Part 8
»Nun kann ich ruhig schlafen gehen,« sagte er. »Vorher schreib' ich noch das Gesuch. Oder schließlich: es hat ja noch bis morgen früh Zeit. Jetzt flimmert es mir so komisch vor den Augen. Da mach' ich heilig noch 'nen Fehler, und radieren darf man in so 'nem Dings doch nicht ...«
Er küßte seine Tochter, die in das Zimmer getreten war, und begab sich zur Ruhe. Das Ehepaar Logow sah sich, allein geblieben, stumm und besorgt an. Dann gab Ulla ihrer beider Gedanken Ausdruck und sagte: »Ein Glück, daß unter uns im Hause ein Arzt wohnt, falls Papa in der Nacht etwas brauchen sollte.«
Wirklich wurde der Doktor nach kaum einer Stunde heraufgeholt. Herr von Ottersleben war im Bett von einer schweren Ohnmacht befallen worden, die erst nach geraumer Zeit den belebenden Mitteln wich. Nun war er wieder bei sich und versicherte freundlich mit seiner stoischen Ruhe aus den Kissen: »Es ist nichts, Kinder, geht doch schlafen!« Aber der Arzt machte im Nebenzimmer eine bedenkliche Miene. Er meinte, als man ihn frug, es sei doch vielleicht angezeigt, die nächsten anderen Angehörigen bald zu benachrichtigen, und Erich von Logow sagte zu seiner Frau: »Ich fahre am besten jetzt gleich in die Französische Straße und telegraphiere an Mama und Maxe! Es ist jetzt dreiviertel elf. Da können sie noch den Nachtschnellzug benützen und sind morgen früh kurz vor sieben hier. Ich hole sie dann auf dem Bahnhof ab.«
Die Nacht, in der das Ehepaar Logow wenig Schlaf gefunden, und immer abwechselnd, auf den Fußspitzen schleichend, nach dem Vater gesehen hatte, verlief ohne Zwischenfälle. Das erste Morgengrauen dämmerte fahl über dem Häusermeer des Ostens, als der Hauptmann von Logow, den roten Kragen seines Mantels hochgeschlagen, in der bitteren Winterkälte harrend auf dem Bahnhof auf und ab ging, auf dem die farblosen Massen der mit den Vorortzügen kommenden Arbeiter seine leuchtende Uniform umströmten. Mißgünstig, mit Blicken finsterer Neugier, Menschen einer anderen Welt, schoben sie sich an dem Generalstabsoffizier vorbei. Er beachtete sie nicht. Er stand, die Hände in den Taschen, und schaute ungeduldig in das trübe Zwielicht hinein, in dem rot, grün und gelb, von fließenden Nebelkreisen umrahmt, die Hunderte von Lichtern des Bahnhofes funkelten. Und dann in der Ferne ein paar behutsam nähergleitende runde Feueraugen -- eine Dampfwolke -- der Zug hielt. Er erkannte an einem Fenster Frau von Otterslebens bleiches und übernächtiges Gesicht und half ihr heraus und hinter ihr Maximiliane, und selbst in diesem Augenblick der Aufregung und Sorge, während er, die eiskalte Hand seiner Schwägerin stützend in seiner behandschuhten Rechten hielt, und sie mit wirrem Haar, blaß von der Nachtfahrt, schweigend vom Trittbrett auf ihn niederschaute, selbst da mußte er an die Worte ihres Vaters denken, wie hübsch sie geworden sei. Das war nicht mehr der scheue unregelmäßige Reiz eines Mädchengesichts. Ihre Züge hatten sich ausgeglichen und veredelt. Sie ähnelte jetzt in ihrem hohen, schlanken Wuchs der klassischen Schönheit der Schwester -- nur daß sie ein lebender Mensch war und nicht eine müde Statue.
Sie sprachen wenig, in ihrer Unruhe, bis sie die Wohnung erreichten. Dort kam ihnen Ulla leise auf dem Flur entgegen.
»Gottlob -- es geht besser!« flüsterte sie.
»Schläft Papa noch?«
»Nein. Denkt euch nur: vorhin -- ich glaubte, mich rührt der Schlag, kommt er in Uniform ins Zimmer, als ob gar nichts wäre! Er ist heimlich in aller Frühe aufgestanden und war auch nicht dazu zu bringen, sich wieder hinzulegen. Er habe jetzt zu tun, sagte er. Er hat sich aus Erichs Schublade Papier geholt. Er sitzt drüben und schreibt ...«
Vorsichtig näherten sie sich der Tür und öffneten sie, da auf ihr Klopfen kein ›Herein‹ erklang, und Ulla raunte: »Nun ist Papa glücklich wieder eingeschlafen! Ich dacht' es mir doch!«
Der Oberst von Ottersleben saß in voller Uniform in den Stuhl zurückgelehnt vor dem Tisch. Das Morgenlicht umspielte sein feines, müde nach vorn gesunkenes Haupt. Er rührte sich nicht, auch als sie in die Nähe kamen, ihn leise anriefen. Sie sahen sich erschrocken an. Der Arzt von unten war ihnen gefolgt. Er drängte sich an ihnen vorbei und beugte sich zu dem Schlummernden nieder. Eine bange Minute verstrich. Dann richtete er sich empor und sagte sehr ernst: »Seien Sie gefaßt: der Herr Oberst wacht nicht mehr auf!«
Es war ein tiefes Schweigen. Der Oberst von Ottersleben saß ruhig in seiner Uniform. Vor ihm, auf dem Tisch, lag das fertige Abschiedsgesuch an seinen Kriegsherrn.
6
Zwei lange Trauerflore wehten im Wind. Von dem trüben, noch ganz winterlichen Märzhimmel Berlins sanken vereinzelte Schneeflocken auf sie nieder, umspielten die beiden schwarzgekleideten Frauengestalten, übersilberten den etwas eingesunkenen, mit vergilbten Kränzen überhäuften, vorläufigen Grabhügel. Frau von Ottersleben hielt ihr Tuch vor dem Gesicht und weinte leise. Maximiliane stand neben ihr. Auch sie hatte feuchte Augen. Stumm schaute sie während des Schluchzens der Mutter vor sich hin -- auf die kahlen Bäume, die bereisten Leichensteine, die aufgeweichten Kieswege. Drei Wochen waren nun schon vergangen, seit man Papa hier zur Ruhe gebettet. Ringsumher war alles voll gewesen von Uniformen -- das halbe Offizierkorps der Hundertachtundachtziger -- Generalstäbler, Grenadier-, Artillerie- und Pionieradjutanten mit Kränzen, aus den Truppenteilen der Söhne und des Schwiegersohns -- die Husaren des Schwagers -- Lichterfelder Kadetten -- draußen die Bataillone der Leichenparade -- Massen von Neugierigen -- nun war das alles schon verweht und halb vergessen, die Welt ging ihren Gang -- vor den Gittern des Friedhofs hörte man den dumpf brausenden, millionenfachen Atem von Berlin. Fern in der Provinzstadt führte ein anderer das Infanterieregiment Burggraf Friedrich von Nürnberg. Die Witwe seufzte und schob sich den vom Wind zerzausten Schleier zurecht.
»Wir wollen gehen, Maxe!« sagte sie. »Es zieht hier furchtbar. Da hat sich auch Ulla die Erkältung geholt, neulich ...«
Ulla von Logow hatte sich am Tage nach dem Begräbnis ihres Vaters mit einer schweren Grippe legen müssen. Jetzt war keine Besorgnis mehr. Aber sie hustete immer noch, und der Arzt ließ sie nicht aus dem Zimmer. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, gingen lange schweigend durch die freudlosen Straßen des Berliner Nordens in der Richtung nach der Spree. Frau von Ottersleben verschluckte wieder Tränen.
»Ach, Kind ... Mir ist's immer noch wie ein Traum ... Wie wir jetzt wieder daheim waren in der leeren Wohnung, wenn sich was rührte, lag es mir auf den Lippen, zu rufen: ›Thilo ...‹ Ich dachte, es ~müßte~ Papa sein! ... Sonst sieht man doch ein Unglück kommen. Man hat Zeit, sich vorzubereiten. Aber so auf einmal, über Nacht ... Papa hat mir kaum ordentlich adieu gesagt, wie er nach Berlin fuhr. Und es war das letzte Mal ...«
Ihre Augen waren naß. Sie nickte trübe.
»Ich bin froh, daß wir nun drüben in der Garnison mit allem fertig sind und nie wieder hinkommen. Ich hab' es gestern kaum mehr erwarten können bis zur Abfahrt. Mir war die Wohnung schrecklich, ohne Papa ... mit all den Erinnerungen ...«
»Es war immerhin ein Glück, Mama, daß wir die Wohnung haben gleich an den neuen Oberst weiter vermieten können und die Pferde gut verkaufen und alles ...«
»Ja. Das schon!« sagte die Witwe, während sie beide die weite, windüberpfiffene, unwirtliche Fläche vor dem Lehrter Bahnhof durchquerten. »Aber was nun? ... Jetzt sitzen wir hier in Berlin wie Schiffbrüchige auf einer Insel. Ewig können wir in dem Charlottenburger Hospiz nicht bleiben. Es ist auch zu teuer, Kind!«
»Ja, Mama -- da mußt du dich nun entscheiden!«
Frau von Ottersleben schüttelte mutlos den Kopf.
»Ach ... ich kann nichts entscheiden, Maxe! Quält mich nicht. Immer hat dein guter Papa für uns vorgesorgt. Ich muß mich erst daran gewöhnen, daß ich auf einmal allein stehe und mir selber sagen muß: ›Tu das und tu jenes!‹ Ich glaub', ich ziehe schließlich doch nach Darmstadt! Was meinst du?«
»Mir ist alles recht, Mama!«
»Aber jetzt noch nicht, Maxe! ... Ich muß erst zu mir kommen. Der Gedanke an einen Umzug mit Möbeln, Wohnungmieten, fremde Gesichter -- das ist mir jetzt schrecklich. Ich brauche vor allem Ruhe und Pflege und ein bißchen Liebe. Ich möchte am liebsten vorläufig zu den Grotjans nach Thorn. Dorle und ihr Mann schreiben mir immer so nett und herzlich ...«
»Und ich, Mama? Für mich haben sie nicht auch noch Platz.«
»Ich dachte mir, du bleibst inzwischen hier, bei den Logows, bis wir uns endgültig zu etwas entschlossen haben. Da hast du doch auch ein bißchen Ablenkung in Berlin und ...«
»Nein!«
Es klang so schroff, daß Frau von Ottersleben ihre Tochter verwundert ansah.
Die wiederholte: »Nein, Mama!«
Sie hatten die Alsenbrücke überschritten. Hinter ihnen ragte das Generalstabsgebäude. Die Witwe meinte: »Gerade wo er den ganzen Tag da über seinen Schreibereien sitzt und sie bis Mittag im Bett liegen muß, kannst du dich auch im Haushalt ein wenig nützlich machen, Kind!«
»Ich will nicht, Mama!«
»Ja ... ›ich will nicht‹ ... das ist leicht gesagt. Vergiß nur nicht: du bist Waise, und ich bin Witwe. Es ist nicht mehr wie früher, Maxe! Wir müssen uns nach der Decke strecken. Wir haben gerade knapp zu leben. Wir werden jeden Groschen umdrehen müssen. Was hast du denn gegen die Logows?«
»Gar nichts!«
»Nun also!«
Die beiden Damen schwiegen eine Weile, im Gehen. Dann versetzte Frau von Ottersleben aus ihren Gedanken heraus: »Du hättest heiraten sollen, Kind!«
»Das hast du mir schon oft erzählt, Mama!«
»Du hättest heiraten sollen, eh' dein guter Papa abberufen wurde. Da hätt' es sich leicht gemacht, gerade wie bei deinen Schwestern -- besonders, wo du in den letzten Jahren so auffallend hübsch geworden bist. Nun ist's viel schwerer.«
»Ich will auch gar nicht!«
»Ja, worauf wartest du denn nur? ... Wenn ich so denke ...: es waren doch wirklich in den beiden letzten Jahren so nette Leute da -- du hast dich rein an dir versündigt, Maxe! ... Noch diesen Herbst ... der Hauptmann von den Jägern ... So ein frischer, flotter Mensch! ... Der schöne alte Name! Da könntest du jetzt schon Majorin sein!«
Maximiliane von Ottersleben erwiderte nichts. Sie dachte sich: ›Wenn ich ~das~ gewollt hätte, dann wär' ich heute schon Exzellenz -- aktive Exzellenz -- hochgebietend und umschwärmt, da unten in Lothringen, wo der Generalleutnant von Glümke seine fünfundvierzigste Division führt, statt daß ich hier trübe in Schnee und Nebel gehe und mich schließlich noch nach einer Stellung als Gesellschafterin oder Reisebegleiterin umschau'!‹ In einer plötzlichen Aufwallung, einem Nachzittern dieser unfreiwilligen Opfertat, sagte sie unvermittelt und heftig: »Also ich geh' ~nicht~ zu den Logows, Mama!«
Sie waren vor deren Haus im Hansaviertel stehen geblieben. Frau von Ottersleben zuckte hoffnungslos die Achseln. Sie kannte den Dickkopf der Tochter.
