Chapter 28 of 28 · 1194 words · ~6 min read

Part 28

Es war ein kalter, klarer Wintertag. Die Straßen reingefegt vom Schnee, der Himmel blau, die Häuser voll Fahnen. Maximiliane ging das Spreeufer entlang. Wenig Menschen begegneten ihr bis zur Weidendammer Brücke. Da umfing sie plötzlich das festliche Gewühl der Friedrichstraße. Mächtige Girlanden hingen drüben an der Kaserne des zweiten Garderegiments, nach der anderen Seite, gegen die Absperrung unter den Linden zu, war unter dem Flaggenwald der beiden engen Straßenfronten alles schwarz von Köpfen -- dahinter undeutlich der Prunk der Auffahrt zum Kaiserschloß -- im Winde flatternde Federbüsche der Generale -- schwarz-weiße Lanzenwimpel -- das Schaukeln und Flimmern der Adlerhelme der Garde du Corps -- verwehte Musik -- wie eine Vision aus dem achtzehnten Jahrhundert die altfränkischen Galakarossen mit dem hinten stehenden gepuderten Lakaien -- und dann mit einem Schlag wieder der Alltag, das Hasten und Drängen auf dem Bahnhof Friedrichstraße, zu dem sie emporstieg.

Sie hatte sich beeilen müssen, um gegen die herabflutenden Menschenströme den Aufgang zu gewinnen. Atemlos stand sie oben auf dem Bahnsteig im Wellenschlag der Menge. Es waren nur noch zwei Minuten bis zur Ankunft des schlesischen Schnellzugs. Aber noch war seine Tafel nicht aufgezogen und ein Beamter erklärte ihr den Grund: Schneeverwehung ... Eine halbe Stunde Verspätung ...

Warten ... wieder warten ... Und daheim lag die Kranke ... die Sterbende ... Sie schaute verstört vor sich hin. Sie wurde im Gedränge angestoßen ... hin- und hergeschoben ... Langsam trat sie zur Seite, ging wieder die Stufen hinab, über die Straße, gesenkten Haupts -- sie wußte selbst nicht, wohin. Ihr Schwesternkleid schaffte ihr Durchlaß. Auf einmal war sie an der Ecke der Linden, hart an der Ruhmeshalle, wo eben die Parole ausgegeben war, die immer gleiche an diesem Tag: »Es lebe Seine Majestät der Kaiser und König.« Sie sah vor sich die mächtigen abgesperrten Flächen des Opernplatzes, sie sah von der grauen Riesenfront des Hohenzollernschlosses die Reichsstandarte purpurn über Berlin wehen, sie sah nach der anderen Seite bis zum Brandenburger Tor hin den Festprunk der Siegesstraße, die Fahnen und Kreuze, die Teppiche und Inschriften, sie sah vor sich auf der lichten Weite des Asphalts Hunderte und Tausende von Offizieren, die schärpenumgürtet, in lichtgrauem Mantel und hohen Stiefeln aus dem Zeughaus traten -- sie sah die Federbüsche, die schwarzen und weißen Roßschweife, die Pickel- und Kugelhauben, die Tschakos, die Adlerhelme und Tschapkas und Bärenmützen. Und all dies bunte Gewimmel stand mit einem Schlag still. Die Hände hoben sich zum Gruß -- ein Brausen und Hochrufen und Tücherschwenken schwoll an den Seiten hinter den Schutzmannsmauern an und durchzitterte die dunklen Menschenmassen und rollte, sich immer verstärkend, bis über die Spree. Zwischen ihr und der Ruhmeshalle war eine breite, freie Gasse. Mitten auf ihr schritt ein General, sechs jüngere Offiziere ihm zur Linken, in einiger Entfernung ein Schwarm von Gefolge: der Kaiser kehrte mit seinen Söhnen vom Zeughaus nach dem Schloß zurück ...

