Part 21
Sie waren dicht vor dem Waldrand der Fasanerie. Aus dem schoß jäh ein Automobil, stutzte an der Wegkreuzung und stand still. Ein älterer, vornehmer Herr in der Uniform des Freiwilligen Automobilkorps führte es. Neben ihm und hinter ihm im Wagen saßen gedrängt Generalstabsoffiziere mit umgeschnallten Feldstechern und Landkarten auf den Knieen. Er lüftete seine Kappe: »Bitte, meine Damen! Ist das der nächste Weg nach Darmstadt? ... Ja? ... Danke gehorsamst! Danke!« Und schon war alles wieder in Rattern und Benzindampf um die Ecke.
Ulla von Logow ließ im Weitergehen den Kopf hängen. Ihre dunklen, schwermütigen Augen hafteten am Boden. Sie sah ihre Schwester nicht an.
»Wenn man so zurückdenkt, wie das alles so gekommen ist, Maxe,« sagte sie. »Und wenn man sich mit dir vergleicht ... ich bin doch in einer recht elenden Lage -- nicht? In einer lächerlichen: wenn ich Witwe wäre, so wär' ich frei. Wenn ich geschieden wäre, so wär' ich frei! ... Wenn ich du wäre oder die Dorle, so hätt' ich meinen Mann. So aber hab' ich keinen Mann und bin doch nicht frei! Ich hab' nur das Elend von beidem. Und weiter nichts! ... Das ist doch eine Lage, in der sonst niemand ist ... Ich kann mir das gar nicht erklären ... Ich hab' immer das Gefühl, daß irgendwie ein großes Unrecht an mir begangen worden ist!«
Sie kämpfte mit sich und setzte mit Überwindung hinzu, während es vor Bitternis um ihre Lippen zuckte.
»Siehst du, Maxe -- so weit bin ich schon gekommen -- so verlassen und überflüssig fühle ich mich ... daß ich mich schon an dich klammere ... An dich! ... Ich muß mir selber immer klar machen, was das heißt! ... Denn du bist doch meine natürliche Feindin im Leben ...«
»Ich bin deine Schwester, Ulla ...«
»Ach Gott ja ... deswegen gehen wir doch an dir zugrunde, er und ich -- und es drückt mir das Herz ab, und ich kann es niemandem ausschütten als dir ... ausgerechnet dir ... ich muß ... wenn ich dich seh', muß ich von ihm sprechen! ... Ich hab' gar keinen Stolz -- nicht?«
Sie lachte verzweifelt auf und fuhr fort: »Ja. Es war damals eine Vernunftpartie. Aber du hast nachher doch auch eine gemacht -- sogar noch viel offenbarer -- warum ist's nun bei dir damit so gut ausgegangen und bei mir so jammervoll? Das möcht' ich bloß wissen!«
»Vielleicht, weil ich vorher mein Herz hab' zum Schweigen bringen müssen!« sagte Maximiliane. »Das ist dir erspart geblieben! ... Du hast ja nie in deinem Leben wirklich geliebt -- höchstens dich lieben lassen ... Du weißt nicht, was man da durchmacht ...«
Die beiden jungen Frauen schwiegen. Sie schritten unter den hohen Buchen des Waldes dahin. Hier merkte man nichts mehr von dem Krieg im Frieden draußen. Kein Mensch war zu sehen. Ulla schaute noch immer vor sich, auf die knorrigen Wurzeln, die quer über den Pfad liefen und den Fuß hemmten. Dann hob sie plötzlich den Kopf und sagte: »Du meinst, ich hätte nie geliebt! Weißt du, daß das ein schreckliches Wort ist, wenn's wahr ist?«
»Ja.«
»Aber es ist nicht wahr!«
Sie holte tief Atem.
