Chapter 19 of 19 · 3288 words · ~16 min read

Part 19

»Ich weiß schon. Hat halt seine Raupen im Kopfe. Aber ich muß sagen, ohne die Raupen wäre er nit der Hohlöfner.«

Dunnerlichting, es ist recht nett, wenn man hört, was andere Leute von einem denken.

»Aber ich weiß wirklich nit, wie wir das Geld zusammenbringen sollen,« sagt das Mariele.

»Das weiß ich auch nit, aber vielleicht wird derweile noch einmal Weihnachten.«

Ja, droben liegt's. Wenn ich's nur wiederholen könnte! Der Hohlöfner.

»Mariele, hast mich gern?«

Dunnerlichting, so eine dumme Fragerei! Das ist nun schon wenigstens das zehntemal, daß er fragt. Liebesleute sind ein zu dummes Volk! Die Kellerstufen sind mordskalt, die Bertelessin aber schläft wie ein Murmeltier. Sie soll sich doch nicht stellen, als hätte sie nichts gehört. Das hätte ja ein Toter vernommen, aber die Weiber! Wenn sie kuppeln können, bringen sie es auch fertig -- zu schlafen.

»Hast mich lieb, Mariele?«

Sackerlot, jetzt wird's zu bunt, und jetzt -- purzelt, plauz, pardauz, dem Hohlöfner ein Stiefel aus der Hand.

»Was war das?« fragt das Mariele erschrocken.

»Hab nix gehört.«

»Doch, es hat auf der Kellertreppe gepumpert.«

»Wird die Katze gewesen sein.«

»Rudolf, tu mir die Liebe und sieh nach. Ich fürchte mich.«

Jetzt geht die Uhr richtig. Husch, ist der Hohlöfner die Treppe hinab. Dabei stößt er an seinen Stiefel und rafft den empor. Droben flammt ein Streichholz auf.

»Da siehst du, daß nix da ist.«

Sie gehn und -- riegeln die Kellertür ab.

Dunnerlichting! Nun ist alles in Ordnung, alles! Jetzt hört der Spaß auf, jetzt wird's dumm und ärgerlich.

Ach nein, es wird gleich wieder lustig. Vater Berteles hat sich einen luftigen Keller mit weiten Fenstern gebaut. Da steht ein Waschfaß. Das ist rasch umgedreht, das Fenster aufgemacht, es geht nach der Bodenwiese zu, draußen ist der Hohlöfner.

Er klopft und streicht leicht am Anzuge, husch, die Stiefel an, links am Hause hin, da ist er auf dem Fahrwege. Wer will behaupten, daß er nicht eben vom Felde kommt?

Aber er kommt leise und vorsichtig. An der Tür des Berteles-Häuschens sind sie eben bei dem letzten -- -- -- Nun, das kennt man. Vielleicht sollte es auch erst der drittletzte Kuß sein. Jedenfalls stehn sie zwischen Tür und Angel.

»Nanu,« sagt auf einmal eine barsche, laute Stimme. »Was soll denn das heißen?«

»Der Vater!« schreit das Mariele auf.

»Freilich, der Vater!« Der Hohlöfner spricht es noch grimmiger und grollender. »Komm dir wohl ungelegen? Sind ja nette Geschichten, die du da treibst. -- Da war doch eben ein Kerl bei dir?«

Rudolf ist hinter die Tür getreten.

Das Mariele kichert leise. »Hab keinen gesehn, wirst dich verguckt haben.«

Und nun der Bauer ganz laut: »Willst du mich dumm machen? Das sage ich dir: Zwischen uns beiden ist's aus. Morgen schreibe ich's dem Rudolf.«

»Aber, der weiß das doch schon,« kichert das Mädchen.

»Sooo?«

»Nit so laut,« bittet das Mariele, »daß es die Mutter nit hört.«

Der Bauer kann sich zwar das Lachen kaum noch verkneifen, aber er stellt sich nach wie vor entrüstet und barsch.

»Die Mutter soll's nit wissen? Heimlichkeiten sind Schlechtigkeiten.«

»Ja, ich bin grundschlecht.« Wieder kichert das Mädchen, langt durch die Tür. »Jetzt wird's Zeit, Rudolf.«

Heinrich Korn prallt scheinbar zurück, denn da steht sein Sohn und lacht über das ganze Gesicht.

