt konnte sich der Hohlöfner bei dem besten Willen nicht mehr halten. Alles, was recht ist, aber wenn einem der Mensch solche Gelegenheit zu einem Jux gibt, dann soll ein anderer den Mund halten, der Hohlöfner kann's nicht.

Heinrich Korn klatschte sich mit der flachen Hand auf den Schenkel, daß es knallte, lachte in die Kastanie hinauf, daß die Blätter rauschten, neigte sich vor, sah dem Ender in das Gesicht. »Leute, Leute! Dunnerlichting! Jetzt muß ich mich aber dazuhalten, daß ich den Großvater noch erleb. Die Kinder kommen heutzutage schon ganz anders auf die Welt? Hahaha! Wie denn, Mensch? Wär's am Ende doch wahr mit dem Storch?«

Selbst Widuwilds Vater nahm die Pfeife aus den Zahnstummeln und verzog den eingefallenen Mund zu einem Lächeln. Alles, was unter den siebzig war, lachte aus vollem Halse. Auch Ender lächelte.

»So hatte ich das nit gemeint,« wehrte er sich. »Mußt halt alles verdrehen, zumal wenn ~ich~'s sage.«

»Gar nit, Ender, aber, Dunnerlichting, wenn du es einem so an den Kopf schmeißt, da soll der Mensch nit auffangen? -- Nix für ungut. Prost.«

Widuwilds Vater, der sich den Gummi von einer Bierflasche auf das Pfeifenmundstück gesteckt hatte, damit sie besser hielte, bohrte die Pfeife wieder in den zahnlosen Mund und paffte.

»Im übrigen hat er recht, der Ender,« trotzte er gegen den Hohlöfner. »Ich dürfte nit Schulmeister sein, soviel sag ich. Der alte Kantor Heider hat jede Woche ein halb Dutzend Haselstöcke gebraucht. Ich war der Lieferant.«

»Heute brauchen sie keine Haselstöcke mehr, heute brauchen sie eine Bibliothek und ein halbes Dutzend Karten und die ganze Wand voller Bilder,« trumpfte Ender auf.

Er erzielte die Wirkung, die er erhofft. Die Bauern sahen ihn fragend an, und selbst der Hohlöfner schwieg.

»Das ist der neueste Antrag,« dozierte Ender. »Gestern in der Schulvorstandssitzung ist er vorgebracht worden. Fünfundsiebzig Bücher auf einmal will der Kantor anschaffen.«

»Jesses, Jesses,« stöhnte Adam Hercher, »das ist ja mehr, als eine Kuh in ihrem ganzen Leben fressen kann. Jesses, das ist ja wohl ein ganzer Schrank voll auf einmal.«

Der Hohlöfner sah Ender ernsthaft fragend an. »Wenn das wahr ist, was du sagst -- -- --«

»Ist wahr, so gewiß ich da hier auf dem Stuhle sitze,« belferte Ender.

Korn hob beruhigend die Hand. »Koller doch nit immer gleich wie ein Truthahn, wenn er ein rotes Tuch sieht. -- Also, wenn das wahr ist, dann ist das nit mit den paar Worten abgemacht, die du gesagt hast, dann steckt mehr dahinter. Kantor Ritter ist keiner, der nit wüßte, was er macht, und nit wüßte, was er der Gemeinde zumuten kann.«

»Wenn sie etwas verlangen, ist einer wie der andre,« keifte Hercher.

»Red, Ender.« Der Hohlöfner beachtete Herchers Einwurf nicht.

»Was ist da groß zu reden? Er hat uns einen Zettel auf den Tisch gelegt, auf dem er die Bücher angestrichen hatte, die er haben will.«

»Und was sollen wir zahlen?«

»Zahlen? Jedes Jahr sechs Mark.«

»Aha. Und was sind das für Bücher?«

»Geschichten halt.«

»Bloß Geschichten?«

»N--ein. Da waren auch andre drunter. Solche von den Kühen und Pferden und vom Düngen.«

»Und wie war das mit den Karten?«

»Eine neue von Deutschland.«

Der Hohlöfner nickte. »An der alten ist nit mehr viel ganz.«

»Und Europa.«

Widuwilds Vater fuhr hoch. »Etwa auch von Frankreich?«

Ender nickte.

Da hieb Widuwild auf den Tisch. »Ist das nit das Geld zum Fenster hinausgeworfen? Ich frage einen Menschen: Ist das nötig? Ich bin Anno siebzig bis in Paris gewesen und hab das vorher nit einmal dem Namen nach gekannt.«

»Außerdem,« holte Ender nach, »sollen wir ihm Krausen Edmund seinen Teich herrichten. Da sollen die Kinder im Sommer baden.«

»Kreizdeibel,« brauste Hercher auf, »ist er denn verrückt geworden? Vom Baden wird der Mensch bloß krank auf der Brust. Ich hab mich mein Lebtag noch nit gebadet, aber ich bin auch nie krank gewesen.«

»Und -- -- --,« Ender setzte abermals zum Sprechen an.

»Noch mehr?« fragte Heinrich Korn gespannt.

Ender nickte. »Und Bilder will er haben. Solche, wo der nackichte Mensch drauf ist und andere mit Vögeln und Krankheiten der Pflanzen, sagt er, und einer Eisengießerei und noch viel mehr. Die Steuern, Leute, die Steuern! Das kann die Gemeinde nit tragen.«

Das war das Losungswort. Etliche der Bauern, voran der Hohlöfner und der Schmied, saßen nachdenklich auf ihren Plätzen. Die andern redeten durcheinander. Sie fuhren schweres Geschütz auf, und je gröber die Schläge wurden, um so mehr wetterleuchtete es in des Hohlöfners Gesicht. Er ließ den Sturm vorüberbrausen und schwieg, sooft sich auch einer fragend unmittelbar an ihn wandte.

