Chapter 13 of 28 · 3992 words · ~20 min read

Part 13

»Warum ich rechts schone?« meinte er auf ihre Frage. »Einer meiner Gäule ist mit mir abgeschrammt ... heidi ins Unterholz ... Kniekaltschale an den Bäumen ... na ... ich danke ...«

»Reiten Sie denn immer noch so junge Pferde, Exzellenz?«

»Kind: wenn Sie noch mal Exzellenz sagen, kriegen Sie einen Klaps auf die Hand! Was freut Sie denn so an der Exzellenz? Sie haben's ja nicht werden wollen! Meine Pferde? ... Schade, daß ich sie Ihnen nicht mal zeigen kann! Famos! ... Woran soll ich mich denn sonst noch freuen -- so 'n armer oller Kriegsknecht wie ich.«

Er schirmte die scharfen Augen mit der Rechten und blickte hinüber nach Westen in den fahlen Glanz der untergehenden, von Wetterdunst blutig verschleierten Sonne. Grau und ehrwürdig stand, weiter nach links, der mächtige Turm des Münsters, wie ein dräuendes Bollwerk und Wahrzeichen des Reiches im bleichen Abendlicht. Es war unheimlich still umher. Selbst die Vögel schwiegen.

»Ich wollte, die Rothosen kämen mal wieder 'rüber!« sagte Olaf von Glümke. »Haben sich noch eigens seinerzeit das schöne Loch in den Vogesen bei Belfort frei gelassen und benutzen es nun nicht! ... Da wüßte man doch mal, wozu man eigentlich auf der Welt ist und seinem Herrgott die Tage stiehlt. So wird man schließlich mal eingebuddelt und hat zeitlebens kein Pulver gerochen!«

Er wurde ernster.

»Mein Vater ist bei Mars-la-Tour gefallen!« versetzte er nach einer Pause. »Damals war ich ein Bengel von dreizehn Jahren. Seine letzten Worte waren: ›Grüßen Sie meine Frau und meinen Jungen! ... Er soll an mich denken und ein tüchtiger Offizier werden, an dem der König seine Freude hat! ...‹ Na ... ich hab' mir ja Mühe gegeben! Es ist ja ganz nett gegangen. Ich bin ja so weit oben! Und ich hab' so ein freches Gottvertrauen in mir: Vielleicht wird es auch noch mehr!«

»Da seien Sie doch froh, Herr von Glümke!«

»Jawohl: im Dienst, gutes Kind! ... Aber außer Dienst: Essen Sie mal jeden Tag allein zu Haus, ein Mensch wie ich, um den 'rum ewig was los sein muß! ... Ich kann doch nicht stillsitzen ... das wissen Sie doch! ... Und ins Kasino, zu den jungen Dächsen, kann ich doch nicht! ... Und des Abends: die ganze hohe Generalität ist natürlich ordnungsgemäß verheiratet! ... Will ich 'ne Menschenseele sehen, so muß ich mich zu Gast ansagen und die Beine unter einen fremden Tisch strecken, und sie machen noch Umstände ... äh pfui ... Mir kribbelt's manchmal in den Fingerspitzen vor Ungeduld. Sagen Sie mal: Wie lange bleiben Sie eigentlich noch in Straßburg, Fräulein Maxe?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Mir scheint, Sie wissen überhaupt nicht recht, was aus Ihnen werden soll!«

Maxe Ottersleben antwortete nichts. Er wiederholte nach einer Weile die Frage.

»Oder haben Sie eine Ahnung, wo der liebe Gott schließlich mit Ihnen hinaus will ...?«

»Zerbrechen Sie sich doch nicht meinen Kopf, Herr von Glümke.«

Er nickte nachdenklich.

»Freilich!« sagte er. »Mich geht's nichts an ...!« Dann lachte er vor sich hin. »Erinnern Sie sich, wie Sie damals im Wald, im Winter nach der Felddienstübung, böse waren, wie ich Sie frug, wann die blonde Maxe heiraten würde? Ach ... ich fürchte, die blonde Maxe heiratet überhaupt nicht!«

»Ich glaub's auch!« sagte das junge Mädchen.