»Wo kommst du denn her, Vater?«

»Das will ich ~dich~ fragen. Ich -- komme vom Felde.«

»So spät noch? -- Und ich komme daher, wo ich jetzt am längsten gewesen bin.«

»Ja, Dunnerlichting, warum kommst du denn da nit heim?«

»Weil ich nit viel Zeit habe. Bloß eine reichliche Stunde für das Mariele.«

»Hast du denn das schon oft so gemacht?«

»Oft?« Rudolf lacht wieder. »Wird wohl das zehntemal sein.«

»Glaub's nit.« Das Mariele steht dicht vor dem Bauern. »Es ist das erstemal.«

»Das mach einem weis, der dümmer ist als ich. -- Jetzt scher dich ins Bett, Mädel, wohin du um die Zeit längst gehörst. Und du, leichtfertiger Bruder, kommst mit heim zur Mutter.«

»Geh derweil voraus, Vater, ich komme gleich nach.«

Der Hohlöfner stapft langsam davon, streicht sich den Schnurrbart und kann sich nicht erinnern, jemals im Leben solch einen Spaß gehabt zu haben.

Es dauert ein Weilchen, ehe Rudolf kommt; denn er muß noch etliche Male fragen, ob ihn das Mariele gern habe, und von dem andern, das man kennt, kriegt er auch nit satt.

Schließlich aber ist er da und schiebt das Rad neben sich her. »Ist die Mutter gesund? -- Ja? -- Du bist's auch. Dann weiß ich genug. Auf den Hof kann ich nit erst kommen, ich muß morgen früh um sechs wieder an der Arbeit sein und habe drei Stunden zu fahren. Daß du aber nix Schlechtes denkst, Vater. Ich bin heute wirklich zum erstenmal dagewesen.«

»Wer das glaubt!«

»Kannst's schon glauben. Und -- kann's nit bald einmal wieder Weihnachten werden?«

»Ja, in sieben Monaten, wenn's geschneit hat.«

So polterig es klingt, Rudolf weiß, daß der Vater dabei lächelt.

Er drückt ihm die Hand. »Grüß die Mutter.«

Husch ist er davon, der Bauer aber geht heim.

Als er in sein Bett kriecht, lacht er laut auf.

»Bist du denn übergeschnappt?« fragt seine Frau.

»Noch nit ganz. -- Der Rudolf läßt dich schön grüßen.«

»Der Rudolf? Was denn? War denn der da?«

»Pst,« wieder lacht der Bauer hell auf. »Unter neun Tagen wird nix ausgeredet.«

»Aber Vater!« Die Frau rüttelt und schüttelt ihn, aber der Hohlöfner sägt einen ganz dicken Ast und lacht dabei.

Unter neun Tagen! Ach, am andern Tage schon wusch ihm sein Weib den Wuschelkopf. Er war auf dem Felde, da kam das Mariele todverlegen und drückte der Bäuerin ein Sparkassenbuch in die Hand. Glühenden Gesichtes beichtete sie, und Mutteraugen forschten dabei in dem lieben Mädchengesicht. Die kluge Frau war beruhigt. Das Mariele war so lauter wie immer, und von wem das Sparkassenbuch stammte, das brauchte man nicht zu fragen. Aber -- unter des Mädels Kopfkissen!?

»Es ist nit zu glauben!« stellte die Bäuerin fest.

Jeder Erklärungsversuch war müßig. Die beiden tasteten dahin und dorthin, aber es blieben Lücken, über die kein Steg führte.

»Geh heim, Mariele,« riet Minna Korn. »Das Buch ist dein. Das laß dir genug sein. Das andere ist ~meine~ Sache.«

O, es war ihre Sache, das spürte der Hohlöfner, der kurz hernach vom Felde kam, und dem der Schelm aus allen Knopflöchern guckte.

Behaglich setzte er sich hinter den Tisch. »Bring das Essen, Mutter.«

»Noch nit,« erklärte die Bäuerin kurz und entschlossen, »erst haben wir zwei noch was zu bereden.«

»Was denn, Mutter? Du tust ja so desperat.«

»Verstell dich nit, du scheinheiliger Dingerts. So was hat ja noch gar kein Mensch erlebt!«

»Was willst du denn eigentlich?« Und des Bauern Augen waren Krater, aus denen die Freudenfunken sprühten.

