Part 15
Vor dem Dorf, wo sich eine mächtige Ebene sanft gegen Westen hin abböschte, hielt, von des Kaisers Hand entworfen, der heilige Michael mit flammendem Schwerte auf hohem Denkmal Wacht. Ein junger Infanterieoffizier stand unter ihm, den Blick geradeaus, in die Betrachtung des Schlachtgeländes versunken. Man konnte aus seinen Zügen die Empfindung lesen, die jeden Militär an diesem Ort übermannte: ›Welch eine furchtbare Stellung -- die der Franzosen am 18. August ...‹
Außer ihm war niemand da. Die Züge des Generals von Glümke verdüsterten sich. Er galoppierte ungestüm heran. Zum Glück hatte er wenigstens auf den Achselstücken des Leutnants die Nummer 244 erkannt. Er hob leutselig die Hand zur Mütze.
»Morgen, Herr Kamerad! Haben Sie vielleicht hier irgendwo Ihren verehrten Oberst gelassen?«
»Zu Befehl, Exzellenz! Der Herr Oberst kommt dort eben!«
Der Offizier trat an das Pferd heran und stand dienstlich da.
»Gestatten Euer Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst vorstelle: von Gesierowski, Regimentsadjutant.«
»Danke sehr! ... Glümke!« Der Generalleutnant verbeugte sich leicht und ritterlich im Sattel. Und schaute dann vor sich, über die weiten Felder hin. Er kannte längst dies Bild. Und doch ergriff es auch ihn immer wieder aufs neue. Hier, über diese völlig kahle, schutzlose Fläche war die Garde zum Sturm auf St. Privat vorgegangen. Es war nicht nötig, daß man das Generalstabswerk im Kopf hatte. Man brauchte nur seine Augen aufzumachen, so sah man die Angriffsrichtung all der Regimenter: denn jeder Truppenteil hatte seine Grabmale auf der Spur seines Vorwärtsdringens zurückgelassen. Die ganze Ebene war mit Denksteinen, Marmorkreuzen, bronzenen Adlern, Erdhügeln übersät, und all diese Linien liefen, von fernher im Halbkreis angesetzt, unerbittlich, wie von einem unsichtbaren, todesmutigen Willen getrieben, auf die paar Häusergruppen des ärmlichen lothringischen Grenzdorfs hier oben zusammen.
Nichts rührte sich auf dieser blutgetränkten Erde, durch die schon längst wieder der Landmann friedlich seine Pflugschar lenkte und die Schafherden auf den Stoppeln weideten. Nur ein paar Gestalten bewegten sich langsam auf St. Privat zu. Olaf von Glümke erkannte den Oberst von Ottersleben. Er führte Frau Torwart, die vom Grabe ihres Vaters kam. Hinter ihnen schritt, den Rock wegen des Taues gerafft, sich ernst nach rechts und links umschauend, ein großes, schlankes, blondes Mädchen. Wie das Bild des Lebens selbst ging sie, in ihrer Jugend, im Sonnenschein, in der Frühe des Morgens, zwischen den Gräbern. Sie lachte, als sie den General sah, der vom Pferd gesprungen war, den Oberst begrüßte und sich seiner Begleiterin vorstellen ließ, und sagte, ihm die Hand schüttelnd, ehrlich: »Gott ... Exzellenz ... Sie sieht man aber doch auch überall!«
Er scherzte ebenso.