»Weißt du, Maxe ... wie du damals anfingst, auf ihn Eindruck zu machen, da kam's über mich! Da fing ich an und wollt' ihn selber haben. Da war's schon zu spät. Da entglitt er mir. Es war ein verzweifelter, aussichtsloser Kampf all die Jahre -- eigentlich nicht gegen ihn, sondern gegen dich. Du warst mein Verhängnis ... Sei nicht böse ... Ich mein' es auch nicht böse. Du kannst ja nichts dafür. Ich hab' es wohl auch nicht richtig angepackt. Ich hatte Zeiten der Mutlosigkeit und Verbitterung ... Da hab' ich die Hände in den Schoß gelegt und die Dinge laufen lassen, wie sie wollten, und ihn durch meine Gleichgültigkeit erst recht wieder abgestoßen, zu dir hin ... immer zu dir ... ach Gott, Maxe -- was hab' ich gelitten durch dich ... Und du warst unterdessen in Glück und Glanz!«
»Komm, wir wollen umdrehen, Ulla,« sagte die Generalin. »Es wird zu spät. Ich versäume sonst noch in der Stadt meinen Mann!«
Die beiden Schwestern schlugen den Rückweg ein. Nach kurzer Pause hob Frau von Logow wieder an: »Ja, dein Mann ... du hast einen Mann! Aber ich ... meiner ist fern ... und seit er fern ist, weiß ich erst ganz, was ich an ihm hab'! Glaub mir, Maxe -- diese Zeit unserer Trennung -- die hat aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich bin so weich geworden -- so voll Sehnsucht ... ich fühle mich so verlassen ... ich lieb' ihn so ... ich hab' ihn schon die Jahre geliebt -- aber nie so wie jetzt ... jetzt ist das alles erst ganz in mir wach geworden ... ich weiß jetzt, daß ich im Leben nie mehr etwas ohne ihn anfangen kann, nie mehr froh werden ohne ihn ... Ich denke nur an ihn ... ich zähle die Tage, bis die Post aus Südamerika kommt ... Gottlob ... seine Briefe sind immer lang und freundlich ... er ist gut zu mir übers Meer ... ich bin so glücklich, wenn ich sitzen und ihm schreiben kann ... ich rechne mir jetzt schon immer aus: In zweieinhalb Jahren ist's überstanden. Dann kommt er zurück. Dann hab' ich ihn wieder ...«
»Aber warum fährst du denn nicht jetzt gleich zu ihm hinüber? Es hält dich hier doch nichts?«
Ein tiefer Kummer legte sich über Ullas bleiche Züge.
»Ich hab' zwei, drei Ärzte gefragt! Immer dasselbe: Mit meiner Lunge geh' ich in dem Klima da drüben in kurzem drauf. Oder wenn nicht ganz, so doch halb! Darunter hat er schon hier genug gelitten. Was macht er erst dort mit einer siechen Frau, ohne rechte Pflege? Das darf ich ihm nicht aufpacken! Da verliert er wieder seine Spannkraft. Daran will ich nicht schuld sein. Ich muß schon hier bleiben und warten. Ich entziehe ihm ja dadurch nichts. Er braucht mich ja nicht. Nur ich ihn ...«
Ein warmer Schimmer durchleuchtete ihre großen dunklen Augen. Um ihre blassen Lippen spielte ein hoffnungsvolles Lächeln.
»Wenn er dann wieder daheim ist, dann kommt meine Zeit! Dann will ich alles daran setzen, um alles wieder gutzumachen. Dann muß er mein sein und bleiben. Ich möchte bloß leben bleiben, um das Glück zu erleben!«
Sie blieb stehen und faßte die Hand der Jüngeren.
»Und das, Maxe -- das ist der Segen für mich, daß ich mich auf dich verlassen kann. Du hast ja alles in der Hand. Aber du hast ihn nie mit einem Blick, mit einer Silbe auf etwas anderes als auf seine Pflicht hingewiesen! Und das hat mir den Mut gegeben, jetzt mit dir so offen darüber zu reden. Ich weiß: wenn er zurückkehrt, wirst du, die du selbst so glücklich bist, mein Glück nicht stören ...«
»Da sei Gott vor!« sagte Maximiliane von Glümke leise und ernst.
Die zwei jungen Frauen blickten sich an und beugten sich dann, von der gleichen Eingebung ergriffen, mit einem schmerzlichen Lächeln gegeneinander und gaben sich einen stummen, schwesterlichen Kuß. Beide hatten Tränen in den Augen. Still kehrten sie in die Stadt zurück.