Der Ruf der Tausende hallte Maximiliane im Ohr nach, während sie sich umwandte und wieder den Weg nach dem nur wenige hundert Schritte entfernten Bahnhof einschlug, dieser Ruf, der heute in jeder deutschen Stadt erklang, auf jedem deutschen Panzer, der das Meer durchfurchte, an jeder fernen Küste des Erdballs, an der die schwarz-weiß-rote Flagge wehte. Das war das Heer. Das war das Reich. Das war die Größe. Die eigene Not erschien einem wenigstens einen Augenblick klein dagegen und kam dann wieder mit aller Macht über sie. Sie stand und rang die Hände ineinander und atmete auf, als endlich, endlich der Zug einlief und Erich von Logow ausstieg.

Er war in Zivil. Denn auf den Straßen Berlins durfte er sich heute nur in Paradeuniform zeigen, und die konnte er erst zu Hause anlegen. Mit ruhigem Gesicht schritt er dem Zug entlang, seine Handtasche in der Rechten und erblickte plötzlich Maximiliane und blieb stehen, als hätte er einen Geist gesehen.

»Du hier?«

»Ja.«

»Was ist denn geschehen?«

»Hast du unsere Depeschen nicht erhalten?«

»Nein!«

»Deine Frau ist sehr krank! ... Komm rasch!«

Er war betäubt. Er fand kein Wort. Stumm folgte er ihr. Als sie in einem Automobil saßen, wiederholte sie mit erstickter Stimme: »Komm rasch! ... Sonst kommst du zu spät!«

Und nun begriff er ...

Der Wagen schoß dahin. Erich von Logows Gesicht war fahl geworden.

»Maxe ... Sag mir die ganze Wahrheit!«

Und sie erwiderte, eingedenk ihres Worts: »Ulla war zu leichtsinnig! ... Sie ist ausgefahren. Dabei hat sie sich's geholt! Der Arzt gibt kaum mehr Hoffnung!«

Sie stiegen aus und eilten die Treppen hinauf. Oben in der Wohnung waren jetzt noch mehr Menschen. Die Mutter war aus Darmstadt gekommen, die Grotjans aus Thorn -- all die Ottersleben und ihre Verwandten waren beisammen. Aber nicht mehr in den Vorderräumen. Sie waren sämtlich in das Krankenzimmer getreten. Sie umstanden schweigend mit gefalteten Händen das Bett. Davor der Pfarrer. Der Arzt richtete sich empor. Er murmelte: »Gott sei Dank! ... Da sind Sie!«

Ulla schlug noch einmal die Augen auf. Eine Bewegung ging über ihr Gesicht. Sie erkannte die beiden, die an ihr Lager traten. Sie reichte ihrem Mann die Hand. Es war ein schwaches Lächeln um ihre Lippen. Dann tastete sie mit der Linken nach etwas. Sie nahm ihren schwindenden Willen zusammen. Sie suchte es und fand es. Sie hatte, auf der anderen Seite des Bettes, Maximilianes Rechte ergriffen und hielt sie so fest, wie drüben die ihres Mannes, und sah die beiden an und bemühte sich, deren Hände zusammenzulegen. Es war keiner im Zimmer, der das nicht fühlte. Dann verließ sie die Kraft. Ihre Arme sanken nieder. Arzt und Pflegerin beugten sich hastig über sie. Maximiliane drehte sich zur Seite. Sie konnte nichts mehr sehen, so verschleierten ihr die strömenden Tränen den Blick. Sie hörte nichts mehr. Es war eine tiefe, große Stille ...

Und in ihr plötzlich die Stimme des Geistlichen: »Vater unser, der du bist im Himmel! Dein Reich komme ... Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden ...« eine Bewegung umher -- ein Aufschluchzen ... da faltete auch sie die Hände ...

»Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern!«

Sie sank am Bett der Toten auf die Knie. Ulla lag still. Auf der anderen Seite kniete Erich von Logow. Vom Fenster her fiel über sie beide und die Schläferin in ihrer Mitte ein heller Sonnenstrahl ...

~Rudolph Stratz~:

~Der weiße Tod~

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~Buch der Liebe~

Sechs Novellen. 4. Tausend

~Der arme Konrad~

Roman aus dem großen Bauernkrieg von 1525 5. und 6. Tausend

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~Die ewige Burg~

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~Stark wie die Mark~

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~Jörg Trugenhoffen~

Ein deutsches Schauspiel in fünf Aufzügen

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart