Part 2
»Ja, wenn er will, dann ärgert ihn die Fliege an der Wand, weil sie rechts angetreten ist und nit links.«
»Er ist doch aber sonst so gut, er kann gar nit besser sein.«
»Stimmt. -- Was krieg ich dafür, wenn ich als der älteste Bursche nit da bin, wenn's zum Stechen kommt?«
»Ach, was willst du denn haben?«
»Das Mariele.«
»Das hast du doch schon.«
»So, dann beweis mir das.«
Er nahm sie fest in die Arme und küßte sie.
Und in seinen Armen das Mariele, bettelnd: »Gelt, Rudolf, du machst das schon?«
»Aber, Mariele, sei doch nit so kleingläubig, wenn ich weiter nix könnt, da wär ich nit weit her. Wird aber wohl gar nit nötig sein. Ich kenne den Vater.«
»Nun muß ich ins Haus. Die Mutter wartet.«
»Bin gleich fertig. Nachher kannst du gehn.«
Rudolf Korn wickelte sich des Mädchens lange Zöpfe um den Hals, hielt es fest: »Mariele, ich laß nit von dir! Gute Nacht.«
Sie küßten sich wieder, die Tür des Berteles-Häuschens schnappte ins Schloß. Rudolf Korn ging heim, und leise, leise rauschte der Maibaum.
Und nun war Sonntag, und es war Hammelschießen und Birkentanz! Das ganze Land bis tief in die Berge des Frankenwaldes hinein und in die grünen Wiesenmeere des Vogtlandes hinüber war eine einzige lichte Freude. Die Sonne schien, die Blumen blühten, die Vögel sangen. Von Schönbach aus zog sich ein breites Wiesengelände hinab ins Tal. Der rasche Bach teilte es in zwei fast gleich große Hälften. An seinen Ufern blühten die Vergißmeinnicht in großen blauen Nestern und hielten gute Nachbarschaft mit den gelben Dotterblumen. Weißes Schaumkraut tanzte die letzten Frühjahrsreigen. In den Erlen bauten die Zeisige, und in den Weiden schaukelten sich die Meisen. Forellen spielten im Sonnenlicht, huschten unter Steine in den Uferlöchern und schossen wieder hervor, wenn eine Mücke tanzmüde auf die Wellen fiel. Die Wasseramsel wippte auf ihrem Steine, und der Eisvogel schwirrte, ein blauleuchtender Edelstein, wasserauf und -ab.
Hier hatten die Schönbacher ihre besten Wiesen. Sie waren um ihres guten Grases willen weit über die Dorfflur hinaus bekannt, und die Nachbardörfer neideten den Schönbachern ihre »Bodenwiesen«. Auch der Hohlofenbauer hatte zwei größere Pläne im Boden. Mit deren einem war er dem Fritz Ender benachbart, und niemand brauchte nach dem Grenzstein zu gucken, um zu wissen, wo der Plan Korns begann und der des Ender aufhörte. Der Hohlofenbauer brauchte nicht mit künstlichem Dünger zu sparen, aber er tat darüber hinaus auch mehr an seiner Wiese, während Ender nicht nur sparen mußte, sondern auch mit der Arbeit nicht recht vorankam, beides weniger deswegen, weil er saumselig, als vielmehr, weil er innerlich unfroh war.
Bislang waren die Nachbarn gut miteinander ausgekommen. Nun stand eine Spannung zwischen ihnen, für die es nur einer Gelegenheit bedurfte, um zur Explosion zu werden. Hochauf ragte eine alte Erle, von der, weil sie auf der Grenze stand, jeder der beiden Bauern behauptete, daß sie sein wäre. Dabei ging es dem Hohlöfner um das Recht, dem Ender um den Stamm.
Aber wer dachte heute an Baum und Grenze? Heute, am jauchzenden Maiensonntag, der Hammelschießen und Birkentanz brachte!
Der Gottesdienst war vorüber, die Schönbacher waren so zahlreich wie immer in der Kirche gewesen. Und nun gab es Arbeit für die Burschen draußen auf der Straße, für die Mädel daheim im Hause. Wohl hatte das Dorf nur eine eigentliche Fahrstraße, aber sie teilte sich im unteren Drittel des Ortes, schickte einen Arm nach rechts hinüber in die Ecke, wo das Berteles-Häuschen mit etlichen anderen, die etwa ebenso groß waren, stand, und einen zweiten an der Häuserzeile hinauf, die gegen die Bücherfelder zu gebaut war. Oberhalb der Kirche vereinigten sich Straße und Dorfweg wieder. Da nun stellten die Burschen die Sägeböcke auf und legten Stangen von einem zum anderen, den Fuhrwerken zu bedeuten, daß die Hauptstraße gesperrt sei und der Verkehr den Dorfweg nehmen müsse. Ebenso hielten sie es im unteren Teile des Ortes.