»Ja, aber erlauben Sie mal ... das ist doch ...«

»Was denn, Exzellenz?«

»Nichts ... nichts ... Wenn Sie ›Exzellenz‹ sagen, bin ich schon still ... ich rede keinen Ton mehr ... ich denke mir für mich mein Teil ...«

»Das kann ich nicht verhindern! Aber lassen Sie mir jetzt bitte meine Ruhe ...«

Er schwieg. Er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Irgend etwas ist da nicht in Ordnung!« Sie hatten den Ausgang der Orangerie erreicht. Er blieb stehen und blickte sie von der Seite an: »Mein Gott ja ...« sprach er förmlich andächtig. »Wie sehen Sie aus ... Schon jetzt da in dem schlichten Hundstagfähnchen. Wie haben Sie sich in den zwei Jahren herausgemacht! ... Wer hätte geahnt, daß Sie ~so~ schön werden würden ...«

»Exzellenz ... nun aber bitte ...«

Er beachtete es nicht. Er ließ das Auge verloren auf ihr ruhen.

»Ich bin der einzige gewesen, der's gewußt hat, Fräulein Maxe ...« sagte er langsam. »Immer ... Sie wären wie geschaffen gewesen zu ... na ... lassen wir's! ... Es hilft ja nichts!«

Stumm gingen sie nebeneinander weiter, den breiten Weg hinab, den Blick auf das Häusermeer Straßburgs in der Ferne, über dessen Giebeln schon scheinbar greifbar noch das Unwetter lastete. Aus dieser Stille vor dem Sturm, der Verfinsterung umher, dem Verschwimmen von Licht und Schatten in einer sonderbaren schwefelgelben Dämmerung ward in ihnen, zwischen ihnen eine Beklommenheit wach. Sie mußten sich eilen, um dem Regen zu entfliehen. Sie machten lange Schritte. Einmal frug er: »Geht's zu schnell?« Sie verneinte und fuhr nervös bei einem roten Blitzgeschlängel in der schwarzen Wolkenwand vor ihnen zusammen. Wieder war das Schweigen. In ihm ihre gleichmäßigen Tritte, ein schwerer Windstoß, der heulend Staubwolken aufpeitschte und drüben die uralten Baumkronen des Contades zauste und schüttelte, die ersten Tropfen -- in Maxe Ottersleben eine eigene Empfindung: Es ist doch manchmal gut, sich unter Schutz und Schirm zu wissen. Manchmal fürchtet man sich doch allein ...

Aber nun hatten sie schon die Stadt erreicht. Olaf von Glümke blieb stehen.

»Ich will Sie lieber hier von meiner Gegenwart befreien!« sagte er. »Es ist besser, wir marschieren nicht so nebeneinander durch alle Straßen! Gruß zu Hause! Adieu, Fräulein Maxe ...!«

»Adieu!«

Sie reichte ihm rasch, mit einem freundlichen Lächeln die Hand. Er merkte, daß sie wie erlöst war bei dem Gedanken, von ihm wegzukommen. Er schaute ihr nach, wie sie den Bürgersteig hinabeilte und mit gesenktem Haupt gegen die Windstöße ankämpfte. Ihre mädchenhafte Gestalt bog sich in einer schlanken Linie nach vorne, ihr weißes Kleid flatterte und flog. Nun war sie um die Ecke ... Da seufzte er und setzte seinen Weg einsam fort.

Maxe von Ottersleben stand unterdessen schon daheim am Fenster und sah in das Rauschen des Wolkenbruchs hinaus. Die Begegnung in der Orangerie war ihr schon wieder wie im Winde draußen verflogen, ihr Eindruck auf sie wie weggewaschen durch diese strömenden Fluten. Sie mußte immer an etwas anderes denken: an den flüchtigen Satz in dem Briefe Logows von heute früh: ›Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch gut eingelebt.‹ Es waren kurze Worte. Ganz er selbst. Hart. Kalt. Willensbewußt. Es gab für ihn eine Grenze. Die war aufgerichtet. Die blieb. Und sie hob trotzig den blonden Kopf. Was er konnte, konnte sie auch! Erst recht! Aus eigener Kraft!

»Na, Maxe!« sagte an einem der nächsten Tage Frau von Ottersleben mit einem mütterlichen Lächeln. »Nun wird's Zeit, daß wir uns nach einem hübschen Kleid für dich umtun!«

Sie zeigte ihrer Nichte einen heute gekommenen Brief des Bruders Otto, des Feldartilleristen und glücklichen Bräutigams, mit der Einladung an sie alle drei zur Hochzeit nach Berlin. Der Tag war nun festgesetzt: der erste Oktober. Natürlich, der Trauer wegen, nur eine kleine Feier, lediglich im Kreise der beiderseitigen Verwandten. Aber ein bißchen Freude und Frohsinn sollte doch herrschen. Das hätte der gute Papa, wenn er es hätte voraussehen können, gewiß selbst am meisten gewünscht. Deswegen sollte, nach allgemeinem Familienübereinkommen, für diesen Tag die Halbtrauer abgelegt und etwas Buntes getragen werden.

