Part 6
»Und Sie, meine verehrte Frau von Logow, und meine verehrte Frau Grotjan -- ich weiß, Sie werden Ihre Wahl nicht bereuen! Wir Männer sind ja durch die Bank ein mangelhaftes Stück Schöpfung. Man muß uns nun mal nehmen, wie wir sind. Aber die beiden da sind, wie ich schon sagte, relativ gelungen. Ihnen hat sicher Ihr Gefühl das Richtige eingegeben, als Sie sich sagten: Für den und keinen anderen verlasse ich mein Elternhaus ...«
Der General von Glümke schwieg einen Moment und ließ das Auge über die Tischgesellschaft gleiten. Er zögerte. Maximiliane hatte die Lippen zusammengepreßt und die Augen gesenkt. Sie wußte: nun kam wieder die unvermeidliche Anspielung auf sie -- der heute schon zehnmal gehörte Vergleich mit ihren Schwestern: ›Ich sei, gewährt mir die Bitte -- in eurem Bunde die Dritte!‹ -- Aber nein: Olaf warf seinen Kopf zurück. Seine Stimme wurde markig und ernst: »Meine Herrschaften ... der Sekt wird warm, der Braten kalt ... ich will Ihre Geduld nicht überspannen! Ich hebe mein Glas, und hinter mir steht im Geist die Armee, stehen all die Menschen, die Sie kennen und schätzen, und hundert und tausend Stimmen rufen Ihnen, den jungen Paaren, durch mich zu: ›Alles Gute! Alles Schöne! Glück und Segen auf dem neuen Weg!‹ Ich bin kein Bibelheld und hab' daheim nicht mehr nachschlagen können -- aber irgendwo steht's geschrieben, womit ich meine Rede schließen möchte und die ich, wie Sie inzwischen leider bemerkt haben werden, unvorbereitet begonnen hab': Fürchtet Gott! Ehret den König! ... Habt einander lieb! Mehr kann das Leben uns nicht geben! ... Meine Damen und Herren: Wir leeren unser Glas: Herr und Frau Hauptmann von Logow, Herr und Frau Leutnant Grotjan ... Hurra! Hurra! Hurra!«
»Uff!« sagte er dann lachend, sich in dem allgemeinen Tumult und Gläserklirren setzend, und sonderbar: zu gleicher Zeit sah er einen Blick Maximilianes von drüben auf sich gerichtet. Den ersten. Es war wie ein Dank. Dann schaute sie wieder weg und gleichgültig vor sich hin, während an der Tafel allmählich Ruhe eintrat.
Sie dachte auch gar nicht mehr an den General von Glümke, sondern nur: ›Gott sei Dank ... nun ist bald alles vorbei! Er ist fort ... Dann hab' ich Ruhe! Ich werde ihn mir aus dem Kopf schlagen, so wie er sich nie um mich gekümmert hat. Ich werde vergessen, was er mir war. Er ist nur noch mein Schwager, den ich alle Jubeljahre mal irgendwo auf kurze Zeit sehe. Weiter nichts ...‹
Ihr Tischherr gab sich Mühe, sie zu unterhalten. Er erzählte ihr von der beabsichtigten Verlegung des dreißigsten Pionierbataillons nach Thorn, wo schon die Siebzehner standen. Da würde die Frau Schwester bis an die Weichsel verschlagen, bis an die russische Grenze.
Und sie erwiderte zerstreut: »Ach ... die Dorle ist eine fidele Haut! Die fühlt sich überall wohl!«
Sie sah von ihrem Platz aus Logows scharfes schnurrbärtiges Profil. Er wandte sich gegen seine Frau. Er lächelte und flüsterte ihr etwas zu. Einen Augenblick waren seine Züge sonnenhell. Dann legte sich wieder die gewohnte Ruhe darüber. Ein ehernes Selbstbewußtsein, das heute etwas Feierliches an sich hatte und noch gehoben war durch die Generalstabsuniform, die außer ihm im Saal nur noch sein Onkel Bruno trug. Wieder fuhr es ihr durch den Kopf: ›Bald ist er fort!‹ Es war so unwahrscheinlich: dies Gefühl der räumlichen Entfernung. Alle diese Jahre hatte sie ihn neben sich in derselben Stadt gewußt, ihn in Gedanken über die paar Gassen und Plätze hinweg in ihre Nähe rufen können. Er war erreichbar ... sichtbar gewesen. Auch als Bräutigam war er im letzten Vierteljahr noch jeden zweiten Sonntag von Berlin herübergekommen. Nun wurde er für sie eine Erinnerung ... Und die blieb ...
