Part 5
Sie machte halt, einen Schatten des Unmuts auf dem hübschen, blassen, unregelmäßigen Gesicht. Der General von Glümke ... der fehlte ihr noch gerade! ... Papas Vorgesetzter und Widerpart! Sie schaute kühl zu ihm empor, in der Erwartung, daß er an ihr vorbeireiten würde. Er sah etwas verändert aus, weil der Reif seinen sonst blonden Schnurrbart silbergrau überzogen hatte. Aber das machte ihn nicht älter. Es war eher, als ob er sich gepudert hätte, wie ein Offizier aus friderizianischen Zeiten. Mit seinen geröteten Wangen, den blitzenden blauen Augen war er ein Bild der Unternehmungslust. Man mußte schon genau hinblicken, um die vielen feinen Fältchen auf seinen verwegenen Zügen zu erkennen. Er ritt ein riesiges, blutjunges Pferd, das noch so hochbeinig war wie ein halbes Fohlen. Es arbeitete an der Kandare, daß die weißen Schaumflocken flogen. Sein dickes Winterhaar rauchte von Schweiß und war struppig wie bei einem Ackergaul. Beim unvermuteten Anblick einer Dame machte es mit allen vieren eine Lançade in die Luft hinauf, daß sie schon einen Sturz befürchtete. Aber Olaf ließ sich durch solche kleine Späße nicht im Sitz stören. Er klopfte dem Tier beruhigend auf den Hals, schwang sich mit einem Satz aus dem Sattel und ging, es am Zügel nach sich ziehend, so als ob sich das von selbst verstände, links neben Maximiliane her.
»Nu sagen Sie mal um Gottes willen, was haben Sie denn eigentlich den ganzen Morgen da draußen gemacht?«
»Ich?« sagte sie erstaunt. Es konnte sie doch niemand gesehen haben. Es war doch zu weit gewesen.
»Na -- ich beobachte Sie doch seit zwei Stunden und trau' meinen Augen nicht! Stiefelt mir da auf einmal eine junge Dame in der Schützenlinie herum! Ich hatt' schon Angst, Sie würden schließlich noch die Führung des markierten Feindes übernehmen ... Na -- da hätt' ich schön Senge besehen! Gegen Damen bin ich wehrlos!«
»Ich bin nur hinaus, um Schlittschuh zu laufen, und wie das nicht ging, gleich wieder umgekehrt.«
Er lachte schallend und schlug mit der Hand auf den Krimstecher, den er in einem Lederfutteral umgeschnallt trug: »Und mein Zeiß? Ich hab' doch als Feldherr das Gelände überschaut. Ich hab' mich immer beim Befehlerteilen gefragt: Jesus -- was macht sie nur? ... In dem zugigen Aussichtstempelchen, in dem Sie eine Stunde gesessen haben, könnt' ja unsereiner 'nen Schnupfen kriegen! ... Aber warten Sie nur: ich steck' es dem Papa!«
Er drohte ihr gutmütig wie einem Kind mit dem Finger und setzte amüsiert hinzu: »Schade, daß Sie nicht zum Schluß zur Kritik gekommen sind! Ich hätte Ihnen gerne die Brigade im Parademarsch vorgeführt!«
Sie biß sich auf die Lippen, erwiderte nichts. Endlich versetzte sie schroff: »Ich kann doch spazieren gehen, wo ich will.«
»Aber unbedingt!« sagte Olaf von Glümke. Im Augenblick, wo er merkte, daß sie auf seine Neckereien nicht einging, änderte er den Ton.
»Ich hatt' nämlich wirklich Angst, es wäre Ihnen nicht wohl!« gestand er. »Oder Sie hätten gestern was beim Schlittschuhlaufen verloren und suchten es. Da hab' ich Adjutanten, Ordonnanzen und Gäule auf der Chaussee vorausgeschickt und bin Ihnen durch den Wald nachgeritten, um zu sehen, ob ich Ihnen nicht behilflich sein kann.«
»Sie sind sehr gütig, Herr General!«
Sie gingen eine kurze Strecke stumm nebeneinander her. Leise klirrten ihre Schlittschuhe, seine Sporen im Takte ihrer Schritte. Hinter ihnen schnaufte das Pferd. Man fühlte seinen heißen Atem im Genick. Sie dachte sich: Warum steigt er denn nicht endlich auf und reitet weiter? Sie sagte es schließlich direkt in ihrem Unmut: »Aber ich möchte Ihnen nicht Ihre Zeit wegnehmen, Herr General!«
Er verneinte.