»Ich meine, wir wählen für dich Hellgrün!« schlug die Tante vor, »es steht dir gewiß ganz apart!«

»Ja. Ich werde Grün nehmen!« sagte Maxe Ottersleben. Ihr Herz schlug ruhig. Sie war gefaßt auf dies Wiedersehen mit Erich von Logow. Sie hatte den Zeitpunkt ja unerbittlich heranrücken sehen, den ganzen Sommer lang, durch Wochen und Monate. Es gab keinen möglichen Grund, abzusagen und als Schwester nicht zur Hochzeit zu fahren. Es mußte eben überstanden werden. Zum Glück ließ Onkel Bruno -- das wußte sie -- sein neues Regiment nicht eine Minute länger als unbedingt nötig im Stich. Sie war also nur kurze Zeit mit dem Oberst von Ottersleben und seiner Frau dort drüben in Berlin. Es war vielleicht nicht mehr als ein einziger schwerer Tag ...

10

Der Standesbeamte, ein würdiger älterer Militär a. D. in schwarzem Leibrock, räusperte sich, nachdem die beiden »Ja« verklungen, machte hinter seinem grünen Tisch eine feierliche Kunstpause und sagte dann in gewöhnlichem Ton: »So erkläre ich Sie hiermit nach den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches für ehelich verbunden.«

Damit waren der Leutnant von Ottersleben und Fräulein Adda Bannersen Mann und Frau. Es war alles so freudlos umher, der kahle Raum, die Unterschrift unter das Protokoll, das unfestliche Äußere der paar Trauzeugen: die trockene Nüchternheit des auf Verstandesbegriffen aufgebauten Staates legte sich ihnen unbewußt auf die jungen Seelen. Sie hatten Mühe, sich vorzustellen, daß jetzt schon drüben in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Hain von Palmen ihrer harrte und die Orgel schon feierlich Probe summte und in wenigen Stunden die mächtigen Glocken über den Berliner Westen hallen würden, ihnen zu Ehren. Vorläufig war da draußen auf der Straße noch der Alltag im Gang, die Herbstsonne schien hell auf den reinlichen Asphalt, ein Schutzmann stritt sich mit einem heiser schimpfenden Bierkutscher -- sie beide, das Ehepaar, waren förmlich erschrocken, wie wenig sie und ihr bißchen Schicksal doch eigentlich in der Welt bedeuteten. Halb glücklich, halb betäubt fuhren sie zusammen heim, nach dem Gesetz verheiratet, nach Sitte und Herkommen noch nicht ganz, in der seltsamen Übergangsstimmung zwischen Standesamt und Altar.

In dem Hause der Brauteltern am Kurfürstendamm war der junge Ehemann jetzt eigentlich das fünfte Rad am Wagen. Es ging alles über seinen Kopf weg. Adda war ihm sofort von einem Haufen Brautjungfern, Schneiderinnen und Zofen entrissen worden, um für die Kirche fertig hergerichtet zu werden. Er selbst hatte inzwischen nichts weiter zu tun, als mit Hilfe seines Burschen in einem der Fremdenzimmer seinen Interimsrock mit der Paradeuniform zu vertauschen.

Dabei geriet er, nachdem er das drückende Gefühl seiner allgemeinen Entbehrlichkeit überwunden hatte, wieder in die rosigste Stimmung. Er pfiff leise beim Umziehen vor sich hin, er sang schließlich halblaut, er war glücklich. Der Himmel hing ihm voll Geigen. Er sah eine prunkvolle Wohnung vor sich, hell von Licht, voll von Gästen, in der Mitte, unter dem Kronleuchter, seine süße kleine Frau. Der Herr, der mit ihr sprach, trug den Stern eines Hausordens. Es war ein Fürst. Solche Leute empfing man bei Otterslebens. Unten hatte man das eigene Automobil. Einen Pferdestall mit englischem Trainer. Dienerschaft ... Das einzige, was ihn in seinem Höhenrausch wieder ernüchterte, war ein Blick auf das schlichte Dunkelblau und Samtschwarz seiner Linienfeldartillerieuniform im Spiegel. Nein, das ging nicht. Dienen mußte man natürlich, ob mit einer Million in der Tasche oder mit Kaisers Zulage. Man war doch ein Ottersleben! Aber standesgemäß mußte man von jetzt ab dienen! Das war auch klar. Darauf hatte man ein Anrecht.