Es wurden die eingelaufenen Glückwunschdepeschen verlesen. Otto von Ottersleben hatte den ganzen Stoß vor sich liegen und verkündete sie der Reihe nach: lange und kurze, in Vers und Prosa, ernste und heitere. Ein paarmal lachte Logow herzlich zu irgendwelchen Anspielungen der Kameraden. Sie hörte nicht zu. Seine gute Laune tat ihr im tiefsten Herzen weh. Sie sagte sich: ›Ich muß etwas tun. Ich muß mich gegen ihn wappnen. Gegen mich. Ich kann doch nicht ewig an ihm kranken. Es ist ja schrecklich, welche Macht er über mich hat -- jetzt noch mehr -- wo ich weiß, daß ich ihn verloren hab' -- jetzt gerade -- aus purer Verzweiflung ...‹
Sie fröstelte bei der Vorstellung der Öde, die von morgen ab kam: Die Schwestern aus dem Hause, Papa im Dienst, Mama in der Stadt auf Besorgungen -- da saß man nun, die Hände im Schoß. Wozu war man eigentlich auf der Welt? Wie füllte man seine Tage aus? Und die dehnten sich ohne Ende vor einem, in schnurgerader Linie, wie die Kilometersteine an der Chaussee ... Sie hatte ihren Zorn gegen sich, daß sie von dieser Furcht vor dem Nichts nicht loskam. Sie hatte sich so gewünscht, daß die Prüfung vorüber sein möge. Aber nun stand dahinter erst, noch viel schlimmer, das Morgen.
Diakonissin? Im Gelächter und Stimmengewirr um sie her, dem Schmettern der Musik, dem Duft der Blumen, sah sie einen stillen, dämmerigen Saal vor sich, Kranke in den Betten, durch den Mittelgang schreitend, unhörbar, in dunkler Tracht jemanden -- das war sie -- nein -- das war nicht sie ... der Trotz bäumte sich in ihr auf ... Selbstgefühl ... Daseinslust trotz alledem ... sie wollte nicht ihr Leben lang Trauer tragen für einen, dem sie nie etwas gewesen war ... das war ein unnützes Opfer. Sie stand hastig mit den anderen auf -- denn nun endlich, endlich wurde die Tafel aufgehoben -- und nahm den Arm ihres Tischnachbarn, der sie in die Nebenräume führte.
Dort trank man den Kaffee. Unter dem großen Kronleuchter stand das junge Ehepaar Logow und hielt eine Art Cour ab. Von allen Seiten wurden sie umdrängt. Um die Grotjans kümmerte man sich weniger. Ulla erschien jetzt, wo sie allmählich ihre Farbe zurückgewonnen hatte, wieder viel reizvoller. Sie strahlte in ihrer tannenschlanken, tiefdunklen, schwermütigen Schönheit. Ihr Mann wurde hinausgerufen und kam lachend, einen mächtigen Blumenstrauß in der Hand, zurück.
»Die Unteroffiziere meiner alten Kompanie lassen schönstens Glück wünschen!« sagte er. »Eben war eine Deputation mit dem Feldwebel an der Spitze da. Heute in aller Gottesfrühe ist schon mein verflossener Bursche im Hotelzimmer bei mir angetreten. Auch mit 'nem Bukettchen in der Faust, der biedere Kerl! ... Anhängliche Leute -- nicht, Neugereuth?«
»Ja -- die Mannschaft hatte Sie furchtbar gern in der Kompanie ...« bestätigte sein ehemaliger Hauptmann. Eine Stimme rief: »Silentium!« Eine Depesche vom Sitz des Generalkommandos war, etwas verspätet, eingetroffen. Der Allgewaltige des Armeekorps sandte seine Glückwünsche zur Otterslebenschen Hochzeit, und Erich von Logow verbeugte sich beim Anhören leicht, mit einem ehrerbietigen Lächeln, als stände die Exzellenz selber vor ihm.