Dort war immer noch dasselbe Bild: Menschenmauern, über ihnen, in rastlosem Dahingleiten, die Züge der Pickelhauben und Gewehrläufe, Pferdeköpfe, eine in schwarzes Wachstuch gewickelte Fahnenstange -- der Schellenbaum mit Glöckchengeklingel und Roßschweifwehen -- Paukenschlag und Trompetengeschmetter -- immer neue Regimenter und Bataillone. Von den Fenstern der Otterslebenschen Wohnung sah man nicht mehr auf sie hinunter. Alle standen und musterten ein paar sonderbare, kreisende Libellen fern in der Luft, über dem Waldsaum, der den Exerzierplatz hinter dem Bahnhof abschloß. Das waren Militärflugzeuge, die vom Griesheimer Sand herüberkamen. Sie flatterten, verschwanden wieder in der Richtung gegen den Rhein, und während noch die Blicke der Familie an den Luftseglern hingen, wandte sich Maximiliane mit einem plötzlichen leisen Aufschrei der Freude um und lief nach der Tür. Sie hatte draußen die Stimme ihres Mannes gehört. Fast zugleich stand er schon auf der Schwelle, streckte lachend die Arme aus und zog sie stürmisch an sich.
Exzellenz von Glümke war feldmarschmäßig gestiefelt und gespornt, so wie er eben aus dem Sattel gestiegen. Sein Gefolge hielt als ein stattlicher Reitertrupp, Generalstäbler, Adjutant, Stabsordonnanzen, Burschen mit Handpferden, vor dem Hause inmitten einer rasch zusammengeströmten Menge von Neugierigen. Er war seiner nachrückenden Division vorausgaloppiert. Ein Hauch von Herbstluft und Stoppelwind, von Frohsinn und Frische des Manövers umwitterte ihn. Seine Wangen waren gerötet. Seine blauen Augen blitzten. Jetzt, wo der Helm das angegraute Haar bedeckte, glich er in der Lebhaftigkeit seiner Sprache, dem Ungestüm seiner Art weniger einem preußischen General der schweigsamen, gemessenen Moltkeschen Schule als einem Napoleonischen Marschall, einem der verwegenen Troupiers, die auf Mord und Kaput die Truppen mit sich in das Feuer und zum Siege rissen. Er goß ein Glas Wein herunter, das ihm seine Frau gebracht, wischte sich den Schnurrbart und lachte.
»Na -- nu geht's los! ... Eine Riesenwirtschaft ... Drüben am Main, wo ich herkomm', ist alles himmelblau von Bayern. Die sind noch zurück. Aber sie schließen mit einem Nachtmarsch auf. Morgen wird was an Pulver verknallt ...«
»Schade nur, daß du so weit hinten bist!« meinte Maximiliane betrübt.
Er verneinte eifrig.
»Schadet gar nichts, Schatz! Die Teten beißen sich doch am Feinde fest. Die kommen doch nicht vorwärts. Aber wir marschieren am Flügel auf ... Ich hab' so die Idee, daß wir uns bei Weinheim seitwärts in die Büsche schlagen ... das wäre ein Spaß: über den Odenwald urplötzlich morgens die Württemberger und Badenser aus ihren Biwaks kitzeln ... na ... Gott geb's!«
Er küßte seine Frau zum Abschied.
»Also hört mal ... wer von euch morgen was sehen will -- meine Heldentaten im Gebirge könnt ihr doch nicht verfolgen -- immer dahin, wo Seine Majestät ist ... in die Rheinebenelinie Heidelberg--Ladenburg--Mannheim -- sag mal, Otto ... schämst du dich nicht an so 'nem Tag wie heute bis in die Knochen, als freiwilliger Ziviliste? Junger, gesunder Kerl und spielt den Schlachtenbummler und läßt sich von uns alten Leuten was vorschwitzen und vorgaloppieren ... Unter den Augen des Kriegsherrn?«
Otto von Ottersleben wandte sich finster ab. In der Tür erschien die Gestalt des Divisionsadjutanten.
»Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, gnädige Frau! ... Exzellenz: die Spitzen der Division sind schon...«
Von unten klang neue, rasch näherkommende Musik durch den ewigen, gleichmäßig schütternden Marschschritt der Bataillone. General von Glümke winkte.
»Ja ... ich komm' schon, mein lieber Gutgesell! Adieu, Kinder! ... Gott ... wird das morgen famos!«
Er eilte die Treppe hinab. Unten auf der Straße ertönten die gellenden Rufe: »Achtung!« Und pflanzten sich weithin über die marschierenden Kolonnen fort, um dem Divisionskommandeur den Weg links frei zu machen. In sausendem Galopp flog der General von Glümke mit seinem Stab an ihnen vorbei, gegen Süden, in der Richtung wider den Feind.