»Schau wenigstens einmal auf einen Sprung hinauf, wie's steht!« bat sie. »Mir sind die drei Treppen zu viel! Ich bin so matt. Da fällt mir die Ulla so auf die Nerven. Ich geh' unterdessen voraus ins Hospiz! Auf Wiedersehen!«
Maximiliane von Ottersleben stieg leichtfüßig die vielen Stufen empor und trat in das Zimmer der Schwester. Die bleiche, brünette junge Frau lag auf einem Diwan, trotz der Hitze der Warmwasserheizung noch in ein Plaid gewickelt, ein weißes Kissen unter dem Kopf.
»Gott, Maxe!« sagte sie, ohne ein Zeichen von Freud oder Leid und reichte ihr im Liegen die Rechte. »Seid ihr wieder zurück nach Berlin?«
Das junge Mädchen nahm Platz.
»Ist's dir auch recht, daß ich da bin?«
»Gewiß!«
»Oder soll ich lieber gehen?«
»Wie du willst!«
»Ulla -- sei doch nicht so stumpfsinnig! Und was du für kalte Hände hast ...«
»Ich friere! Ich frier' immer, wenn ich mich langweile! ... Ich langweil' mich gräßlich!«
Die Jüngere zog ihr Jäckchen aus und hängte es über den Stuhl.
»Ein Hundewetter ist draußen!« sagte sie dabei.
»Das ist recht. Es soll nur tüchtig regnen. Ich bin auch nicht vergnügt!«
»Ulla, du bist wirklich in einer greulichen Verfassung!«
»Lieg du mal so den ganzen Tag! Und schau dir die Stuckdecke da oben an. Ich ärgere mich schon seit heute früh über das dumme Füllhorn in der Mitte!«
Maxe beugte sich vor und legte ihr die schmale Mädchenhand auf die Schulter.
»Nimm dich doch zusammen, alte Heulsuse! Schäm dich! Nächste Woche gehst du doch wieder aus und bist gesund! Da würd' ich mich doch freuen, an deiner Stelle!«
Aber Ulla blieb eigensinnig.
»Ach -- es ist ja ganz gleich,« sagte sie müde, »ob ich auf oder im Bett bin!«
Die Tür hatte sich geöffnet. Ihr Mann war, vom Dienst kommend, eingetreten. Er nickte Frau und Schwägerin zu, während er seine Aktenmappe mit Geheimdokumenten, die kein anderes Auge als das eines deutschen Offiziers sehen durfte, vor sich auf den Tisch legte. Das Antlitz Ullas belebte sich bei seinem Anblick nicht. Es war blutleer, von der Krankheit angegriffen. Tiefe blaue Schatten, die sie viel älter erscheinen ließen, unter den dunklen Augen. Und doch ging von ihrem Lager ein Hauch von Frische, von kalter Luft und Gesundheit aus. Maxe Ottersleben hatte ihn mitgebracht. Er haftete noch an ihren Kleidern, an ihrem Blondhaar, wie sie jung und elastisch, mit vom Gehen leichtgeröteten Wangen vor ihrer Schwester stand, die ihr altes Klagelied weiter spann, ohne sich viel um die Anwesenheit des Hausherrn zu kümmern.
