Chapter 2 of 28 · 3941 words · ~20 min read

Part 2

»Dorle ... was ist das wieder für ein burschikoser Ausdruck ... Du bist doch Braut ...« Ihre Mutter kam nicht weiter. Sie mußte die Glückwünsche der Damen in Empfang nehmen. Die Kleine kümmerte sich auch nicht viel um den Wischer. Sie lauschte wieder am Hörrohr und sagte dann mit erkünstelter Ruhe: »Du ... Maxe ...! ... Das betrifft dich! Wie? Bitte? ... Ich hab' nicht recht verstanden ...«

Dabei drückte sie ihrer mittleren Schwester Maximiliane halb mit Gewalt die Hörmuschel gegen das Ohr und stellte sich lauernd seitwärts. Gleich darauf trat jene stumm, unwillig den Kopf in den Nacken werfend, fast erschrocken einen Schritt zurück und hängte das Rohr an den Haken, und Dorle Ottersleben verkündete triumphierend den anderen: »Logow ist nämlich Hauptmann im Großen Generalstab geworden! Höllendusel ... Was?«

Einige der jungen Mädchen lachten vielsagend. Ein paar, die der Familie fremder waren, machten harmlose Gesichter, als wüßten sie von nichts. Alle Blicke waren auf Maximiliane von Ottersleben gerichtet, die anscheinend gleichgültig dastand. Sie war hoch und schlank wie ihre älteste Schwester, die Schönheit. Sie ähnelte ihr auch. Sie war ihr Gegenstück in Hellblond und mit blauen Augen. Aber neben deren reifer, beinahe frauenhafter Blüte kam sie nicht recht zur Geltung. Sie verblaßte, weil sie noch nicht voll entwickelt war. Sie war noch zu mager aufgeschossen, in den plissierten Fältchen ihres hellblauen Kleides. Ihr schmales Gesicht zeigte einen herben, unregelmäßigen Reiz, so als hatten sich ihre Züge noch nicht zu ihrem eigentlichen Ausdruck zusammengefunden und belebt. Sie war zweiundzwanzig. Aber sie sah jünger aus als Dorle, die Kleinste, die in ihrer Art schon ganz mit dem Leben und für das Leben fertig war. Sie blickte auf die lachenden, rotbäckigen Mädchengesichter um sie her, und ihre Wangen zeigten keine Spur einer verräterischen Färbung, während sie frostig sagte: »Was wollt ihr denn eigentlich? Was geht denn das bloß mich an, möcht' ich nur wissen!«

Dabei zuckte sie verächtlich die Achseln in einer instinktiven Scheu, daß man ihr zu nahe treten könne. Die Mädchen schwiegen und tauschten vielsagende Blicke, und Dorle rang die Hände.

»Nun tut sie doch, weiß Gott, als ob sie aus dem Mond käme!«

Dann verstummte auch sie, auf einen strengen Blick ihrer Mutter, die sich eilig nach dem Salon zuwandte. Die älteren Damen wollten sich verabschieden. Die übrigen folgten ihrem Beispiel. Es gab ein Stimmengewirr auf Flur und Treppe, ein Mäntelsuchen und Wagenholen. Dienstmädchen und Burschen liefen auf und ab. Das ganze Haus war in Bewegung.

Und unterdessen lag Maxe von Ottersleben einsam in ihrem stillen dunklen Mädchenstübchen vor ihrem Bett auf den Knien und preßte die Stirne in das kühle Leinen. Das Fenster ihres Kämmerchens stand trotz der Kälte offen. Es ging auf eine kleine Hintergasse hinaus. Die lag leer und schwarz. Über ihr flimmerten durch die vom Schneetreiben geklärte Luft winterhell die Sterne. Unten schlürften Soldaten vorbei. Zwei, drei. Sie hielten sich bierselig untergefaßt und sangen halblaut, klagend, langgezogen:

»Was nützet mi--i--ich ein schöner Ga--a--arten, Wenn Andre drin spazieren gehen? Und pflücken mir die Blümlein ab ...«

Sie bogen um die Ecke. Es verhallte in der Ferne:

