Chapter 9 of 28 · 3954 words · ~20 min read

Part 9

»Du hast schon das beste Teil erwählt, Maxe ... möchtest du noch Tee, Schatz? ... Nein? ... Du warst schon die Klügere! ... Das heißt: du wirst ja freilich auch heiraten. Natürlich. Man muß. Was soll man sonst? Ich wünsch' dir Glück! Es ist reine Glückssache -- weißt du! ... Man tappt mit verbundenen Augen hinein, und dann wird's mal so, mal so!«

»Man kann doch auch etwas dazu tun.«

»Was denn?«

Maxe Ottersleben rückte sich zurecht.

»Ja -- ich red' ja von der Ehe wie der Blinde von der Farbe ... Ich meine nur ... Im allgemeinen: die Männer -- wenigstens in unseren Kreisen, und unter ihnen gerade die Männer, die uns gefallen -- die haben doch alle was Hartes, Steifnackiges -- die können sich nicht leicht anpassen ...«

»Untereinander passen sie sich schon an, wenn einer der Vorgesetzte ist!« sagte die junge Frau phlegmatisch.

»Ja eben! Das sind doch alles Offiziere! Sie haben nicht nur eine Frau, sondern auch einen Beruf. Dein Mann weiß ja manchmal wirklich nicht mehr, wo ihm der Kopf steht vor Arbeit ...«

»Ja ... und?«

»Und ... soll ich weiterreden, Ulla?«

»Sprich nur ungeniert!«

»Und ... wenn er nun nach Hause kommt ... er braucht doch Rücksicht ... Er braucht doch Entgegenkommen ... Ulla ... du als Frau mußt das doch besser wissen ... fühlt man nicht in sich die Pflicht, einen Mann, wenn man ihn schon genommen hat, auch glücklich zu machen, so weit man kann?«

»Ja -- wenn ich's nur könnte ...« sagte Ulla von Logow und schob ihre Tasse weit von sich über den Tisch.

Plötzlich begann sie zu schluchzen. Sie weinte hellauf in den Armen der Schwester.

»Wenn ich's nur könnte, Maxe! ... Aber ich kann's nicht! Ich bin doch nicht böse! Ich bin doch ein Mensch wie andere. Ich bin, wie ich bin! Ich kann mich nicht anders machen. Ich möcht' mich ja gern anders machen. Ich weiß nur nicht, wie. Man soll es mir nur sagen. Aber er sagt es mir nicht!«

Die Tränen erstickten ihre Stimme. Sie stammelte in einem halb kindischen Weinen: »Er steht da und schaut mich an und erwartet Wunder was von mir! Ich bin doch kein Wundertier. Ich kann nicht hexen. Da wird man ganz irr. So mutlos. So müde. Und wenn ich mir auch Mühe gebe -- man macht ihm ja nie etwas zu Dank! Immer hat er sich's anders vorgestellt, als es dann wird. Da läßt man lieber schon alles, wie's ist!«

Dann hob sie heftig das Haupt: »Ich langweile ihn! Was ich rede, ist unter seiner Würde! Er geht weg und läßt mich allein. Daß ich nicht so bin wie er, begreift er nicht! Glaubst du, der hohe Herr gibt sich je die Mühe, in ~meine~ Welt hinunterzusteigen? Er denkt nicht dran! ... Ich sitz' ihm hier lange gut und blase Trübsal! Er hat doch gewußt, daß ich nicht zu solch einer Hausmutter erzogen worden bin. Immer wurd' ich daheim auf Bälle geschleppt und ausgestellt! Ich war das Prunkstück der Familie. Der Mittelpunkt ... das ist doch wahr -- nicht?«

»Ja, gewiß, Ulla!«

»Ja -- und nun? ... Da hock' ich! Manchmal kommt 'ne Woche lang kein Mensch! Ihn stört's nicht! Er hat ja bis über die Ohren zu tun! Und ich? Pah -- was kommt's denn auf mich an? Ich kann ja hier gähnen! ... Und ich hab' doch auch Ansprüche ans Leben, Maxe -- so gut wie er ...!«