»Morgenstunde hat Gold im Munde, Fräulein Maxe! ... Sonst hätt' sie mich nicht heute durch Zufall gerade hierhergeführt!«
Sie erwiderte nichts. Er ahnte, was sie sich dachte: ›Als ob du nicht gewußt hättest, daß wir heute hier heraus wollten und wann der erste Morgenzug von Metz nach Pagny geht. Da war's kein Kunststück, uns hier beinahe auf die Minute zu treffen!‹ ... Sie schaute zur Seite und klopfte zerstreut den Hals seines Rappen, der von Schweiß metallisch glänzte, und hörte neben sich die erläuternde Stimme ihres Onkels: »Sehen Sie -- drüben, gnädige Frau, gegen den äußersten rechten Flügel der Franzosen, kam des Abends der Kronprinz von Sachsen und entschied durch seine Umgehung die Schlacht. Gottlob, wir hatten den Tag über keine rechten Geschäfte gemacht! Zugleich mit ihm erschienen dort auf der anderen Seite in letzter Stunde auch noch die Pommern!«
»Nun, haben Sie auch was profitiert, Fräulein Maxe?« forschte der General von Glümke. Sie nickte nur. Sie war jetzt ganz befangen. Das plötzliche Ahnen einer nahenden Entscheidung legte sich ihr auf die Seele. Er stand dicht neben ihr. Er erklärte ihr in seiner frischen, lebhaften Art: »Da bei den Pappeln, Fräulein Maxe, gar nicht weit von hier, ist die französische Grenze. Ein paar Jahre nach dem Krieg war hier Manöver. Da ritt unser alter Kaiser Wilhelm von dort herüber quer über feindliches Terrain! Er erfuhr erst hinterher, daß das Stück Land drüben im Frieden wieder an Frankreich gekommen war.«
Es war eine Pause. Maxe Ottersleben las mechanisch auf dem Sockel des heiligen Michael vor ihr die Inschrift: »Hier verlor das erste Garderegiment zu Fuß seinen Kommandeur, 38 Offiziere und 1066 Mann.« Die Zahlen sagten ihr nichts Neues. All die Familien, wie die ihre, die aus der Garde stammten, hatten hier Väter, Gatten, Brüder, Vettern liegen. Sie wandte den Kopf nach der von Glümke gewiesenen Richtung und sagte: »Also von dort kommen die Franzosen?«
»Ach -- wenn sie nur kämen!«
Es lag so viel ehrliche Ungeduld eines Kriegsmannes in diesem Stoßseufzer, daß sie lachen mußte. Er gefiel ihr in diesem Augenblick in seiner jugendlichen Kampflust. Er machte ein paar Schritte und zog den Rappen am Zügel hinter sich her.
»Ich muß dem Gaul ein bißchen Bewegung geben!« erklärte er. »Sonst erkältet er sich. Der Morgen ist frisch!«
Sie gingen beide langsam längs des Randes von St. Privat hin. Hinter ihnen trappelte und pustete das Pferd. Olaf von Glümke wies auf das Dorf.
»Das ist ja nun alles neu!« sagte er. »Sie können sich denken: das ganze unselige Nest war zuletzt bis auf die Grundmauern zusammengeschossen und niedergebrannt. Stellen Sie sich vor, daß abends gegen sieben Uhr über hunderttausend Menschen mit vierhundert Geschützen um die paar elenden Häuser rangen ... Deubel ja -- wurde hier gekämpft! ... Mein älterer Bruder war dabei. Mein Vater war zwei Tage vorher bei Mars-la-Tour gefallen. Mir Unglücksbengel fehlten daheim noch ein paar Jahre! ... Darüber könnt' ich mir jetzt noch die Haare ausraufen! Denn seitdem ist die Welt ja blödsinnig friedlich geworden!«
Sie hatten das Ende der Gehöfte erreicht. Er blieb stehen, ziemlich weit von den anderen entfernt.
»Aber schließlich müssen wir eben sehen, Fräulein Maxe ... wie wir uns in dem faulen Frieden einrichten! ... Ich bin so froh, daß ich Sie mal wiederseh'! ... Ich denk' oft an Sie!«
Das junge Mädchen wurde etwas blaß.
Er fuhr fort: »Wissen Sie, daß ich manchmal ganz plötzlich über meinen Akten, als Divisionskommandeur und Gerichtsherr und was weiß ich, mir an die Stirne fasse und mich frag': Herrgott -- was wird denn nu schließlich mit ihr?«
Sie legte das Haupt in den Nacken.
»Warum zerbrechen Sie sich denn meinen Kopf, Exzellenz?«
»Da haben wir wieder die Exzellenz!« sagte er gottergeben. »Es ist furchtbar! Das ist Ihre letzte Waffe, daß Sie mir die Exzellenz zu Gemüte führen! ... Nee, aber im Ernst ...« Er wurde heftig. »Kind ... wo soll denn das hinaus? ... Haben Sie's denn nicht schon selber dick, so in der Welt herumgeschubst zu werden wie ein Postpaket -- mal in Berlin beim Schwager, mal in Straßburg beim Onkel, mal in Darmstadt bei Muttern -- so als ob niemand Sie recht brauchen könnte. Und aus Ihnen läßt sich doch so viel machen ... gerade aus Ihnen ...!«
Maxe Ottersleben stand mit festgeschlossenen Lippen. Es war jetzt schon morgenwarm um sie geworden. Die Sonne schien heiß. Tiefblau spannte sich der wolkenlose Herbsthimmel. Olaf von Glümke rang, die Zügel über dem Ellbogen, in seiner Aufregung die Hände.