»... und pflücken mir die Blümlein ab ...«

Maximiliane hatte sich erhoben. Sie trat an das Fenster. Sie hielt die Hände verschlungen. Ihr blasses Antlitz trug einen andächtigen Schein. Sie blickte zu der schweigenden Sternenpracht hinauf. Sie betete stumm im Herzen. »Er kommt weg von hier! Jetzt muß es sich entscheiden ... Das Warten hat ein Ende! Vater im Himmel! Gib mir den Mann, den ich liebe! Laß ihn nicht von mir gehen! Führ' ihn zu mir! Er wird nie wieder eine Frau finden, die ihn so liebt wie ich. Ich lieb' ihn, seit ich ihn gesehen hab'! ... Ich werde nie einen anderen lieben! ... Mein Leben ist er! ... Gib, daß auch ich sein Leben werde ... Ich bitte dich, Vater im Himmel ...«

Es klopfte an ihre verriegelte Tür. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter: »Maxe ... wo steckst du denn?«

Sie öffnete und stand ruhig im Licht des Flurs auf der Schwelle. So sagte sie in der schroffen und launischen Art, die sie oft den Ihrigen gegenüber hatte: »Herrgott, Mama ... kann man denn keinen Augenblick allein sein?«

»Papa ist eben gekommen! ... Wir freuen uns alle so über den Orden! Du allein bist wieder Gott weiß wo!«

»Ich komm' gleich hinüber!« sagte das junge Mädchen und schloß die Tür. Und Frau von Ottersleben kehrte zu ihrem Mann zurück.

Der hatte es sich im Salon in einem Fauteuil bequem gemacht und behaglich die Beine ausgestreckt. Es war niemand außer ihm und seiner Frau da. Er gähnte verstohlen hinter der vorgehaltenen Hand. Er war ein bißchen müde. Kaisers Geburtstag war ein anstrengender Tag. Gottesdienst, Regimentsappell, Mannschaftsessen in der Kaserne mit Schweinebraten, Klößen und Backpflaumen und leutseligen Fragen des Regimentskommandeurs auf seinem Rundgang von Stube zu Stube, dann das Liebesmahl im Kasino, nun noch abends die Kompaniefeste, in die er als gewissenhafter Vorgesetzter auch noch im Vorübergehen hineinschauen wollte -- er hatte trotz des Roten Adlerordens auf einmal wieder die Stimmung: Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! und fing sein altes Thema an: ein, zwei Jahre ginge es noch mit dem Reiten, aber dann ... vor der Brigade ... Frau von Ottersleben unterbrach ihn. Sie saß ihm aufrecht gegenüber und sah ihn prüfend an.

»Thilo ...«

»Ja, Mallchen?«

»Wie denkst du dir denn nun, daß das mit Logow wird?«

Ihr Gatte machte eine ungeduldige Bewegung.

»Meine Beste ... ich stecke nicht in seiner Haut! Der Mensch ist zugeknöpft bis unters Kinn! Ich weiß nicht, was er vorhat!«

»Aber nachdem er nun die längste Zeit wie das Kind im Hause hier verkehrt hat ...«

Der Oberst erhob sich und schloß die vier mittleren Knöpfe seines Waffenrocks, die er der Behaglichkeit halber geöffnet hatte. Er sah auf die Uhr.

»Ich habe hier kein Heiratsvermittlungsinstitut!« versetzte er ärgerlich. »Ich hab' den Logow in meine Nähe gezogen, weil er weitaus der befähigtste Offizier des Regiments ist -- überhaupt einer der befähigtsten Menschen, die mir in meiner fünfunddreißigjährigen Dienstzeit vorgekommen sind. Solche Elemente zu fördern, ist meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Oberst!«

»Thilo ... du bist nicht nur Oberst! ...« sagte Frau von Ottersleben in ihrer leidenden Bestimmtheit. »Du bist auch Vater und weißt so gut wie ich, daß es ein Geschenk des Himmels ist, daß unsere Töchter heiratsfähig sind, solange wir gerade das Regiment haben. Aber diese Zeit muß man nutzen!«

Ihr Mann zuckte die Achseln. Er war allerdings zu sehr Familienhaupt, mit wenig Vermögen und fünf Kindern, um sich dieser Erwägung zu verschließen. Dann wurde er gereizt: »Ich kann den Logow doch nicht am Kragen heranholen! Ich denke mir ja natürlich mein Teil und ich nehme an, er auch. Aber verpflichtet ist er zu nichts! Daß die Maxe bis über die Ohren in ihn verschossen ist ... das scheint ja klar, soweit man aus ihrer Verschlossenheit klug wird. Von da bis zu einer Aussprache ist es noch ein weiter Schritt. Den kann nur er tun. Und hat ihn, glaub' ich, noch nicht getan!«

