Chapter 24 of 28 · 3918 words · ~20 min read

Part 24

Der Abend verlief still und gemütlich. Die Grotjans waren die rechten Heimchen am Herde. Natürlich erschienen auch wieder Kameraden mit ihren Frauen. Das Pionierehepaar konnte sich dies offene Haus leisten, trotz seiner beschränkten Mittel. Denn hier war die Einfachheit noch an der Tagesordnung, das berühmte altpreußische Butterbrot, dessen Name sonst wie eine Sage aus verklungenen spartanischen Zeiten in den modernen Wohlstand der Armee hineinklang, noch leibhaftig auf der Schüssel zu schauen. Hinterher tranken die Herren Bier, die Damen Tee. Die Herren saßen im Zimmer rechts, die Damen im Zimmer links. Die einen sprachen vom Dienst, die anderen von den Dienstboten. Maximiliane hörte mit geistesabwesendem Lächeln den Hausstandsorgen um sie herum zu. Ihre Gedanken waren wo anders. Es war eine Unterströmung in ihrer Seele -- eine Nachwirkung des Gesprächs von vorhin -- die alte Traurigkeit und Ruhelosigkeit ... Und dann, mitten in der Nacht, schlug sie die Augen auf. Sie hatte Herzklopfen. Sie konnte nicht schlafen. Dies unermüdliche, hastige Hämmern raubte ihr alle Ruhe. Dabei war gar kein Grund dazu vorhanden. Sie wußte wenigstens keinen. Sie sah in das Dunkel vor sich empor. Im Wandern ihrer Gedanken hörte sie wieder die Worte ihrer Schwester: ›Warum heiratest du eigentlich nicht?‹ Das war der Schlüssel zu dem ganzen Sein und Schicksal. Es stand einer zwischen ihr und dem Leben und trat immer wieder in ihren Gesichtskreis und kam jetzt wieder zurück. Sie wollte nichts von ihm sehen und wissen, und doch ... was sie vorhin sich und der Schwester verschwiegen und verneint, das sprach jetzt zu ihr die Stille der Mitternacht: ›Ich liebe ja doch, wenn ich's auch zehnmal abgeleugnet hab' ... Ich lieb', solange ich zurückdenken kann, lieb' ich den einen! ... Ich hab' ihn fern von mir gesehen, losgelöst, nur noch ein Bild heiliger Erinnerung, in den Jahren meiner Ehe ... Jetzt, in meiner Einsamkeit, ist er wieder da ...‹

Sie stand auf, ging vorsichtig durch das dunkle Zimmer zum Fenster und schlug den Vorhang zurück. Draußen lag heller Mondschein auf den breiten, hellen Straßen und Plätzen der Thorner Neustadt. Drüben schimmerten in dem blauen Dämmern die Dächer und Höfe der Fußartilleriekasernen. Einsam schildernde Posten vor dem Tor. Der Pfiff einer Lokomotive vom nahen Stadtbahnhof. Und in ihrem Ohr, durch das ewige Hämmern des Herzens, etwas wie ein Rauschen -- wie Wellenstrudeln und Windeswehen -- und vor ihren Augen etwas Unbestimmtes -- eine Rauchwolke dort am Horizont -- ein Dampfer fern auf dem Meer -- er war in voller Fahrt -- er näherte sich -- er hatte schon Teneriffa im Rücken ... bald legte er im Heimatshafen an.

Sie atmete schwer auf. Sie sagte sich: Gottlob -- wenn auch Logow jetzt wieder nach Deutschland kommt, unsere Wege kreuzen sich nicht. Sie werden ihn irgendwo an den Rhein bringen. Mama schreibt das nicht umsonst. Sie hat schon ihre Quellen. Da bleibt er. Da mag er mit Ulla so glücklich sein, als er vermag. Vielleicht finden sich jetzt die beiden! Ich will das einzige dazu tun, was in meinen Kräften steht: ich will seine Nähe fliehen. Es ist zu seinem Besten. Und zu meinem eigenen erst recht ...

Am anderen Morgen merkten ihr die Verwandten nichts von den durchwachten Nachtstunden an. Sie nahm heiter und unbefangen Abschied von dem Grotjanschen Hause, küßte die Kinder, beschenkte die Dienstboten und fuhr dann mit dem Ehepaar auf dem Krümperwagen über die große Brücke hinüber, nach der Hauptstation. Dort gingen sie auf dem Bahnsteig auf und nieder und warteten auf den von Rußland herkommenden Zug. Draußen auf dem freien Gelände zwischen Bahnhof und Fluß war ein Kommen und Gehen zu den nahen Kasernen. Offiziere zu Fuß und zu Pferd. Ein Hauptmann sah den Pionier und seine Frau, blieb grüßend stehen und rief hinüber: »Haben Sie schon 's neueste Militärwochenblatt gelesen, Grotjan?«

»Nee!«

»Gestern abend erschienen! Warten Sie ... Ich hab's bei mir ... da ist nämlich was drin, was Sie auch interessiert! ... Sie sind doch nahe verwandt mit dem Logow, dem bisherigen Chilenen?«

»Ja. Unsere Frauen sind Schwestern!«

»Na -- da sehen Sie ... Glück muß der Mensch haben!«

Er trat heran und zeigte dem andern eine Stelle in der Zeitung, und Maximilianes Schwager las halblaut: »Von Logow, Hauptmann <f>à la suite</f> der Armee, bisher in chilenischen Diensten, vom 25. Mai ab in den Großen Generalstab versetzt!«

»Donnerwetter ja!« sagte er, gab dem Hauptmann, der sich mit erneutem Gruß entfernte, das Blatt zurück und wandte sich, über sein ganzes langes, ehrliches Gesicht von neidloser Genugtuung strahlend, zu den Damen. »Na -- das gönn' ich dem Logow! ... Das gönn' ich ihm von Herzen! ... Da muß er sich ja riesig wieder herausgemacht haben in Südamerika! Nun hat er wieder seinen Stein im Brett!«

»Einsteigen!« schrie der Schaffner. Der D-Zug aus Eydtkuhnen war eingelaufen. Maximiliane von Glümke nahm in ihrem Abteil Platz und ordnete mechanisch ihre Sachen. Dann beugte sie sich zum Fenster hinaus. Unten standen die Geschwister und freuten sich noch immer über die gute Nachricht. Sie waren stolz auf den Schwager.

Der Hauptmann Grotjan rief: »Na ... grüß den Erich schön von uns! Du wirst ihn ja nun bald zu sehen kriegen! ...«

»Ja ... ich weiß es nicht ...« sagte die Generalin von Glümke. Sie war blaß geworden. Die fröhlichen Leutchen da unten beachteten es nicht.

Der Pionier lachte: »Wieso? Wo ihr jetzt beide in Berlin wohnt -- die Logows und du ... Du, hör mal: Erich und seine Frau müssen jetzt uns auch hier in Thorn besuchen! ... Schärf es ihnen jedesmal ein, so oft du mit ihnen zusammen bist! ... Vergiß es nicht ...«

»Ich werde daran denken ...« Die Stimme der jungen Frau war tonlos. Die Räder knarrten. Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte in der Richtung nach Berlin.

20

»Ich finde es ers--taunlich,« sagte John Bannersen, in seinem kaltblütigen und nachdrücklichen Deutsch von der Waterkant, und zündete sich seine Nachtischhavanna an, » ... ich finde es offen ges--tanden ers--taunlich, wie ein Mensch in deinem Alter dies Nichtstun jahraus jahrein aushält! Als ich in den Dreißig war, mein lieber Otto, da hab' ich drüben in New Orleans im Baumwollgeschäft Blut und Wasser geschwitzt! Das war kein S-paß! ... Aber du denkst: wozu hat der alte Mann da hinten seinen Arnheim s--tehen? Tja ... Aber wenn der Kasten nun mal verschlossen bleibt? ... Was dann, min Jong?«

Otto von Ottersleben stand am offenen Fenster des Arbeitszimmers seines Schwiegervaters. Draußen im Vorgarten der Charlottenburger Villa leuchtete das Sommergrün des Juni in der Sonne. Finkenschlag und Sperlinggezwitscher klang aus dem Laub der Lindenreihen auf der Straße, die ihren Schatten über den heißen Asphalt warfen. Sein hübsches Gesicht war verdüstert. Er drehte sich um und versetzte heftig: »Ich kann nichts dafür, Papa! Du weißt doch, was für gräßlichen Ärger ich mit dem Gut gehabt hab'! ... Der Verwalter hat gestohlen ... ich hab' jedes Jahr ein kleines Vermögen zugesetzt ... da hab' ich schließlich verkaufen ~müssen~ -- wenn auch mit Verlust.«

»Eingeseift haben sie den Herrn Leutnant a. D.!« nickte der alte Herr. »Das kommt davon, wenn man seine Branche im S--tich läßt. Ich bin nun schon 'n büschen schlecht auf den Augen, aber ich will dir jetzt noch auf der Liverpooler Baumwollbörse im <f>arbitrationroom</f> auf zehn Schritte sagen: Das ist <f>good middling</f> und das ist <f>fine</f> -- da macht mir keiner was vor! ... Du aber vers--tehst nichts von Landwirtschaft. Seit vorigem Herbst sitzt du nun wieder mit Frau und Kindern in Berlin! Und was nun weiter ... Hm?«

»Ich weiß nicht!«

»Dat 's ja nun wohl slimm!« versetzte John Bannersen phlegmatisch, entsandte wieder eine Weile blaue Havannawolken aus den Tiefen seines Klubstuhls und wurde plötzlich in einer ganz breiten und gelassenen Art ungemütlich. »Ich hätte mich als junger Mensch geschämt. Ich hätte lieber Säcke im Hafen getragen oder Holz gehackt, als den ganzen Tag unserm lieben Herrgott die Zeit s--tehlen!«

»Verzeihung, Papa ... Diesen Umgangston bin ich nicht gewohnt!«

»Das glaub' ich!« sagte John Bannersen mit unerschütterlicher Ruhe. »Ich hab' auch lang genug gewartet. Ich hab' jahrelang s--till zugesehen, ich übers--türze nie etwas. Aber nun ist meine Geduld zu Ende. Leuten, die nicht arbeiten wollen, hänge ich den Brotkorb höher. Du vers--tehst ...«

Sein Schwiegersohn biß sich auf die Lippen in hilflosem Widerwillen gegen diese plebejische Auffassung seiner Existenz. Er machte eine verächtliche Handbewegung und zwang sich zu hochmütiger Ruhe.

»Du entschuldigst, Papa, wenn ich dir auf diese Verkehrsformen nicht folge! Sie sind mir zu vulgär!«

Der Baumwollschwiegervater lächelte mit breitem Behagen.

»Geldverdienen ist immer vulgär! Geldausgeben immer fein! Nicht wahr? Aber ich s--pare das Geld lieber für meine Enkel. Ich leg' es testamentarisch fest, s--tatt daß ich es Leuten geb', die es verplempern. Wenn du, ein kräftiger Mensch, dich dein Leben lang von deiner Frau und deinen Kindern ernähren lassen willst ...«

»Adieu!«

Otto von Ottersleben war schon an der Tür. Herr Bannersen erhob sich erstaunt aus dem Sessel.

»Ja, wenn du freilich mitten aus einer ruhigen geschäftlichen Bes--prechung davonläufst ...«

»Adieu! Ich hab' genug gehört!«

Der junge Mann schlug dem Schwiegervater die Tür vor der Nase zu, der drinnen breitbeinig stehen blieb und ihm, die Hände in den Hosentaschen, voll Seelenruhe nachsah, und trat verstört in ein Nebenzimmer. Dort saß seine Frau mit ihrer Mutter. Sie schluchzte. Ihr niedliches Gesichtchen war verweint und verwaschen. Sie flog an seine Brust.

»Otto! ... Mama sagt ... Papa gibt von heut ab nur noch die Hälfte! Er sagt, wir täten nichts!«

»Er sagt noch viel mehr!« versetzte Otto von Ottersleben wütend und schob Adda sanft zur Seite. Er wollte nur fort aus diesem Hause, in dem man ihn ~so~ behandelte! Er mußte jetzt mit sich allein sein, um sich klar zu werden, was er sich schuldig war. Er küßte seine Frau auf die Stirne.

»Auf nachher, Adda! Wir treffen uns bei Maxe und gratulieren ihr zum Geburtstag! Also in 'ner Stunde! ... Adieu! ...« Er stürmte davon und lief ziellos, düster, mit dem Spazierstöckchen wippend durch die sonnenhellen Straßen Berlins. Überall wimmelte es von Menschen. Alle schienen etwas zu tun zu haben. Sie gingen ruhig, mit geschäftlich gespannten Mienen. Er sagte sich trotzig: ›Gottlob, daß ich nicht so zu schuften brauch' wie die Spießer!‹ aber ihm war nicht wohl dabei zumut. Ihm war, als antwortete ihm die breite schwere Stimme des Schwiegerpapas: ›Dafür bist du eine Drohne. Du wirst schlecht behandelt und mußt es dir gefallen lassen!‹ ... Und in ihm war ein sonderbar katzenjämmerliches Gefühl, inmitten dieser Stadt, in der alles vom Morgen bis zum Abend, vom Kaiser bis zum Kärrner tätig war.

Er blieb unschlüssig stehen. Er hatte keine Lust, jetzt schon seine Schwester, die Exzellenz, aufzusuchen. Da saß alles voll Frauenzimmer, es wurde durcheinandergeschwatzt und Geburtstagskuchen gegessen. Dazu war er nicht in der Stimmung. Er fühlte das Bedürfnis, sich an irgend jemandem festzuhalten, mit einem vernünftigen Menschen zu reden. Hier in der Nähe wohnte sein Onkel Bruno, der Generalleutnant. Er war lange nicht bei ihm gewesen. Er hatte, als verwöhnter Gentleman von Paris oder der Riviera heimkehrend, eine unbestimmte, ein wenig geringschätzige Scheu vor diesem nüchternen, altpreußischen Haus. Aber heute schien es ihm, in seiner Gekränktheit und Ratlosigkeit, wie eine Heimat. Er stiefelte entschlossen drauf zu und war froh, als ihm gemeldet wurde, Exzellenz seien daheim und würden sich sehr freuen.

An dem General Bruno von Ottersleben waren die Jahre scheinbar spurlos vorübergegangen. Es war immer noch dieselbe aufrechte, breitschulterige, ein wenig schwere Gestalt, dieselben klugen, etwas grobgeschnittenen Züge voll ruhigen Wohlwollens und unerschütterlicher Festigkeit. So hörte er die Klagen an, in denen sein Neffe ihm das Herz ausschüttete und wütend schloß: »Wenn der Olle mir ~so~ kommt ... mir so ... sozusagen mir nichts dir nichts die Temporalien sperrt ... ich lass' mir von dem alten Rauhbein nichts gefallen ... da kennt er mich schlecht! Aber ich sitze ja rein auf dem Pfropfen ... Wovon soll ich denn leben ... zum Kuckuck ... mit Frau und Kindern? ... Ich bin ja ganz in seiner Gewalt! Schließlich wird er noch verlangen, ich soll in sein Geschäft eintreten ... Baumwolle zupfen ... hol' mich der Deubel ... ich bin doch ein Ottersleben ...!«

Der Blick des Generals lag ruhig prüfend auf dem aufgeregten, auffallend hübschen jungen Mann. Er musterte sein Äußeres von Kopf bis zu Fuß -- den eleganten blauseidenen Knoten des Selbstbinders, der aus dem Schlitz des hohen Stehumlegkragens hervorquoll, die geblümte Phantasieweste unter dem taubengrauen Cutaway, die bunten Sockenzwickel zwischen dem aufgekrempelten Beinkleid und dem ausgeschnittenen Lackschuh. Er verstand nicht das Geringste von diesen Dingen vom Zivil, er ahnte nicht, daß dies Ganze ein aus dem Rahmen einer Schneiderzeitung gestiegenes Musterbild der Mode war -- für ihn bedeutete es nur ein Gleichnis, und er sagte, nachdem der andere geendet, ruhig: »Dein ganzes Unglück ist, daß du falsch angezogen bist, Otto!«

»Ich? Wieso?«

Der Neffe sah erschrocken an sich hinab. Sein Onkel fuhr fort: »Du sagst selbst, du bist ein Ottersleben! ... Ein junger, gesunder, kräftiger Ottersleben. Also solltest du von Gottes und Rechts wegen die Uniform tragen. Dann wäre dir gleich wohler ...«

»Ich bin doch Reserveoffizier bei dem Kü...«

Der General unterbrach ihn mit einer Handbewegung und fuhr fort: »Hänge du mal den grauen Schwalbenschwanz und die Fastnachtsweste, die du anhast, an den Nagel und geh und suche dir wieder eine Uniform -- ich will dir helfen ... und wir werden leicht eine finden -- aber ... eine blaue, mein Sohn, mit schönem schwarzen Kragen ...«