17
Gegen Mitternacht hörte endlich der Durchzug des Heerwurms durch Darmstadt auf. Es wurde allmählich sonderbar still. Nur noch vereinzelte Nachzügler tröpfelten hinterher -- Zahlmeister und geheimnisvolle graue Karren, die die Kriegskasse oder sonst etwas bargen, Offiziere, die noch hinter der Front mit dem Etappenwesen zu tun hatten, Telegraphenbeamte, Gendarmen zu Pferde und zu Fuß. Und schon sandte in den frühen Morgenstunden das Manöverfeld seine ersten Gefechtsschlacken zurück -- einen Leiterwagen voll fußkranker Soldaten, Reservisten, Unteroffiziere, Einjährige, Gemeine bunt durcheinander auf dem Stroh, huflahme Gäule, die unwillig über das Pflaster hinkten, ein Bernerwägelchen mit einem an Kopf und Arm verbundenen Husarenleutnant, der beim Aussteigen vor dem Garnisonlazarett zu dem Assistenzarzt lachte: »Heute kriegen Sie noch mehr unter die Finger, Doktor ... Die Gäule stürzen bei dem nassen Boden wie die Deubels!«
Von dem Kampfe selbst merkte man in den Vormittagsstunden in der Stadt nur den fernen Kanonendonner. Von wo er kam, ließ sich nicht sagen. Das Wetter grollte überall. Es brummte aus den Odenwaldtälern, es böllerte an der Bergstraße, es dröhnte von der Rheinebene, selbst jenseits des Stroms, bis zum blauen Haardtgebirge hin murrte es tief und schwer, wie sonst bei elektrischer Schwüle im Hochsommer. Den ganzen Mittel- und Unterlauf des Neckars entlang, von Württemberg und durch Baden bis in die bayerische Pfalz, feuerten Hunderte von Geschützen. Viele Stunden weite Strecken gab es dazwischen, tiefe Waldeinschnitte des Flußbetts, in denen man nichts von dem Manöver sah, und auch in dem Teil der Rheinebene hinter Darmstadt, durch den Otto von Ottersleben sein elegantes Automobil lenkte, war es menschenleer. Der Kasten kostete ja jährlich eine Stange Gold. Aber wozu hatte man den reichen Schwiegerpapa? Zwei bebrillten Eisbären ähnlich, saßen er und seine Frau mit dem Chauffeur auf den Vorderplätzen, dahinter Maximiliane und die Grotjans, Ulla hatte nicht mitkommen wollen. Es regnete nicht. Aber der Himmel war grau, die Luft undurchsichtig. Schlechtwetterwind blies von Südwesten, von den Vogesen her. Man hörte überall da vorn die Schlacht, aber man konnte nicht erraten, wohin sie sich zog. Die Wälder von Obstbäumen und Hopfenstangen, die vielen Dörfer versperrten die Aussicht. Auf der niedrigen Hügelfläche von Lorsch stoppten sie unter dem Torbogen aus Karolingerzeit, der allein an die einstige Klosterherrlichkeit erinnerte. Auch von da sah man nichts als zwei oder drei große Fische in der trüben Luft schwimmen -- lenkbare Luftschiffe, die über den Heeren kreuzten -- dort, über dem Fabrikqualm von Mannheim, an seiner schlanken Weiße kenntlich, ein nachts von Metz durch Lothringen herübergeflogener Zeppelin, hier, eilig neckaraufwärts, gen Osten steuernd, je nach der Beleuchtung bald eisengrau, bald hellgelb schimmernd, die plumper geformten Parsevals und Groß'.