»Nein. Ganz gewiß nicht! Das würde ich bei der Maxe gemerkt haben. Er hält sich merkwürdig zurück.«

»Weil er bisher nur seinen Generalstab im Kopf hatte -- ehrgeizig wie er ist! ... Jetzt werden wir ja sehen. Das müssen wir alles ruhig den nächsten Tagen und dem lieben Herrgott überlassen! ... Mische nur du dich nicht hinein. Damit verdirbst du alles! Und nun komm -- gib mir 'nen Kuß! Wir wollen uns zu Kaisers Geburtstag nicht zanken! ... Ach ... da sind Sie ja, lieber Rudicke! Zu Hause alles wohl gefunden? Na -- dann kommen Sie! ... Vorwärts ins Vergnügen! ... Ich bring' heut Flöhe mit nach Hause, Mallchen! Das geht nicht anders!«

Die Kompaniefeste wurden an verschiedenen Stellen der Stadt in Wirtschaften und Brauereien gefeiert. Der Oberst und sein Adjutant betraten zuerst durch einen halbdunklen, schmutzigen, mit Schneewasserpfützen erfüllten Hof den Saal zur ›Krone‹. Drinnen war es gedrängt voll -- Musketiere, Dienstmädchen, Ladnerinnen, Unteroffiziere, Bürgertöchter durcheinander, ein Gelächter und Gekreisch, rote Gesichter, Menschengeruch, Bierdunst, Tabakqualm. Am anderen Ende das Gefiedel der Musik, hinten das Podium für die große Gala-Elite-Vorstellung der dritten Kompanie, die der jüngste Leutnant seit Wochen eingeübt: Erst ein lebendes Bild -- die Büste des Kaisers, davor der Einjährige Korn in einem weißen Frisiermantel seiner Schwester, in Blechrüstzeug aus der Büchsenmacherwerkstatt und in einer strohblonden Perücke als Germania, dann ein Schwank der anderen Einjährigen: ›Ein Viertelstündchen auf der Wache‹ -- weiter dann das Auftreten des Kompaniekomikers, eines Berliner Jungen, als Coupletsänger. Jetzt eben die große Produktion der Akrobatengruppe Hopserini, neun Mann hoch, in etwas verschwitzten, von einem Athletenklub ausgeborgten Trikots. In drei Gliedern übereinander stehend bildeten sie eine Pyramide -- tosender Jubel scholl unten -- zwischendurch eine schneidende hohe Kommandostimme: »Famos, Jungens! Das müßt ihr uns noch mal vormachen! ... Ganz famos!«

Ein hochgewachsener, überschlanker Offizier stand da, die Hände in den Paletottaschen, die Mütze ein bißchen schief auf dem linken Ohr, darunter kurzes, hellblondes Haar. Man hätte ihn von hinten für einen Leutnant halten können. Aber als er sich jetzt umwandte, leuchteten die breiten, scharlachroten Klappen des Generals auf seinem Mantel, und aus dem mit goldenem Lorbeer und Eichenlaub gestickten Halskragen hingen die hohen Orden zweiter Klasse eines Würdenträgers der Armee. Er lachte verwegen unter seinem kurzgeschnittenen blonden Schnurrbart, seine feurigen blauen Augen, die ein kaum merklicher Kranz ganz feiner Fältchen umrahmte, lachten mit. Er wies auf die Truppe: »Schauen Sie sich mal Ihre Jungens an, Herr Oberst! ... Fix wie die Deibels! ... Kinder, ihr könnt euch noch im Zirkus Renz euer Brot verdienen! Bravo! Bravo!«

Er klatschte lebhaft in die Hände und schenkte den atemlos mit dem kleinen Finger an der Trikotnaht vor ihm stillstehenden Künstlern erst jedem eine Zigarre, dann allen zusammen ein Zehnmarkstück. Die Akrobaten strahlten, die Kompanie strahlte, die Dienstmädchen und Ladenfräulein strahlten mit. Der Generalmajor Olaf von Glümke war überall in seiner Dienstzeit der Abgott der Mannschaft gewesen, in Berlin, wo er einen großen Teil seiner Laufbahn in der Garde verbracht, wie jetzt als Brigadekommandeur in der Provinz, obwohl er als solcher kaum mit den Leuten in Berührung kam. Aber er gehörte zu ihnen. Es ging ein Fluidum von ihm aus. Er stand so selbstverständlich da, zwischen den Musketieren und ihren Schätzen, als könnte das Fest der dritten Kompanie ohne ihn gar nicht stattfinden.

