Chapter 4 of 28 · 3793 words · ~19 min read

Part 4

»Jawohl, Mutter! Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich erfahre ja doch alles erst hinterher! ... Du auch! ... Also gut! ... Dann macht ihr, was ihr wollt! Ich sag' nicht ja und nicht nein, so willkommen mir auch der Logow als Schwiegersohn ist. Aber ich will so aus heiterem Himmel die Verantwortung nicht übernehmen. Ich überlasse es dir! Bring du deine Sache selbst zu Ende ...«

Ulla Ottersleben erwiderte nichts, sondern schritt nach dem Ausgang.

»Wohin denn, Kind?«

»Zu Maxe, Mama!« sagte sie, einen Augenblick auf der Schwelle innehaltend, mit gelassener Stimme und ging dann den Flur entlang. Dort flog bei ihrem Nahen eine Tür auf. Maximiliane stand da, mühsam ihre Angst beherrschend.

»Du ... Ulla ...«

»Da bin ich!«

»Eben hört' ich doch Schritte ... Ulla ... Er ist doch nicht weg?«

»Ja.«

»Um Gottes willen ...«

»Erschrick nicht ... Er kommt wieder ... Heute nachmittag ... da holt er sich Bescheid ...«

»Ach so ...« Ihre blonde Schwester holte erlöst Atem. Sie lehnte auf der Schwelle, so, daß die andere nicht an ihr vorbei in das Zimmer treten konnte. »Ulla ... ich möchte jetzt lieber noch einen Moment allein sein!« sagte sie.

»Aber ich muß mit dir sprechen, Maxe!«

Die beiden großen schlanken jungen Mädchen standen sich in der schmalen einfenstrigen Stube gegenüber. Ulla setzte sich auf das Bett der anderen, glättete mechanisch mit der Hand den Kissenüberzug, senkte den dunkelglänzenden Scheitel und hub an: »Du, hör mal ... Maxe ... Also Logow hat richtig angehalten ...«

»...ja ...«

»Aber um mich! ... Er will mich ... Komisch ... nicht? ... Was meinst du dazu? Was rätst du mir ...«

Sie machte eine Pause und hob dann langsam die langen schwarzen Wimpern zu der Jüngeren empor. In ihren großen mandelförmigen Augen war eine leise Angst vor dem, was nun kommen würde. Aber zu ihrem maßlosen Erstaunen zeigte Maximiliane keine Spur von Bewegung auf den Zügen. Sie war nur wie versteinert. Aber sie lächelte. Es war ein Zucken um die Mundwinkel -- dann ein Schein freundlicher schwesterlicher Teilnahme ... Sie sagte wie im Traume: »So ... dich will er ...?«

»Ja.«

»Nun -- dann wünsch' ich dir Glück!«

»Ja aber, Maxe ... so schnell geht das nicht ...« Ulla Ottersleben war verwirrt vor dieser unheimlichen übernatürlichen Ruhe. »Erst muß ich doch wissen, was du darüber denkst!«

Maximilianens große blaue Augen wurden weit vor Staunen.

»~Ich?~« sagte sie verwundert, als bekäme sie eine Botschaft vom Monde. »Was geht denn das ums Himmels willen ~mich~ an?«

»Aber du interessierst dich doch für ihn ... Wir hatten wenigstens alle den Eindruck ...«

Das blonde junge Mädchen lachte leichthin und drehte sich halb zur Seite.

»Ach, das war nicht so schlimm. Das war vielleicht mal so 'ne Spielerei mit einem Gedanken. Das passiert einem ja manchmal ... dir ja auch ... das ist bis morgen vorüber, wenn man sieht, daß nichts daraus wird! Das muß man nicht zu tragisch nehmen! Ich tu's wenigstens nicht. Du siehst ja, ich bin ganz ruhig. Also lasse du dich dadurch beileibe nicht stören, Ulla!«

»Also du meinst wirklich ...«

»Nimm ihn doch, wenn er dir gefällt! Meinen Segen hast du ...«

Ulla zögerte.

