Part 26
Ulla von Logow sah nicht eigentlich wie eine Leidende aus. Von dem weißen Kissen, in dem sie, in einem weißen Morgenkleid auf der Ottomane ruhend, ihr dunkles, klassisch wie eine antike Gemme geschnittenes Haupt gebettet hatte, hoben sich die großen, mandelförmigen Augen in einem feuchten Glanz, die Wangen in einem leisen Rot ab, während sie ihre Rechte der schlanken blonden Schwester entgegenstreckte. Die kannte diese Zeichen trügerischer Gesundheit. Es hätte des kurzen, trockenen Hustens der jungen Frau in den Polstern nicht bedurft. Sie setzte sich an Ullas Lager und hielt ihre alabasterne Hand zwischen den ihren. Etwas von der strömenden Sonnenwärme draußen war noch um sie, ein Hauch von Licht und Lenz und Leben. Ulla von Logow atmete das tief ein. Dann frug sie leise: »Warum bist du denn gestern nicht gekommen?«
»Ich wußte nicht, ob es dir recht sein würde!« »Ich bin froh, wenn sich ein Mensch um mich kümmert ... Ich bin immer allein. Ich lieg' so da. Ich bin's schon gewohnt. Es ist nicht schön, Maxe!«
»Danke!« sagte sie dann matt und nahm aus den Händen der Generalin einen Blumenstrauß entgegen und senkte mit einem schwachen Lächeln ihr Antlitz in das Duftgewirr von Rosen, Maiglöckchen und Veilchen. »Das ist lieb von dir! Du bist selber wie ein Stück Frühling, Maxe!«
Die Leidende sah die andere seltsam vergeistigt an.
»Entsinnst du dich, Maxe, wie wir noch Mädels waren -- Gott ... 's ist so ewig lange her -- bald zehn Jahre -- da war ich die Schönheit der Familie. Alles hat sich um mich gedreht. Es war unrecht von den Eltern. Auch an mir. Ich hab' ja denken müssen, daß Gott weiß was aus mir werden würde. Nun bin ich in den Dreißig und schon verblüht ... Wenn ich in den Spiegel schau, wird mir so jämmerlich herbstlich zumute ...«
»So mußt du nicht denken, Ulla! Es kommt doch nicht bloß auf das Äußere an!«
»Bei mir schon! Was hab' ich denn sonst gehabt? Ich hab' mir immer eingebildet, wenn man so ausschaut wie ich, gehört man in die große Welt, unter Menschen in die Salons. Nie hab' ich das gehabt. Sogar darum hat mich das Schicksal geprellt. Immer hab' ich allein gesessen -- hier in Berlin und unten in den Vogesen und in Darmstadt bei Mama und in Hotels und Sanatorien im Süden -- immer unnütz -- immer das fünfte Rad am Wagen -- und du warst inzwischen das Sonntagskind! Dir flog alles zu ... es ist so seltsam, Maxe, wie das Schicksal spielt.«
»Ich hab' weiß Gott dem Schicksal auch meinen Tribut bezahlt!«
»Ja. Das hast du. Du bist Witwe. Aber vor dir liegt noch das Leben. Vor mir nicht. Du bist gesund. Ich werd' es nie mehr ganz ...« Frau von Logow hustete, sah ihrer Schwester in das ernste, schmale, schöngeschnittene Gesicht und sagte dann langsam: »Weißt du: Man hat Zeit, nachzudenken, wenn man so die Nächte schlaflos daliegt. Ich war ja ein furchtbar oberflächlicher, selbstsüchtiger, eitler Mensch. Durch das Nachdenken wird das ein bißchen besser. Man kommt ein wenig über sich selbst hinaus. Man sieht freier. Wenn man so viel zu leiden hat wie ich, begreift man allmählich manches.«
»Arme Ulla!« sprach die junge Exzellenz sanft, beugte sich nieder und küßte die Ältere. Die machte sich leise frei und fuhr fort: »Lieg' mal immer so mit wachen Augen im Dunkel -- und draußen ist alles still ... Da geht einem manches durch den Kopf ... Man frägt sich manches ... Ich hab' mich gefragt: ›Es muß doch eine Gerechtigkeit auf der Welt geben. Warum geht es nun zum Beispiel mir so schlecht und der Maxe so gut?‹«
»Ach ... Ulla ...«