Vor Albert Rösners Wirtshaus sollte auf der Straße der Hammel ausgekegelt werden. Kein Mensch aber sprach vom Kegeln, sondern alle redeten vom »Schießen«.
Aus den Höfen und von Christian Witters Zimmerplane her trugen die Burschen zu dritt und zu viert lange, starke Balken, legten sie aneinander, hüben und drüben der Straße, hoben auf die erste Balkenlage eine zweite, um das Überspringen der Kugeln zu verhindern, bauten oben drei Balkenlagen quer vor, unten deren zwei. So entstand ein Rechteck, das seine fünfzig Schritt lang sein mochte. Drei Schritte unterhalb der oberen Querbalken stand mitten auf der Straße der Kegel. Die Burschen probierten den halben Vormittag lang, ihn zu treffen. Andere gingen in die Häuser, Lose zu verkaufen.
In Eduard Langers Stalle aber stand der Hammel, ließ sich sein Futter schmecken, boxte dann und wann gegen die Scheidewand aus Bohlen, fragte im übrigen nicht danach, wem, als dem glücklichen Gewinner, er heute zufallen werde, hatte auch kein Verständnis dafür, daß seiner Girlanden und bunte Tücher warteten. Adolf Heger, der den Losverkauf im oberen Teil des Dorfes übernommen hatte, kam auf den Hohlofenhof und traf die Bäuerin allein. Die wußte, was er wollte, und wies ihn zu ihrem Manne, der im Garten war. Ja, da war Heinrich Korn, aber als er den Burschen kommen sah, tat er, als müsse er unbedingt etwas nachsehen und kroch in das Bienenhaus. Da getraute sich Adolf Heger nicht heran. Der Hohlöfner aber stand, und der Schalk saß ihm in den Augen.
»Willst du Lose nehmen?« fragte der Bursche von weitem.
»Freilich,« schallte es aus dem Bienenhause. »Komm her.«
»Da trau ich nit recht. Sie könnten stechen.«
»Was du nit sagst! Fürcht'st dich vor einem Bienenstich?«
»Sonst nit, aber heute. Ich möchte nit aussehen wie ein aufgelaufener Pfannkuchen.«
»Tät dir aber gut stehen. Hast nit viel auf den Rippen. Ich kann hier nit weg. Also komm schon her.«
»Nein.«
»Mußt du halt deine Lose behalten. Ich hätte dir für zwanzig Mark abgenommen.«
Das allerdings verpflichtete den Burschen. Für zwanzig Mark Lose! Er ging etliche Schritte näher, stand still und bettelte wie ein Kind. »Komm doch heraus.«
»Kann nit. Ich bin auch nit gewohnt, den Leuten das Geld auf die Straße zu tragen.«
Wieder ein paar Schritte. Da waren die Bienen da. Erst eine, die nichts Arges im Schilde führte. Adolf Heger schlug nach ihr. Nun waren auf einmal drei, vier, acht, zehn da, und sie gingen zum Angriff vor. Rechts und links, oben und unten. Da nahm der Bursche die Beine auf die Achsel, arbeitete mit den Armen, als hätte er Windmühlenflügel am Leibe, und stand erst still, als er sich jeden Augenblick in die Haustür retten konnte. Da hielt er an, sah sich um, und -- da kam lachend der Bauer daher.
»Bist ein Kerl, Adolf! Das muß ich sagen.«
Der Bursche aber war ärgerlich. »Hast's doch bloß gewollt, daß sie mich stechen.« Er wollte zum Tor hinausgehen.