»Red! Wie hast du das Buch unter dem Mariele sein Kopfkissen gebracht?«

»Buch? Kopfkissen? Tja, Mutter -- -- --«

»Vater!« Sie stand, ganz verkörperte Entrüstung, vor ihm. »Das geht über den Spaß!«

»Wenn ich nur wüßte, was?«

Da hatte die Bäuerin Zornestränen in den Augen.

»Schämst du dich denn gar nit?«

Der Bauer stand auf und wollte die Frau begütigend in den Arm nehmen.

»Laß die Faxen. Du in dem Mariele seiner Kammer!«

»Och, da war's noch ganz hübsch, aber im Keller war's nachher verdammt kalt.«

»Im Keller? Mann, das ist ja rein zum Aus-der-Haut-Fahren mit dir. Im Keller?!«

Die Tränen waren vertrocknet. Minna Korn ahnte, daß die Lage ganz heillos komisch gewesen sein mußte, sah an ihres Mannes Gesicht, daß er jauchzend noch mit beiden Beinen darin stand, daß es ihm unendlich viel Vergnügen bereitet hatte, und lächelte halb versöhnt.

»So erzähl doch wenigstens, Mann.«

Nun duldete sie es, daß er sie in die Arme nahm. »Jetzt nit, Mutter. Ich habe Hunger, und nachher muß ich wieder aufs Feld. Mußt schon bis heute abend warten. Derweile rat nur selber weiter.«

»Ich denke nit daran. Aber wie oft willst du denn noch solche Dummheiten machen?«

»Das war die letzte, weil's die schönste war.«

Es klang beinahe ein bißchen wehmütig.

Und dann war der Abend da. Die Hohlofenleute lagen im Bette. Heinrich Korn hatte das Licht brennen lassen und erzählte. Seine Frau rief einmal über das andere: »Es ist nit zu glauben!« lachte dazwischen hinein wiederholt laut: »Vater, hör auf!« und war zuletzt halb fröhlich, halb wehmütig. »Vater, ist es nit eigentlich traurig, daß das notwendig war?«

Da legte ihr der Bauer den Arm um die Schulter und zog sie fest an seine breite Brust. »Still, Mutter! Ich bin selber halb so und halb so dabei gewesen, aber schön war's doch. Wie sie zusammenfuhren! Und wie ich durch das Kellerfenster kroch! Jesses, Jesses! -- Schlaf jetzt, Mutter. Nach der Heuernte ist Hochzeit. Dann -- braucht der Hohlöfner keine Dummheiten mehr zu machen, dann wird er ein gesetzter Mann.«

»Alles glaub ich, Vater, aber das nit. -- Gute Nacht!«

Und andern Tages war es so ganz, ganz anders. Lehrer Siebert schickte seine alte Aufwärterin und ließ den Hohlöfner zu sich bitten. Es ging aufs Ende mit ihm. Nun wollte er, was er bislang aufgeschoben, in Ordnung bringen.

Der Bauer wußte durch Philipp Engel, um was es sich handelte. Er saß am Bette und nickte zu den Ausführungen des Kranken. Als der zu Ende war, sprach Korn: »Wenn's denn sein muß, dann helfen Sie mir es auch ~ganz~ zu Ende bringen. Meinen Sie, daß es Ihnen der Herrgott übelnimmt?« Und er entwickelte ihm seinerseits einen Plan.

Lehrer Siebert lächelte: »Das nimmt er mir nicht übel. Wie sollte er denn? Aber Sie müssen rasch machen.«

Am Nachmittage war der Notar aus dem Städtchen da.

Lehrer Siebert machte Marie Berteles zur alleinigen Erbin seines bescheidenen Vermögens. Die Summe betrug ausgerechnet so viel, daß, mit dem zusammen, was das Mariele und Rudolf bereits besaßen, die geforderten fünftausend Taler um zweihundert Mark überschritten waren.