»Weißt du ...« sagte sie ... »ich bin ja nicht so leidenschaftlich versessen auf ihn ... Was hast du denn? ... Du wirst auf einmal ganz weiß ...«

»Nichts ... nichts!« versetzte Maximiliane und lachte. Dann legte sie wie in der Zerstreutheit die Hand auf eine Stuhllehne, um sich vor dem forschenden Blick der Schwester unauffällig aufrecht zu erhalten. Sie fühlte: die glaubte ihr nicht. Die wußte, daß das alles Lüge war, verzweifelter, beleidigter Stolz. Aber sie fühlte auch: es paßte Ulla, es nach außen hin zu glauben. Es stimmte zu ihren Plänen. Darum gab sich die Schwester den Anschein, als nähme sie die Worte der Jüngeren für bare Münze. Sie meinte: »Wenn ich's tue, Maxe, dann ist's bei mir mehr Vernunftsache ... Sieh mal ... Es ist nachgerade für mich Zeit. Ich hab' ein paar Jahre verplempert ... damals ... du weißt, um wen -- schließlich hat doch eine andere ihn und ist Gräfin geworden und hat die Riesengüter ... da sag' ich mir: Es kommt da jemand, der mir immerhin noch etwas sehr Annehmbares bietet -- der mich gern hat -- der es noch einmal sehr weit bringen kann ... wer weiß denn, wann die Gelegenheit wiederkehrt ...«

»Wenn du diese Ruhe in dir hast,« versetzte Maximiliane, »... wenn du dir das zutraust, einen zu heiraten, ohne daß du in dir fühlst: ›Den oder keinen ... und lieber tot‹ ... ich könnt' es nicht ... Aber die Menschen sind ja Gott sei Dank verschieden ...«

»Also du redest mir selber zu, Maxe?«

»Ich wünsch' dir viel Glück!« versetzte das junge Mädchen mit unbewegtem Gesicht.

Ihre schöne dunkelhaarige Schwester sprang auf und küßte sie auf die blassen Lippen. Sie ließ es schweigend geschehen. Die andere spielte ihre Komödie weiter.

»Ich danke dir von Herzen,« sagte sie lebhafter als sonst. »Nun ist mir ein Stein von der Seele, da du mich so über deine Gefühle beruhigt hast. Nun kann ich erst mit den Eltern sprechen. Die haben ja doch von nichts eine Ahnung!«

Sie umarmte die Jüngere noch einmal, nickte ihr zu und schlüpfte aus dem Zimmer. Sie war jetzt ganz mit sich beschäftigt. Sie merkte es nicht mehr, daß, noch während sie die Tür in das Schloß drückte, Maximiliane mit einem leisen, todwunden Stöhnen schwankte, unsicher in der Luft nach einem Halt griff, ein paar Schritte nach ihrem Bett zu machte und schwer darauf niederstürzte. Da blieb sie liegen, ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen, wächsernen Wangen und strengem, leidendem Mund, gleich einer Toten.

Ulla war inzwischen wieder zu ihren Eltern ins Zimmer getreten. Sie sah jetzt belebter und fröhlicher aus. Der Vater empfing sie ungeduldig, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Gott ... die Maxe ist ja ganz vernünftig!« sagte sie. »Sie faßt's mit der größten Seelenruhe auf. Es war bei ihr gar nicht so schlimm, wie man dachte! ... Wahrscheinlich war überhaupt nichts. Man wird ja nie aus ihr klug ...«

»Bist du dessen auch ganz sicher?«

»Ja, ja ... Mama!«

»Gott sei Dank!« sprach Frau von Ottersleben.