»Doch, doch. Es geht dir immerhin noch sehr gut! ... Du bist so viel und hast noch so viel. Dich hat das Leben in jeder Hinsicht reich gemacht -- auch in seinen Schmerzen -- mich nur arm! Es war für mich immer nur eine große Enttäuschung -- ohne Anfang und ohne Ende. Und siehst du, wenn ich mich da gefragt hab', warum werd' ich bestraft und meine Schwester nicht? da hab' ich das jetzt erkannt -- so viel klarer und so viel strenger gegen mich bin ich allmählich geworden: Weil sie in ihrem Leben nie eine Schuld auf sich geladen hat: Ich aber wohl!«
»Ulla ...«
»... ich hab' den zum Mann genommen, den sie geliebt hat! Und hab's gewußt und bin über sie weg. Das rächt sich, Maxe! Das rächt sich unerbittlich an uns beiden, seit Jahren und Jahren ... Immer weiter und weiter! Aber vor allem an mir!«
»Wollen wir wirklich darüber reden, Ulla?«
»Ja. Wir müssen!«
Die Kranke stützte sich mit einer plötzlichen Bewegung auf den Ellbogen und hob sich empor. Ihre Stimme war gepreßt und zitternd. »Wir müssen einmal!... Die Angst drückt mir sonst das Herz ab ... Ich will dir ja nicht bloß diese Beichte ablegen, Maxe, daß ich unrecht an dir gehandelt hab'!... Ich will ja mehr von dir!«
»Wer weiß, ob du damals an mir unrecht getan hast!« sagte Maximiliane von Glümke. »Er wäre ja doch an mir vorbeigegangen ... Er hat mich ja noch gar nicht gesehen ... damals ...«
»Einerlei, was er damals fühlte oder nicht ... aber was du fühltest, das hätte mir heilig sein müssen als Schwester! ... Da hätt' ich verzichten müssen!... O doch: ~Eine~ Entschuldigung hätte es für mich gegeben: wenn ich ihn geliebt hätte ... so heiß ... so mit allem, was in einem ist ... so wie du ... aber das war ja nicht!... Ich wollt' ihn bloß haben!... Daß eine andere sich nach ihm verzehrte, das hat mir seinen Besitz nur noch erhöht! Ich war schlecht damals, Maxe! ... Da lieg' ich nun!«
Die Jüngere schüttelte stumm das Haupt. Ulla von Logow wiederholte, erschöpft in die Kissen niedergleitend: »Da lieg' ich!... Ich werd' auch wieder aufstehen und mich wieder hinlegen! Das geht so fort. Das ist mein Leben. In dem hab' ich rein gar nichts mehr, keine Freude und keine Hoffnung und keine Zerstreuung. Weißt du, was ich den Tag über tu'? Er ist heute früh um acht Uhr in den Dienst! Am Nachmittag um fünf kommt er wieder. Bis dahin zähl' ich die Minuten, bis ich seinen Schritt höre -- siehst du: dort an der Wand hängt die Uhr -- und freu' mich darauf wie ein Kind auf Weihnachten. Da setzt er sich dann eine Stunde zu mir und hält meine Hand und ist immer lieb und gut. Da bin ich dann so glücklich, so glücklich, Maxe, daß ich weinen könnte!... Und abends, nach dem Essen, eh' er sich wieder an den Schreibtisch setzt, da ist er auch eine Zeitlang bei mir und liest mir etwas vor und wir plaudern ... Die paar Stunden -- das ist mein Tag -- das ist mein Leben, Maxe! ... Das andere ist ein dummes Hinvegetieren! Das rechne ich nicht. Nur das bißchen Zeit, wo ich ihn hab'! Für mich! Ganz für mich! Ich lieb' ihn ja so heiß ... Ich lieb' ihn so wahnsinnig ... Er ist mir alles auf Erden ...«
Die junge Generalin schwieg erschüttert. Ihre Schwester fuhr mit einem verzweifelten Lächeln um die Lippen fort: »Ich lieb' ihn! Und er hat mit mir Geduld! ... Er pflegt mich! Aber mehr als Pflicht ist's bei ihm nicht und tut mir doch so wohl, Maxe!... Es hat sich alles ins Gegenteil verkehrt ... bitte ... bitte ... bleibe, Maxe! Ich weiß: ich tu' dir weh! Aber es muß gesagt sein!«
»Ich geh' nicht weg!« versetzte Maximiliane ruhig. »Sprich nur weiter!«
Die Kranke holte tief Atem.