»Komm her!« rief ihn der Bauer zurück. »Mußt du denn gleich so empfindlich sein? Da, fünfzig Lose, macht zwanzig Mark, und hier hast du eine Zigarre extra für den Schreck.«
Heger sah ihn fragend an. »Ist da auch kein Feuerwerk drin?«
Jetzt lachte der Hohlöfner schallend auf. »Ihr traut mir wohl nit über den Weg?«
»Das nit, aber -- -- --«
»Zünd an, es ist kein Feuerwerk drin. Und heute nachmittag will ich den Hammel gewinnen.«
»Ist das dein Ernst?«
»Mein heiliger. Soll euer Schade nit sein. Aber halt das Maul!«
Der Bursche zwinkerte schelmisch. »Weiß schon. Muß alles in der Ordnung zugehen. -- Guten Morgen.«
»Morgen.«
Der Hohlofenbauer ging in seinen Stall. Wohl lag noch immer eine harmlose Fröhlichkeit auf seinem Gesicht, aber hier war er der Bauer und der Herr, prüfte scharfen Auges jedes einzelne Stück Vieh, prüfte Raufen und Streu, rief die Kleinmagd, dem Kalb besseres Heu aufzustecken, und ging dann in die Stube.
Während des Essens, das die Herrenleute nur an den Sonntagen allein in der großen Stube einnahmen, indes sie an den Wochentagen inmitten des Gesindes in der Küche aßen, fiel kein Wort über das Fest. Heinrich Korn erkundigte sich bei dem Sohne, ob die Wässerung auf der Bodenwiese abgestellt sei, ob Kantor Ritters Kartoffeln gegrast seien und wie die Rüben auf dem großen Stück stünden.
Nur als sie fertig waren und Rudolf sich zum Gehen anschickte, die kurze Bemerkung: »Es wäre gar nit übel, wenn ich den Hammel gewinnen tät. Ich habe ihn gestern gesehen. Er ist ein statiöser Kerl.«
»Vielleicht hast du Glück, Vater,« kam die Antwort. »Nun will ich gehen. Macht's gut.«
»Du auch.«
Rudolf Korn ging die Straße hinab auf Albert Rösners Wirtshaus zu. Da versammelten sich Burschen und Mädel zum Umzuge. Wie schmuck die Mädel heute aussahen! Die einzige, die wieder ihr Kirmeskleid angezogen hatte, indes alle anderen neue Kleider trugen, war das Berteles-Mariele. Die konnte sich das leisten. Niemand verzog deshalb den Mund oder sah sie geringschätzig über die Achsel an. Wie des Mädchens ganze Gestalt in Licht getaucht war! Golden fluteten die blonden Zöpfe, die blauen Augen lachten, und das schmale Gesicht war rot überhaucht. Marie Berteles hatte sich einen Kranz aus Vergißmeinnicht auf den Scheitel gesetzt. So war sie des Festes Königin.
Auf den Stufen von Albert Rösners Wirtshaus standen die Musikanten und prüften ihre Instrumente. Sie waren alle da, die wackeren Bläser, die seit zwanzig Jahren die dörflichen Feste mitfeierten, und -- sie bliesen dieselben Weisen wie vor zwanzig Jahren.
Zwischen ihnen stand, auch seit Jahrzehnten eine gewohnte Gestalt, der Gänseaugust von Schmure. Kein Hammelschießen in Schönbach ohne den Gänseaugust. Er war schwachsinnig, aber doch nicht derart, daß er je um eine schlagfertige Antwort verlegen gewesen wäre. Derbe Scherze gewohnt, durfte er sich derbe Antworten erlauben, ohne daß ihm einer darum gezürnt hätte. Sein Amt war, in Schmure die Gänse zu hüten. Daneben war er der Helfer in allen Dingen, und sein besonderer Stolz war die speckige Militärmütze, die ihm irgendwie aus einer Erbschaft zugestorben war. August ging barfuß, einerlei, ob er seine schnatternde Herde auf den Gänseanger trieb oder beim Hammelschießen im Umzug marschierte. Meist lächelnd, machte er doch bei feierlichen Gelegenheiten auch ein feierliches Gesicht. Dann gingen seine wasserblauen Augen hilflos von einem zum andern. Heute nun wußte er, daß er neben dem Hammel die Hauptperson war. Krampfhaft umklammerte er den bändergeschmückten Kegel, den er im Zuge, unmittelbar hinter dem Gehörnten, zu tragen hatte.