Ihr Mann räusperte sich: »Na schön! ... Also nun hab' die Güte, liebes Kind, und erkläre dich!«

»Wieso, Papa?«

»Ja ... sieh mal -- bloß um sich einen Korb zu holen, bestell' ich mir den Logow nicht erst nachmittags extra ins Haus! Das mute ich einem Mann von seinem Selbstgefühl nicht unnütz zu! Das vergißt er mir nie! Da schreib' ich ihm lieber ein paar schonende Zeilen und schick' sie ihm vorher ...«

Ulla von Ottersleben überlegte nicht lange. Sie sagte ruhig, nur noch, in diesem Augenblick der Entscheidung über ihr Leben, um einen Ton blässer werdend: »Du brauchst ihm nicht zu schreiben, Papa!«

»Also willst du ihn nehmen?«

»Ja.«

3

Im Hause Ottersleben saß man beim Abschiedsfrühstück. In einer Stunde sollte Erich von Logow nach Berlin abreisen. Er trug schon die Uniform des Generalstabs. Er hatte seine Braut zu seiner Rechten. Ulla war ganz verwandelt. Ihre sonstige Teilnahmlosigkeit und Schweigsamkeit war geschwunden. Ihre Augen glänzten. Sie lachte. Sie schwatzte. Sie sprang vom Stuhl auf, um Vergessenes herbeizuholen, und lief geschäftig und sorgte für ihren Verlobten, und er lächelte ihr verzückt zu und folgte in stummer Andacht jeder ihrer Bewegungen. Er war so blind verliebt, wie nur ein Mann sein konnte. Jetzt, wo die Schranke der Zurückhaltung für ihn gefallen war, äußerte sich das bei seiner strengen Natur in einem naiven, beinahe kindlichen Glück.

In den Kelchgläsern perlte Sekt. Der Oberst von Ottersleben trank seinem künftigen Schwiegersohn mit einem väterlichen und gütigen Kopfnicken zu. »Dein Wohl, mein lieber Erich!« Dann rauschte plötzlich von unten, von der Straße her, Musik. Es war eine Aufmerksamkeit des Adjutanten Rudicke, der die Regimentskapelle zu einem Abschiedsständchen geschickt hatte. Die Hoboisten standen im Kreis, mit im Winde flatternden Mänteln, mitten auf dem Pflaster und spielten das lustig-wehmütige:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus, und du, mein Schatz, bleibst hier ...«

und oben schaute der Hauptmann von Logow seiner Braut in das schöne, weich lächelnde, von dunklem Seidenhaar umsponnene Antlitz und meinte glückselig: »Nein, mein Schatz ... du bleibst nicht hier!! Zum Frühjahr hol' ich dich zu mir, nach Berlin ...«

Die Kapelle schloß unten ihr Konzert unter Trommelwirbel und Paukendonner mit dem zündenden alten Avanciermarsch des Regiments aus den Freiheitskriegen, unter dessen Klängen es sich bei Lützen und Bautzen gegen Napoleon die Feuertaufe geholt hatte und jetzt noch in der Parade vor dem Kriegsherrn vorbeirückte. Der Stabshoboist Schickedorn wurde heraufgerufen, um stramm stehend das ihm angebotene Glas Wein zu trinken. Dann war es Zeit zum Aufbruch. Logow trat mit seiner Verlobten in das Nebenzimmer, um ihr ungestört Lebewohl zu sagen. Sie küßten sich lang und innig, ohne viele Worte. Dann versetzte er sorglos und halb lachend: »Du, Schatzi -- was du mir da aber gesteckt hast, gestern ... die Maxe hätte was für mich übrig gehabt ...«

»Etwas, Erich -- nicht viel -- nur ein ganz klein bißchen! Werde nur nicht eitel!«

»... also -- das ist Unsinn, Maus! Das habt ihr euch eingebildet! Ich hab' sie doch jetzt beobachtet! Sie ist ja die Ruhe und Unbefangenheit selber! Wie käme sie denn auch darauf! Ein Blinder hätte ja doch von Anfang an sehen müssen, daß ich dich im Auge gehabt hab'! ... Aber nun los! Sonst versäume ich noch den Zug ... Adieu, Schwiegerpapa ... Adieu, Maxe! ... Adieu, Otto! ... Adieu, Hans! Auf Wiedersehen, Mama und Dorle -- in ein paar Tagen in Berlin!«

Es war beschlossen, daß die Aussteuer für die beiden Bräute in der Reichshauptstadt besorgt werden sollte. Solange es sich nur um die Jüngste handelte, hätte man nicht so viel Umstände gemacht. Da fand sich auch hier in der Provinz das Nötige. Aber für Ulla mußte man sich anstrengen. Sie verlangte das selbst am meisten. So reiste Frau von Ottersleben in der folgenden Woche mit ihr und Dorle nach Berlin. Sie war sehr aufgeregt, voll der festlichen Unruhe einer zweifachen Brautmutter. Sie war auch gar nicht gewohnt, ihren Mann allein zu lassen. Sie zog ihre mittlere Tochter vor der Abfahrt auf die Seite.