»Das freilich!«

»Aber das übersieht er eben ganz. Da ist man nun in Berlin! Man ist jung. Man ist hübsch. Man möchte sich ein bißchen amüsieren. Um einen sind die Masse Menschen, Geselligkeit -- Feste -- Theater -- Konzerte -- Basare -- Tees -- was weiß ich ... man kann's mit Händen greifen ... ich hab' gedacht: da komm' ich nun als Frau mitten hinein! -- und alle Türen stehen einem ja auch wirklich offen -- aber ich kann doch nicht immer allein hin ... Und er geht eben nicht mit! Ein anderer hätte doch den Ehrgeiz, eine Frau wie mich zu zeigen! Er wäre stolz auf mich! Ihm ist's gleich. Er kennt nur seinen Ehrgeiz im Dienst! Ich bin ihm gerade gut genug, daß die Suppe warm ist, wenn er heimkommt. Weiter nichts! ... Ich möchte nur wissen, warum er mich eigentlich geheiratet hat ...«

Sie knirschte es zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Sie war atemlos vom langen Sprechen. Ihre Tränen waren versiegt. Das junge Mädchen, das neben ihr kniete, strich ihr stumm, beruhigend mit der schmalen Hand über den Scheitel. In ihr gab etwas der Schwester recht. Aber sie sprach es nicht aus. Sie wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen. Sie stand auf.

»Ulla! So schroff mußt du nicht sein! Er liebt dich doch! ... Sonst hätt' er dich doch nicht haben wollen! Schau: du mußt sein Leben mit ihm teilen -- nicht er deines mit dir. So mußt du das auffassen! ... Jetzt mache ich aber das Fenster zu ... Es wird kalt!«

Ulla hustete.

»Ich kann doch nicht mit ihm in den Generalstab gehen!« sagte sie erbittert. »Alle seine Mobilmachungen und Akten und Pläne sind mir ein Greuel, weil er sich denen widmet und nicht mir! Mit mir kann er sich nicht unterhalten! Mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht! Da schieben sie ihre Bleiklötzchen auf den Landkarten hin und her. Der große Eßtisch drinnen wird immer abgeräumt, für das Kriegsspiel. Da wird er nicht müde! ...«

Maximiliane von Ottersleben wurde wider Willen eifrig: »Du mußt dich eben auch für diese Dinge interessieren, Ulla! Für alles, was ihn freut! ... Du mußt versuchen, auf seine Höhe zu kommen. Er hilft dir gern! Und wenn man nur erst den Schlüssel zu ihm hat, dann kann er einem doch gewiß so viel geben!«

»Ja, singe du nur sein Lob!«

»Ich sage nur, was alle sagen: Er ist doch ein bedeutender Mensch. Als solcher hat er natürlich auch seine Fehler. Aber er gleicht sie durch große Eigenschaften wieder aus. Vielleicht kommt er noch einmal in die höchsten Stellungen in der Armee -- Papa meinte es immer. Da muß es dann doch ein glücklichmachendes Gefühl sein, ihn auf solch einem Weg begleitet zu haben. Darauf kann man dann stolz sein! Dem Gedanken muß man Opfer bringen, Ulla!«

Das junge Mädchen hatte sich in Eifer geredet. Da fing sie einen ganz veränderten mißtrauischen Blick ihrer Schwester auf, ein Lächeln: »Du legst dich ja kolossal für meinen Mann ins Zeug!«

»Ich rede nur, wie ich's meine!«

»Du ... Maxe ...«

»Ja ...«

»Schau mich mal an ... so ... ins Gesicht ...«

»Warum?«

»Sag mal: du hast wohl immer noch was für ihn übrig?«

»Ulla!«

»Von damals her, mein' ich ... Aber was hast du denn? Warum nimmst du denn deine Jacke? ... Warum willst du denn auf einmal weg?«

Maxe Ottersleben stand blaß, sich zur Ruhe zwingend, vor ihr.

»Natürlich muß ich gehen! ... nachdem du mir ~das~ gesagt hast!«

»Aber Maxe ... liebe Maxe ... Du weißt doch, wie ich bin! ... Ich bin so nervös! ... so gereizt! ... so ganz auseinander! Maxe ... sei nicht böse!«

»Nein! Nur traurig! Adieu!«

»Bitte -- bleib! ... Maxchen ... es war doch nur ein Scherz!«

»Mit so was spaßt man nicht, Ulla!« Das junge Mädchen knöpfte sich mit zitternden Fingern die Jacke zu. »Ich weiß nicht, ob es dir bekannt ist: Dein Mann hat mir dringend angeboten, ich möchte auf eine Zeit zu euch ziehen ...«

Ulla hob flehend die Hände.