»Ich soll wieder Artillerist werden?«

»Paß mal auf!« sagte der General gelassen. »Wenn du das erste Mal kommandiert hast: ›Erstes Geschütz: Feuer!‹ -- wie nützlich du dich gleich nach dem Knall wieder auf der Welt fühlst. Jetzt weißt du ja nicht, wozu du eigentlich da bist. Und wir anderen offen gestanden noch weniger!«

»Ja, aber ich in einem Artillerieregiment ... mit dem rasenden Geld ...«

»Wozu brauchst du denn das rasende Geld? Hat dein Schwiegervater nicht seinerzeit der Form wegen das Kommißvermögen für dich einzahlen müssen?«

»Ja ... das schon ... aber ...«

»Gut! Dann leb doch mal von den Zinsen des Kommißvermögens! Wenigstens eine Zeitlang! Pfeif ihm auf seinen sonstigen Krempel! Dann bist du wahrscheinlich der einzige Mensch, der dem alten Herrn seit fünfzig Jahren imponiert hat!«

»Ja, aber ... meine Frau ist doch so verwöhnt ...«

»Stell sie doch mal auf die Probe! Sie hat dich doch lieb! Es wird schon gehen! ... Deine Tante da drinnen und ich, wir haben in unserer Leutnantszeit überhaupt nicht gewußt, was warmes Abendbrot ist ... Und wir leben auch noch ... Das ist nicht so schlimm ...«

»Aber es wäre doch furchtbar schwer, Onkel ...«

Exzellenz von Ottersleben langte nach Mütze und Säbel. Er wollte in den Grunewald reiten. Unten auf der Straße harrte der Bursche mit den Pferden.

»Ja, wenn das alles so leicht wäre, lieber Neffe!« sagte er, »dann könnt' es jeder! Das sind eben die Kraftproben! Sieh zu, was in dir steckt! Vielleicht mehr, als du glaubst und man dir zutraut! ... So -- nun weißt du meine Meinung. Ich muß jetzt fort! Adieu, Mutter!«

Frau von Ottersleben war so wenig gealtert wie ihr Mann -- eine große, blonde, hausmütterliche und hausbackene Exzellenz mit den frischen Wangen und dem glatten Scheitel einer ländlichen Pfarrersfrau. Ihre beiden Söhne von der Garde-Infanterie, Günter und Busso, waren aus der fernen Kaserne zu einem Nachmittagsbesuch gekommen und eben im Begriff, sich zu verabschieden. Otto von Ottersleben schloß sich ihnen an. Er hatte die beiden jungen Leutnants lange nicht gesehen. Nachdenklich schritt er zwischen ihnen auf der Straße und hörte den Vettern zu. Der eine, der ältere, büffelte schon fleißig auf die Kriegsakademie hin ... Man mußte sich beizeiten heranhalten bei dem schlechten Friedensavancement! Der andere hatte sich mit Einwilligung des Vaters zum Dienst nach Südwestafrika gemeldet, um einmal ordentlich Feldsoldat zu sein. Beide machten einen straffen, festen Eindruck. Sie wußten genau, was sie wollten. Und Otto von Ottersleben konnte sich nicht helfen: Wieder beschlich ihn, zwischen diesen Grünschnäbeln, ein sonderbares Gefühl der eigenen Zwecklosigkeit, und in seinem Ohr klang es wie aus weiter Ferne: ›Erstes Geschütz: Feuer!‹

Die Leutnants begleiteten ihn zu Maximiliane, um da auch ihre Geburtstagsaufwartung zu machen. Die Zimmer der verwitweten Exzellenz waren voll von Blumen und voll von Menschen. Es war ein Gedränge und Gelächter um den Geburtstagstisch mit seinen einunddreißig Lichtern, ein Kommen und Gehen. Die beiden Leutnants hörten, während sie vorgestellt wurden, klangvolle Namen, Titel und Würden. Die junge Witwe hatte sich in Berlin einen hübschen Kreis geschaffen. Sie war, so ungezwungen und einfach sie sich auch bewegte, immer noch in jedem Salon der Mittelpunkt, wie einst an der Spitze der Division. Man räumte es ihr als etwas Selbstverständliches ein, so wie sie mit ihrem hohen, schlanken Wuchs die meisten anderen Damen überragte. Sie war etwas blaß, aber heiter. Busso von Ottersleben beugte sich über ihre Hand und murmelte ernst: »Maxe ... du wirst immer noch alle Tage schöner! Wo soll denn das hinaus?«

Sie entzog dem Schwerenöter ihre Rechte.