Und Maximiliane dachte sich in ihrer Ecke: ›Er ist doch schon so glücklich! Was braucht man es ihm noch aufzudrängen, um ihn herum zu wetteifern, vom Kommandierenden bis zum Musketier? Warum verwöhnen ihn alle Menschen so? Und warum nimmt er das so hin, als ob sich das von selbst verstände, und zertritt dabei gerade mich? Warum büße ich für alle, die hier fröhlich und zufrieden sind?‹
Sie wandte sich zur Seite, um ihr leeres Mokkatäßchen wegzustellen, und erblickte den Generalmajor von Glümke, der neben sie getreten war. Er schüttelte das Haupt, sah auf sie hinunter -- er überragte sie trotz ihres hohen Wuchses noch um einen guten Kopf -- und meinte halblaut: »Na ... Sie armes Aschenbrödel ...«
Es war, als wollte er sie absichtlich reizen. Ihr Stolz flackerte auf. Sie furchte die Stirne und blickte ihn feindselig an: »Herr von Glümke ... was heißt denn das? ... Warum seckieren Sie mich denn fortwährend? Ich hab's jetzt satt!«
Er wurde noch leidenschaftlicher als sie. Er zog die Augenbrauen hoch, eine Bewegung, auf die im Dienste ein furchtbares Donnerwetter folgte, schaute sich um, ob niemand in der Nähe sei, beugte sich ein wenig zu ihrem Ohr und versetzte mit unterdrücktem Grimm: »Ja ... ist's denn nicht wirklich toll? Die verkehrte Welt! Sie ... Sie ... Sie stehen da in der Ecke, und da drüben springen sie und tanzen ... Und alles hat nur Augen für Ihre Schwestern, statt daß man sich um Sie reißt? Ja, sind die Leute denn alle blind? ... Rein von Gott verlassen ist ja die ganze Gesellschaft ...«
Sie wandte sich zum Gehen.
»Herr von Glümke ... jetzt hab' ich aber genug gehört ...«
Er stellte sich vor sie. Er, der abgebrühte alte Junggeselle und Damenheld, war plötzlich blaß geworden. Er drängte -- er befahl förmlich: »Nee -- bleiben Sie mal, Kind! Ich muß Ihnen einen Vorschlag machen! Etwas sehr Wichtiges!«
Dabei lachte er verwegen unter seinem kurzen, blonden, kaum merklich angegrauten Schnurrbart. Dieser Gesichtsausdruck war so recht Olaf, der Mann der tausend Streiche, den man trotz Rang und Würde außer Dienst nie ganz ernst nahm. Sie mußte unwillkürlich mitlachen.
»Das wird wieder was Rares sein, Herr General!«
Er machte eine geheimnisvolle und aufgeregte Miene. Er schien ihr mit einemmal verändert, obwohl er immer noch lächelte.