»Maxe ... ist Ihnen dies Zigeunerleben nicht gräßlich? Ist Ihnen das nicht zu viel, immer nur zu Gast zu sein bei anderen Menschen? Möchten Sie denn nicht lieber die Füße unter den eigenen Tisch strecken?«
»Das möchte jeder ... wenn er's eben kann!«
»Ja, warum heiraten Sie eigentlich nicht? ... Verzeihen Sie die Frage! ... Sie brauchen nicht so ein frostiges Gesicht zu machen! Ich hab' natürlich nicht das Recht dazu! ... Aber alle Welt wundert sich darüber!«
»Wenn die Leute nichts Gescheiteres zu tun haben ...«
Neben ihnen begann die Stute friedlich auf dem immer noch nassen Boden zu grasen. Olaf von Glümke bemerkte das mit Mißfallen und riß sie an der Trense in die Höhe. Dann fuhr er gedämpft fort: »Sie haben doch natürlich schon Anträge genug gehabt, Fräulein Maxe ... nicht wahr?«
»Ich! ... Ich hab' doch kein Geld ...«
»Ach ... reden Sie doch nicht! Jemand wie Sie ... das weiß ich besser! Sie haben also Ihre Gründe gehabt, weswegen Sie nicht ... Gut! ... Ich ehre das alles! Ich forsche nicht nach! Es ist mir heilig! ... Aber sehen Sie, Maxe: Sie müssen doch auch an Ihre Zukunft denken und nicht nur an Ihre gegenwärtige oder vergangene Stimmung ...«
Maxe von Ottersleben schwieg. Aber sie hörte doch zu. Hörte geduldiger zu, als er gehofft hatte. Er war auf mehr Herbheit und Trotz gefaßt gewesen. Nun schien sie ihm eher weich, beinahe ängstlich. Seine Zuversicht stieg. Er wurde eindringlich.
»Von solch einer Stimmung können Sie nicht leben, wenn's mal zu spät geworden ist! ... Sich der so hinzugeben, ist ein Luxus, den Sie teuer bezahlen! ... Den Sie einmal bereuen müssen! ... Vielleicht haben Sie sich in ruhigeren Stunden das alles schon selbst gesagt! ... Nein: Antworten Sie mir jetzt nichts! Ich bitte darum! ... Ich will Sie nicht noch einmal überfallen! Ich hab' von damals gerade genug ... Der heutige Tag ist noch lang ... Ich werde Sie am Abend etwas fragen ... Sie haben vollauf Zeit, es sich zu überlegen, Fräulein Maxe ... Jetzt können wir doch nicht weiter reden. Da kommen Ihre Leute ...«
Er ging wohlgelaunt dem Oberst von Ottersleben entgegen und seiner Begleitung und küßte Frau Oberstleutnant Torwart, einer schmächtigen kleinen Dame, die noch in Gedanken an ihren Vater Tränen in den Augen hatte, die Hand.
»Ich bitte, mich jetzt beurlauben zu dürfen, gnädige Frau! Aber nur mit einer Bitte an die Herrschaften alle ... Ihr Zug nach Straßburg geht doch erst gegen Abend! Seien Sie, bitte, vorher zu Tisch meine Gäste ...«
»Ich weiß aber wirklich nicht, Exzellenz ...« begann Herr von Ottersleben.
General von Glümke legte ihm, schon im Sattel, die Hand auf die Schulter: »Nee -- nee, mein bester Oberst! Das ist abgemacht! ... Nicht wahr, gnädige Frau? Fräulein Maxe hat auch nichts dagegen! ... Also auf Wiedersehen um fünf!«
Er wartete keine Antwort ab, jagte im Galopp davon. Er saß prachtvoll im Sattel, hochaufgerichtet, ungezwungen, mit langen Bügeln.
Oberst von Ottersleben schüttelte den Kopf.
»Ja, Herrschaften, so 'ne Einladung ist ein halber Befehl. Das hilft nu nichts!«
Neben ihm stand Maxe und sah stumm dem Reiter nach, der in der Entfernung zwischen den zerstreuten Gräbern des Totenfeldes immer kleiner und kleiner wurde und schließlich in einer Talsenkung gegen den Bois de la Cusse hin verschwand.