»Es ist ja ganz gleich, ob ich gesund oder krank bin. Und ob ich so bin oder so. Es ist überhaupt alles gleich! Mir wenigstens!«
»Na, du bist ja wieder in einer netten Laune!« versetzte ihr Mann. »Siehst du, Maxe, so wird man nun empfangen, wenn man kaput vom Dienst heimkommt!«
Ulla achtete nicht darauf. »Das beste ist, wenn man schläft!« sagte sie zu ihrer Schwester. »Ich wollt', ich könnte den ganzen Tag schlafen. Und die Nacht auch!«
»Ach, du Faultier!«
»Es ist nicht Faulheit. Es ist nur, wenn man so gar nicht weiß, was man anfangen soll. Rat mir doch! Mir fällt nichts mehr ein!«
»Gräßlich!« sagte der Hauptmann und ging in das Nebenzimmer, um seine Papiere zu verschließen. Maxe gab ihrer Schwester die Hand.
»Na, Kopf hoch, Ullchen! ... Ich muß jetzt zu Mama. Adieu!«
Als sie sich im Flur vor dem Spiegel den Schleier umband, stand plötzlich Erich von Logow neben ihr, zog seinen Mantel an und sagte: »Ich bring' dich hinüber zum Hospiz, Maxe! Es wird bald schummerig. Da darfst du nicht allein durch den Tiergarten!«
Rasch kam in ihre Augen ein feindseliger Glanz.
»Ach, mich wird schon keiner stehlen!«
»Ich geh' aber doch lieber mit.«
»Es ist wirklich nicht nötig!«
Er wurde nervös.
»Gönn mir doch das bißchen frische Luft! Es ist ja nicht zum Aushalten da drinnen, mit dem ewigen Gejammer! ... Ich weiß nicht, was du eigentlich immer gegen mich hast, Maxe! ... Ich beiß' dich doch nicht!«
Sie schwieg. Sie hatte Angst, irgend etwas zu verraten, wenn sie noch weiter widersprach. Als sie miteinander die Treppen hinabstiegen, versetzte sie: »Du mußt Ulla nicht unrecht tun! Sie ist krank. Sie hat vor drei Wochen ihren Vater verloren ... Sie ist doch nicht immer so wie jetzt.«
»Ungefähr doch!« sagte er, und machte eine sonderbare Bewegung mit Kopf und Schultern, als wollte er sich eine unsichtbare Last von der Seele schütteln. Dann wechselten sie nur gleichgültige Worte im Gehen. Er blickte sie von der Seite an. Er sah die schlanke Neigung ihres Nackens im Kampf gegen den Wind, das Gekräusel der blonden Strähnen unter dem Schatten des dunklen Hutes, den herben Jugendreiz ihres Profils mit dem eigenwilligen Kinn hinter dem Trauerflor. Es fiel ihm ein, was ihm sein Schwiegervater wenige Stunden vor seinem Tod von ihr gesagt: Sie war wirklich ein schönes Mädchen. In Erinnerung an dies Gespräch hub er an: »Ich möchte mal ein vernünftiges Wort mit dir reden, Maxe ... Ich komm' ja sonst nie dazu! Du bist ja nicht festzukriegen. Also hör mal: Was sind denn nun so eigentlich deine Zukunftspläne?«
»Gar keine!«
»Du mußt dir aber doch irgendeine Vorstellung gemacht haben, was ...«
»Ach, sorg dich nur nicht um mich! Ich bin nicht wie die Ulla, daß ich mich hinsetz' und heule. Ich schlag' mich schon durch!«
»Aber etwas Bestimmtes hast du nicht im Sinn?«
»Nein!«
»Nun -- dann, liebe Schwägerin -- da du doch irgendwo bleiben mußt, bitte ich dich dringend und lade dich ein: komm vorläufig zu uns! Es ist ja nicht sehr amüsant. Aber doch besser als nichts!«
Sie warf gereizt den Kopf in den Nacken.
»Aha! Du hast wohl mit Mama gesprochen?«
Erich von Logow verneinte erstaunt.
»Ich habe mit deiner Mutter keine Silbe darüber gewechselt, Maxe! Sei so gut und lächle nicht so ungläubig. Ich bitte, daß man mein Wort respektiert, wie ich das deines Vaters. Denn darum handelt es sich. Seine letzte Bitte an mich war: daß wir, Ulla und ich, dir zur Seite stehen möchten. Das hab' ich ihm in die Hand versprochen!«
Sie schwieg.