»Ach ja ... bitte ... bitte ... tu das! Ich wär' so froh! Ich danke meinem Schöpfer, wenn ich jemand Lieben um mich hab'!«

»Ich hab' gleich ~nein~ gesagt! ~Wie~ recht ich hatte, das seh' ich erst jetzt! ... Also -- weiter gute Besserung, Ulla!«

Sie eilte aus dem Zimmer. Die junge Frau blieb hilflos sitzen und brach nach einer Weile von neuem in Tränen aus. Sie weinte noch, als der Hauptmann von Logow eintrat und, durch die Gewohnheit schon abgestumpft, nur mit einem schweren Seufzer frug: »Na -- ist die Wassermühle wieder in Gang? ... Was hat's denn gegeben?«

Da schluchzte sie auf: »Siehst du -- nun hab' ich auch wieder die Maxe vor den Kopf gestoßen! Sie ist ganz gekränkt weggerannt -- das arme Schaf! Und dabei war sie so gut und lieb zu mir! Ich bin wirklich eine unglückselige Person ...«

Den ganzen Abend war sie müde und angegriffen. In der Nacht bekam sie starkes Fieber. Der aus dem Bett herbeigeholte Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. Er wollte wissen, ob sie irgendeine Unvorsichtigkeit begangen habe, und erfuhr, daß sie bis in den Abend hinein am offenen Fenster gesessen.

»Ja -- davon haben wir nun glücklich den Rückfall!« sagte er. »Mit unserer feuchten Märzluft ist nicht zu spaßen! Wir müssen nun abwarten, was daraus wird.«

Gegen Ende der Woche saß Maximiliane allein in dem düsteren Hofzimmer des Hospizes, in dem sie mit ihrer Mutter in Charlottenburg wohnte. Der Abend dämmerte. Draußen war das Kommen und Gehen einer Pension. Türenschlagen. Stimmen. Es war viel Landadel im Hause, Pastoren, ältere Junggesellen. In jedem Zimmer lag eine Bibel. An der Wand hing ein frommer Spruch. Sie buchstabierte mechanisch: »Volk! Volk! Höre des Herren Wort!« Da klopfte es. Ein Offiziersbursche stand auf der Schwelle. Er brachte einen Brief, machte linksum kehrt und verschwand. Sie hielt das Schreiben in der Hand. Sie erkannte die Schrift Erich von Logows. Sie trat ans Fenster, öffnete und las:

»Liebe gute Schwägerin Maxe!

»Du weißt schon von dem neuen Pech! Ulla liegt! Wie lange, wissen die Götter! Sie ist unglücklich, und ich quäle mich mit bei ihren Klagen, sie sei von früh bis spät mutterseelenallein und fühle sich verlassen, einer bezahlten Pflegerin anvertraut, und niemand sonst kümmere sich um sie! ...

»Wer soll da kommen und helfen? Mama ist selbst viel zu angegriffen und bedarf der Ruhe und Erholung. Hier brauchen wir jemand Resoluten, der den Kopf oben behält! ... Maxe, kannst Du's denn wirklich verantworten, uns da im Stich zu lassen? Ist es nicht Deine Menschen- und Schwesterpflicht, unserer Bitte zu folgen?

»Ulla macht sich Vorwürfe, Du hättest ihr ein unbedachtes Wort übel genommen. Was es war, will sie mir ums Totschlagen nicht eingestehen! Es wird schon eine Dummheit gewesen sein. Aber Du kennst sie doch. Du hast neulich selbst gemeint, sie sei krank und man dürfe ihr Gerede nicht auf die Goldwage legen. Ich finde, daß schon Deine kurze Unterhaltung mit ihr neulich sie zu ihrem Vorteil verändert hat. Sie ist, trotz ihrer Schwäche, seitdem viel geduldiger und liebevoller gegen mich. Du könntest solch guten Einfluß auf sie ausüben, mit der Ruhe und Ausgeglichenheit Deines Wesens, die über Deine Jahre hinausgeht ...

»Setz Dich in meine Lage! ... Heute nacht muß ich wieder abwechselnd ein Geheimdokument abschreiben, den Eisbeutel füllen und auf dem Gaskocher Tee machen. Denn die Diakonissin muß doch auch einmal schlafen! ... An irgendeiner der drei Stellen begeh' ich sicher eine Dummheit. Und Du hast doch gar nichts vor. Bist ganz frei. Ich bitte Dich inständig: Hilf mir! ... Komm! Nur auf ein paar Wochen, bis das Gröbste vorbei ist! ... Ich wäre Dir so dankbar! Ich drücke Dir schon im voraus von Herzen die Hand als Dein getreuer und ohne Dich ganz ratloser Schwager

Erich.«

Maximiliane zerdrückte langsam das Blatt in der Hand. Ihre erste Regung war: Nein! -- Nein ... Es geht über meine Kraft. Es schmerzt zu sehr.

Sie erhob sich. Sie kämpfte mit sich. Sie schritt auf und nieder. Sie setzte sich wieder hin, vor ihre Briefmappe, und sann: Welchen Vorwand kann ich nur finden, um ›nein‹ zu sagen? Es fiel ihr nichts ein. Und allmählich änderte sich ihre Stimmung. Sie wurde weich. Sie sah ihn im Geist in seinen Sorgen am Bett der kranken Frau, erschöpft von Tagesarbeit und Nachtwachen. Er hatte es wirklich nicht leicht im Leben. Man mußte es ihm nicht noch schwerer machen. Man mußte nicht an sich denken, sondern an ihn.

Sie kam, wie sie da still mit verschlungenen Händen in der Dämmerung kauerte, in eine Barmherzige-Schwester-Schwermut hinein, voll Opferwilligkeit und Entsagung. Voll Schmerz und Lächeln. Voll Losgelöstsein von sich selber. Voll Erkenntnis, daß es auch eine Lust im Leiden gibt. Sie erschien sich rein. Sie fand einen Trost darin, unglücklich zu sein, aber hilfreich und gut. Zu schweigen und zu dienen. Und die beiden nicht entgelten zu lassen, was sie ihr getan ...

Sie war entschlossen, den Dornenweg zu gehen. Und fand doch immer noch nicht die Kraft dazu. Sie stand mitten im Zimmer und träumte und schrak zusammen. Ihre Mutter trat aufgeregt, vom Krankenbesuch bei Ulla kommend, ein.

»Das sind dort unmögliche Zustände, Maxe ...!« versetzte sie, noch atemlos vom Treppensteigen. »Alles geht drunter und drüber. Die reine polnische Wirtschaft. Und du legst hier die Hände in den Schoß. Papa hätte dich schon lange hinspediert!«

»Ich glaube, Papa hätte das meinem eigenen Pflichtgefühl überlassen, Mama!«

»Und was sagt dir das?«

Maximiliane zögerte eine Sekunde. Dann versetzte sie ruhig: »Natürlich muß ich hin! Ich seh's ja ein!«

Ihre Mutter küßte sie. Sie ließ es stumm geschehen. Sie hörte, wie Frau von Ottersleben dann draußen telephonierte und ihre Ankunft meldete. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie sagte sich: Ich lieb' ihn -- ich lieb' ihn wirklich -- aus ganzer Seele und aus reinem Gemüt, sonst würde ich nicht das eine wünschen, daß er nur glücklich ist -- auch ohne mich -- aber durch mich -- mit ihr. Ich will mich zum Opfer bringen. Ich will auf Ulla einwirken. Ich will versuchen, ihn glücklich zu machen mit seiner Frau und durch seine Frau, so gut ich's vermag ...