Er jagte blind dahin, eine Weile so dicht längs der Grenze, daß er jenseits auf dem Feldweg den Dreispitz eines französischen Gendarmen auf kaum hundert Schritt Entfernung sah, durch ein Dorf, rechts der rot-weiß-blaue, links der schwarz-weiß-rote Pfahl, schwarze Elsässer Flügelhauben, grüne Zolluniformen, preußische Pickelhauben in der sonnenflimmernden Weite und da sein Haus in Montigny. In dem angekommen, schickte er ein paar Zeilen an seinen Generalstabsoffizier und dessen Frau und an seinen Divisionsadjutanten mit der Einladung, heute nachmittag auch seine Gäste zu sein, zündete sich eine Zigarre an und atmete auf. Uff! Nun war der Stein im Rollen. Wenn man nur eine Ahnung hätte, ob er die rechte Richtung einschlug. Olaf von Glümke setzte sich, streckte die bespornten Beine weit von sich und nagte tiefsinnig an dem blonden, leise angegrauten Schnurrbart. Im Spiegel drüben sah er sein verwegenes, vom Ritt gerötetes Gesicht. Aber auch die vielen kleinen Fältchen in dessen gesunder Frische. Nun -- er war kein Jüngling mehr -- und sie wurde sechsundzwanzig. Frage: was war bei ihr heute stärker: Kopf oder Herz? Das mochte der Kuckuck im voraus wissen! ... Er stand wieder auf und fuhr sich mit der Hand zwischen Hals und Kragen. Er war doch wahrhaftig ein Kerl, der den Deubel selber am Schwanz zupfte, wenn es gewünscht wurde, aber jetzt hatte er Angst -- lächerliche Angst, vor einem neuen Korb. Und dann sein altes Gottvertrauen: diesmal wird's schon werden ...
Als die Gäste kamen, hatte Exzellenz von Glümke wieder ganz seine weltmännisch sorglose Haltung. Er zeigte ihnen, ehe es dunkel wurde, Haus und Hof, Stall und Park. Da waren die Köter: Bob, der Foxterrier, Pluto, der sanftäugige Vorstehhund, Herr Meier, der Hanswurst und Teckel, mit seinem griesgrämigen Spitzbubengesicht. Und da die Hühner! Sie waren schon schlafen gegangen. Aber er lockte sie durch eine Handvoll Körner, die er sich im Stall aus der Haferkiste holte, wieder von der Leiter. Maxe Ottersleben mußte lachen: ein preußischer General, der Hühner fütterte! Aber er tat es so unbefangen, mit sachlichem Ernst, er erinnerte hier in Hof und Feld, zwischen seinem Getier, so sehr, nicht an einen Würdenträger, sondern an einen einfachen frischen Landedelmann, daß er ihr dadurch menschlich näherrückte, ihr geradezu gefiel. Und er selber hob den Kopf von der Spielerei mit dem Geflügel und nickte ihr zu: »Sie sehen, Fräulein Maxe: ich hab' schon alle häuslichen Tugenden. Ich bin ein Mensch wie ein Kind ...«
Dann führte er die Herren zu seinem kleinen Pistolenschießstand. Es gab etwas ganz Besonderes zu sehen: eine neue Art von Aufsatzspiegel für eine Birschbüchse, die alles Bisherige übertraf. Gerade jetzt, im Zwielicht, ließen sich die Vorzüge des Apparats erkennen. Die Offiziere, alle leidenschaftliche Jäger, umdrängten ihn. Sie stritten und zielten mit ungeladenem Gewehr in die Dämmerung hinein ... Den Damen war es zu kalt geworden. Sie suchten das Haus auf. Nur Maxe Ottersleben stand noch für sich allein, etwas abseits, in dem kleinen Park. Das feuchte Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen. Ein schwerer, würziger Hauch stieg aus ihm empor. Vor ihr ging die Sonne unter, dort drüben, im nahen Frankreich. Als glühende Purpurscheibe leuchtete sie, blutige lange Schatten werfend, zwischen den Stämmen. Die erschienen dagegen tiefschwarz. Weiße Nebel umspannen sie, rieselten in leisem Tropfenfall -- es war ein Herbstabend wie andere und doch für sie eine unheimliche, atembeklemmende Stimmung und Stille. Sie wußte: nun kam die Entscheidung ...