Auch die preußische Friederike war da. Sie war die Zuckerfrau, ohne die ein Fest so wenig zu denken war, wie ein Hammelschießen ohne den Gänseaugust. Grauhaarig, mit zerknittertem Gesicht, stand sie hinter ihren Auslagen und stemmte die Arme in die Seiten. Noch ruhte das Geschäft. Der Hochbetrieb begann erst am Abend, wenn die Burschen ihren Mädeln Zuckertüten und Schokoladetafeln kauften. Sie war eine wackere Frau, die alte Häuslerin aus dem Nachbardorfe. Eine einzige Tochter hatte sie gehabt, und die war an einen Lüderjahn verheiratet gewesen. Nun war sie gestorben, und die Großmutter sorgte für die drei Kinder, deren Vater sich in der Welt herumtrieb.
So standen sie denn alle vor dem Wirtshause. Die Hauptsache fehlte noch, der Hammel.
Da knarrte jenseits des Dorfteiches das Tor von Eduard Langers Hofe, die Musik blies einen Tusch, Gänseaugust präsentierte den Kegel, die Burschen brachten den Hammel. Hei, was war er für ein Kerl! Beinahe so breit wie lang, schritt er stolz auf seinen zierlichen Beinen einher, blickte mit blitzenden Augen hinüber und herüber, warf den Kopf zurück und wollte anfangen zu galoppieren. Die Burschen aber hielten fest.
Marie Berteles und Lina Franke knüpften bunte Tücher in die Haltekette des Tieres und breiteten sie auf dem Rücken aus. Adolf Heger, der eigentliche Führer des Hammels, wickelte sich den Leitstrick fest um die Hand; die Mädchen, das Tier nur scheinbar führend, ergriffen die Enden der langen, bunten Seidenbänder, die an den Hörnern befestigt waren. Gikgak, der Gänseaugust, pflanzte sich vor dem Hammel auf, die Musik setzte sich an die Spitze, und: Hm ta ta und schnetterengteng, ging's los im fröhlichen Zuge, hinab durch das Dorf, durch alle Gassen, die Seitenstraße hinauf, am Hause Richard Matters, den sie den Kickeriki nannten, vorüber, im Bogen um die breitästige Friedenseiche, zurück vor das Wirtshaus. Und vor allen Türen standen behaglich lächelnde Menschen. Greise und Greisinnen hatten sich Stühle an die Straße stellen lassen, lächelten mit eingefallenen Lippen, nickten Enkel oder Enkelin, die im Zuge schritten, freundlich zu und gedachten der Zeit, da sie selber mitmarschiert waren und juhu geschrien hatten. Kantor Ritter stand mit dem zweiten Lehrer im Schulgarten, rauchte seine halblange Pfeife und sagte zu dem jüngeren Kollegen: »Schade.«
»Was ist schade?« fragte Lehrer Siebert.
»Schade, daß das Mädel ausgerechnet aus einem der ärmsten Häuser stammen muß.«
»Sie meinen Fräulein Berteles?«
»Ach was, Fräulein! Auf dem Dorfe gibt's keine Fräuleins. Das Mariele mein ich.«
Da gingen dem »kleinen Lehrer« die Lippen über. Er verriet, was er sich selber nur in der stillen Kammer gestand. Die allein wußte um eine schmerzvolle Liebe, hinter der die ganz große Stille drohend aufragte. Erhielt eine schwärmerische Lobrede. Edle Gestalt, verkörperte Schönheit, die ihre eigenen Gesetze habe, goldenes Gemüt, ungemünzter Reichtum, bis ihm Kantor Ritter, halb lächelnd, halb ernst, die Hand auf den Arm legte: »Langsam, Herr Kollege. Es stimmt Wort für Wort, was Sie sagen, aber gehen Sie mal den Gedanken lieber nicht weiter nach. Es könnte gefährlich werden. Das Mariele paßt nur aufs Dorf, paßt nur nach Schönbach und paßt zu dem, der sie sich ausgesucht.« Er seufzte leise. »Aber leicht wird es nicht werden, ein solcher Prachtmensch der Alte auch sonst ist.«
»Sie meinen -- -- --«
»Gar nix meine ich. Abwarten. Aber das weiß ich: Wenn's so weit ist, bauen wir ihnen eine doppelte Ehrenpforte. Und nun scheren Sie sich mal unter das Jungvolk, zu dem Sie gehören. Wir müssen mitmachen, aber Sie sollen sich nicht gemein machen. Ja nicht etwa nachts um zwölf Brüderschaft trinken. Ich bin fünfunddreißig Jahre hier, die meisten Männer sind mir gut Freund, und ich achte sie alle, aber -- -- -- Viel Vergnügen, Herr Kollege!« Er sah dem Davongehenden traurig nach. Armer Mensch! Hast ein bös Erbteil von deinen Eltern und nun auch noch die Herzensnot!