Er fuhr fort: »Ich dränge mich dir nicht auf, Maxe ... Aber sag selbst: was willst du denn in irgendeinem Nest in der Provinz verkümmern? Hier bist du doch wenigstens unter Menschen, in Berlin, kannst dein Leben genießen, und bist bei uns willkommen! ... Herzlich willkommen! Ich mache keine Redensarten!«
»Ich auch nicht! Ich danke schön! Ich will euch nicht stören!«
»Von Stören ist gar keine Rede! Im Gegenteil: du würdest mir damit eine wahre Wohltat erweisen, Maxe!«
Sie sah ihn betroffen an.
Er nickte mit umwölkten Zügen und wiederholte: »Eine Wohltat, Maxe ...«
»Ja, aber wieso denn?«
Sie gingen weiter. Er versetzte: »Wenn ich dir anbiete, mein Haus mit uns zu teilen, muß ich auch offenherzig sein. Du würdest es auch bald selber merken. Es ist in dem Hause nicht alles so, wie es sein sollte. Es ist da ein Geist des Unmuts -- der Leere -- ich weiß nicht ... ich hab' ja nie recht ein Elternhaus gekannt. Aber ich habe euer Familienleben gesehen. Ich habe gehofft, ich würde es einmal gerade so haben. Ja, und nun? ... Da liegt die Ulla! ... Du warst ja eben bei ihr ... es muß da etwas geschehen! So geht das nicht weiter ... Das hält kein Mensch auf die Dauer aus. Sie nicht und ich nicht!«
»Ich bin sechzehn Stunden täglich im Dienst!« hub er nach einer Weile wieder an. »Ich kann mich nicht immer um sie kümmern. Und sie selber macht nichts aus sich. Es ist ihr nicht gegeben! Und komm' ich dann heim, ja, du lieber Gott ... Wenn ich nur an diese stumpfsinnigen, schweigsamen Mahlzeiten denke ...«
»Ja, warum redet ihr denn nichts zusammen?«
»Über was denn?«
»Zum Beispiel über deinen Dienst! Papa tat's doch auch oft mit Mama!«
Er lachte erbittert auf. Er brach los. Sie merkte ihm an, daß er, der sich sonst nie gehen ließ, jetzt seiner Bewegung nicht mehr Herr werden konnte.
»Ja, liebe Maxe: wenn das der Ulla nicht so völlig wurst wäre! Wann hat sie je ein bißchen Verständnis für mich -- Rücksicht für mich -- ich möchte sagen, in dem Punkte Liebe für mich? Sie denkt nur an sich. Ich verlange ja eigentlich gar nichts für mich als Menschen, nur für den Königsplatz da drüben, der mir Zeit und Nerven nimmt. Dafür bin ich Offizier. Sie ist doch selbst Offizierstochter. Sie weiß, was ein Generalstäbler zu tun hat. Sie hat mich schon vor dem Generalstab jahrelang gekannt. Sie hat gesehen, daß ich ein ernster Mensch bin und kein Salonfatzke -- keiner von der Sorte, mit der sie sich so und so viel Ballwinter um die Ohren geschlagen hat -- ein Mensch, der sich nicht leicht anschmiegen kann, der streng gegen sich ist und von sich und anderen viel verlangt -- so war ich doch -- nicht wahr?«
»Ja.«
»Nun schön! Du siehst's! Jeder sieht's: ihr ist's ganz egal.« Er redete sich in steigende Heftigkeit hinein. Er sprach schneller und schneller. »Ihr wär's lieber, ich wäre der dümmste Kerl und wir liefen jeden Abend irgendwohin, um uns zu amüsieren, statt daß ich jetzt bis nach Mitternacht in meinem Arbeitszimmer sitz'. Und wenn sie mich mal dort aufsucht, so geschieht's nur, um mich zu stören. Dann werd' ich heftig und sie übler Laune, und so wird das schlimmer Tag für Tag. Meine Laufbahn geht dabei noch vor die Hunde. Ich hab' eine wahre Angst. Maxe -- komm doch zu uns -- nur kurze Zeit ... Du siehst, es tut not, daß jemand da ist ...«
Er bat jetzt förmlich.