In einem neuen Anfall der Hilflosigkeit, die sie seit vierzehn Tagen, seit der Rückreise von Berlin, gelähmt hielt, dachte sie sich: Ich bin so einsam. Ich bin so schwach. Viel schwächer, als ich mir einbildete. Das Zusammentreffen mit Logow hat es mich gelehrt. Seit er es gesagt hat, daß er mich ... Das ausgesprochene Wort hat solch eine furchtbare Macht! Es wird zum Herrn, nicht nur des Mundes und Menschen, der es sprach -- nein -- auch des anderen, der es hörte, wider Willen hören mußte, wie ich! Jetzt ist mir, als gehörte ich zu ihm. Und darf doch nicht. Und will doch nicht! ... Und sträube mich dagegen mit allen Fibern meiner Seele und fürchte mich doch jetzt schon vor der Macht der Stunde, die uns einmal wieder zusammenbringen kann und zusammenbringen muß. Ich brauche eine starke Hand, die mir hilft -- die mich hält ...
Sie trat noch weiter in das vom Abendrot purpurschwarz flimmernde Gehölz hinein, blieb wieder stehen und sagte sich: Ich brauche einen Boden unter den Füßen, eine Pflicht vor den Augen, einen Zweck im Leben. Wenn ich den habe, dann kann ich vielleicht auch wieder froh werden! Ich war's seit Jahren nicht. Ich möcht' es so gern. Ich möchte mein Dasein genießen wie die anderen. Und wenn es auch nicht das Glück ist -- du lieber Gott, wo ist überhaupt das Glück? ... mein Glück? ...
Ihr Herz stand still. Sie sah vom Haus aus durch das Abendgrauen den General von Glümke auf sich zukommen. Er hatte die Herren hineingebracht und ging, um sie zu suchen. Sein scharfer Blick hatte sie schon erkannt. Er näherte sich ihr rasch und elastisch, hoch aufgerichtet, mit bloßem Kopf. Es war Freudigkeit, Werben in seinem Wesen. Selbstbewußtsein. Er erschien ihr in diesem Augenblick, wo man trotz der Dämmerung den leisen Silberglanz auf seinem blonden Scheitel sah, älter als sonst. Aber gerade das gab ihr ein unerklärliches Zutrauen.
Er blieb vor ihr stehen und sagte: »Ich hab' die Gesellschaft drinnen verstaut! Ein paar Minuten haben wir Zeit. Aber lange nicht ...«
Dann nach kurzem Schweigen: »Fräulein Maxe! Sie wissen natürlich genau, was ich Sie fragen will! Haben Sie es sich überlegt, den Tag über?«
Sie fing heftig an zu zittern.
Er fuhr fort: »Sonst ... noch einmal dränge ich Sie nicht! Ich will gern warten, bis Sie mit sich ins reine gekommen sind!«
Er harrte, ob sie sich Bedenkzeit ausbitten würde. Als sie stumm blieb, meinte er: »Fräulein Maxe ... Sie sind inzwischen doch auch ein paar Jahre älter geworden! Sie haben Ihren Vater verloren. Sie haben kein Elternhaus mehr. Sie haben den Ernst des Lebens erkannt. Sie haben gewiß in dieser Zeit doch auch mehr als einmal gefühlt, wie einsam man sein kann! ... Sie haben sich gewiß manchmal nach irgendeinem Menschen gesehnt, der es gut mit Ihnen meint. Sie brauchen doch Schutz und Schirm ...«
Es war beinahe dasselbe in seinen Worten, was ihr vorhin die eigenen Gedanken gesagt hatten: das Sich-Flüchten zu einem, bei dem man geborgen war. Sie konnte sich nicht helfen: sie brach plötzlich in Weinen aus. Da merkte er, daß er sein Spiel gewonnen hatte. Er faßte im Halbdunkel ihre Hände und zog sie zu sich heran und sagte: »Und Sie haben doch Ruhe und Frieden und Liebe so nah, Maxe! ... Wenn Sie nur wollen ...«
Drinnen in dem Hause, dessen Fenster hell in die Nacht hinausschimmerten, stockte allmählich das Gespräch zwischen den Gästen. Der Oberst von Ottersleben in seiner Ahnungslosigkeit wurde unruhig. Er stand auf. »Ich muß doch mal sehen, wo unser verehrter Festgeber eigentlich steckt!« sagte er, »und meine Nichte auch!« Zugleich lachte die am Fenster sitzende junge Frau des Generalstabshauptmanns.