»Hier ist nichts los!« sagte Otto. »Weiter!« Er ließ den Motor laufen und wandte sich nach einer Weile befriedigt zu den anderen. »Na endlich doch mal Menschen!«
Die weite Wiesenfläche rechts vor ihnen war bunt von Kavallerie. In zwei, drei Staffeln hintereinander hielten in langen, in der Ferne verschwindenden Reihen die Regimenter, Dragoner, Husaren, Ulanen -- eine ganze Division, die Mannschaft abgesessen, die Pferde mit träge hängenden Köpfen, an langen Zügeln, hinter der Front das eilige Hämmern und der heiße Hornspangeruch der Feldschmiede, eine Gruppe Veterinäre um einen am Boden liegenden, in Kolik um sich keilenden Gaul, am Weg ein Trupp Leutnants von den reitenden Batterien, von denen ein paar ihren einstigen Kameraden Ottersleben von der Militärtechnischen Akademie in Berlin erkannten. Einer der Herren meinte: »Was wir hier tun? Sie sehen's ja: vorläufig nischt!«
Und ein anderer setzte hinzu: »Wenn Sie was sehen wollen, Sie Zivilstratege, dann kantern Sie mit Ihrer Benzindroschke immer der Nase nach. Bei der Ladenburger Brücke vor uns ist der Hauptklimbim!«
Hier, gegen den Neckar zu, kam man allmählich in den Hintergrund der Schlacht. Große Munitionsparks standen seitwärts in den nassen, von Rädern kreuz und quer zerfahrenen Äckern, Gruppen von Neugierigen säumten die Straßen -- ein Zug von Leiterwagen mit kriegsgemäß requirierten Balken und Holzwerk arbeitete sich, von berittenen Pionieroffizieren angetrieben, unter Geschrei und Peitschengeknall vorwärts, und der die Oberaufsicht führende Generalstabsoffizier, der gestern Maximiliane den Weg durch den Train am Darmstädter Schlosse freigemacht, sprengte heran und erwiderte lachend auf ihre Frage: »Bin leider nicht ganz auf der Höhe der Situation, Exzellenz! Habe die angenehme Aufgabe, mich hier mit diesen vierräderigen Angelegenheiten hinter der Front zu befassen. Aber was von da durchsickert: danach fällt die Entscheidung, ob wir die Neckarlinie forcieren, auf den linken Flügel ... Man rechnet da sehr auf den Herrn Gemahl, Exzellenz ... Wenn Exzellenz sich da den Hügel hinauf bemühen, da hat man einen guten Überblick! ... Gendarm ... lassen Sie bitte die Herrschaften durch! ...«
Als die drei Offiziersfrauen oben standen und die Ebene überschauten, machten sie erstaunte Gesichter. Sie waren sämtlich mit Heeresdingen vertraut. Sie wußten: so wie man sich ein Manöver gemeinhin vorstellte, so war es längst nicht mehr. Es gab keine Bajonettangriffe mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen, keine Führer hoch zu Roß, mit gezogenem Säbel, keine Karrees, an denen die Reiterschwärme brandeten. Aber doch war ihnen der Anblick hier oben verblüffend: das ganze Schlachtfeld war leer! Die Dörfer, die Obstwälder, die Felder lagen wie sonst in der trüben grauen Herbstluft. In der hörte man wohl schweres, wie unterirdisches Dröhnen der Geschütze und dazwischen ein schwaches, rastloses, unsichtbares Gehämmer und Geplacker des Kleingewehrfeuers, so als stiegen fortwährend Hunderte von Blasen aus einem siedenden Kessel -- aber dabei blieb diese unheimliche, rätselhafte Öde, diese scheinbare Abwesenheit von Mann und Roß, und der Generalstabsmajor Eberwein, der abgesessen und den Damen gefolgt war, erläuterte: »Streng kriegsgemäß! ... Alles platt am Boden -- eingebuddelt wie die Maulwürfe ... in den neuen grauen Felduniformen ... bitte ... hier ist mein Glas, Exzellenz!«
Jetzt, mit bewaffnetem Auge, erkannte Maximiliane die dünnen, wie Herbstspinnweb über den Äckern hin eingenisteten Schützenschwärme, dahinten die großen dunklen, am Boden niedergeduckten Massen der Regimenter, hinter einem Hause, jedem Blick des Feindes entzogen, ein Stab -- ledige Pferde, Offiziere um einen mit Karten bedeckten Tisch, vorn, bäuchlings im Kartoffelkraut, ein Adjutant, das Fernrohr vor dem Gesicht -- wenn man schärfer hinschaute, wimmelte es auf einmal auf den Stoppeln hinter dem schwachen Dunst der Schützenlinie von Tausenden von bedächtig kriechenden Schnecken. Die Unterstützungstrupps schoben sich behutsam wie Indianer auf dem Kriegspfad vor. Über dem allen ruhte, unter dem bleigrauen Himmel, ein sonderbarer Schauer, ein atemloses Bewußtsein: wer nur eine Sekunde aufrecht steht und dem Feind das Antlitz zeigt, ist ein Kind des Todes ... ein Zweidecker flatterte wie ein großer, geängstigter Vogel über dem schweigenden Bild dahin, nach rückwärts, nach dem Hauptquartier. Der Generalstabsoffizier schirmte die Augen mit der Hand und beobachtete es.