»I wo! Ich vertret' mir mit Wonne 'n bißchen die Beine! Ich bin verfroren. Ich kann mir doch nicht Stroh um die Steigbügel wickeln lassen wie ein Großpapa ... Aber die Brigade mußte mal 'raus und ihre Sünden abschwitzen. Ihr Herr Vater, der ist nur fürs Zielen! Aber ich bin nicht so gelehrt. Ich bin kein Bücherhengst. Es ist ja jetzt Mode. Die Herren sind's alle. Ihr künftiger Schwager Logow auch. Na -- wann heiratet denn die schone Ulla?«
»Anfang Mai.«
»Und das Dorle?«
»Am selben Tag.«
»Und die blonde Maxe?«
»Ich?«
Sie war ganz empört, daß er sie im Scherz mit ihrem Garnisonspitznamen »blonde Maxe« nannte! Woher wußte er denn überhaupt?
Er bestätigte unbefangen: »Ja ... Sie!«
Sie wurde nicht rot, sie kicherte nicht und sah nicht zur Seite, wie er es als alter Schwerenöter sonst bei jungen Mädchen kannte, sondern warf den Kopf etwas zurück und sagte sehr kühl und von oben herab: »Ich hab' noch lang' Zeit, Herr General!«
»Nanu?«
Sie ärgerte sich über seine belustigt hochgezogenen Brauen und setzte hochmütig hinzu: »Wenn es nach mir geht, heirate ich am liebsten überhaupt gar nicht! Ich finde die Männer nicht so furchtbar verlockend!«
Der General von Glümke schüttelte sich vor Lachen.
»Sie haben sehr recht, Fräulein Maxe ... Sehr recht! ... Ich kenne die Gesellschaft! Ich warne Sie! Aber Sie müssen mich trotzdem zu Ihrer Hochzeit einladen! Versprechen Sie es mir?«
»Lassen Sie doch endlich die Witze, Herr General! Die sind wirklich nicht neu! Wenn Sie bloß deswegen von Ihren Soldaten weggeritten sind, um mir das zu erzählen ...«
»Der Dienst ist zu Ende!« versetzte Olaf von Glümke. »Jetzt bin ich Mensch! Hol' der Deubel den Dienst in den Freistunden! ... Na ... Kopf hoch, Fräulein von Ottersleben! ... Was machen Sie nur immer für ein Armsündergesicht? Tut's Ihnen so leid, daß die Schwestern aus dem Hause gehen? ... Na -- warten Sie nur: Sie werden auch bald ... Ach so ... Ich bin schon still ... Sie müssen es nicht so ernst nehmen, was ich rede!«
Ihre Züge waren unter dem schwarzgetupften Schleier blaß und trotzig. Sie antwortete wenig höflich: »Das tu' ich auch nicht, Herr General!«
»Danke gehorsamst!«
Er legte zwei Finger an den Helmrand, lachte, und es fuhr ihm dabei blitzschnell durch den Kopf: Donnerwetter ja! ... Die hat schon scheint's ihre Erfahrungen hinter sich! Die hat sich schon irgendwo verbrannt! Dann forschte er wohlwollend: »Sind Sie eigentlich immer so kratzbürstig, Fräulein von Ottersleben?«
Sie antwortete nicht und ging rascher. Er hielt elastisch mit ihr gleichen Schritt. Er sah sie dabei vergnügt aus seinen strahlenden, von feinen Krähenfüßen umrahmten blauen Augen an. Er behandelte sie wie ein Kind, mit dem man sich im Spiel herumneckte. Er war grausamer bei ihrer jetzigen Seelenverfassung, als er ahnte. Und doch belebte sie seine unbekümmerte frische Art. Er nickte befriedigt.