»Gott straft mich mit dem, Maxe, was ich gefehlt hab'! ... Ich hab's an der Liebe fehlen lassen! ... Nun hat er sie mir auferlegt! ... Nun weiß ich, wie's tut. Und was ich dir angetan hab' seinerzeit ... Und was ich ihm angetan hab' und noch tu'! ... Ich weiß ja, wie er unter mir leidet ... Und man ist doch so grausam, wenn man liebt ... Und vielleicht auch grausam, wenn man krank ist ... Ich kann mir nicht helfen: ich klammere mich an ihn! ... Jetzt, wo ich so schwach und elend und schmerzbeladen und von Gott und der Welt verlassen bin, ist er mein einziger Halt -- mein einziger Trost ... ich würde verzweifeln ... ich würde wahnsinnig werden -- ohne ihn ... Ich weiß gar nicht, was ich täte ... bei dem bloßen Gedanken daran steht mir das Herz still ... ich brauch' ihn, Maxe ... ich brauch' ihn ... ich hab' auf ihn gewartet, mit Zittern und Beben, diese drei langen, furchtbaren Jahre, in denen hab' ich viel bereut und will's nun besser machen. Ich brauch' ihn, Maxe!«
Sie starrte bang und fiebernd, mit weitaufgerissenen Augen, der Schwester ins Gesicht. Die hatte sich erhoben und sagte nur ruhig: »Es nimmt ihn dir ja auch niemand, Ulla!«
Aus den angstvollen Zügen unter ihr wich die Spannung. Es war wie ein Schimmer von Erlösung in Ullas dunklen Augen -- eine Weichheit und Dankbarkeit. Sie lächelte in einem jähen Umschwung ihrer Stimmung.
»Gott sei Dank! Es gibt nur einen Menschen, der ihn mir nehmen kann! Und der tut es nicht! Du warst mir immer eine gute Schwester, Maxe! Du hast immer gewußt, was deine Pflicht war, und hast sie untadelhaft erfüllt und immer alles aufgeboten, was in deiner Macht lag ... Ich hab' es dir früher schlecht gedankt und war hart und häßlich gegen dich. Aber jetzt hab' ich einsehen gelernt, wieviel ich dir schuldig bin und immer schuldig sein werde. Auch in Zukunft!«
Sich von der Ottomane aufrichtend, legte sie, in ihrer Schwäche nach einer Stütze suchend und in schwesterlichem Zutrauen den Arm um die andere. In ihrem weißen Gewand stand sie, hell von der Frühlingssonne beschienen, mitten im Zimmer. Es war eine gläubige, träumerische Hoffnung auf ihrem Gesicht. Sie legte die abgemagerten Hände ineinander. Sie sagte innig: »Schau, Maxe: Ich hab' so jetzt das felsenfeste Zutrauen: die Zeit der Prüfungen ist bald vorbei, und nun kommt es besser mit Erich und mit mir! ... Er findet allmählich den Weg zu mir zurück. Es hat eine Zeit gegeben ... lang ist's her ... da hat er mich so unendlich geliebt ... ich hab's verscherzt ... durch meine eigene Schuld ... aber es kann doch wiederkehren ... nicht wahr? ... wenn ich es so von Herzen bereue ... wenn ich mir so recht Mühe gebe ... wenn ich zum lieben Gott drum bete ... nicht wahr? ... sag doch ja, Maxe ... mach mir nur ein bißchen Mut ...«
Frau von Logow hustete und fuhr in leidenschaftlicher Verklärtheit fort: »Ich gewinn' ihn mir wieder! Ich fühl' es! Ich bin schon auf dem Weg. Ich merk' es an tausend kleinen Zeichen. Es ist bei ihm nicht bloß Mitleid, nicht bloß Pflichtgefühl, daß er so gut zu mir ist. Er kann sich doch nicht verstellen! Das kommt bei ihm aus dem Herzen! Das wird wachsen ... Tag für Tag ... Maxe ... warum sprichst du denn kein Wort?«