»Donnerwetter -- der Aeroplan kam quer über den Odenwald! Alle Achtung! ... Das sind Nachrichten von unserem linken Flügel. Wenn der nur ordentlich um den Königsstuhl herumlangt und den Feind auf die Flanken drückt, dann kriegen wir hier vorne auch Luft. Ja, ich muß mich nun beurlauben! Empfehle mich gehorsamst, Exzellenz ...«
Maximiliane von Glümke schaute, nachdem der Major Eberwein sich wieder auf sein Pferd geschwungen, stumm in den finsteren, eintönigen Ernst des Kriegsbildes vor ihr. Es fiel ihr ein: So wie dieser Generalstäbler da, so würde auch Logow jetzt hier herumreiten und im Vaterland seine Pflicht erfüllen, statt fern überm Meer gleich einem Landsknecht in fremdem Sold und Dienst, und würde es seinen Vorgesetzten zu Dank machen und wäre wie früher ein Muster an Schneid und Eifer für die anderen, wenn ich nicht wäre! Ich hab' ihn von hier vertrieben. Ich bin der stete Stein auf seinem Wege! Der Gedanke erfüllte sie mit einer plötzlichen unendlichen Traurigkeit. Es mochte auch die Umgebung sein: der schweigende Himmel -- die schweigende Schlacht -- die schweigenden Tausenden da auf der Erde -- alles so seltsam -- so unwahrscheinlich ... dann merkte sie: es war der Nachhall des Gesprächs mit ihrer Schwester gestern. Sie hatte der armen Strohwitwe so viel Trost gegeben, als sie vermochte. Aber ihr selber war zumut, als sei erst seitdem, seit diesen Worten im Walde, Erich von Logow ganz aus ihrem Leben weg, gestorben da drüben in Chile, gestorben für sie ...
Die anderen hatten sich neben dem Auto auf die Plaids gesetzt und frühstückten. Ihr Schwager, der biedere, lange, sommersprossige Pionierhauptmann, hob lachend und mit vollen Backen seinen Becher: »Prost, Maxe: die vierundfünfzigste Division macht's!« Sie lächelte dankbar. Sie dachte an ihren Mann. Sie fühlte sich plötzlich erlöst. Er war ja da. Sie hatte ihn, und er hielt sie. Er hatte sie nie gefragt, was hinter ihr lag. Sie verschlang die Hände im Stehen und schaute weich und traumverloren hinüber nach den fernen, rotschimmernden Sandsteinbrüchen von Heidelberg und weiter nach den Odenwaldshöhen, aus denen er jetzt seine Regimenter wie Ziethen aus dem Busch dem Feind in den Rücken führte und hoffentlich recht viel Ruhm und Ehre vor Majestät und der Armee errang ...