Es war langweilig da oben. Er stieg hinunter in das Erdgeschoß. Dort war alles voll Blumen. Depeschenboten liefen, Stubenmädchen huschten. Halbfrisierte Köpfe schauten aus Türspalten. Er war wieder überall im Wege. Eigentlich der unnützeste Mensch unter Gottes Sonne. Und ohne ihn ging es doch nicht. Nur im Rauchzimmer war noch ein Rest von Vernunft. Da saßen die männlichen Verwandten beisammen, deren Frauen sich da drinnen um das zarte, in Spitzen und weiße Seide gehüllte verschleierte Gebilde scharten, das nun schon Adda von Ottersleben hieß: seine Onkel Bruno und Kaspar, Freiherr von Koninck, der Bruder seiner Mutter, seine Schwäger Logow und Grotjan, der kleine Bruder Peter von den schlesischen Grenadieren.

Der Husarenmajor Wilderich von Koninck lachte breit beim Eintritt des Neffen. Er war noch dicker geworden in diesen Jahren -- viel zu dick für einen Ziethen aus dem Busch. Ein Monokel schimmerte in seinem roten Bonvivantgesicht. Er klopfte dem hübschen, vor Aufregung blassen jungen Mann auf die Schultern.

»Na -- du frischgebackener Ehekrüppel ... Wie fühlst du dich nun so, mein Sohn -- he?«

Otto von Ottersleben antwortete nur mit einem schwachen Lächeln und stellte sich in die Ecke des Zimmers, das ganz bunt war vom Schwarz und Rot der Krägen, dem Himmelblau des Attila, dem Karmoisin des Generalstabs, den breiten Ordensreihen auf der Brust der Stabsoffiziere. Man schonte seine Empfindungen. Das Gespräch lenkte sich von ihm ab. Dann öffnete sich die Tür. Dorle Grotjan, geborene von Ottersleben, die Frau des Pioniers, schaute herein. Sie war in der Ehe noch rundlicher und molliger geworden. Ein appetitliches Hausmütterchen mit pausbackigem, von blonden Wuschelsträhnen umrahmten Kindergesicht.

»Also: Adda ist ein Traum!« meldete sie aufgeregt und verschwand sofort wieder. Die Herren lachten. Der junge Gatte nicht. Er war stolz auf seine Frau. Ihm fiel das alles hier wie Geschenke vom Himmel in den Schoß. Mitten in dieser Feststimmung beschlich ihn hier die Unruhe von vorhin: ich muß doch auch etwas dazu tun!

Im selben Moment sagte, als habe er seine Gedanken erraten, der Freiherr Wilderich von Koninck mit wohlwollend schlauem Augenblinzeln: »Na -- du angehender junger Knallprotz: wenn du künftig anständige Gäule brauchst, dann kommste dreist zu mir! Wirst reell bedient. Dein alter Onkel ist kein Pferdeschmeißer!«

Otto von Ottersleben ergriff hastig die Gelegenheit. Er zuckte beinahe bitter die Achseln.

»Was tu' ich bei der Feldartillerie mit Vollblut? Ich werde da überhaupt viel Schwierigkeiten haben! Ich kann nichts dafür, daß ich in Zukunft aus dem Rahmen des Regiments falle!«

Das war ein Lieblingsausdruck, den er sich in letzter Zeit eingeprägt hatte. Er fügte hinzu: »Es ist mir nicht wegen mir, sondern wegen meiner Frau! Die kann doch Ansprüche stellen! Der bin ich Rücksichten schuldig. Es könnte jetzt, wo ich ein Vierteljahr auf Urlaub gehe, so viel vermittelt werden, durch euch ...«

»Der Bengel will nun mal zur Kavallerie!« sagte der Husar, und sein Neffe ergänzte flehend: »Vorläufig nur ein Jahr zur Dienstleistung -- natürlich ... nachher kann man ja weitersehen!«