7

Der Leutnant Otto von Ottersleben benutzte den Sonntagvormittag zu einem Spazierritt in den Tiergarten. Er trabte schweigend zwischen seinen Freunden, dem in seiner blauen Attila weithin leuchtenden Leutnant von Wrobel und dem Baron Lohgrewe. Hinter ihren Hufen klatschten die Kotbrocken auf den morastigen Weg. Die Sonne schien schon warm. Es war Anfang April. Sie kamen am Zoologischen Garten vorbei zum Hippodrom, galoppierten über die Hindernisse und zurück zum Wasserturm, alles in stummem Ernst. Dann verfielen sie in Schritt. Der Baron warf seiner Stute die Zügel über den Hals und wollte sich oben im Sattel eine Zigarre anzünden. Da fuhren die beiden Offiziere und er mit zusammen wie beim unvermuteten Anblick eines Vorgesetzten. Und doch war weit und breit auf der Tiergartenstraße keine Uniform zu sehen. Nur eine Familie kam ihnen da entgegen, Vater, Mutter und Tochter, die beiden Damen mit schwarzen kleinen Gesangbüchern in den Händen, auf dem Rückweg vom Gottesdienst im Dom nach ihrer Villa am Kurfürstendamm. Kirchlichkeit war vornehm in Berlin, hieß Respektabilität, und Herr Bannersen, der ein Vierteljahrhundert sich über See der Baumwollbranche gewidmet hatte, und Frau Bannersen, Deutsch-Amerikanerin von Herkunft, waren kirchlich. Ihre Tochter war ein niedliches, kaum mittelgroßes, dunkelblondes Persönchen. Sie zeigte freundlich lächelnd den drei Reitern die weißen Zähne, und ihr Vater, ein stämmiger, bebrillter Herr, rief wohlwollend dem viel bei ihm verkehrenden Kleeblatt in seinem hanseatischen Tonfall nach: »Nun -- ein S--pazierritt, meine Herren? Viel Vergnügen!«

Ja. Das war nun Bannersen. John Bannersen. Der Millionen-Bannersen. Der Mann mit der einzigen Tochter. Die drei jungen Leute ritten so tiefsinnig weiter, als hätten sie das Welträtsel zu lösen. Sie sprachen nicht. Sie waren jetzt wie drei Füchse, die gemeinsam jagten, aber sich dabei nicht über den Weg trauten. Besonders Otto von Ottersleben waren die beiden anderen ein Dorn im Auge. Der kleine Wrobel bestach von vornherein im Bannersenschen Hause durch seine Husarenpracht. Lohgrewe hatte sich dort noch kürzlich im roten Frack und der schwarzen Samtkappe auf dem Weg zur Parforcejagd in Döberitz gezeigt. Er, der Feldartillerist, konnte dagegen nur seine schlichte dunkle Linienuniform ins Treffen führen. Und das Schlimmste: die Familientrauer, in der er sich befand, hinderte ihn, sich in Gesellschaft zu zeigen. So kam er kaum mehr zu den Bannersens, die ein großes Haus machten und, wenn sie fünfzehn Leute zum Diner bei sich sahen, sicher hinterher noch fünfzig zum Tanz eingeladen hatten. Höchstens am Jour, des Nachmittags, trank er da eine Tasse Tee, eingekeilt zwischen alten Damen. Und dabei rückte die Zeit mit Riesenschritten vor. Im Lauf des Mai verließen die Bannersens für den ganzen Sommer Berlin. Dann hieß es alle Hoffnungen bis auf den Herbst vertagen, wenn es bis dahin nicht schon zu spät war ...

Da, wo der Reitweg am Platz vor dem Brandenburger Tor endete, standen harrend die Burschen mit den Decken für die Pferde und den Mänteln für ihre Herren. Der Baron prüfte, nachdem er abgestiegen, die Beine der Gäule, für die er im Tattersal die Pension zahlte, ohne daß man eigentlich wußte, ob sie ihm oder wem sonst gehörten. Unterdessen stand Otto von Ottersleben mit dem Husaren seitwärts und frug gedämpft: »Sagen Sie mal, Wrobel ... glauben Sie, daß Lohgrewe schon einmal energisch vorgegangen ist -- da drüben ...?«

Er winkte dabei mit dem hübschen dunklen Kopf nach Südwesten, nach der Richtung, wo fern die Bannersensche Villa lag.