Maximiliane schwieg. Sie fühlte an ihrer Brust das Zittern der Schwester. Verängstigt, schwach, liebebedürftig, vertrauend hing die ihr am Halse. Und legte ihren Kopf an den ihren. Und lachte mit nassen Augen und schluchzte mit lächelnden Lippen und entwaffnete sie, indem sie das Beste in ihr wachrief: »Nicht wahr, Maxe ... du ... du tust nichts, um das zu stören. Du bleibst so stolz und rechtlich wie bisher. Und gönnst mir mein Glück. Endlich ein bißchen Glück! ... Wenn ich nur das von dir weiß, dann bin ich schon ganz ruhig. Niemand außer dir kann mir im Leben was zuleide tun! Und auf dich verlass' ich mich so ganz! ... Du hast dich immer so bewährt! ... Du bist meine gute, liebe Schwester ... Vor dir hab' ich keine Scheu! Du begreifst, was es heißt, wenn ich bei dir um meinen Mann bitte! ... Du gibst ihn mir! Du läßt ihn mir! Nicht wahr?«
Immer noch hielt sie die Jüngere zitternd umfangen. Die fühlte die Last an ihrer Schulter und hatte Mühe, selbst aufrecht zu bleiben. Sie löste sich leise aus den Fesseln der beiden Arme und half der Kranken, sich erschöpft wieder niederzusetzen. Dann sagte sie: »Sei unbesorgt, Ulla! ... Du sollst kein Hindernis auf deinem Weg finden. Es wird alles Nötige geschehen!«
»Du brauchst ja gar nichts Besonderes zu tun, Maxe! ... Verstehe mich um Gottes willen nicht falsch. Es ist nur ...«
»Doch! Ich schiebe einen Riegel vor! Der hält!«
Die junge Frau beugte sich nieder und küßte die ältere Schwester noch einmal. Sie war ebenso ruhig, wie jene zwischen Lachen und Weinen schwankte.
»Erlaub, daß ich nun gehe, Ulla! ... Gute Besserung ... Auf Wiedersehen!«
Die Generalin von Glümke verließ das Zimmer. Draußen auf dem Treppenflur blieb sie eine Sekunde stehen, stützte sich an dem Geländer und schloß die Augen in einer Schwächeanwandlung, die blassen Züge von Schmerz versteinert. Dann hörte sie Schritte. Ein Herr kam die Stufen herauf. Er warf einen forschenden Blick auf die hohe, elegante Gestalt und grüßte dann sehr höflich. Sie erkannte den Hausarzt der Logows, der Ulla schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Berlin vor Jahren behandelt hatte. Sie frug: »Wie geht's eigentlich meiner Schwester?«
»Entschieden besser, Exzellenz! Ich habe jetzt mehr Zuversicht als je. Die Rückkehr ihres Mannes hat sie belebt -- in ganz unerwarteter Weise. Psychische Einflüsse tun da oft Wunder. Wenn diese Krise jetzt überwunden ist, dann sind wir, denk' ich, endgültig über den Berg ... Ganz robust wird die gnädige Frau ja nie werden. Sie wird sich immer schonen müssen. Aber innerhalb dieser Grenzen, wenn wirkliche grobe Dummheiten, wie schwere Erkältungen und derlei vermieden werden, liegt eigentlich kein Grund vor, warum sie nicht so alt werden sollte wie Sie oder ich ... Ich habe die Ehre, Exzellenz ...«
»Guten Morgen, Herr Doktor!«
Maximiliane von Glümke winkte draußen vor dem Hause das nächste Automobil heran, fuhr nach Westen, in der Richtung nach Charlottenburg. Dort bewohnte ihr Onkel, der Oberstleutnannt a. D. Freiherr von Koninck seit seiner Verabschiedung ein Junggesellenheim. Nicht mehr auf lange. Er war schon mit einem Fuß auf dem Standesamt und erwartete jetzt eben, nur noch vierzehn Tage vor der Hochzeit, den Besuch seiner Braut und ihrer Mutter, die ihn zu Besorgungen abholen wollten, und steckte, das Klingeln draußen hörend, mit einem zärtlichen »Brigittchen?« den Graukopf durch den Türspalt und machte große Augen, als die schlanke blonde Dame in dem Halbdunkel gelassen sagte: »Ich bin's bloß, Onkel! ... Die Maxe! ... Hast du 'nen Moment Zeit für mich?«