»Sie marschieren ja schon die ganze Zeit vor dem Haus auf und ab und erzählen sich was! Arm in Arm!«
»Wer?«
»Exzellenz und Fräulein von Ottersleben! Da sind sie ja!«
Die Tür ging auf. General von Glümke stand triumphierend, mit blitzenden Augen auf der Schwelle.
»Meine Herrschaften! Gestatten Sie: Meine Braut!«
Einen Augenblick war alles sprachlos. Dann entstand ein Durcheinander. In ihm die Stimme des Obersten: »Na, das ist allerdings eine Überraschung!«
General von Glümke schlug ihn auf die Schulter: »Aber 'ne famose! Was? Ich bin so glücklich! Ich möcht' gleich in die Luft springen!«
Er strahlte und wandte sich an Maxe: »Und gefackelt wird nicht? ... Nicht wahr? Wir heiraten gleich. In acht Wochen bist du Exzellenz!«
12
Aus der Ferne hätte man glauben können, es bellte nur ein einziger, atemloser, riesengroßer Hund durch das herbstliche Schweigen des Waldes. Jetzt, als die Meute in den Anfang der langen Schneise einbog, sah man: es war ein Dutzend Koppeln, vierundzwanzig schwarze Nasen streiften im Dahinschießen das betaute Gras mit der Spur des hindurchgeschleiften Fleischsackes, vierundzwanzig Kehlen wiesen kläffend dem roten Jagdfeld hinter ihnen den Weg, an dessen Spitze der Master galoppierte, mit langer sausender Holzpeitsche das Rudel zusammenhaltend und darüber wachend, daß nicht Roß noch Reiter an ihm vorbeizog und ein achtloser Pferdehuf das kostbare Hundsgebein schädigte.
Der Waldweg, durch den es dahinging, war schmal, zu beiden Seiten von Tannendickicht eingesäumt. Quer über ihn liefen in regelmäßigen Abständen die kunstvoll aufgebauten Hindernisse: eine Hürde nach der anderen. Die Hunde wälzten sich wie eine weiße, schwarz und braun gefleckte Welle darüber hin. In ihr Gejanke klang von hinten der dumpfe Hufschlag. Gaul auf Gaul schnaufte und flog. Und der Generalleutnant von Glümke, der ganz vorn, dicht hinter dem Master, neben dem Onkel seiner Frau, dem Husarenmajor Freiherr von Koninck, ritt, schrie dem lachend durch den Wind zu: »Heute muß die Gesellschaft Farbe bekennen! Sonst mach' ich's immer so, daß die schwächeren Elemente um die Hindernisse herumreiten können. Aber am Hubertustag gibt's kein Pardon!«
Sie waren aus dem Wald hinaus. Die Fährte bog jäh nach rechts, über freies Stoppelfeld. Ein Graben war davor am Wege: beide nahmen ihn, und im gemächlichen Weiterkantern frug der Husar: »Wie lange besteht euer Schleppjagdverein?«
»Das war mit mein erstes, ihn zu gründen, wie ich vor anderthalb Jahren meine Division wechselte und die vierundfünfzigste hier bekam!« sagte Olaf von Glümke. »Drunten im Reichsland ... da ist's ja nichts damit, überall Tabak, Spargel, Hopfen, Wein ... Da könnte man jede Minute stoppen und mit den Wackes den Flurschaden berechnen. Hier, auf unseren ollen ehrlichen Kartoffeläckern hat man doch im Herbst die Ellbogen frei!«
Er streifte sich im Dahinreiten einen Erdbrocken von der Backe, den ihm der Huf vom Gaul des Masters vor ihm ins Gesicht geschleudert. Der Generalleutnant Olaf von Glümke war in den zwei Jahren seiner Ehe nun doch ergraut. Aber es stand ihm vortrefflich: zu dem rosigen Hauch des Gesichts, dem feurigen Blau der Augen dieser silberne Schein. Er verband jetzt Schneidigkeit mit Würde. Wie er da mit seiner straffen Rassegestalt, im roten Frack und hohen Hut, zu Pferde saß, wirkte er wie ein vornehmer Herr, ein Großer des Landes, der vor seinen Gästen meilenweit über eigenen Grund und Boden dahinjagte.