»Busso -- das ist 'ne gräßliche Art! Schrecklich, wenn sich ein Mensch dümmer anstellt, als er ist! Weißt du denn gar nichts Besseres?«

»Ich?« Der junge Krieger richtete sich auf und wurde stolz. »Ich weiß wohl, was ich tu'! Ich geh' doch nach Südwest! ... Es ist schon entschieden!«

Das Wort Südwest zündete. Die Umstehenden traten interessiert hinzu. Eine alte Dame klagte: »Ach Gott ... die Schutztruppe! ... Wieviel Herren haben wir da schon gelassen!«

»Dazu sind wir da, gnädige Frau!«

Und ein alter General nickte.

»Nur immer 'raus! Ist den jungen Leuten sehr gesund!«

»Nicht wahr?« meinte der angehende Schutztruppler eifrig. »Das hab' ich mir eben auch gesagt! ... Wenn ich nur zum Beispiel an den Erich Logow denke! In was für 'ner Verfassung ist der vor drei Jahren hinüber nach Chile! Und nun wieder so famos zurück! ... Gesund ... Fidel ... Wieder im Großen Generalstab ... in allem tiptop ... Findest du nicht auch, Maxe?«

»Ich weiß nicht. Ich hab' ihn noch nicht gesehen!«

»Wieso? Er ist doch schon seit drei Wochen in Berlin!«

»Aber bei mir war er nicht!«

»Komisch! Hat dir Ulla nicht verraten, warum?«

»Ulla war auch noch nicht da!«

»Hört mal, Kinder: ihr seid aber merkwürdig! Da würde ich doch an deiner Stelle einmal ...«

Maximiliane von Glümke schnitt ihm das Wort ab.

»Laß sie doch machen, was sie wollen! Ich lass' mir keine grauen Haare drüber wachsen. Hast du schon Peters Braut guten Tag gesagt?«

Der kleine Grenadier, Maxes jüngster Bruder, war aus seiner schlesischen Garnison mit seiner künftigen Frau und ihrer Mutter herübergekommen. Die kleine Gräfin war ein niedliches Ding, mit rundem Stupsgesicht und großen Kinderaugen. Sie und ihr Verlobter saßen Hand in Hand. In acht Wochen sollte auf dem elterlichen Schloß die Hochzeit sein. Jetzt eben wurde in Berlin die bescheidene Aussteuer besorgt, und Edith Spalck, die Braut, sprang plötzlich stürmisch empor und faßte die Hausfrau um die Taille.

»Also, Maxe ... du kommst mindestens acht Tage vorher zu uns hinüber! Du mußt's mir versprechen! Du hast doch sonst nichts zu tun!«

Die junge Exzellenz lächelte. Es lag einen Augenblick ein schmerzlicher Schatten auf ihrem schönen Gesicht.

»Da hast du recht, Edith!« sagte sie. »Ich weiß wirklich nicht, wozu ich auf der Welt bin! Was bringen Sie da, Minna?«

»Eine Depesche, Exzellenz!«

Sie war aus Darmstadt, von der Mutter: »Tausend Glückwünsche und herzliche Grüße an Dich und die anderen Kinder und die liebe Edith und den guten Erich! Eure alte Mama.«

»Danke schön!« versetzte die kleine Gräfin Spalck, die vor wenigen Wochen erst als Braut in den Familienkreis getreten war und noch nicht mit allen Zweigen der Verwandtschaft Bescheid wußte. »Aber wer ist denn Erich?«

Maximiliane von Glümkes Züge blieben unverändert.

»Erich ist mein Schwager Logow!« sagte sie. »Aber wie du siehst, ist er nicht hier, und so kann ich ihm die Grüße nicht bestellen! ... Guten Tag, Onkel! ... O, die schönen Blumen!«

Der Oberstleutnant a. D. Herr Wilderich von Koninck, der in der geöffneten Flügeltür erschien, hatte etwas Feierliches an sich. Er war Bräutigam auf seine alten Tage. Neben ihm wandelte seine Erwählte. Groß, blond, von stattlichen, frauenhaften Formen, nicht mehr jung, nicht mehr hübsch, aber sehr energisch. Sie wurde den Damen als Fräulein von Hornschuh vorgestellt. Hinter ihr machten die Leutnants vergnügte Gesichter, und Busso murmelte: »Na ... der Olle steckt fest im Eisen!«