Beim Fortgehen drückte der Bauer dem Kranken die Hand und hielt sie fest. »Ich nehm's für ein Darlehn, und sobald alles in Ordnung ist, gebe ich's der Schule. Dann kann dafür angeschafft werden, was Kantor Ritter gern haben will. -- Gott helfe Ihnen, und: Schönen Dank für alles!«

Draußen war er, weil ihm die Stimme brach. Als er die Abmachung seiner Frau erzählt hatte, lief die ins Berteles-Häusel, nahm das Mariele in beide Arme und küßte sie.

»Mariele, komm, der Lehrer stirbt. Wir wollen ihn noch einmal besuchen.«

Sie pflückten zusammen einen großen Fliederstrauß und gingen in die Krankenstube. Der Maienmond schien. Lehrer Siebert war schmerzfrei und fröhlich. Der Besuch war ihm der schönste Ausklang seines Lebens.

»Schwester,« sagte er, Marie Berteles lächelnd in die Augen sehend, »Schwester -- ich darf's doch sagen?«

Das Mariele nickte. Zu sprechen vermochte sie nicht.

»Schlägt die Wachtel wieder?«

»Ja, gestern abend habe ich sie gehört,« kam es tränenerstickt aus des Mädchens Munde.

»Wenn Sie morgen hinausgehen an den Rain, dann denken Sie daran, daß ich sage: Behüt dich Gott.«

In demselben Augenblicke klang Philipp Engels Geige. Er stand unter der Dorflinde und spielte in die Nacht hinaus.

»Philipp ist da!« jubelte der Kranke. »Jetzt ist alles, alles gut!«

Die Frauen gingen.

In der Nacht starb Lehrer Siebert in des Freundes Armen. -- --

Rudolf Korn hatte gekündigt. In vierzehn Tagen war seine Zeit um. Dann ging er heim und heiratete das Mariele, einerlei, ob die fünftausend Taler beisammen waren oder nicht.

Der alte Herr Schmidt begegnete ihm, als Rudolf aus der Schreibstube trat.

»Nun, Korn? Was haben Sie denn da drin zu tun gehabt?«

»Ich habe gekündigt.«

»Ihre Zeit ist um? -- Kommen Sie noch einen Augenblick her.«

Es war still in dem bescheidenen Arbeitsraum des reichen Mannes.

»Setzen Sie sich, Korn,« nötigte er.

Und dann: »Sie gehen wieder heim in Ihren Kreis, aus dem Sie eigentlich nie fortgegangen sind. Ich wünsche Ihnen, daß Sie wenigstens in Ihrem Dorfe erreichen, was Sie erreichen möchten. Sie glauben, die Stadt zu kennen, und kennen Sie wohl auch bis zu einem gewissen Grade. Nun aber lassen Sie sich nicht verleiten, beide auf die gleiche Ebene bringen zu wollen. Das geht nicht. Ebenso falsch aber wäre es, eines über das andere zu stellen. Sie sind verschieden und werden und müssen verschieden bleiben. Wir haben nie ein Wort gesprochen über die Gegensätze, die absichtlich, zu eigennützigen Zwecken, hineingetragen werden. Sie sind aber da, und wir müssen mit ihnen rechnen. Was Sie wollen, Bauer und Arbeiter als Menschen einander näherbringen, ist so vernünftig, daß es -- bekämpft werden wird. Ich würde Sie bedauern, wenn Sie darin Ihres Lebens Hauptaufgabe sehen würden, aber ich freue mich, wenn Sie sie neben Ihrem Beruf, Brot zu schaffen, zu erfüllen versuchen. -- Leben Sie wohl, Korn.«

Das waren Worte, die Rudolf Korn viel zu schaffen machten.

Am letzten Sonntag -- den Sonnabend darauf wollte Rudolf heimfahren -- führte ihn Grete Frieders in ein Kirchenkonzert, das in der größten Kirche der Stadt gegeben wurde. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Kinderstimmen sangen wie Engelschöre, die Orgel jubelte und brauste, und über die Stadt ging ein schweres Gewitter mit laut hallenden Donnerschlägen nieder.

Die Menschen aber schienen der Erde entrückt. Sie hatten Jenseitsgesichter, die Leute der Stadt, von denen auch Rudolf einst geglaubt hatte, sie hätten nur Sinn für Tand und Spiel. Viele, viele hielten den Kopf tief gesenkt und waren ganz in sich hineingekrochen.