Es war eine kurze Pause. Dann versetzte der Oberst von Ottersleben: »Bleib du bei deinem Geschütz! ... Es ist eine schöne Waffe, mein Junge! Napoleon war auch Artillerieleutnant und hat auch 'ne reiche Frau geheiratet und es mit beiden ganz nett weit gebracht!«

Auch Erich von Logow erhob den Kopf. »Und wenn du meine Meinung hören willst: Ob du reich oder arm heiratest, ist deine Sache! Aber auf den Dienst darf das nicht abfärben! Wem das geschieht, der denkt nicht so soldatisch, wie er soll!«

Der hübsche junge Artillerist biß sich auf die Lippen und wandte sich wieder bittend und halblaut an Herrn von Koninck: »Du bist doch ein vernünftiger Mensch, Onkel! Nicht so 'n lederner Kommißhengst, wie der Erich dort drüben ... Du bist doch selbst Kavallerist! Großpapa war Kürassier! Du wirst begreifen, daß ich zu der alten Waffe zurück will!«

Der dicke blaue Husar hatte auf dem Rauchtisch eine Kognakkaraffe entdeckt. Er goß sich ein Gläschen ein, wischte sich den grauen Schnurrbart und sagte gutmütig: »Ja -- das sind nun so Sachen, mein <f>filius</f>! Im Militärkabinett sind sie bei solchen Gelegenheiten höchst säuerlich. Sie lieben's nun nicht! Mit Recht! Ich könnte mich höchstens an den ollen Hundsfeldt wenden! Mit dem bin ich durch einen Scheffel Erbsen verwandt. Er hat die Holsteinschen Kürassiere! Die Zwölfer! ... Au ... Donnerwetter ... Zerquetsch mir nicht so die Hand!«

Der alte Herr Bannersen war eingetreten, schon feierlich im Frack und weißer Binde des Brautvaters. Er war betroffen.

»Nun -- was s--pringst du so herum, mein Sohn? Um Gottes willen -- er verliert den Vers--tand! ... Was hast du denn?«

»Hurra! wir haben Aussicht ... Wir werden Kürassiere ... Adda und ich ...«

»Das ist ja ers--taunlich!« sagte der Baumwollmann trocken. Er erfaßte nicht ganz die Größe der Situation. Für ihn waren Soldaten eben Soldaten. »Geh lieber und erzähl es der Adda! Sie wartet drüben auf dich!«

Das ließ sich der Leutnant von Ottersleben nicht zweimal sagen und verschwand. Onkel Emil, der Schwager des Hausherrn, ein Bankdirektor aus Westfalen, blickte ihm nach. Er war ein silberhaariger, kleiner Herr. Auf seinem Frack hing das Eiserne Kreuz. Er meinte: »Na ... ich hab' mir meine Chassepotkugel Anno siebzig als ganz gemeiner Sandhase geholt! Und nachher war es ganz gleich, neben wem man auf dem Verbandplatz auf dem blutigen Stroh lag. Da hielt sich keiner für besser als der andere. Aber jetzt geht's wieder nach Gardelitzen und Haarbüschen. Das macht der lange Frieden!«

»Ja ja! Wir kennen dein S--prüchlein!« versetzte der alte Herr Bannersen. »Aber bitte, sei jetzt s--till!«

Er wandte sich lebhaft an Erich von Logow. »Nun sagen Sie mal, mein bester Hauptmann, wo haben Sie denn die Maxe gelassen, das liebe Mädel? Warum ist sie denn nicht mit Ihnen gekommen, gnädige Frau?«

Ulla von Logow war mit ihrer Schwester Dorle Grotjan eingetreten, schon fertig, frisiert und ganz in matter, weißer Seide, als Umrahmung ihrer bleichen, dunkeln Schönheit. An ihrer Stelle antwortete Oberst von Ottersleben: »Maxe wohnt mit uns im Hotel. Sie wartet dort mit meiner Frau auf meine beiden Jungen aus Lichterfelde. Sie fahren dann alle zusammen direkt in die Kirche.«

»Ach!« sagte Herr Bannersen erstaunt. »Ich dachte, Fräulein Maxe wäre wieder bei Ihnen abges--tiegen, Herr von Logow! Im Frühjahr war sie doch so lange Ihr Gast!«

Erich von Logow schüttelte den Kopf.