Der andere war ein bißchen erstaunt, daß man dies zarte Thema überhaupt zwischen ihnen berührte. Er erwiderte diplomatisch: »Keine Ahnung! ... Gott ... der hat Zeit ... der ist frei ... der kann im Sommer überall hin, wo die sind, aber unsereiner mit dem ollen Dienst ... na ... morgen!«

Er schritt sporenklirrend davon. Der Leutnant und der Baron entfernten sich nach der anderen Seite. Herr von Lohgrewe war mit allen Hunden gehetzt. Er hatte immer die Hand in Roßhändeln und auf Rennpferden auf Halbpart. Man konnte durch ihn sich an englischen und französischen Turfwetten beteiligen und bei Gelegenheit neue Automobile mit Preisnachlaß direkt von der Fabrik beziehen. Er vermittelte, rein aus Gefälligkeit, den Abschuß von Sechserböcken auf schlesischen Gütern und die Aufnahme in Berliner Klubs. Eigentlich ein langweiliger Mensch, mit einem länglichen, nüchternen Gesicht. Sie sprachen über einen irischen Hunter, den er zu verkaufen hatte. Als sie sich trennten, meinte er: »Nee -- nee -- der kleine Wrobel wird schon mit dem Schinder fertig! Springen tut das Aas ja tadellos! Ich denke, er nimmt ihn! Er braucht ihn doch in Hannover!«

»In Hannover?«

»Er ist doch zur Reitschule kommandiert! Mitten im Kursus. Zum Ersatz. Es sind ein paar dankend zurückgeschickt worden! -- Doppelter Turkel, was?«

»Doppelt? Wieso?«

»Na -- von Hannover bis Bremen ist doch nur ein Katzensprung, und den ganzen Sommer über ist doch der alte Bannersen in Bremen. Oder wenigstens in der Nähe. Auf seiner Besitzung!«

»Ach so!«

Der Leutnant von Ottersleben betrat in sehr gedrückter Stimmung sein möbliertes Zimmer in Charlottenburg. Er war nervös geworden. Die beiden Kerle gewannen entschieden einen Vorsprung vor ihm. Er endete schließlich noch im geschlagenen Felde. Er stand am Fenster und nagte unschlüssig an der Unterlippe. Schließlich: mehr wie abblitzen konnte man nicht! Einmal mußte man das Risiko laufen, und wenn die anderen ihm nicht gute Chancen zutrauten, wären sie doch schon längst selber zum Angriff vorgegangen! Eine fiebernde Angst ergriff ihn, hinterher der Dumme gewesen zu sein -- als Gast an der Hochzeitstafel zu sitzen, statt als Bräutigam! Es wurde ihm plötzlich rücksichtslos durchgängerisch zumute. Er hatte das Gefühl: Jetzt oder nie! Er sah auf die Uhr. Es war eins. Die richtige Besuchsstunde. Er nahm blindlings den Helm und eilte den kurzen Weg hinüber nach dem Kurfürstendamm. Er wollte wenigstens dort einmal den Kopf hineinstecken. Dann konnte man ja sehen, was einem der Augenblick eingab.

Aber die Familie Bannersen war gerade bei Tisch. Der Lakai lispelte es diskret. Natürlich ... in Berlin war man immer bei Tisch, von halb eins bis halb sieben -- die eine Hälfte der Leute aß, die andere war unterwegs, um sie darin zu stören. Der Artillerist war schon im Vorgarten, da hörte er hinter sich Schritte, der Diener holte ihn atemlos ein. Die Herrschaften ließen doch bitten!

Und Frau Bannersen streckte ihm bei seinem Eintritt in das reiche Speisezimmer, in dem sonst nur noch ihr Mann und ihre Tochter waren, verbindlich die Hand zum Kuß entgegen.

»Man sieht Sie jetzt in Ihrer Trauer so selten, lieber Herr von Ottersleben ... Man muß die Gelegenheit wahrnehmen! Haben Sie schon gefrühstückt? Nein! Nun -- das trifft sich ja gut!«

So liebenswürdig war sie noch nie gewesen. Auch ihr Mann schob freigebig dem Gast die Kiebitzeier über den Tisch zu und goß ihm Sherry ein.

»Wir haben uns ja heute schon im Tiergarten gesehen!« meinte er dabei wohlwollend. »Sie steigen wohl leidenschaftlich zu Pferde, Herr Leutnant!«

»Ja. Die Ottersleben standen früher immer bei der Kavallerie. Meist bei den Kürassieren, bis wir in der Franzosenzeit unsere Güter verloren. Hätten wir die noch, so könnte ich jetzt noch jeden Augenblick übertreten. Man nähme mich gleich ...«

»Oh!« sagte Fräulein Bannersen mit sichtlichem Interesse.