»Also, hören Sie mal, Fräulein Maxe ... Es liegt in Ihrer Hand, diese blinden Hessen hier alle zu strafen -- die ganze Blase einfach niederzuschmettern ... Ein Trompetentusch ... ein Hallo ... Und der ganze Zauber da vor uns ist wie weggeblasen! ... Sie sprengen das alles in die Luft. Sie steigen -- wie heißt das Fabelwesen doch gleich? -- wie der Phönix aus der Asche! ... Sie sind mit einem Schlag der Mittelpunkt! Sie sind die Königin ...«
Sie schaute ihn mißtrauisch an. Hatte er doch am Ende ein Gläschen zu viel erwischt? Aber den Eindruck machte er eigentlich nicht. Er sah, trotz seiner Erregtheit und überhasteten Sprechweise, merkwürdig ernst aus. Sie erwiderte kühl: »Ich versteh' kein Wort, Herr General, was Sie da ...«
Olaf von Glümke ließ sie nicht weiterreden. Er hob die Rechte: »Nee -- nee ich sag' Ihnen ja ... Es liegt in Ihrer Hand -- weil ich Ihnen die Hand dazu biete ... Sie bitten möchte ...« Es war ein plötzliches werbendes Flackern in seinen blauen Augen, seine Stimme flüsterte eindringlich: »... weil ich Sie inständig bitten möchte ... Fräulein Maxe ... verstehen Sie mich? ... Ich kann nicht so viel Worte machen ... Es sind zu viel Leute hier im Saal ... Fräulein Maxe ... ich mache Sie zur ersten Dame hier im Saal ... in der ganzen Stadt ... der Divisionär ist ja Witwer -- weit und breit sind Sie die Erste ... In 'nem Jahr sind Sie Exzellenz, wenn's unserem Herrgott und Seiner Majestät gefällt ...«
»Um Gottes willen -- hören Sie auf, Herr von Glümke!«
»Nee ... ich fang' erst an! ... Denken Sie: so mit einem Schlag über Ihre Schwestern -- Ihre Freundinnen -- ganz oben! Denken Sie, wie sich Ihre Eltern freuen würden! ... Ach, was red' ich da! Was liegt an den ollen Herrschaften -- an dem ganzen Klimbim hier? Auf Sie kommt's an ...« Er sprach leidenschaftlich und gedämpft. Beide standen mit leerem Lächeln, eine Maske vor dem Gesicht, um kein Aufsehen zu erregen. »Sie sind das Mädchen danach! Ich würd' es keiner anderen sagen. Aber Sie sind anders als die anderen. Das hab' ich Ihnen auch schon gesagt! Wissen Sie -- damals im Wald! ... Das war die entscheidende Stunde. Seitdem hab' ich kein Auge von Ihnen gelassen, seitdem hab' ich immer mehr ... Kommen Sie, Fräulein Maxe ... Ich bitt' Sie ... Kommen Sie ...«
»Wohin?«
»Zu Ihren Eltern! ... Denken Sie: wenn wir auf einmal dastehen ... mitten im Saal ... und der Jubel losbricht ...«
Maximiliane antwortete nicht. Sie war völlig betäubt. In willenloser Angst folgten ihre Augen seinem Blick, der kriegerisch ihre Eltern suchte. Da war Mama. Sie kam gerade auf sie beide zu, wie durch ihn gerufen. Er lachte. Ein Schein von Triumph glitt über seine Züge. Nun war er des Erfolges seines Husarenritts schon halb sicher. Er raunte: »Darf ich reden, Maxe?«
»Nein ... nein ...«
»Aber warum noch warten ... es ist gerade der Moment ...«
»Sie müssen mir doch Zeit lassen ... Sie überrumpeln mich da auf einmal ... Ich bin ja wie aus den Wolken gefallen ... Ich weiß gar nicht, ob ich wache oder träume ... ob Ihnen das überhaupt ernst ist ...«
»Aber ... Maxe ...« Er sah sie vorwurfsvoll und zugleich aufmunternd an. Er nannte sie einfach beim Vornamen. Es fehlte wenig, so nannte er sie schon Du. Er betrachtete sie schon halb als sein Eigen. Wenn sie auch noch nicht ›ja‹ gesagt hatte, eines ›Nein‹ war sie nicht fähig. Das merkte er. Dazu war sie zu erschrocken. Oder geblendet von der Zukunft, deren Vorhang er mit einem Griff vor ihr weggerissen. Sie schwieg und zitterte. Über ihre Wangen jagte eine fliegende Röte und machte tiefer Blässe Platz. Frau von Ottersleben kam an sie heran.