»Aber diesmal nicht! Ich hab' sie noch gar nicht gesehen, seit sie hier ist!«

»Wie komisch!« Seine Schwägerin Dorle, die kleine Pioniersfrau, riß ihre runden blauen Augen auf. »Bei uns war sie gestern gleich! ... Und da -- wart mal -- natürlich ... ich erinnere mich doch ... da wollte sie noch extra an euch telephonieren und des Abends auf ein paar Stunden zu euch kommen!«

»Sie hat beides nicht getan!« versetzte der Hauptmann.

Zugleich sagte seine Frau gleichgültig, in ihrem nachschleppenden, müden Ton: »Doch! Telephoniert hat sie schon! Ich hab' selbst mit ihr gesprochen!«

»Ja, nun ... und, Ulla ...?«

»Es machte sich nicht recht mit der Zeit. Da hat sich's eben zerschlagen!«

Ein allgemeines »Ah!« der Bewunderung ertönte im Kreis. Die junge Frau Adda von Ottersleben erschien am Arme ihres Mannes, blaß und weiß, im Myrtenkranz und Schleier und langer Schleppe, Brautjungfern um sie, Brautführer mit Buketts, kleine, trippelnde Mädchen, ein ganzer Hofstaat. In dem Getümmel des allgemeinen Aufbruchs zog Erich von Logow seine Frau zur Seite. Seine Stimme zitterte.

»Was heißt das, Ulla? Maxe hat zu uns kommen wollen?«

»Ja.«

»Und was hast du ihr geantwortet?«

»Es ginge nicht! Du hättest Dienst, und ich sei nicht wohl!«

»Und dann?«

»Sie hat's schon verstanden! Sie ist vom Telephon weg. Sie hat nichts weiter gesagt!«

»Und das hast du gewagt -- sie von uns fern zu halten -- einen Gast, der zu uns kommt ... meine eigene Schwägerin?«

»Als meine Schwester steht sie mir wohl noch näher!«

»Und trotzdem beleidigst du sie ...«

Um sie war niemand mehr. Die Wagen rollten draußen vor der Rampe. Man fing an, einzusteigen. Es war ein Hin- und Herlaufen und Rufen auf Gängen und Treppen. Ulla schaute aus ihren großen dunklen Augen um sich. Sich unbelauscht wissend, fuhr sie plötzlich leidenschaftlich auf.

»Sie soll nicht zu uns kommen! Ich will nicht!«

»Ulla!«

»Ich will nicht! Sie hat schon genug Unheil bei uns angestiftet! Ich wehr' mich gegen sie! Sie soll sich hüten!«

»Sei nicht so laut! Nimm dich doch wenigstens zusammen!«

»Ach -- mir ist's gleich! Mir ist überhaupt alles gleich. Aber die Maxe will ich nicht mehr sehen!...« Sie stampfte mit dem Fuß. Ein Aufflammen von Zorn, wie es ihr Mann noch nie an ihr erlebt und nie für möglich gehalten, veränderte ihr regelmäßiges, wie aus Marmor gemeißeltes Gesicht und ließ es in seiner jähen Vermenschlichung beinahe unheimlich schön erscheinen. »Ich hasse sie! Ich hasse die Maxe! Ich wollte, sie wäre tot und läge in Straßburg begraben und käme nie wieder!«

»Um Gottes willen ...«

»Ja, dir wäre das freilich nicht recht! Aber mir! Dann hätt' sie's!... Sie hat das letzte bißchen Glück aus unserm Haus mit sich genommen! Das bleibt sie mir schuldig! Das verzeih' ich ihr nie ...«

»Komm jetzt zu dir! Mach hier keine Szene!«

Die junge Frau wehrte sich gegen seinen Arm. Sie stieß ihm leidenschaftlich die Worte ins Gesicht: »Ein schöner Dank: ich nehm' sie auf, um Gottes Barmherzigkeit, nach Papas Tod, weil kein Mensch wußte, wohin mit dem Unglückswurm ... Ich lieg' krank und elend zu Bett, und die Zeit benutzt sie, um ... um ... ich spreche es nicht aus ... du verstehst mich schon ...«

»Nein! Ich versteh' dich nicht. Nie ist etwas vorgekommen, solang' sie da war, und seit beinahe einem halben Jahr hat sie unser Haus verlassen!«

Ulla von Logow lachte wild auf.