Musik und Kirchenhalle, Kinderstimmen und Donnergrollen, Altarkerzen und still versunkene Menschen, das gab einen Zusammenklang, der Rudolf Korn erschütterte und ihm die tiefste Offenbarung der Stadt bedeutete.

Als sie das Gotteshaus verließen, nahm er Grete Frieders Hand. »Ich danke Ihnen. -- Damit will ich heimgehen.«

* * * * *

Auch über Schönbach ging das Gewitter nieder, und in allen Häusern verschränkten sich die Hände der Frauen: »Lieber Gott, laß es nit wieder hageln!«

Es hagelte nicht, aber die Wasser stürzten muldenweise vom Himmel. Der Bach ward binnen Ja und Nein zum Unhold.

Und den Ender traf das Unglück am schwersten. Das Wasser riß ihm den Schuppen weg und führte Sämaschine, Pflug und Wagen davon. Zertrümmert lag das eine am Berteles-Garten, das andere auf den Bodenwiesen.

Verstört, von innerem Frost geschüttelt, stand der Mann auf seinem Hofe und blickte den Trümmern nach.

Eine Weile später kam der Hohlöfner des Weges, um sich das Unheil anzusehen. Kopfschüttelnd stand er da. »Herrgott, das ist zu viel! Da muß man zugreifen.«

Als er eben in das Haus treten wollte, sah er Ender durch die Bodenwiesen auf den Wald zu laufen. Mitten durch die Wiesen ging der Mann mit herrischen Schritten, und es war, als flöge ein unheimlicher Geist über ihm.

Es gab dem Hohlofenbauern einen Ruck. Mit langen Sätzen lief er den gleichen Weg. Warum? Er wußte es nicht, aber er mußte.

»Ender,« schrie er. Der Mann schritt weiter, herrisch und ungestüm. Jetzt war er im Walde. Heinrich Korn hub an zu laufen. Als er in den Wald trat, war der Nachbar weder zu sehen noch zu hören. In heller Angst rannte der Hohlöfner hierhin und dorthin. Der Schweiß troff ihm von der Stirn, er keuchte, die Lippen waren ihm dürr.

Er stand am Kreuzwege. Wohin? Dahin! Weil er mußte!

Da steht die krumme Kiefer, und -- da hängt der Ender.

»Heiliger Gott!« Der Strick fällt zerschnitten zur Erde. Korn hat den Mann in den Armen. Er legt ihn nieder auf das Moos.

Was, sagt der Volksglaube, sei mit einem zu tun, der sich erhängt? Es ist ein brutales Mittel, aber der Glaube gebietet es.

Plauz, gibt der Hohlöfner dem Manne eine Ohrfeige, die einen Lebenden niedergeworfen hätte. Und siehe, der Körper zuckt auf, die Nasenflügel weiten sich, die Brust holt Atem, langsam, ruckweise, dann tief und rascher.

Ender schlägt die Augen auf, fährt sich mit der rauhen Hand über das Gesicht, murrt: »Ich -- danke dir nit dafür.«

Da faßt ihn der Hohlöfner am Kragen und setzt den schwächlichen Mann auf.

»Brauchst mir auch nit zu danken, armer Teufel.« Ender schwankt noch so stark hin und her, daß ihn Korn in den Arm nehmen und an sich drücken muß.

»Halt still, Nachbar, und nun wollen wir die Geschichte ins reine bringen. Was mit Geld zu machen ist, darf kein Menschenleben kosten. Ich brauche ~dich~, du brauchst mich.«

Nach einer Weile gehen die beiden miteinander zurück und -- treten in das Berteles-Häusel.