Eben ging draußen der Hohlöfner vorüber, sich in den Hüften wiegend, den dichten Schnurrbart hoch gewirbelt, der ganze Mann verkörperte Kraft und Freude.
»Tag, Korn,« grüßte Kantor Ritter. »Auch mitschießen?«
»Wär doch das erstemal, daß ich nit dabei wäre. Ich will sogar den Hammel gewinnen.«
»Kann ich mir denken. Nehmen Sie doch mal den jungen Kollegen mit.«
»Gern.«
Die beiden gingen das Dorf hinab, und der Hohlöfner unterrichtete unterwegs den jungen Lehrer, wie er die Kugel werfen müsse. Die Kugel fest in der Hand halten, das Gelenk drehen, acht Schritte zurückgehen, drei vorspringen, im Bogen werfen. Im Bogen müssen die Kugeln kommen.
Und lustig neckend: »Wer den Hammel gewinnt, hat drei Tänze mit dem Berteles-Mariele. Wäre das nix?«
»Ja, das wäre schon etwas.«
»Gelt? Ja, das Mariele! Aber die lassen wir nit aus dem Dorfe.«
»Das kommt doch schließlich auf sie selber an.«
»Freilich. Also bleiben Sie da.«
»Ich? -- Ich denke -- -- --«
»Was denn? Sie werden sich doch nit vor einem andern fürchten?«
»Sehe ich denn gar so furchtsam aus?«
»Das nit, aber -- -- --« Und ernster: »Sie kennen doch dem Mariele seine Mutter?«
»Ich frage nicht nach dem, was das Mädchen hat.«
»Ist recht, das gefällt mir. -- So, da sind wir. -- Tag, Gikgak!«
Gänseaugust, den Hohlöfner erkennend, belferte: »Selber Gikgak! Ich nit!«
Heinrich Korn lachte. »August, ich will den Hammel gewinnen!«
»Du? Möchte mancher gern. Auf mich kommt's an!« Und der harmlose Mensch warf sich in die Brust. Ununterbrochen aber kamen die Kugeln die Straße heraufgeflogen. Es war kein Kollern, es war ein Werfen. Manch einer der kräftigen Burschen schleuderte die Kugel, daß sie fast den ganzen etwa fünfzig Schritt langen Raum durchflog und erst kurz vor dem Kegel zu rollen begann. Die Entfernung aber war so groß, das Ziel so klein, daß unter dreißig Würfen kaum ein einziger den Kegel traf. Die Kugeln knallten hüben und drüben an die Balken, donnerten gegen die Querlage, trudelten zurück.
Gänseaugust hüpfte wie ein Böckchen, sprang hoch und ließ die Kugel unter seinen bloßen Füßen durchrollen, sprang rechts, sauste links, setzte hinaus über die Balken, wenn die Sache allzu gefährlich ward, hatte seine Militärmütze auf eines der Balkenenden gelegt und fand dazwischen Zeit, einem vorlauten Jungen, der ihn mit »Gikgak!« neckte, den Hut vom Kopfe zu schlagen.
Und alles war wie immer, und alles gehörte zum Festprogramm. Seit zwanzig Jahren schrie die Schuljugend ihr »Gikgak«, schlug August den Jungen die Hüte vom Kopfe, hüpfte er wie ein gewandter Seiltänzer zwischen den sausenden Kugeln hin und her, übte er strenge Polizei, denn die Sache war zuweilen nicht ganz ungefährlich. Über dem Tale drüben, in Goßberg, das auf der Höhe lag, war erst im vorigen Jahre die Kugel einem Jungen an den Kopf geflogen, daß der wie ein Stück Holz hinschlug, und sie ihn für tot vom Platze trugen. Der Schädel war glücklicherweise dick genug gewesen, es war in der Hauptsache bei dem Schreck geblieben, aber der schon war groß genug gewesen.
Nun mischte sich der Hohlöfner unter die Männer. Die machten beim Hammelschießen Kompaniegeschäfte, wie es denn uraltes Herkommen war, daß jede der dörflichen Gesellschaften gemeinsam vorging, die Männer-Gesellschaft, die erste und zweite Burschen-Gesellschaft. Die Mädchen schieden heute aus.