»Ach ... verzeihen Sie einen Augenblick, Herr von Glümke! Du hör mal, Maxe ... die Dorle ist in allen Zuständen. Sie zieht sich eben oben im Hotel um, und nun fehlt die kleine goldene Brillantuhr, das Geschenk von Onkel Bruno. Zum Brautkleid hat sie sie natürlich nicht angehabt, und in dem Korb mit den Sachen aus der Wohnung ist sie nicht mitgekommen. Sie schwört, die Uhr müsse dort noch irgendwo liegen! ... Geh! ... Sei lieb und fahr rasch hin und hol sie!«
»Aber das kann doch auch einer von den jungen Leuten besorgen!« sagte der General. Er hatte einen roten Kopf bekommen und trat vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen.
»Ach, die finden doch nichts! ... Nein ... es ist schon besser ... Du bist ja in fünf Minuten wieder da, Kind ...«
Maximiliane ließ es sich nicht zweimal sagen. Sie lief förmlich davon. Sie dankte ihrem Schöpfer, daß sie Zeit gewonnen hatte. Sie schlüpfte atemlos in einen der geschlossenen Wagen draußen. Der rasselte mit ihr dahin. Sie saß aufrecht und still, die Hände zwischen den Knieen zusammengepreßt, den Rosenkranz auf dem blonden Scheitel. Ihr Herz hämmerte. Auf der Straße gingen die Leute. Die Läden waren offen. Die Kinder kamen aus der Schule. Es war ein Werktag wie sonst. Und in ihr eine Empfindung, als sollte die Welt untergehen. Sie war nahe daran, in ihrer Ratlosigkeit und Hilflosigkeit in Weinen auszubrechen. Sie fühlte sich so schwach. Gerade heute. Glümke hatte sich den Tag gut gewählt. Dann unterdrückte sie ihre Tränen. Sie nötigte sich zur Ruhe, zur Überlegung. Sie sagte sich immer wieder: Ich lasse mich nicht zwingen. Ich hab' mein Schicksal in der Hand ...
Die Droschke hielt vor dem Elternhaus. Sie stieg die Treppen hinauf und öffnete mit dem Drücker die totenstille Wohnung, in der alles in der Unordnung der Festvorbereitungen durcheinander stand und lag. Mitten auf dem Tisch natürlich Dorles Uhr. Sie steckte sie zu sich. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und versank in Sinnen. Es war kein Mensch in den Räumen. Niemand störte sie. Sie war mit sich allein ...
Eine fremde Stimme von irgendwoher frug sie: Wie lange willst du eigentlich allein bleiben? Doch nicht dein ganzes Leben hindurch? Die Eltern werden eines Tages von dir weggehen. Sie hinterlassen dir nicht einmal genug Geld. Du wirst in die Welt hinausgestoßen, um dir dein Brot zu verdienen als alte Jungfer -- wegen eines Mannes, der von deinem Opfer nichts ahnt, dem du so gleichgültig bist, wie dir die Spatzen da vor dem Fenster. Nein. Lieben kannst du freilich nie mehr. Aber heiraten wirst du doch -- rein aus Vernunft, gerade wie die Ulla ... Und auf wen anderen willst du dann noch warten? ... So etwas bietet einem das Schicksal nur einmal. Gerade er, der da drüben, denkt in seinen Jahren nicht mehr daran, daß du dich noch über die Ohren in ihn verlieben könntest. Dazu ist er viel zu erfahren. Er schlägt dir einen ehrlichen Handel vor. An ihm begehst du kein Unrecht ... im Gegenteil: du versündigst dich an dir und deiner Zukunft und deinen Eltern, wenn du ~diesen~ Antrag nicht annimmst ...
Schon aus Trotz! Schon aus einer Art Rache! Sie erhob sich. Jetzt wurde auch das in ihr lebendig. Dann glaubte kein Mensch mehr, daß sie je an einen Hauptmann von Logow gedacht -- sie, die Generalin -- über ihre Schwestern, ihre Freundinnen -- über Mama selber. Man würde sie bewundern ... beneiden ... sie hatte ihre Netze gut ausgeworfen, in aller Stille ... Erich von Logow mußte sich dann selbst gestehen: sie hätte ihn nie genommen -- auch wenn er je um sie geworben hätte ...