Er betonte: »Meine Mutter stammt doch auch aus der Kavallerie. Mein Onkel Koninck ist Husar.«

»Wohl auch eine sehr alte Familie?« erkundigte sich Frau Bannersen.

»Rheinisch-niederländischer Uradel, gnädige Frau! Schon auf dem Turnier zu Mainz unter Barbarossa!«

Es war ein Augenblick Schweigen bei diesem Blitzlicht in die Jahrhunderte zurück. Otto von Ottersleben hatte das sonderbare Gefühl, als sei er hier erwartet worden. In ihm wuchs der Wagemut. Sein Puls schlug unruhig. Er nahm seinen Vorteil wahr. Er lief Sturm mit dem Gothaer Almanach.

»Wir Ottersleben waren natürlich auch vor den Hohenzollern in der Mark,« sagte er in einem Ton, als sei bei jedem besseren Menschen dieser Vorzug selbstverständlich. »Nun sind wir ja klein geworden. Das heißt: an Zahl nicht! Wir sind augenblicklich einundzwanzig in der Armee!«

»Und die kennen sich alle untereinander?«

»Wir haben jedes Jahr hier in Berlin Familientag, gnädiges Fräulein, da kommen immer eine Masse. Die Damen benutzen die Gelegenheit und lassen sich bei Hofe vorstellen.«

»Darf denn jede Ottersleben zum Kaiser?«

»Jede.«

In dem niedlichen Puppengesicht des jungen Mädchens vor ihm belebten sich die Augen eine Sekunde in träumerischem Glanz. Während man nach Tisch im Palmengarten Kaffee trank, tauschten sie und die Mutter einen Blick. Der Vater unterdrückte ein Gähnen. Er war ein kurzes Mittagschläfchen gewohnt. Er zog sich geräuschlos zurück. Und der sonderbare Zufall wollte es: Frau Bannersen mußte draußen einen Besuch empfangen. Nur auf einen Sprung. Dieser Gast war gar nicht vorhanden. Statt dessen trat sie zu ihrem Gatten in das Rauchkabinett. Sie brauchte ihn nicht zu wecken. Er fand heute, trotz seines Phlegmas, keinen Schlummer, sondern ging, mit den Händen in den Hosentaschen, im Zimmer herum.

»Sie sind allein drüben im Wintergarten!« sagte sie aufgeregt. John Bannersen nickte nur. Und vertiefte sich in die wählerische Untersuchung einer Havannakiste. Sie schwiegen beide. Was sollte man sich noch viel erzählen? Die Sache war in der Familie ja schon lange spruchreif. Wohl eine Viertelstunde saßen sie stumm beisammen. Dann hörte man drüben vom anderen Ende der Zimmerflucht Stimmen. Rasch sich nähernde Mädchenschritte. Die Portiere flog zurück.

»Papa ... Mama ... bitte, seid mir nicht böse: ich hab' mich eben verlobt! Da ist Otto!«

Die Mutter schloß die Kleine weinend in die Arme. Der Alte erhob sich, legte seine Upmann weg und dachte sich philosophisch: Nun soll ich auch noch so tun, als ob ich mich wunderte! Vor ihm stand der Leutnant von Ottersleben, hochrot im Gesicht, ganz verwirrt, und stammelte: »Verlobt darf ich es wohl noch nicht nennen ... Ich mochte nur ganz gehorsamst um die Hand Ihres Fräulein Tochter ...«

»Kommen Sie mal bitte da herein, Herr von Ottersleben!« sagte John Bannersen mit geschäftlicher Gelassenheit und führte ihn in ein Seitenkabinett. Sie blieben darin eine geraume Zeit, in einem Gespräch unter Männern. Als sie wieder herauskamen und der junge Ottersleben stürmisch in die Arme seiner Braut flog, sagte sein künftiger Schwiegervater gedämpft und mit hochgezogenen Brauen zu seiner Frau: »Ein merkwürdiger junger Mensch! Er hat keine Schulden! Er hat mir sein Ehrenwort darauf gegeben.«

»Das ist ja reizend, Johny!«

Aber der alte Bannersen war klüger als seine Frau. Er schüttelte bedächtig das graue Kaufmannshaupt und meinte: »Ein Leutnant ohne Schulden! ... Der wird mich ein schönes S--tück Geld kosten!«