In der Nähe vorn entstand ein abscheuliches Rasseln und Knattern. Die Maschinengewehre traten in Tätigkeit. Man konnte deutlich sehen, wie da hinten in der Talsenkung die zweispännigen Wagen hielten, wie die Grauröcke die mörderischen Kugelspritzen Stück für Stück herabhoben, auf das niedrige Schlittengestell legten, es, paarweise auf dem Bauche rutschend, mit den Schultern in die Stellung schoben, wie dort das endlose Patronenband seitwärts abschnurrte und der Lärm der Mitrailleusen alles andere übertönte. Dabei war der Kanonendonner rechts immer stärker geworden. Dichte Rauchmassen ballten sich da zu weißen Wolken. Fernes Hurrageschrei erklang. Es schien, daß sich der Schwerpunkt des Treffens in den Neckar- und Rheinwinkel bei Mannheim hineinzog. Im Hintergrund ritt jetzt auch die Kavalleriedivision von vorhin in dieser Richtung ab. Die langen schimmernden Linien schaukelten im Trab. Die Trompeten schmetterten. Die prunkvollen Uniformen wirkten ganz unwahrscheinlich, wie Spiegelbilder vergangener Zeit, wie verklungene Reiterherrlichkeit von Hohenfriedberg und Roßbach, von Liebertwolkwitz und Mars-la-Tour, inmitten der Burentaktik, der wissenschaftlichen Nüchternheit einer modernen Schlacht. Otto von Ottersleben stand, die Hände in den Taschen des Automobilzivils und starrte tiefsinnig darauf hin. Sein Herz klopfte plötzlich: Da war die Lust der Waffen -- die alten Regimenter -- die deutschen Fürsten -- das Reich in Wehr -- und dazwischen er, ein Ottersleben, als Zaungast, als frühstückender Schlachtenbummler, und er sehnte sich wider Willen nach einem Gaul zwischen den Schenkeln, einem Säbel in der Faust, nach dem Brausen der Attacke, und dachte sich voll ärgerlichen Mißbehagens: Ich war doch eigentlich ein rechter Esel, daß ich im Frühjahr so über Hals und Kopf quittiert hab'!
»Otto! ... Otto!« rief eine helle Stimme. Maximiliane trat zu ihm, der Chinchillapelz hing ihr lose um die Schultern. Darunter leuchtete das Violett ihres Herbstkleides. Ein violetter Schleier umrahmte ihr blondes Haupt und flatterte mit den Zipfeln im Winde. Sie lachte -- von dem Trübsinnsanfall von vorhin schon befreit. Er war ihr Bruder. Aber auch ihm ging es beim Anblick dieser leuchtenden blauen Augen, dieser hohen, schlanken Gestalt durch den Kopf: Was ist sie doch für eine schöne Frau! ...
Neben ihr hielt der Major Eberwein auf seinem rauchend nassen Gaul und rief ihr aufgeregt zu: »Machen Sie, daß Sie nach Mannheim kommen!«
»Über den Neckar?«
»Wir gehen schon überall hinüber! ... Rot baut ab nach allen Regeln der Kunst! ... Sie müssen eine Mordsschweinerei von uns Blauen besehen haben -- da droben, auf ihrem rechten Flügel ... Nu bringen wir ihnen hier mit Macht die Flötentöne bei ... da sehen Sie doch nur ... da drüben bei Käfertal! ...«
Mächtige weiße Dampfwolken stiegen dort auf und überqualmten die Ebene. Man hörte keine einzelnen Kanonenschüsse mehr. Ein einziger ununterbrochener Donner rollte und brüllte aus den Schwaden, durch ihn das gellende, nervenrüttelnde Rattern der Kugelspritzen, das atemlose, tausendfache Hämmern der Magazingewehre, ganz von ferne, halb schattenhaft, ein gedämpftes Hurra aus unzähligen Kehlen -- irgendwo blies es: »Geht langsam vor!« -- Weithin widerhallten die Hörner: »Geht langsam vor! Geht langsam vor! Geht langsam und bedächtig vor!«
Der Generalstäbler schrie: »Sie kommen gerade noch zurecht! Der Kaiser und alle Fürsten sind schon vorhin durch Mannheim durch! ... Wie gesagt: Rot ist im Wurstkessel! ... Viel Vergnügen!«
Otto von Ottersleben drehte das Auto, beschrieb im Sechzigkilometertempo einen weiten Bogen hinten um die schwarzen Schlangen und Linien von Pickelhauben herum, die jetzt auf einmal, wie aus dem Boden gewachsen, wimmelten und tausendfach über alle Felder gegen Mannheim zogen, und raste nach kaum einer Viertelstunde über das Pflaster der pedantischen Stadt mit ihren sich unerbittlich rechtwinklig schneidenden Häuservierecken. Anfangs waren die statt mit Namen nur mit Buchstaben und Zahlen bezeichneten Straßen menschenleer. Aber bald wurden sie schwarz vom Gewühl. Eine Völkerwanderung strebte da hinaus ins Freie. Ganze Reihen von Automobilen schossen dahin, mit ihnen die Equipagen reicher Fabrikherren -- Bauernwägelchen aus den Dörfern ... Taxameter ... Reiter, Radfahrer, Züge von Schuljungen unter Führung ihrer Lehrer, alles strömte in die Rheinebene ...