»Mariele,« sagt der Hohlöfner, »da bringe ich dir einen, dem geholfen werden muß, und du sollst ihm helfen.«

»Gerne, wenn ich das kann.«

»Ich könnt's wohl auch, aber dir macht's mehr Freude. Bring deine Sparkassenbücher. -- So, jetzt, Ender, wollen wir miteinander sehen, was das Mädel beieinanderhat. Das stammt vom Rudolf, das ist ihres und das -- hat sie von dem Lehrer geerbt. Macht zusammen fünftausend Taler und zweihundert Mark. Stimmt's?«

»Freilich stimmt's.«

»Und nun, Mariele, das borgen wir dem Ender.« Er drückt dem Manne ein Sparkassenbuch in die Hand. »Wenn's nit langt, bin ich auch noch da. Für das in dem Buche zahlst du keine Zinsen. Die schreibe ~ich~ dir gut, Mariele. Abzahlen kannst du's, wie's paßt, Nachbar. Red nit! Dummes Zeug! Das wär noch schöner, wenn wir dich nit wieder auf die Beine brächten.«

Der arme Mann ist wie zerschlagen. »Lieber Gott,« sagt er aus der Tiefe herauf, »jetzt kann ich ja mein Zeug behalten!«

Der Hohlöfner will weich werden, sosehr er sich auch dagegen wehrt. Da steht er auf, räuspert sich, macht ein grimmiges Gesicht, geht auf das Mariele zu, nimmt es in den Arm und zupft es an seinen langen Zöpfen.

»Heut über fünf Wochen wird geheiratet, daß du's weißt.«

Aufjauchzend fällt ihm das Mädchen um den Hals und gibt ihm einen Kuß.

Lachend wischt der Hohlöfner den Schnurrbart beiseite.

»Ender, das hast du nit gesehn.«

Der Scherz bannt die dumpfe Last, die auf dem Manne liegt. »Nein, das hab ich nit gesehn.« Ein müdes Lächeln huscht über sein Gesicht.

»Dann können wir gehn. -- Lebt wohl, ihr zwei.«

Draußen sieht der Hohlöfner dem Nachbar freundlich ernst in das Gesicht. »Ender, es ist nit alles ganz ehrlich zugegangen, aber betrogen hab ich auch nit.«

»Hohlöfner, wenn ich das Wort ungesagt machen könnte -- -- --«

»Ja nit,« wehrte Korn ab, »ja nit! Jetzt weiß ich erst, was ich an meinem Jungen habe!«

* * * * *

Die Hochzeitsglocken läuten, die alten Donnerbüchsen krachen. Es ist Wahrheit geworden, Rudolf heiratet das Mariele. Laß sie schwatzen, daß es nicht recht gewesen wäre, daß der junge Lehrer dem Mädel ein solch unmenschliches Geld vermacht. Es ist so, und daran ist nichts zu ändern.

Am Abend ist des Wirtes Saal so voll wie sonst kaum zur Kirmes. Der Hohlöfner hält die Gemeinde frei, und selbst die ältesten Weiber holt er in seinem Übermut und schwenkt sie herum, daß sie juchzen. Da tritt auf einmal der Ender mitten in den Saal.

»Nachbarn, ich habe seinerzeit mit dem Hohlöfner eine Wette gemacht. Er hat sie gewonnen. Das Mariele hat sein Geld beieinander, ich kann's bezeugen. Und ist nit ein unrechter Pfennig dabei.«

»Ordnung muß sein,« schallt es aus der Ecke her. Das ist der lachende Hohlöfner, der nun mit langen Schritten an des Enders Stelle tritt.

»Nachbarn, ihr wißt, daß meine Schwiegertochter das Geld von dem jungen Lehrer geerbt hat. Wir haben mehr mit dem Menschen verloren, als wir heute wissen. Nehmt's an, Nachbarn, was ich euch bieten will.«

Er stiftet genau den Betrag, den das Mariele wirklich von dem Lehrer geerbt, der Schule, damit die Kinder lernen können, »daß die Welt nit in Schönbach zu Ende ist«.

Schmunzelnd tritt er zurück. Sein Weib erhascht seine Hand und zieht ihn herab. »Bleibst doch der alte -- Hohlöfner!«

Da lacht er und klopft ihr den Rücken. Eben setzt die Musik wieder ein. Heinrich Korn geht auf das Mariele zu und holt sie zum Tanze.

Im lustigen Wirbel zupft er sie herzhaft an den Zöpfen. »Dunnerlichting, die sitzen ja ~immer noch fest~!«

Das Mariele errötet, aber sie hebt dem Schwiegervater die lachenden, leuchtenden Augen entgegen.

»Und bleiben nun auch, wo sie sind.«