Schmied Anders war der Wortführer der Männer-Gesellschaft und ihr bester Kämpe im munteren Spiel. Er warf die Kugeln für die meisten, hatte am warmen Maientage Jacke und Weste abgelegt, und das Hemd stand weit offen über der dichtbehaarten Brust. Wie ein Bär sah der Mann aus, aber er war gutmütig und hätte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun können. Sie alle grüßten den Hohlöfner nachbarlich, und einzig der gallige Fritz Ender hielt sich zurück. Heinrich Korn zahlte seinen Beitrag zu dem gemeinsamen Loserwerb, plauderte kurz da und dort, pflanzte sich mitten auf der Straße auf und beobachtete die Würfe.
»Willst nit mitmachen?« fragte ihn der Schmied.
»Gleich,« antwortete der Hohlöfner, wartete noch ein Weilchen, beobachtete und wußte dann Bescheid. Etwa zwanzig Schritte von unten herauf war ein Buckel in der Straße, die sich, täglich stark befahren, von Jahr zu Jahr veränderte. An den Buckel prallten viele Kugeln an und wurden dadurch von ihrer Richtung abgelenkt. Der also war zu vermeiden.
Die Spieler wurden eifrig. Hüben und drüben standen Frauen und Mädchen, lobten oder lachten. Auch die Berteles-Mutter war da. Minna Korn hatte sie begrüßt, sich aber dann, um den Leuten nicht Gelegenheit zum Reden zu geben, unter die anderen Bäuerinnen gemischt. Die Musikanten bliesen, die Sonne schien, der Maibaum rauschte, die Kugeln knallten, Gikgak hüpfte, und die Kinder jubelten. Der Hammel aber, um den der Kampf ging, war auf dem Dorfplan angepflockt, hatte sich faul in den Schatten der Linde gelegt und kaute wieder.
Heinrich Korn war nun im Bilde, legte die Jacke ab, langte sich eine Kugel nach der anderen, bis er die herausgefunden hatte, die ihm in Gewicht und Größe am passendsten war.
Hopp, Gikgak machte einen Luftsprung, die Kugel knallte gegen das obere Gebälk. Noch immer lächelnd, hatte der Hohlöfner doch jetzt ein ander Gesicht. Jede Muskel gespannt, der ganze Mann gestrafft, die Augen blitzend. Die vierte Kugel saß, die fünfte, die sechste. Korn lächelte stärker, er wußte, was er wußte, trat zurück, wartend, bis er wieder aufgerufen wurde, schlenderte durch die Reihen, traf auf das Berteles-Mariele, zupfte es an den langen Zöpfen, nickte ihm schelmisch zu, hob bedeutsam den Zeigefinger und schlängelte sich weiter, bis er neben seiner rundlichen Ehehälfte stand. Da blieb er stehen, bis sein Name wieder gerufen ward.
Langsam trödelte der Nachmittag hin. Von den etwa tausend Losen waren die meisten ausgespielt, die Konkurrenz ward schärfer. Es traten nur die Stecher in Wettbewerb, das heißt die Lose, auf die ein Treffer gefallen war. Nach einer weiteren Stunde ging es auf die Entscheidung zu.
Rudolf Korn, der als Schriftführer den ganzen Nachmittag lang gewissenhaft notiert hatte, war mit einem Male von seinem Platze verschwunden. Die Frauen waren daheim gewesen, hatten das Vieh gefüttert und waren zurückgekommen, die Entscheidung nicht zu versäumen.
Das Berteles-Mariele stand auf der Wirtshaustreppe. Der Vergißmeinnichtkranz war verwelkt, ihre Augen blickten gespannt, das Gesicht war stärker gerötet und, selber nicht wissend, was sie tat, zog sie einen der langen Zöpfe nach dem anderen heran und wickelte ihn sich um das Handgelenk. So stand sie da, ein liebes Bild, ihrer selbst vergessend, und nur den Wunsch im Herzen: Wenn doch der Hohlöfner gewinnen wollte!
Immer schärfer ward der Kampf. Ringsum hastig atmende Menschen, vor der Querlage vier Männer, ihre Geschicklichkeit messend, keiner mehr ein Lächeln auf den Lippen, aber nur Heinrich Korn verkörperte ruhige Sicherheit. Gänseaugust hüpfte höher, die Wucht der Kugeln ward größer.