»Maxe ... zu dir hab' ich so Zutrauen! ... Du mußt ihr andere Anschauungen über mich und über ihre Pflicht und über das Leben beibringen. Du bist ein vernünftiger Mensch! Du nimmst das Leben nicht leicht. Man sieht's dir an. Du wirst solch einen guten Einfluß auf sie haben! Es mildert sich von selbst alles durch die Gegenwart eines Dritten! Traurig, wenn man das von einer Ehe sagen muß. Ich hab's auch so unverhohlen noch niemandem gesagt wie dir! ... Ich kann's auch nur einer Schwester meiner Frau sagen. Denn zu meiner Schwiegermutter hab' ich kein Zutrauen. Und die Dorle ist doch ein Schaf! Die kommt nicht in Frage. So fällt's eben auf dich ...«
»Ich danke dir für dein Vertrauen!« sagte Maximiliane von Ottersleben. »Aber ich fürchte, wenn ich auch wollte, ich fände Ullas Vertrauen nicht. Wir sind zwei zu verschiedene Menschen. Wir haben uns schon als Mädchen nie sehr nahe gestanden. Ich bin die Jüngere. Ich bin unverheiratet. Ich hab' von jeher eine Nebenrolle neben ihr gespielt. Sie wird von mir nichts annehmen. Das weiß ich von vornherein!«
Er biß sich auf die Lippen.
»Maxe, du darfst mich jetzt nicht so abspeisen, nachdem ich dir das alles gesagt hab'! Du ahnst nicht, wie mir zumut ist. Was glaubst du, was mich das kostet, jemanden um so etwas zu bitten, weil ich keinen anderen Ausweg sehe? Du mußt mir doch als meine Schwägerin zum mindesten deinen guten Willen zeigen, mir zu helfen! Sprich doch wenigstens einmal mit ihr!«
Sie zögerte.
Er murmelte finster: »Glaub mir, ich bin schon halb entzwei durch die Geschichte! ... Ich bin nicht mehr der Alte! ... Ich fürchte, andere merken's auch schon! ... Die Vorgesetzten machen manchmal so Gesichter. Es ~muß~ anders werden!«
Seine Stimme zitterte. Auf seinem Gesicht lag, soweit sie es in der Dämmerung noch erkennen konnte, eine Angst, die es ganz fremdartig erscheinen ließ. Sie kämpfte mit sich. Dann sagte sie mit Überwindung: »In Gottes Namen: ich will's probieren und mit ihr reden ... Aber nun möcht' ich nach Hause. Mama wartet!«
Ein paar Tage darauf war heller Frühling über Berlin gekommen. Ulla von Logow saß zum erstenmal seit ihrer Erkältung in ihrem Heim am offenen Fenster, am Nachmittagsteetisch, ihrer Schwester gegenüber, in der wohltuenden Müdigkeit der Genesenden. Die frische Luft belebte sie. Der feine Duft der von Maxe mitgebrachten Veilchen erfüllte das Zimmer.
»Ach ja -- meine alte Maxe ...« sagte sie zu der blonden Jüngeren, zog sie zu sich heran und küßte sie. Sie war heute besonders zärtlich zu ihr, schwesterlich weich. Dann ruhte sie still, die Hände verschlungen, und schaute hinaus in den Sonnenschein. Sie seufzte und strich sich die Haare aus der Stirn. »Gott ja ... Maxe ...« wiederholte sie träumerisch. Ein leises Husten kam über ihre Lippen.
»Ullchen, du wirst dir wieder was holen in dem Zugwind am offenen Fenster!«
»Ach -- laß schon!«
»Warte nur, was Erich dazu sagen wird. Wann kommt er denn?«
Sofort flog ein Schatten über die blassen Züge der anderen. Die wurden plötzlich wieder starr. Sie hob die schmalen, abfallenden Schultern.
»Weiß ich's? Da mußt du am Königsplatz fragen! Dort wohnt er doch! Hier erscheint er doch nur zum Essen und Schlafen!«
»Ulla -- sei doch nicht so bitter!«
»Ich bin ja schon wieder still!« sagte die junge Frau und hob das dunkle Haupt gegen eine laue Luftwelle, die der Märzwind durch das Fenster trieb. »Ach ... der Frühling ... himmlisch ... nicht? ... Aber was hat man davon hier in Berlin? ... Was hat man überhaupt ...?«
Sie schaute die Schwester an. Ein sonderbares, leidvolles Lächeln verzog ihre Mundwinkel.