»Da ist doch noch Leben!« sagte er befriedigt zu dem Oberst, seinem Untergebenen. »Leben gehört in die Bude! ... Das andere findet sich dann von selbst.«

»Es freut mich, daß Herr General mit dem Geist der Leute zufrieden sind!« erwiderte Herr von Ottersleben, halb dienstlich. ~Sein~ Grundsatz war: Schießen -- schießen und wieder schießen! Sie waren beide ausgezeichnete Soldaten, jeder in seiner Art. Sie zogen an zwei verschiedenen Strängen. Herr von Glümke lachte.

»Hier hör' ich doch wenigstens nichts mehr vom Zukunftskrieg mit Rußland!« sagte er vertraulich. »Den halben Abend hat die Generalität im ›König von Preußen‹ das Problem gelöst. Aber an Kaisers Geburtstag ist mir's wurscht, wann die Rokitnosümpfe zufrieren! Da will ich Mensch sein! ... Puh ... stinkt das hier! ... Adieu, Kinder! ... Tanzt feste! ... Adieu! Adieu!«

Er wandte sich an den Regimentskommandeur, der ihn bis zum Saalausgang begleitete: »Sie haben's gut, lieber Ottersleben! Sie kehren von dem Volksfest hier heim zu Weib und Kind! Ich armer Junggeselle muß mir nu eigenhändig im Stall meinen Gaul satteln und noch ein Stündchen spazieren traben!«

General von Glümke stammte aus der Infanterie. Aber er war immer Adjutant und leidenschaftlich im Sattel gewesen. Er ritt stets nur fünf- und sechsjährige Pferde, ausgezeichnet, aber mehr noch keck als kunstvoll. Solch ein Galopp im Mondschein über den Schnee war bei ihm nichts Ungewöhnliches. Es war immer, als hätte er eine Sprungfeder im Leib -- so elastisch eilte er auch jetzt mit langen Schritten wie ein ganz junger Offizier die Straße hinab. Oberst von Ottersleben sah ihm schweigend nach. Fast mit einem leisen Neid. Der dort drüben jagte auf halbrohen Gäulen über Stock und Stein. Und er ... ja, er hatte nun einmal seinen Knacks beim Reiten ...

»Kommen Sie, Rudicke!« sagte er halb seufzend zu seinem Begleiter. »Wir wollen nun auch weiter!«

Es war immer dasselbe Bild -- drei-, viermal hintereinander. Als sie in den Saal der fünften Kompanie traten, hatte man eben angefangen zu tanzen. Der kleine stämmige Hauptmann Neugereuth eröffnete die Ehrenrunde mit der Feldwebelin, Frau Neugereuth mit deren Mann, der streng dienstlich und ernst, der hohen Auszeichnung sich bewußt, seinen blütenweißen Handschuh Nummer achteinhalb um ihre schlanke Taille legte, die Leutnants walzten, mit wem es ihnen gerade gefiel. Die Musketiere, die untereinander eifersüchtig waren wie die Tiger, strahlten vor Genugtuung, wenn einer der Herren ihre errötende Sonntagnachmittagbekanntschaft zum Tanz aufforderte. Auch Erich von Logow war da und tanzte mit seiner gewohnten gelassenen Ruhe, erst mit der Frau des Vizefeldwebels, dann mit der eines Sergeanten, und schwatzte dabei mit ihnen Unsinn, daß sie beide laut lachen mußten. Ihm war das heute Dienst und Pflicht, wie morgen irgend etwas anderes. Sein Oberst hatte ihn beobachtet und scherzte, als jener glücklich die rundliche Sergeantengattin wieder vor ihrem Stuhl gelandet: »Na -- noch so eifrig, Hauptmann von Logow? Sie hätten es eigentlich gar nicht mehr nötig! Sie gehören ja nicht mehr zu uns!«

»So rasch fühle ich mich dem Regiment nicht fremd, Herr Oberst!«

»Das wollen wir hoffen! ... Am ersten Februar melden Sie sich wohl in Berlin?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Grüßen Sie mir dort, wen Sie an Bekannten sehen! ... Und ...« Herr von Ottersleben wollte fortfahren: ›Lassen Sie einmal etwas von sich hören!‹ aber er brachte es nicht heraus. Er dachte an das, was er vorhin seiner Frau gesagt. Er wollte um keinen Preis dem jungen Mann da vor ihm irgendeinen Wink zukommen lassen, daß er ihm als Schwiegersohn willkommen war. Er vergab seiner Würde nichts.