Herr von Koninck setzte sich mit seinem Brigittchen -- so nannte er die strenge, die Länge eines Potsdamer Flügelmanns erreichende Braut -- neben Maximiliane und erzählte ihr seine Zukunftspläne, und daß sie in Anbetracht der Sandwege auf ihrem märkischen Gut kein Auto anschaffen, sondern bei den ollen ehrlichen Gäulen bleiben würden, und von der anderen Seite berichtete ihr ihr Bruder Otto von den Feindseligkeiten, die der Schwiegervater plötzlich aus heiterem Himmel eröffnet. Und die junge Witwe hörte zerstreut zu und nickte, den Kopf müde von den vielen Geburtstagsbesuchen, die sich jetzt allmählich verloren. Es wurde leerer in dem kleinen, blumengeschmückten Zimmer. Auch die alte Gräfin Spalck mit ihrer Tochter und dem zukünftigen Schwiegersohn empfahl sich. Maximiliane stand noch im Gespräch mit ihr auf der Schwelle, da hörte sie draußen eine Stimme -- die Männerstimme eines Neuangekommenen, der gedämpft mit dem Mädchen redete -- drei Jahre hatte sie diese Stimme nicht gehört und erkannte sie auf den ersten Ton. Ihr Herzschlag stockte. Sie zwang sich, ein unbewegtes Gesicht zu machen. Sie blieb immer noch plaudernd mit dem Rücken gegen die Tür und gab der kleinen Gräfin einen Abschiedskuß und meinte auf deren Frage lächelnd: "Für wen ich die Kuchenstücke da einpacke? ... Für Ottos Kinder!« und vernahm im selben Augenblick, wie jemand hinter ihr rief: »Na, endlich! Da ist der Logow ja ... na -- nu mal 'ran, du oller Deserteur! Wo hast du denn die Ulla gelassen?«

Sie wandte sich um. Da stand er. Ihr erster Eindruck beim Anblick seiner gebräunten Züge war eine Erleichterung, eine selbstlose Genugtuung. Wie gut sieht er aus!... Wieviel frischer und freier! Das allzu Harte an ihm hatte sich da draußen in die Ruhe eines Mannes ausgeglichen, der viel von der Welt gesehen und sich in ihr bewährt hatte. In seinen dunklen Augen lag ein kaltblütiges Kraftbewußtsein. So hatte sie ihn nur einmal, vor langen Jahren, gesehen -- es schoß ihr durch den Kopf -- wenige Tage hindurch -- als er innerhalb von vierundzwanzig Stunden zum Hauptmann befördert, in den Generalstab versetzt und Ullas Bräutigam geworden war. Sie fühlte einen Stich im Herzen. Sie lächelte und streckte ihm die Hände hin.

»Ich dachte, ihr beiden hättet mich überhaupt schon ganz vergessen, Erich!«

Sie merkte, wie schwer es ihm fiel, vor den anderen auf ihren leichten Ton einzugehen. Und doch: es war ein Segen, daß andere im Zimmer waren. Sie wäre sonst geflohen. Sie spürte es. Sie hätte es nicht ausgehalten. Es erschreckte sie. Sie hatte weniger Widerstandskraft, als sie gedacht. Er sah ihr grade ins Gesicht und sagte scherzend: »Hab' du mal meinen Dienst, Maxe!... Jetzt geht das Schuften wieder los!... Na ... du kennst ja die Generalstabsarbeit! Du warst ja schon einmal als Mädel mein Adjutant!«

Er lachte dabei. Er beherrschte sich. Sie auch! Aber in ihr war bei seinen Worten der Schmerz, der verzweifelte Schmerz: Nun hub das wieder an. Nun war das bißchen Frieden vorbei. Nun stöhnte wieder der Sturm und schüttelte zwei Seelen.

»Gott ... das ist so ewig lange her!« meinte sie. »Das ist mir schon wie aus einem anderen Leben! ... Sag mal: Wo steckt denn Ulla?«

Er zuckte die Achseln.

»Sie liegt wieder auf der Nase! ... Sie läßt dich herzlich grüßen ... Es ist immer die alte Geschichte! Ich verderb' euch nur damit die Feststimmung. Laß mal lieber schauen, was du Schönes gekriegt hast, Maxe!«