Das alles war kein Trost. Aber es erzeugte in ihr immer wieder dies dumpfe, nicht abzuschüttelnde Bewußtsein: Du mußt! Du mußt ›ja‹ sagen. Und dadurch kommst du wirklich und endgültig von jenem anderen los, von dem Mann deiner Schwester -- wenn du selber einen Mann hast, der dich beschirmt und auf den du dich stützest ... Sie seufzte schwer auf. Es mußte sein. Was sie sich nicht hätte träumen lassen, das erfüllte sich: ehe die Sonne heute über den Dächern da gegenüber sank, war sie auch Braut ...
Sie sah auf die Uhr und erschrak. Fast eine halbe Stunde hatte sie hier gesessen und gesonnen. Sie mußte sich eilen und stieg doch langsam, mit gesenktem Haupt, in ihrem rauschenden Festkleid, die Treppe hinunter, wie zu einem schweren Gang, und fuhr in einer eigenen, eiskalten Ruhe, in der sie das Herz in sich tot und ihren Kopf klar und lebend fühlte, in das Hotel zurück.
Ihre Mutter empfing sie mit Vorwürfen, wo sie denn nur um Gottes willen gesteckt habe? Grotjans seien schon auf dem Bahnhof. Dabei gab sie die Uhr einem der Kadetten. Er solle rennen und sie ihnen noch an den Zug bringen. Maximiliane hatte kaum zugehört. Sie trat mit einem leeren, zerstreuten Lächeln auf den Lippen in den Saal. Da wurde jetzt getanzt. Die Regimentskapelle spielte. Die Paare flogen vorbei. Immer irgendeine Uniform und ein Flattern von Rosa oder Blau oder Weiß. Sie sah es geistesabwesend. Dann packte sie plötzlich jemand und walzte lachend mit ihr los. Es war ihr Bruder Otto, der schon einen kleinen Hieb hatte. Er wirbelte sie wie rasend einmal rundherum, bis sie sich von ihm befreien konnte. Sie blieb schweratmend stehen. Es drehte sich ihr alles vor den Augen. Und da -- in diesem Nebel -- war auf einmal der General von Glümke da und sagte zu ihr, mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne zu klingen schien: »Kommen Sie, Maxe ... Wir wollen ein bißchen da hinaus.«
Er nahm ihren Arm und führte sie in den Garten hinter dem Hotel, da, wo zuvor die Gruppenaufnahme stattgefunden hatte. Es war ganz still zwischen den grünen Büschen. Die Sonne schien heiß auf die Kieswege. Über ihnen blaute die Himmelswölbung. Er sprach gedämpft, herzlich, bittend ihren Arm an sich drückend: »Maxe ... liebe Maxe ... nun sagen Sie ›ja‹.«
Sie rang danach. Sie brachte es noch nicht heraus. Sie gingen die paar Schritte weiter bis zur rückwärtigen Gitterpforte, vor der eine leere Droschke hielt, und kehrten wieder um.
»Maxe ... nur das eine kleine Wort ...«
Sie wollte es aussprechen und blieb stehen. Es kam ihnen da jemand vom Hotel her auf dem Weg entgegen, nach dem Wagen zu. Ein Paar. Ihre Schwester Ulla, in grauem Reisekleid und Hut und Schleier, und neben ihr in Zivil ihr Mann. Sie wählten den Hinterausgang, um unauffällig zu verschwinden. Der General trat diskret seitlich, in einen umbuschten Rundpfad zurück.
Ulla von Logow küßte hastig ihre Schwester: »Herrgott -- da sehen wir uns doch noch! Mama sagte vorhin, du seist in der Wohnung! Adieu, Schatz! Adieu! Adieu!«
Dann reichte ihr der Hauptmann von Logow heiter und eilig die Hand.