»Maxe: ich binde dir Papa auf die Seele! Sorge ja dafür, daß er nichts Gewohntes vermißt! Morgens zwei Eier zum Kaffee. Um halb elf das Glas Wein und ...«

»Ich weiß ja, Mama!« sagte Maximiliane ruhig. »Du kannst dich auf mich verlassen! Ich hüte schon das Haus!«

Aber sie kam nicht dazu, am nächsten Morgen für den Vater zu sorgen. Früh um fünf, noch in schneeheller Nacht, war ein Trompetenblasen auf den Straßen, ein Rennen von schlaftrunkenen Leutnants und atemlosen Einjährigen, ein Galoppieren von Hauptleuten und Majoren auf dem glitscherigen Pflaster, ein Poltern und Stürmen der Ordonnanzen zur Wohnung des Obersten hinauf, vor der der Stallbursche mit fertig gesatteltem Handpferd vortrabte. Der Generalmajor Olaf von Glümke machte einen seiner kleinen Scherze und alarmierte die Garnison. Das brachte Zug in die Bude! Springlebendig mußte eine Truppe sein wie 'ne Hand voll Flöhe! Von irgend woher hörte man auf dem Exerzierplatz -- sehen konnte man ihn nur schattenhaft auf seinem mächtigen Gaul -- seine schneidige fröhliche Stimme: »Famoser Morgen, Kinder ... da wollen wir uns mal recht ordentlich lüften!« Und damit führte er die Seinen wie eine lange schwarze Schlange durch die dämmernde Stadt, zum Tor hinaus, in den weiten weißen Schnee.

In der Wohnung des Obersten von Ottersleben war nun alles still. Das fahle Morgenlicht des Februar lugte durch die Fenster und erfüllte sie allmählich mit einem trüben Grau. Maximiliane ging übernächtig durch die Zimmer hin und her. Sie empfand mit einem leisen Frösteln diese traumhafte, beinahe unheimliche Ruhe -- dies Ausgestorbensein der Räume, in denen sonst die Ihren lebten und lachten und kamen und gingen. Der Vater weg, die Mutter weg, die Schwestern weg, die Brüder -- es war, als seien die alle, alle tot und sie allein noch am Leben. Oder besser umgekehrt: sie war fort und die anderen blieben. Die hatten noch was vom Sein. Sie nicht. Es war ja alles vorüber ...

Das war nicht ein plötzlicher Gedanke, der sie durchzuckte -- das war eine ständige Stimmung. Die hatte schon die ganzen Tage in ihr gewohnt. Nun, in der Einsamkeit, kam ihre Stunde. Das stieg grau in ihr empor, ballte sich, umwölkte sie, mit einem unfaßbaren Zwang der Notwendigkeit, unter dem sie sich ganz kühl und ruhig sagte: Ich werde jetzt meine Halifax nehmen und Schlittschuhlaufen gehen! Es ist ja noch eigentlich zu früh. Aber warum soll ich mich denn hier langweilen? Es vermißt mich ja hier niemand. Überhaupt keiner auf der Welt. Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Ich weiß nicht, wozu ich da bin ...

In einem jähen Trotz, als hätte ihr jemand widersprochen, wiederholte sie sich: Warum soll ich denn nicht Schlittschuhlaufen gehen? Ich kann's doch! Sogar gut! Die Eltern haben nichts dagegen. Die haben mir's immer erlaubt -- auch damals, vor zwei Wintern, nachdem die arme Herta Harff dort eingebrochen und ertrunken war. Denn es sind ja freilich Löcher dort im Eis -- tiefe schwarze Löcher -- man kommt aus Versehen mal hinein ...