Der Sturm war verebbt. Heinrich Korn strich über den Tisch. »Ich komme eben von meinem Angeracker.«

Sie sahen ihn verdutzt an. Was hatte der Angeracker mit Kantor Ritters Wünschen zu tun?

»Ich komme eben vom Angeracker. Das alte Leiden. Hab keinen schlechten Samen genommen, aber er war doch wieder lange nit gut genug.« Die Gesichter wurden länger.

Heinrich Korn sah sich in der Runde um. »Lange nit gut genug,« wiederholte er. »Die Ähren nit gleichmäßig, Wicken und Winden und blaue Blumen, im ganzen die Frucht nit stämmig genug. Wie bei mir, so ist's bei euch, Nachbarn, und ich bin gut dafür, daß wir auch wieder den Brand in den Weizen kriegen. Ist das eine Art? Nein, sage ich. Und das liegt nit am Acker, das liegt an uns. Wir wohnen zwar auf der Höhe, aber wir ~sind~ nit auf der Höhe. Die Zeiten sind vorbei, Nachbarn, daß der dümmste Bauer die größten Erdäpfel hatte. Mit der Dummheit ist kein Geschäft mehr zu machen, sonst,« der Hohlöfner hatte ein spöttisches Lächeln um den Mund, »wären meine Scheunen schon lange zu klein.«

Wieder faßte ihn sein Freund, der Wirt, in den dichten Schopf. Korn schüttelte die Hand lachend ab. »Spaß beiseite, Nachbarn. Das muß anders werden. Heut übers Jahr haben wir eine Reinigungsanlage oder -- -- --«

»Ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen,« fiel der Schmied anzüglich ein.

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schlug sich auf den Mund, »um ein Haar hätte ich's gesagt, und ich hab mich doch verschworen, daß das nit wieder aus meinem Maule kommt. Aber so ist's, wenn man sich an etwas gewöhnt hat. -- Also: Wir müssen anders wirtschaften, und ich denke, jeder von uns wird mir recht geben. Das aber, Nachbarn, kann der ~dumme~ Bauer nit. So sehe ich das an, wenn Kantor Ritter dies und jenes haben will. Ist zuviel auf einmal. Das Baden streichen wir. Dafür bin ich auch nit. Und ein paar Karten werden sich auch herunterhandeln lassen, aber im ganzen hat er recht. So ein Bauernjunge kann gar nit genug lernen. Ich seh's an meinem Jungen.« Heinrich Korn holte zu dem großen Schlage aus, auf den er sich die ganze Zeit über vorbereitet. »Was er in jungen Jahren nit gelernt hat, muß er jetzt nachholen.«

»Ja, du mein,« fragte der Büttner, »ist er denn auf Schulen?«

»Ja, er ist auf Schulen,« antwortete der Hohlöfner mit so eindringlichem Ernste, daß er nur den Schmied nicht täuschte. Der lächelte vor sich hin. Das ärgerte Korn. »Brauchst nit zu lachen, Schmied. Es ist mir heiliger Ernst. -- Leute, worunter leiden wir denn alle miteinander? Darunter, sage ich, daß einer den anderen nit kennt. Wir die in der Stadt nit, die in der Stadt uns nit, der Hohe nit den Niederen, der Niedere nit den Hohen. Ist's so oder ist's nit so?«

Er sah sich fragend in der Runde um. Die Bauern nickten ihm zu.

»Dabei kommt nix weiter heraus, als daß einer den anderen schlecht macht. Der Städter tut, als wüchsen uns die fetten Schweine binnen Ja und Nein von selber zu, der Bauer, als brächte der Städter die Sonntagskluft überhaupt nit vom Leibe, der Arbeiter, als wüßte sein Herr nit, was Sorgen sind, der Herr, als habe der Arbeiter kein Herz nit im Leibe. -- Vater, hat mein Junge gesagt, -- es war letzte Himmelfahrt, ich weiß den Tag noch wie heute, denn so was vergißt man nit, -- Vater, ich muß einmal sehen, wie andere Leute zurechtkommen. Das ist kein Kunststück nit, dem Hohlöfner in Schönbach sein Einziger zu sein. Ich will mir das, was ich einmal erbe, verdienen. Ich habe den Jungen angesehen wie die Kuh das neue Tor. Bist du übergeschnappt? hab ich gefragt. Gar nit, spricht er. Was ich euch vorhin gesagt hab, das stammt nit von mir, Nachbarn. Das geht von meinem Jungen aus. Daß er immer ein Sinnierer war, das hab ich gewußt, aber das hab ich nit gewußt, daß er ~so~ weit dächte. Und ich konnt ihm nit unrecht geben, wie ihr mir nit unrecht gegeben habt. Lange genug habe ich mich dagegen gewehrt. Nun habe ich nachgegeben, weil dem Jungen sein ganzes Herz daran hing, und weil er recht hat. Da ist er in die Stadt gegangen. Zu Fuß, obwohl wir die Pferde im Stalle haben. Er hat's nit anders getan. Jetzt ist er in der Schule und in der richtigen. Er ist,« das ging dem Bauern schwer über die Zunge, »in der Grube.«

Widuwilds Vater paffte stärker und schmatzte dabei lauter als sonst. Die anderen sahen verlegen nach den Seiten. War die Uneinigkeit zwischen Vater und Sohn um des Marieles willen so groß? Der Einzige vom Hohlofenhofe in der Grube? Heinrich Korn lächelte die Nachbarn mit dem ehrlichsten Biedermannsgesicht an. Das Schwerste war überstanden.