»Und du? ... Wo bist du denn seitdem? ... Bist du bei mir? ... Hab' ich dich? Nein! ... Glaubst du denn, ich sei taub? ... Glaubst du, ich sei blind, daß ich das nicht merke? ... Bist du nicht ganz verändert? Mit allen deinen Gedanken in Straßburg statt in Berlin? ... Nein -- laß mich ausreden! ... Ißt und trinkst du denn überhaupt noch? Schläfst du noch? ... Nichts! Wie ein Nachtwandler läufst du umher! ... Jeder schüttelt den Kopf. Deine Vorgesetzten. Deine Verwandten. Deine Freunde. Keiner weiß was! Nur ich, deine Frau! Ich kenne deine Krankheit. Vorhin hab' ich sie mit sehenden Augen erkannt. Verliebt bist du! Aber nicht, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte, in mich, deine Frau, sondern in deine Schwägerin! Und das bis über die Ohren!«

»Hör auf ... um Gottes willen ... Berufe das nicht ...«

»Nein. Ich rede ...«

»Still ... still ... Ulla ... du steckst ja unser Haus in Brand!«

»~Sie~ tut's ... die Maxe ...« Die Leidenschaft erstickte die Stimme der jungen Frau. »Und ich will Herr in meinem Hause bleiben! Sie kommt mir nicht über die Schwelle! Ich lasse sie dir nicht! Ich wehr' mich! Ihr beide sollt mich noch kennen lernen ...«

Sie brach atemlos ab. Ein Hustenanfall schüttelte sie und warf eine flüchtige Röte über ihre bleichen Wangen. Erich von Logow blickte sie entsetzt an. In die plötzliche Stille zwischen ihnen tönten rasch näherkommende Schritte. Onkel Emil, der Festordner, erschien. Seine Frackschöße flatterten in der Eile.

»Schönste Frau, Sie müssen Ihre Gardinenpredigt vertagen!« rief er lachend. »Es ist allerhöchste Zeit! Sie kommen sonst zu spät zur Trauung!« Und während Ulla schweigend sich zur Abfahrt fertig machte, stieß er draußen vor dem Haus den Hauptmann vertraulich in die Seite. »Ich gratuliere, Verehrtester!«

»Wieso?« sagte Erich von Logow geistesabwesend.

»Na -- wenn eine Frau ihrem Herrn und Gebieter noch ~die~ Augen bei einem kleinen ehelichen Zwist macht, dann -- verzeihen Sie einem alten Greis und Praktikus die Randbemerkung -- hat sie noch viel für ihn übrig! ... Zu viel! Besser als zu wenig, nicht wahr? ... Hä ... hä ... ich an Ihrer Stelle fühlte mich geschmeichelt durch so viel Verve! ... Bitte ... Kommen Sie, gnädige Frau!«

Er geleitete Ulla an den Wagen und verabschiedete sich. Das Ehepaar fuhr allein zur Kirche. Sie wechselten unterwegs kein Wort. Erich von Logow saß, ohne sich zu rühren. Ihm war, als ob er träumte. Es war eine Erkenntnis, ein Schrecken ... er sagte es sich und glaubte es selbst noch nicht: das Unerwartete ... das Unerhörte ist geschehen! Meine Frau ist auf einmal zum Leben erwacht! Sie fühlt und leidet wie andere Menschen. Ich bin ihr etwas! Die Eifersucht spricht aus ihr. Jetzt will sie besitzen, was sie verloren hat ... Jetzt, wo es zu spät ist, kommt bei ihr die Liebe ...

Sie traten eben noch vor Beginn der Trauung ein. Gerade vor ihnen war der Altar. Dort oben saß das Brautpaar, rechts und links von ihm im Halbkreis je drei Brautführer und -führerinnen. Und unter ihnen -- Erich von Logow zuckte zusammen -- da zur Rechten die vorderste -- das war seine Schwägerin Maxe ...

Sie hielt sich ruhig und aufrecht und hatte einen großen, weißen Rosenstrauß im Schoß. Lichtgrüner Seidenflor, unter dem ein weißes Unterkleid schimmerte, überrieselte sie in durchsichtigen, an das Plätschern eines Bergbachs erinnernden Wellen. In dem blonden Haar trug sie einen dicken Kranz von weißen Rosen. Sie sahen wie Seerosen aus. Sie gaben ihr etwas Nixenhaftes, Geheimnisvolles. Sie war weitaus die Schönste. Er verschlang sie mit den Augen. Er fühlte einen brennenden Neid gegen den neben ihr sitzenden, ihm unbekannten Brautführer, einen Herrn im Frack, ohne Orden, also jedenfalls von der anderen Seite, aus dem Lager der Bannersen.