Auf der Straße pfiff ein eiskalter Wind. Es waren jetzt zwischen sieben und acht Uhr morgens da nur Arbeiter unterwegs, Ladenverkäuferinnen, Schulkinder. Neugierige Blicke folgten dem großen schlanken eleganten jungen Mädchen, das, die Schlittschuhe am Arm, in seinem Pelzjäckchen gleichmäßig dahinschritt, die breiten Straßen entlang, in denen die Rolläden der Schaufenster sich allmählich knarrend lüfteten und die vollbepackten Straßenbahnwagen klingelten und sausten, dann in die Ruhe der Villenvorstadt hinaus, in der noch kein Mensch wach war und ihr Schritt sonderbar im Schweigen widerhallte, als wäre es noch tiefe Nacht -- so dunkel wie die Löcher da draußen im Eise.

Sie dachte sich mit einer, ihr selbst unverständlichen Ruhe: Wenn mir heute etwas passiert, dann war ich eben unvorsichtig. Ich hab' die Warnungszeichen nicht beachtet. Das kann jedem geschehen. Nachher ist's zu spät. Es wird natürlich ein großes Geschrei geben ... Aber ich hör' es ja nicht mehr ...

Und eine neue Bitterkeit: Was liegt denn an mir? Es will ja keiner was von mir wissen? Da dräng' ich mich auch nicht auf, wenn mich niemand mag. Ich geh' jetzt Schlittschuhlaufen. Und ob ich wiederkomm' ...?

Ihr schmales, trotz der Winterluft unter dem Schleier blasses Antlitz war unbewegt, während sie weiterschritt und sich vorstellte: Nur, daß es in den Zeitungen stehen wird, das ist schrecklich! Aber alle werden sagen: Das ist ein Unglücksfall! Ein bodenloser Leichtsinn! Was es war, weiß keiner. Auch er nicht! Er vor allem nicht! Er soll sich nie einbilden, daß ich an ihn gedacht hab' ... auf diesem Weg ...

Zwei Freundinnen kamen ihr entgegen: die Töchter des Divisionspfarrers Nicholt. Sie hatte die beiden seit Kaisers Geburtstag nicht mehr gesehen. Berta Nicholt, die immer aufgeregt war, stürzte mit ausgestreckten Händen auf sie zu.

»Du, Maxe ... das ist ja großartig! ... Ich war ja ganz paff: Die Ulla ist glückliche Braut?«

»Sogar sehr glückliche!« sagte das junge Mädchen lächelnd und stehen bleibend.

»Ja, wie kam denn das so plötzlich?«

»Gar nicht plötzlich! Das ist eine alte Geschichte!«

Maximiliane von Otterslebens Stimme klang sehr unbefangen, wie sie dastand, lang, schlank und blond, in dem Ostwind, der mit den krausen Härchen in ihrem Nacken spielte. Die beiden anderen sahen sie unsicher an. Man hatte sich doch immer eingebildet, daß sie und Logow ... Aber sie lachte nur: »Die Ulla ist im siebten Himmel!« sagte sie. »Na, das könnt ihr euch vorstellen! ... Und er erst! ... Wir sind alle so froh! Ich denke, da haben sich gerade die beiden Rechten gekriegt!«

Sie hatte dabei nur die Angst, daß die Freundinnen sich ihr anschließen könnten, aber die dachten nicht daran. Jetzt da draußen auf der Eisbahn, ohne Leutnants, ohne Musik ... pah ... sie begriffen Maxe Ottersleben nicht und schauten ihr noch ein paarmal nach, wie sie ihren Weg nach dem Stadtpark fortsetzte. Aber die hatte ja immer so komische Ideen! Das war nichts Neues ...