Der Freiherr Wilderich von Koninck war nur zu Besuch von seiner Garnison herübergekommen. Er wischte sich, die Zügel in der Linken, den Schweiß von dem rötlichen, vom Monokel überglitzerten Weingesicht.
»Also bist du mit deinem Garnisonstausch zufrieden?« rief er durch den Heidenlärm der Hunde.
Olaf von Glümke nickte. »Erstens hab' ich da nicht zu fragen, sondern geh dahin, wo's der Allerhöchste Herr befiehlt. Und zweitens: wenn ich meine Frau hab', meine Pferde und meine Division, dann kann mir der Rest der Welt überhaupt gestohlen werden!«
Sie mußten stoppen. Das Gelände war auf eine Strecke hin zu miserabel. Hinter ihnen kam die Jagd heran. Das weite Ackerfeld war rot von Fräcken und bunt von Uniformen. Rappen und Füchse, Braune und Schimmel stürmten um die Wette. Es waren an die vierzig Reiter, zwischen ihnen auch einige Damen. Der General strahlte plötzlich. Er wies auf Maximiliane, die auf einem hochbeinigen, kastanienfarbenen irischen Hunter unter den vordersten Herren die sanft abfallende Fläche heraufgaloppierte, die schlanke Gestalt elastisch im Sattel gebogen, den blonden Kopf gegen den Wind geneigt, die Wangen unter dem Schleier von der Herbstluft gerötet.
»Nu sieh dir mal die Maxe an! Hand aufs Herz, alter Schwede: ist sie nicht einfach famos?«
Wilderich von Koninck, der graue Junggeselle, mußte über den verliebten Ehemann lachen. Aber innerlich gab er ihm recht: die junge, blonde, rotbefrackte Exzellenz im Sattel da hinten war eine entzückende Frau.
Olaf von Glümke ließ das Auge nicht von ihr, voll Stolz: »Und wie sie reitet! ... Furcht kennt sie nicht! Vor zwei Jahren, wie wir heirateten, da hatte sie noch nie im Sattel gesessen. Du weißt: ihr Vater, der olle Ottersleben, war nicht sehr für die Gäule! Der hielt's nur mit dem Schießen! Aber sie hat's spielend nachgelernt.«
Sie konnten jetzt schon wieder traben. Die Hunde waren unsichtbar. Man hörte sie nur hinter einem dicken Buschwald. Die ganze Gegend war voll Hecken und eingeschnittene Bäche.
»So ungefähr sah das Vergnügen in Lothringen aus!« sagte Olaf von Glümke zu dem Husaren. »An sich ist's ja eine Ehre, in Metz auf Vorposten zu stehen! ... Aber 's war für mich auch noch ein besonderer Grund, der mir das Scheiden erleichterte: mein Schwager Logow! Du weißt: den haben sie bald nach meiner Heirat doch als Hauptmann und Kompaniechef in so ein verfluchtes lothringisches Grenznest versetzt! ... Da sitzt der Mann nun -- in einer Gegend, in der sich tatsächlich Fuchs und Wolf gute Nacht sagen!«
»Ein verfluchter Sprung -- vom Generalstab in Berlin!«
»Na ... sollte sich lüften! ... Macht auch nichts! ... Eine Weile Frontdienst tut immer gut. Ich bin auch Frontsoldat. Ich möchte jetzt noch beinahe heulen, wenn ich mich hinsetzen und Berichte schreiben muß. Aber glaubst du, der Logow oder seine Frau hätten je in den vier Monaten, die ich nach unserer Hochzeitsreise noch in Metz war, den Weg zu uns gefunden? Oder sonst was von sich hören lassen?«
»Nanu?«
»Schnitten uns! Schnitten uns nach allen Regeln der Kunst! Was wir ihnen getan haben, wissen die Götter. Schließlich: er war ja nicht in meiner Division. Aber ich bin General und er Hauptmann. Man kam sich schon ganz dumm vor, wenn man nach den sonderbaren Leuten gefragt wurde!«
Olaf von Glümke schüttelte sich, mit einer flotten Kopfbewegung, die ganze Geschichte aus dem Sinn. Wozu auch Grillen fangen? Über einem war der Himmel blau, die Mittagsonne vergoldete heiß die Heide, dort bellten die Hunde, da war seine Frau, das Leben war so schön! Er drückte sich die Hutkrempe fester in die Stirne und sprengte wieder zum Galopp an.