»Für solchen Besuch immerzu!« Der alte Schwerenöter lachte. »Bitte Euer Exzellenz gehorsamst, einzutreten! ... Wie kommt solch Glanz in meine niedere Hütte?« Er änderte, da er Maximilianes ernstes Antlitz sah, den Ton und frug besorgt: »Aber ... verzeih ... Ist irgend etwas passiert?«
»Nein. Gar nichts! Sag mal, Onkel Wilderich, ... du bist doch irgend so ein großes Tier im Johanniterorden -- nicht wahr ...«
»Ja ... das heißt ... ich hab' in der Ballei Brandenburg ...«
»Also jedenfalls kannst du da, wenn du willst, für jemanden ein gutes Wort einlegen?«
»Frägt sich nur, wer es ist!«
»Ich!«
Herr von Koninck musterte seine schöne Nichte erstaunt: »Du? Was willst du denn? Na -- komm mal, bitte, mit in mein Arbeitszimmer!« Da blieben sie lange Zeit. Seine Braut, Fräulein von Hornschuh, und ihre Mutter, die inzwischen erschienen, mußten warten. Endlich kam Maximiliane von Glümke wieder heraus. Sie begrüßte freundlich die beiden Damen und verabschiedete sich. Es war ihr nichts Besonderes anzumerken, und Frau von Hornschuh sagte mit merklicher Schärfe zu ihrem künftigen Schwiegersohn: »Ich weiß nicht, ob das unbedingt nötig war, uns hier quasi antichambrieren zu lassen ...«
Der Freiherr von Koninck machte eine abwehrende Handbewegung. Der alte Husar war für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernst, fast ergriffen. Er wandte sich an seine Verlobte: »'s ist doch eigentlich eine komische Welt, Brigittchen!« versetzte er. »Wo die einen anfangen, hören die anderen auf! ... Wir beide, du und ich, wir packen jetzt erst das Leben ordentlich bei den Hörnern, und die Maxe, die so viel jünger ist als wir, und es am wenigsten nötig hätte, die sagt ihm so gewissermaßen Ade ... Sie will bei den Johanniterschwestern eintreten -- ich hab's ihr in die Hand versprechen müssen -- und gleich jetzt auf der Stelle ...«
»Sie wird sich schon noch besinnen!« meinte Frau von Hornschuh.
Aber Maximilianes Onkel verneinte: »Da kennen Sie sie flach, verehrte Schwiegermama! ... Ich kenn' sie doch von klein auf. Die tut's! ...«
22
Ein Wirbel von Schneeflocken segelte mit dem Strom von kalter Winterluft durch das halbgeöffnete Fenster in die Stube des Krankenhauses. Der Lärm Berlins drang herein, das Klingeln der Straßenbahn, das Getute der Hupen, das Kratzen und Scharren der Schneeschaufler. Die Gardinen blähten sich in dem frischen Hauch, der die Patientinnen dritter Klasse in ihren Betten -- je vier an jeder Längsseite des Raums -- nicht treffen konnte und nur den nächtigen Brodem des Zimmers zerstreute. Aber es rührte sich trotzdem in den Lagern und seufzte und gähnte.
»Schwester Maximiliane!«
»Ja!«
»Wieviel Uhr ist's denn?«
»Sieben Uhr!«
»Au fein! ... Da jiebt's bald Frühstück!«
Die Diakonissin strich lächelnd dem blassen vierzehnjährigen Mädchen mit der Hand über den Scheitel.