Im Forst war tiefes Weiß. Der Wind stürmte von hinten und blies Maximiliane in schneidendem Pfeifen um die Ohren. Sie hörte kaum mehr das Knirschen des Schnees unter den Füßen, so stark war das Brausen in dem kahlen Geäst. Im Sommer kam man oft von der Stadt aus hierher, trank drüben im Jägerhaus Kaffee, lagerte im Grünen. Jetzt war das große Schweigen. Kein Mensch weit und breit. Nur ferne etwas Dumpfes, wie Schläge der Holzaxt. Oder war es das Hämmern ihres Herzens? Eine Erwartung ... ein Rückwärtsschauen: es war ja alles ganz schön gewesen. Die Eltern waren gut zu mir. Die Geschwister freundlich. Kein Mensch hat mir Böses getan. Ich war auch ganz froh. Ich hab' ja ganz gern gelebt und gedacht, das Eigentliche kommt erst ...

Und statt dessen nun dies sonderbare, ihrem Willen entzogene Muß, dies: Vorwärts! -- Die Löcher im Eise sind tief ... darin versank man still, nach dem Sturz aus allen Himmeln ... Es war eine traurige Gewißheit, daß das so sein sollte. Aber sie konnte nichts dafür ... sie wahrlich nicht ...

Sie dachte sich: ›Jetzt küßt er sie eben in Berlin! ... Manche könnte sich ja nun vornehmen: Gut -- dann heirate ich eben niemals einen anderen! Aber was ist das für ein Leben -- vielleicht noch fünfzig Jahre lang? Das halt' ich nicht aus! Lieber so!‹

Vor ihr, am Waldrand, lärmten die Krähen. Dahinter die stundenweite, undeutliche, verschneite Fläche, das war der Liesensee. Jetzt, um diese Morgenstunde, war gewiß kein Mensch dort. Das Musiktempelchen stand öde. Die Bude für Punsch und Pfannkuchen war geschlossen. Man streifte den Reif von einer Bank und setzte sich und schnallte sich selbst die Schlittschuhe an und fuhr los. Kein Wächter rief hinter einem her, wenn man den gebahnten Pfad verließ -- ins Weite hinaus -- nur den Wind hatte man hinter sich. Der schob einen. Eine fremde Gewalt trug einen dahin. Es war ein Flimmern vor den Augen ... Hinaus ... Hinaus ...

Sie senkte den Kopf und ging eilig im Schnee weiter. Merkwürdig: was sie bisher für Axtschläge gehalten, klang jetzt immer lauter und näher. Es war mehr ein Böllern, ein häufiger dumpfer Knall. Sie machte noch ein paar Schritte und hemmte dann erschrocken den Fuß. Da, auf den Hügeln am See stand ein einzelnes Feldgeschütz, die Mannschaft darum herum und feuerte. Eine große gelbe Flagge wehte daneben. Und etwa hundert Schritte weiter war eine zweite Kanone und eine zweite Fahne -- eine dritte und vierte -- eine lange markierte Artillerieaufstellung. So viel militärische Schulung besaß sie als Offizierstochter wohl, um das auf den ersten Blick zu erkennen.

Sie seufzte in tiefem Kummer auf, in Angst und Ungeduld. Es durfte jetzt nichts dazwischen kommen. Ihr war, als habe sie eine Pflicht zu erfüllen. Von den Kanonieren bemerkte sie niemand. Die schauten alle nach vorne, luden und zielten. Sie bog rasch nach rechts ab, um so die waldumbuschte, einsame Seitenbuchtung des Sees zu gewinnen. Aber als sie dort in dem Weidendickicht stand, schimmerte es vor ihr himmelblau im Weiß des Schnees. Ein Trupp Dragoner hielt da versteckt mit einer farbigen, ein Kavallerieregiment darstellenden Flagge und lauerte blutdürstig auf etwas hinter den Anhöhen -- aus deren Ferne man nur ein unbestimmtes Plackern vernahm.