Schmied Anders strich über die sehnigen, dicht behaarten Arme: »Heinrich, gilt das noch für die Männer-Gesellschaft?«
»Nein, das gilt für mich selber. Die Männer haben noch vier Stecher, ich noch sechs für mich.«
Jetzt war der Goßberger Hannickel, der die dortige Burschen-Gesellschaft vertrat, ausgeschieden, jetzt warf der Limmert aus Hirschau die letzte Kugel und fehlte. Nun blieben nur noch die beiden Schönbacher, Schmied Anders und der Hohlöfner, übrig.
Anders lachte Heinrich Korn zu: »Wir sind die letzten.« Und der Bauer nickte.
Der Schmied war am Wurfe, sprang zurück, schnellte vor, die Kugel sauste durch die Luft, knallte auf die Straße, hüpfte und -- hüpfte vorbei.
Heinrich Korn war daran. Marie Berteles umwickelte die Kugel, die der Bauer in der Hand hielt, heimlich mit guten Wünschen. Ruhig ging der Hohlöfner seine acht Schritte zurück, wog die Kugel spielend, sprang einen einzigen weiten Satz, der Oberleib bog sich zurück, schnellte vor, die Kugel wirbelte in der Luft, fiel etliche Schritte seitlich des Kegels nieder, bog nach links, traf, der Kegel fiel. Hundertstimmiges »Juhu!« und immer wieder »Juhu!«, wirbelnde Arme, bewundernde Rufe. Gänseaugust schnellte in die Höhe, schlug dreimal Rad, raffte den Kegel auf, langte nach der Militärmütze, sprang die Straße hinab, trat, den Kegel präsentierend, vor den Sieger und erteilte ihm das höchste Lob, über das er verfügte: »Du ein Donnerwetter-Hund!«
Geschäftig aber wühlten Mädchenfinger in dem zur Seite der Wirtshaustreppe stehenden langen Pappkasten, holten die bunten seidenen Tücher, die vorhin den Hammel geziert, und den hohen künstlichen Strauß heraus, den Hohlöfner zu schmücken. Schmied Anders nahm ihm den Hut vom Kopfe, Lina Franke steckte den Strauß darauf, Marie Berteles befestigte, auf der unteren Stufe der Wirtshaustreppe stehend, dem Bauer die beiden bunten Tücher, die des Siegers Schmuck zu bilden bestimmt waren, auf der linken Schulter, so daß sie über den Rücken herabfielen. Sie war fertig, ein lautes »Juhu!«, aufstürmend aus der Menge, verfing sich im Geäst des Maibaumes, Adolf Heger brachte den aufs neue bekränzten Hammel, die Musik blies einen schmetternden Marsch. Ernsthaft, sich leicht verneigend, bot der Hohlöfner dem Mariele den rechten, Lina Franke den linken Arm, und der Zug ging in den Tanzsaal.
Unter der Tür stand Rudolf Korn, begrüßte den Vater im Namen der festgebenden Schönbacher Burschen-Gesellschaft, beglückwünschte ihn und führte ihn und das Mariele in die Mitte des Saales, die Ehrenrunden zu tanzen. Nicht ein Wort, nicht eine Handlung machte den Eindruck eines Fastnachtsspiels. Uralter Volksbrauch ward in derselben Weise geübt, in der er schon den Ahnen lieb gewesen war, und es lag eine gewisse Feierlichkeit über der festfröhlichen Menge.
Die Reihenfolge der Tänze, wie die der Paare, war festgelegt. Der Sieger tanzte mit der ersten Ehrenjungfrau, als welche in diesem Jahre das Mariele bestimmt worden war, drei Tänze, einen Walzer, einen Rheinländer, einen Galopp, und so sehr die Umstehenden während des Tanzes jauchzten, Heinrich Korn verzog keine Miene. Er hielt das Mariele fest, hatte die Hand unter ihre langen Zöpfe geschoben, chassierte, drehte sich, und alles ruhig und würdig. Erst als die letzte Runde beendet war und er seine Tänzerin, dem Herkommen gemäß, dem ältesten Burschen -- in diesem Falle seinem Sohne -- zur Ehrenrunde übergab, atmete er freier auf, lachte behaglich, zupfte das Mariele rasch an den Zöpfen und sprach schmunzelnd:
»So, kleine Bertelessin. Was habe ich gesagt?«
»Hast Wort gehalten, Bauer,« entgegnete das Mädchen. »Ich bin stolz darauf.«
»Dann stimmt's. Ich auch. Und nun will ich keinen Hammel wieder gewinnen.«