»Du kriegst doch nur Milch, Elschen!«
»Aber ik hab' doch so Hunger, Schwester!«
»Wenn man so arg Typhus gehabt hat wie du, muß man brav sein und fasten, bis man wieder ganz gesund ist. Dann bekommst du wunderschönen Apfelkuchen mit Schlagsahne! Paß nur auf!«
»Ach ja!« sagte das Kind hoffnungsvoll und beruhigte sich. Die Probeschwester trat zu dem nächsten Bett und drehte die Patientin sanft an den Schultern auf die Seite.
»Sie sollen nicht immer auf dem Rücken liegen, Frau Dubberke! ... Der Herr Sanitätsrat will's doch nicht ... so ... nicht wahr ... es geht schon ...«
»Et ~muß~ jehn!« meinte schnaufend die korpulente Frau aus dem Volke. »Ick muß doch bald heim! ... Wat mein Oller is, der ... haben Sie ihm auch janz jewiß wieder geschrieben, Schwester?«
»Gestern hat er eine Postkarte bekommen ... Haben Sie nur Geduld, Frau Dubberke! Sehen Sie: danebenan -- da sind wir noch lange nicht so weit ...«
Maximilianes ernstes, von der Diakonissenhaube beschattetes Antlitz beugte sich forschend über das dritte Bett. In dem lag eine junge Frau regungslos, mit geschlossenen Lidern. Die Pflegerin nahm den Fieberthermometer unter ihrem Arm hervor und schüttelte unzufrieden den Kopf, während sie das 38,6 in die Temperaturkurve einzeichnete.
»Schwester!«
Der Ruf kam aus der anderen Ecke. Schwester hier und Schwester da.
»Schwester -- warum hämmern sie denn da draußen so?«
»Sie nageln Girlanden an. Morgen ist doch Kaisers Geburtstag!«
»Darf ich da aufstehen und ein bißchen aus dem Fenster schauen?«
»Das müssen wir den Herrn Doktor fragen! Vielleicht erlaubt er's!«
»Schwester ... fährt da der Kaiser unten vorbei?«
»Hier nicht!«
Schwester Maximiliane beantwortete alle Fragen mit der gleichen Geduld, während sie und die inzwischen eingetretene Schwester Agathe, auch eine Dame aus altem preußischen Geblüt, das Zimmer fegten, die Kranken wuschen und kämmten und die Betten machten. Man durfte keine Zeit verlieren. Bis zu dem Rundgang des dirigierenden Arztes der inneren Abteilung mußte alles in Ordnung sein. Indes die ältere Diakonissin die Patientinnen mit dem Frühstück versorgte, kniete Maximiliane vor dem Ofen und fachte das Feuer an. Sie schaute aufmerksam in die knisternden Flammen. Die Glut warf einen hellen Schein über ihr schlicht gescheiteltes hellblondes Haar. Die Oberschwester, bejahrt, rundlich, mit gutmütigem Matronengesicht, schaute, das große Kreuz vorn an der Brust, eine entleerte Morphiumspritze in der Hand, herein und suchte nach einer Unordnung. Die mußte sie haben. Des Grundsatzes wegen. Etwas fand sie immer! Da: Auf dem Teller in der Ecke lag weiß Gott eine herrenlose halbe Semmel!
»Schwester Maximiliane ... ich versteh' Sie wirklich nicht! ... Sie sind schon über ein halbes Jahr Probeschwester. Sie könnten doch nun nachgerade wissen, wie Typhusrekonvaleszenten sind! ... Die schlingen doch Nägel hinunter und beißen Türklinken ab, wenn man den Rücken dreht! Nu lassen Sie 'mal das Elschen da hinten über die Schrippe kommen! Da haben wir morgen die Bescherung!«
»Ja. Es war sehr unvorsichtig!«
»Sie kann ja gar nichts dafür!« rief Schwester Agathe vom Fenster. »Ich hatte das Frühstück unter mir!«
Die Oberschwester machte erstaunte Augen.
»Ja, warum sagen Sie denn das nicht selbst?«
»Ach -- es ist ja ganz gleich!« versetzte Maximiliane gelassen, schloß die Ofentüre und stand elastisch auf. Zugleich warnte die andere: »Pst! Der Sanitätsrat!«
Der dirigierende Arzt trat ein, von dem Stab seiner Assistenten gefolgt. Er untersuchte die acht Kranken und war zufrieden.