»Adieu, Maxe! ... Laß dir's gut gehen! Mach's bald nach, so wie die Ulla und 's Dorle! Und besuch uns recht oft in Berlin, wenn wir zurück sind ... hörst du? ...«
Sie hatte ihn noch nie anders als in Uniform erblickt. In dem lichten Sommeranzug, den weichen grauen Filzhut auf dem Kopf, sah er verändert aus. Und doch -- das war er. Immer er. Er blieb, was er war. Für sie blieb er's ... Sie stand und schaute den beiden nach und nickte ihnen noch einmal mechanisch zu. Dann rasselte der Wagen um die Ecke, und in demselben Moment zog ihr eine blinde, alles verachtende, alles mit Füßen tretende, alles gleichgültig in die Ecke schleudernde Verzweiflung das Herz zusammen.
Der General von Glümke hatte sich ihr genähert. Er murmelte: »Maxe ...«
Da schüttelte sie starr den Kopf, ohne ihn nach ihm zu wenden.
»Ich kann nicht.«
»Aber, um Gottes willen ... Maxe ...«
»Ich kann nicht!«
Er rang die Hände ineinander: »Was haben Sie denn gegen mich?«
»Nichts. Gar nichts, Herr von Glümke.«
»Warum wollen Sie denn dann sich und mir das Leid antun?«
Sie rang mit sich. Sie rang nach Luft.
»Ich möcht' ja gern! Ich tät' es ja gern! ... Aber ich kann nicht ...«
»Auch nicht, wenn Sie es sich noch einmal überlegen, Fräulein Maxe?«
»Ich hab's mir ja überlegt! Nein ... Auch dann nicht! ... Bitte, gehen Sie ... Quälen Sie mich nicht mehr ... Und seien Sie mir nicht böse ... Ich kann nicht ...«
Sie hatte es kaum mehr hörbar zwischen ihren blassen, zusammengepreßten Lippen gemurmelt. Er stand noch ein paar Sekunden und wartete. Dann, da sie schwieg, war es auch für ihn entschieden. Er machte eine leichte, höfliche Verbeugung, wandte sich auf dem Absatz um und trat in das Haus. Von dort tönte die Tanzmusik. Um sie wiegten sich leise die grünenden Knospen im Maiwind. Ein feiner, süßer Frühlingsduft stieg vom Hyazinthenbeet am Boden. Schmetterlingsgegaukel wiegte sich darüber im Sonnenschein. Sie stand still und schloß die Augen. Es war alles wie ein Traum ...
5
Vom Königlichen Schlosse zu Berlin kommend, schritt der Oberst Bruno von Ottersleben über die Spreebrücke nach den Linden zu. Er war in großer Paradeuniform, mit Helm und Schärpe, eine glitzernde Ordensreihe auf der Brust, die der trotz der Februarkälte nur lose über die Epauletten geworfene hechtgraue Mantel freiließ. Er ging langsam, fast ein wenig schwerfällig, in seiner breitschultrigen, würdevollen Stattlichkeit. Sein kluges, derb geschnittenes Gesicht, mit den aufmerksamen Augen, trug einen wohlwollenden Ausdruck. Ein anderer älterer Militär mit silbergesticktem Kragen und Gardesternen kam ihm entgegen. Er winkte schon von weitem: »'Morgen, Ottersleben! ... Na -- auch mal wieder in Berlin! Famos! ... Wie -- nur auf vierundzwanzig Stunden? ... Ach nee ... machen Sie keine Späße ... Wo haben Sie denn Ihre Generalstabstreifen gelassen? Nicht mehr bei den Halbgöttern? -- Was?«
»Augenblicklich nicht! Ich hab' ein Regiment gekriegt. Die Zweihundertvierundvierziger in Straßburg! Eben hab' ich mich bei Majestät gemeldet!«
»Gnädig?«
»Sehr.«
»Famos! ... So ... so ... Straßburg ... na -- grüßen Sie dort die Müritzens von mir -- und was ich sonst noch von der Blase kenne ... und bitte mich gehorsamst der Gattin zu Füßen zu legen ... Auf Wiedersehen!«