Aber sonderbar: Erich von Logow wurde plötzlich rot. Man sah es ganz deutlich -- unter den Schläfenhaaren -- auf den Wangen. Er stockte und sagte dann unsicher: »Ich möchte Herrn Oberst gern etwas fragen ...«

»Bitte!«

»Nein. Nicht hier!« Der junge Hauptmann hatte etwas in der Kehle. Er schluckte es hinunter und fuhr entschlossener fort: »Würden Herr Oberst die Güte haben, mir eine Stunde zu bestimmen, wo ich Herrn Oberst in einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit -- ich darf wohl sagen, der wichtigsten, die es für mich gibt -- in seiner Wohnung sprechen kann?«

Das entscheidende Wort war gefallen. Das war die Ankündigung der Werbung. Die beiden Männer blickten sich einen Augenblick stumm an. Dem Oberst von Ottersleben fiel ein Stein vom Herzen. Aber er ließ sich nichts merken.

»Ich stehe gern zur Verfügung, lieber Logow!« versetzte er. »Also ... Dienst haben Sie ja nicht mehr ... Paßt es Ihnen morgen um zwölf?«

»Zu Befehl!«

»Na -- dann auf Wiedersehen!«

»Gute Nacht, Herr Oberst! Bitte gehorsamst, mich den Damen zu empfehlen!«

Es war ein eigener kräftiger Händedruck, mit dem sie sich trennten. Erich von Logow konnte genug daraus entnehmen, um seiner Sache sicher zu sein. Oberst von Ottersleben war sehr zerstreut, während er seinen Rundgang durch den Rest der Kompanien fortsetzte. Er gab ein paarmal ganz verkehrte Antworten auf Bemerkungen seines Adjutanten und eilte sich, zu Ende zu kommen. In die zwölfte Kompanie schaute er nur eben noch hinein, um die kleinen Füsiliere nicht zu kränken. Es drängte ihn nach Hause, damit er dort seine Frau noch wach finden und ihr die Neuigkeit noch mitteilen konnte. Und im Eintreten schon sagte er rasch zu ihr: »Also -- die Geschichte ist in Ordnung! Morgen mittag kommt Logow und hält an! Punktum! ... Schluß! ... Streusand drauf! Ich bin doch recht froh, Mallchen!«

Um dieselbe Zeit verließ Erich von Logow das Kompaniefest. Langsam schritt er die Straße entlang. Das Schrillen der Tanzmusik, das Stampfen der Kommißstiefel auf den Dielen, das Gequieke der Mädchen klang ihm noch im Ohr. Er atmete tief die kalte Nachtluft ein. Es war ihm noch wie ein Traum, und kam ihm erst jetzt wieder recht zum Bewußtsein, was ihm drinnen, in Staub, Hitze, Schweiß und Tabakdunst wie durch einen Nebel in die Ferne gerückt erschienen: daß er, der da ging, nun Hauptmann im Großen Generalstab war. Er kam sich selber fremd vor. Er hatte eine ungläubige Achtung vor sich. Er war mit sich zufrieden. Er hielt die Lippen zusammengepreßt und sah vor sich hin, starr in die Nacht hinaus. Das Heute war nur der Anfang. Die erste Sprosse der Leiter. Nun vorwärts! Immer höher empor ... immer höher ...

Er war zu erregt, um schon schlafen zu gehen. Er stand auf dem großen Marktplatz. Überall waren noch Leute, lachten unter den Laternen, sangen, lärmten auf dem Heimweg. Heute war Freinacht. Die Schutzleute sahen und hörten keine Ruhestörung. Zur Linken schimmerten hohe helle Scheiben. Im Bierhaus zur ›Klause‹, in das der junge Hauptmann eintrat, saß alles gedrängt voll von den Honoratioren der Kaisergeburtstagsfeier, wie sie nach Schluß ihrer offiziellen Feste hier wahllos durcheinandergeraten waren: Herren von der Regierung in Dreispitz, Frack und Degen, ein Tisch voll Landadel aus der Umgegend in Attila, Koller und Litewka der Reserve, mit Schmissen bedeckte, bändergeschmückte alte Herren des hohen Kösener <f>S. C.</f>, rote Infanterie-, schwarze Artilleriekragen, blaue Dragonerröcke der Garnison. Heute stellte man sich einander nicht vor. Es gab keine preußische Förmlichkeit. Man redete sich einfach an. Man rückte zusammen. Es war wie auf einem Volksfest. Logow ging, einen Platz suchend, durch die Tabakwolken des Mittelgangs. Da rief ihn von einem Seitentisch der lange trübe Oberleutnant Eiser an: »Logow ... Logow ... zum Donnerwetter ... Hören Sie denn nicht? ... Setzen Sie sich mal daher ...«

Dann besann er sich, daß der bisherige Kamerad jetzt Vorgesetzter war, und verbesserte sich: »Verzeihung: wollen Herr Hauptmann vielleicht hier Platz nehmen?«

Logow lachte und zog sich einen Stuhl heran. Der gute Eiser litt an der Oberleutnantsmelancholie. Er saß wie eine Trauerweide da, die Stirne auf die Hand gestützt, in menschenfeindlicher Alkoholstimmung, und fing sofort an zu klagen. Vierzehn Jahre war man nun bei dem Krempel. Und immer dieselbe Geschichte! Und wenn man nun glücklich seine Kompanie bekam -- was hieß das: wieder zehn Jahre Kommiß! Denn er, der Oberleutnant Eiser, war nun einmal ein armer Frontproletarier und blieb es ...

Und während Erich von Logow die Klagen des guten Kerls anhörte, der alles, nur kein Kirchenlicht war, der keine glänzende Erscheinung besaß, der keinen alten Namen sein Eigen nannte und nicht genug Vermögen, um zu heiraten, der seine Laufbahn aller menschlichen Voraussicht nach an der Majorsecke beschloß, um dann still in das Dunkel des a. D. hinüberzugleiten, da fühlte er, so grausam es ihm selbst vorkam, in sich einen stählernen Stolz, ein Machtbewußtsein vor dem Schicksal, das ihm, vor tausend anderen, so viel gegeben: den sehnigen Körper, den uralten Adel, genügend Geld für häusliches Glück und vor sich Laufbahn im großen Stil. Und in ihm brannte eine Ungeduld, alles zu fassen ... alles zu erraffen ... sich alles untertan zu machen im Leben ...

Sie hatten gezahlt und waren auf den Platz hinausgetreten. Im Scheine einer Laterne saß da der Zahlmeister Brauske mitten auf dem Bürgersteig, lächelte selig und zufrieden und antwortete dem Oberstleutnant Wahrmund, der sich, auf seinen Säbel gestützt, über ihn beugte: »Ich habe mich hier niedergelassen, Herr Oberstleutnant!«

Der Stabsoffizier stellte den dürftigen kleinen Mann mit Logows Hilfe auf die Beine und klopfte ihm den Schnee von der Sitzfläche und sagte dann im Fortgehen zu dem frischgebackenen Hauptmann: »Na, Sie Moltke der Jüngere ... Werden Sie nur nicht zu gescheit in Berlin!«

Es war Scherz. Aber die Hochachtung klang doch durch -- das, was Erich von Logow vor sich selber und in sich selber wie einen Höhenrausch verspürte. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt! Er überquerte mit seinem Gefährten den Platz. Auf der anderen Seite waren in dem Riesensaal der Aktienbrauerei, dem größten der Stadt, die Fenster geöffnet, um den Tabakwolken Abzug zu verschaffen. In bläulichem Rauch, vor schäumendem Bier, saßen da die Kriegervereine, Hunderte und Aberhunderte von Männern aller Stände, an langen Tischen, hohe Generale z. D., Reihen von befrackten, ordengeschmückten Würdenträgern an der Ehrentafel zwischen Handwerkern und Bürgern, und brausend tönte es aus diesen Massen von Männerkehlen hinaus auf den Markt:

»Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt, Deutschland, Deutschland über Alles, Über Alles in der Welt ...«

und draußen im Freien rang der hagere elegante Landrat Doktor Graf Harffen in seiner knappen Husarenuniform der Reserve, das Monokel im Auge, förmlich verzweifelt die Hände: »Hören Sie's, Herr von Logow! Da singen sie nun, als könnten sie kein Wässerchen trüben! Und dann bei der Reichstagswahl, hier in der Stadt, siebentausendvierhunderteinundachtzig Stimmen für Schulze von der Sozialdemokratie« -- er hatte die Zahl auswendig im Kopf -- »und dann kommt erst der Liberale, und dann, 'ne Postkutsche später, erst wir. Ja nu -- wann verstellen sich denn die Leute -- jetzt oder damals? Oder kriegen sie in ihrer göttlichen Unschuld beides zusammen fertig? Mir ist's zu hoch!«

Er schüttelte bekümmert das scharfe Rassehaupt und zog mit ein paar sporenklirrenden Granden der Provinz und einem Johanniterritter weiter. Logow war mit dem Oberleutnant Eiser stehen geblieben. Um sie war niemand mehr.

Der andere frug plötzlich: »Logow ... wissen Sie auch, wie gut Sie's im Leben haben?«

Der junge Hauptmann war zuerst erstaunt. Dann nickte er: »Ich sag' mir: wenn's einem gut geht, so ist das nicht nur Glück, sondern auch Pflicht. Dann muß man auch was aus sich machen!«

Und in einer plötzlichen Offenheit, die seiner Natur sonst widersprach, setzte er hinzu: »Heute hab' ich so die Idee, es muß mir alles glücken! Was ich will, das kommt zu mir. Man hat so seine große Zeit. Die eine Hälfte hab' ich schon erreicht ...«

»Was wollen Sie denn noch?« meinte der Melancholikus trübe.

Erich von Logow warf den Kopf in den Nacken.

»Morgen krieg' ich's! Man muß nicht immer bescheiden sein! ... Ich geh' jetzt mal aufs Ganze! ... Und nun verzeihen Sie mir mein Gequatsch! Es kam mir nur so über die Lippen! ... Mir ist heut immer, als hätt' ich 'ne Pulle Sekt zu viel getrunken! ... Na ... gute Nacht, lieber Eiser!«

»Nacht, Sie oller Glückspilz! ... Pardon: Gute Nacht, Herr Hauptmann!«

Immer ruhiger wurden die Straßen, die der Hauptmann von Logow heute -- zum letztenmal ohne Sporenklirren -- durchschritt. Die Lichter in den Wirtschaften erloschen allmählich. Die Nachtschwärmer fanden nach Hause. Gassenweit regte sich nichts mehr als das Spiel des Ostwinds in leise geblähten Fahnen. Die wallten immer noch feierlich wie ein Nachhall des Festes durch das sternenhelle Dämmern. Drüben, am anderen Ende der Stadt, lehnte Maximiliane von Ottersleben in ihrem Stübchen am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Ihre Mutter hatte sich nicht enthalten können, noch einmal bei ihr anzuklopfen und ihr durch die Tür zuzurufen: »Kind ... eben ist Papa gekommen! ... Logow hat ihn für morgen mittag um eine ganz wichtige Unterredung gebeten. So. Nun weißt du's! Gute Nacht!«

Sie hatte nichts darauf erwidert. Sie brachte kein Wort heraus. Das Übermaß des Glückes machte sie stumm. Sie stand in ihrem weißen Gewand, mit gefalteten Händen, mit gläubigen Augen, andächtig wie eine Braut -- harrend auf das Glück, dem diese Nacht sie leise entgegentrug wie im Traum. Es war so ruhig um sie, daß sie das schwere, freudebange Hämmern ihres Herzens hörte. Nichts rührte sich mehr, in den Straßen unten, über den Dächern und Fernen. Kaisers Geburtstag war verrauscht. Still schien der Mond über der schlafenden Stadt.

2

Trüb brach der nächste Morgen an. In allgemeiner Unlust, aufzustehen, soweit es die königlich preußische Armee betraf. Es war ein Gähnen in den Kasernen, ein Sich-Recken in den Leutnantsbetten. Übernächtigkeit, Katerstimmung. Alltag. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr. Freilich nur wenig Dienst. Ein bißchen Griffekloppen. Viel konnte man mit den Herren Offizieren und der Mannschaft heute vormittag doch nicht anfangen.