»Das Typhuszimmer gefällt mir!« sagte er, schon wieder auf der Schwelle. »Da ist Leben drin. Nur immer so weiter!«
Sein Blick glitt dabei von den anderen Diakonissen ermutigend zu Maximiliane hinüber, anders als sonst. Er respektierte unwillkürlich die frühere große Dame, die den Schritt von der Exzellenz zur Schwester getan. Sie wurde vor Freude bei seinem Lob ein wenig rot.
»Es wäre zu schön, wenn wir sie alle durchbrächten!« sagte sie in der Türe lebhaft und so leise, daß man sie drinnen nicht hörte. »Das ist jetzt mein ganzer Ehrgeiz!«
Sie hatte den Vormittag über in dem Krankenzimmer zu tun. Erst gegen Mittag verließ sie es und ging über den Flur, auf dem Genesende in ihren blau und weiß gestreiften Kitteln müßig umherschlurften. Sie hatte unten zur ebenen Erde eine Bestellung durch das Telephon auszurichten. Auf dem halben Wege dahin begegnete sie dem Anstaltsgeistlichen. Ein Siebziger, gebückt, mit weißen Haaren, blieb er stehen und reichte ihr freundlich die Hand. Er war durch seine Heirat mit einer pommerischen Adeligen zu vielen preußischen Familien in Verschwägerung getreten. Seine beiden Söhne waren Offiziere und hatten Offizierstöchter zu Frauen. Er lächelte und frug: »Nun, Schwester Maximiliane -- wie geht's?«
»Danke, Herr Pastor! Ganz gut!«
»Sind Sie zufrieden?«
»Wenn man mit mir zufrieden ist, bin ich es auch!«
»Sie bereuen Ihren Entschluß wirklich noch nicht?«
»Warum sollt' ich denn? Ich hab' hier meine Ruhe, und ich mache mich nützlich! ... Ich will nicht mehr ...«
»Jedenfalls halten Sie sich immer vor Augen: Sie sind noch ganz frei. Sie haben sich noch zu nichts verpflichtet! Sie können gehen, wann Sie wollen!«
Die schöne junge Frau lachte ein wenig.
»Wollen Sie mich wirklich hier mit Gewalt wieder an die Luft setzen, Herr Pastor? ... Was hab' ich denn angestellt, um das zu verdienen?«
Der alte Mann schüttelte den Kopf.
»Ich für mein Teil freu' mich ja nur, wenn Sie hier wirklich Ihren Frieden finden! Aber heute hab' ich wieder einen Brief von Ihrer Frau Mutter aus Darmstadt! Sie ist nach wie vor verzweifelt über Ihren Entschluß ...«
»Ja, da kann ich Mama nicht helfen!«
»... und hofft immer noch, Sie würden sich besinnen.«
»Ich hab's mir vorher überlegt, Herr Pastor! Schreiben Sie das nur Mama ...«
Beide schwiegen eine Sekunde. Dann meinte der Geistliche herzlich: »Sie sollten einmal des Nachmittags ein Stündchen bei uns vorsprechen! Meine Frau würde sich auch so freuen!«
»Ja. Ich komme nächstens!«
»Das sagen Sie immer nur, und es wird nie etwas daraus! Und dabei ist's doch nur über die Straße!«
»Ich komm' eben gar nicht auf die Straße! Ich war -- glaub' ich -- seit Monaten nicht mehr draußen! ... Ich hab' meine nächsten Verwandten Gott weiß wie lange nicht gesehen.«
»Darüber grämt sich Ihre Mutter ja so. Sie haben Ihre Schwester in Berlin. Ihr Bruder steht nicht weit davon bei der Artillerie. Ihr Onkel hat hier seine Division. Aber Sie seien für alle seit einem halben Jahr und länger wie verschollen, schreibt die Frau Oberst. Niemand sieht und hört mehr etwas von Ihnen!«
»Ich will auch nichts mehr sehen und hören! Ich will nichts mehr von da draußen wissen ... ich hab' damit abgeschlossen ...«
Sie verabschiedete sich ruhig, ganz im Ton der Dame von einst.
»Adieu, Herr Pastor! ... Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrer verehrten Frau Gemahlin!«
»Adieu, Schwester Maximiliane ...«