Trostlos machte sie kehrt, gehetzt, als seien ihr Feinde auf den Fersen, eilte sie wieder durch den Wald zurück, hinter den Geschützen vorbei, nach der anderen Seite -- voll stummer, verbissener Leidenschaft, sich nicht hemmen zu lassen, ihr Schicksal zu erzwingen ... Aber da drüben in der freien Ebene, auf der weißen Fläche, längs der Ufer, bildeten dunkle Punkte und rote Flaggen eine lange, dünne, langsam vorschreitende Linie. Es war Infanterie vom Regiment ihres Vaters. Sie erkannte die Achselklappen. Sie sah das Aufblitzen der Schüsse. Auch von rechts, wo die Dragoner gewesen, knatterte jetzt das Kleingewehrfeuer, und weiterhin, jenseits des Sees, war alles schwarz von Soldaten. Sie war mitten in die Felddienstübung des Generals von Glümke hineingeraten.

Sie blieb ratlos, in sich zusammenfröstelnd, im Schnee stehen. Der Weg zum See war ihr mit Waffengewalt versperrt. Das Gefecht näherte sich mehr und mehr. Es schien, daß Papa mit seinem Regiment eine weitausgreifende Umfassung vorbereitete. Sie glaubte ihn fern unter einem einzelnen Baum an seinem Pferd, der guten alten Rappstute Bella, zu erkennen, die so phlegmatisch im Kugelregen stand. Sie wandte sich um und ging langsam, wie vor den Kopf geschlagen, längs des Waldsaums dahin. In ihr war immer noch der verzweifelte, nachtwandelnde Drang: ›Ich kann mir nicht helfen. Ich muß jetzt Schlittschuhlaufen. Weit weg. Ganz weit ... Wer weiß, wann ich wieder die Kraft dazu habe.‹ In einer Aussichtshütte, die am Wege stand, ließ sie sich nieder und saß da, ohne sich zu rühren. Hier störte sie keiner. Sie hatte die Hände zusammengelegt und den Kopf geneigt. Sie war unendlich traurig. Über ihr war in der Holzwand von sommerlichen Ausflüglern ein Herz eingeschnitten. ›Paul -- Emma. 1900.‹ stand darin. Das machte sie auf einmal beinahe weinen. Alle Menschen liebten sich, jedes fand den Seinen oder die Seine. Nur sie war verlassen. An ihr ging man achtlos vorbei. Es war so grausam -- so demütigend. Sie ertrug es vor sich selber nicht. Sie seufzte schwer, mit düsterem Gesicht. Sie dachte sich: Es muß ja nicht heute sein! Der Winter ist ja noch lang. Es kommen noch mehr solche Tage ... Das gab ihr einen trüben Trost. Sie fühlte sich ruhiger. Sie erhob sich und drehte nun endgültig dem Gefechtsfeld den Rücken und schlug die Richtung nach Hause ein.

Hinter ihr klang es, fern im Wind, aus vielen Hörnern: ›Gewehr in Ruh'!‹ Es wurde plötzlich ganz still. Die Übung war doch früher zu Ende, als sie geglaubt. Hoffentlich hatte Papa gut abgeschnitten. Er machte es ja dem General von Glümke nie zu Dank. Nun rückten die Regimenter bald in die Quartiere. Aber für sie, Maxe Ottersleben, war es heute zu spät: die große Stunde und Stimmung verflogen.

Ein andermal ... Traumverloren wanderte sie weiter -- eine Viertel-, eine halbe Stunde. Sie brauchte doppelt so viel Zeit als auf dem Hinweg -- so matt war sie -- so schwer trugen sie die Füße. Am liebsten hätte sie sich lang in den Schnee hingeworfen und wäre liegen geblieben, mochte daraus werden, was wollte. Dann gab sie sich einen erschrockenen Ruck und schritt anscheinend gleichgültig dahin. Sie hatte hinter sich Hufgetrappel gehört. Da kam jemand, im schlanken Trab, ohne sich um Schneelöcher und Baumwurzeln zu kümmern, so elastisch wie ein junger Leutnant im Sattel, trotz der weithin leuchtenden, scharlachroten Generalsaufschläge. Als er sich dem jungen Mädchen näherte, richtete er sich in den Bügeln empor, die -- das Zeichen eines tadellosen Reiters -- so lang geschnallt waren, daß er eben noch mit der Fußspitze Anlehnung fand, und rief lachend: »Na, Sie Schlachtenbummler ... hab' ich Sie noch glücklich erwischt ...?«