»Sehen Sie ... Jetzt schauen Sie schon wieder viel blanker aus den Augen! Lachen Sie! ... Lachen Sie, Fräulein Maxe! ... Wollen Sie gleich lachen ... Donnerwetter ja! So! Na ... das war wenigstens ein Anfang ... Sie möchten nämlich ganz gerne fidel sein, Kind ... Sie genieren sich bloß ... Sie denken: Blässe ist interessant! ... Ach wo! ... Kinder ... wenn schon die jungen Mädchen Trübsal blasen, was sollen denn dann wir alten Knackstiebel erst anfangen? Ich hab' doch so was Väterliches an mir, nicht?«
»Nein -- gar nicht, Herr General!«
Er wiegte betrübt den blonden Kopf.
»Ach ... und ich dachte ... na ... nichts für ungut! Kommen Sie: wir wollen uns wieder vertragen! ... Ich muß jetzt da links ab ... Sind Sie mir noch böse?«
Sie waren am Stadtrand. Vor ihnen schimmerten schneebedeckt die ersten Villen. Sie dachte sich: ›Böse -- Warum? ... Lieber Gott ... Er ist nun mal so ...‹
»Adieu, Herr General!« sagte sie freundlicher, froh, von ihm loszukommen. »Au -- Sie tun mir ja weh ...«
Er hatte ihre Rechte kameradschaftlich derb geschüttelt, hielt sie einen Moment fest und schaute ihr ins Gesicht.
»Ich mein's nämlich wirklich nicht so schlimm!« sagte er. »Ich hab' Sie doch noch als Backfisch gekannt! ... Wissen Sie, Fräulein von Ottersleben ... Sie gefallen mir eigentlich! Sie sind ein apartes Mädel! Anders wie die anderen! ...«
»Herr General ... nun möcht' ich aber wirklich bitten ...«
Olaf von Glümke ließ ihre Hand los und schwang seine hagere, straffe Gestalt mit einem Sprung in den Sattel. Der Gaul schnarchte nervös, bockte und stieg, drehte sich mit dem Reiter im Kreis.
»Passen Sie auf ... das Biest keilt ...« schrie er oben, im Kampf mit dem Tier, zu dem jungen Mädchen, das, an Pferde gewöhnt, nur langsam zurücktrat. »So ... alter Sohn ... Nu hab' ich dich ... 'n Morgen, Fräulein von Ottersleben! Besuchen Sie uns bald wieder draußen beim Exerzieren! Ist uns immer eine Ehre!«
Er war mit Zügeln und Schenkelschluß in Ordnung, ein Sporengekitzel: Roß und Reiter flogen im Rechtsgalopp dahin. Er drehte sich noch einmal um. Er winkte mit der Rechten.
»Ich tanz' doch noch auf Ihrer Hochzeit!« schrie er durch den Wind. Dann bog er über den Chausseegraben auf das flache Feld zur Linken ein. Da waren Heckenreihen. Er übersprang sie, eine nach der anderen, in elegantem Jagdsitz. Es war ein schneidiger Anblick. Seine Gestalt wurde rasch kleiner und kleiner und verschwand. Sie sah ihm nach und dachte sich: Drollig. Da zeigt er sich nun vor mir mit seinen Reiterkunststücken ... Er -- ein General in Rang und Würden. Er hat es doch wirklich nicht mehr nötig, auf mich Eindruck zu machen. Er ist ein komischer Mensch ... Aber immerhin ... Wo er war, war Leben: es lag jetzt noch, wie sie in die Stadt hineinschritt, ein vergessenes halbes Lächeln von vorhin auf ihren Zügen. Dann wurde sie seiner bewußt, und es schwand. Die traurige Grundstimmung ihrer Seele nahm wieder von ihr Besitz. Aber nicht mehr mit dem alten lähmenden Zwang. Der war durch den General von Glümke unterbrochen worden. Er hatte sie wachgerüttelt. Etwas von seiner Frische -- das, wodurch er die Mannschaft elektrisierte -- hatte sich ihr mitgeteilt.
Eigentlich mußte sie ihm dafür dankbar sein. Er war der erste und einzige, der ihr ein bißchen Trost gegeben hatte. Nein, nicht Trost -- eher Trotz. Sie sah sich jetzt in ihrer Stimmung von heute früh wie eine Fremde. Sie fühlte, die Anwandlung kam in dieser Stärke nicht wieder. Darüber war sie nun hinaus ...
4
Von dem Hotel zum ›König von Preußen‹ wallte eine mächtige schwarz-weiß-rote Fahne nieder. An der Tür zum Festsaal hielten zwei Flügelleute des Regiments in dessen Uniform aus den Freiheitskriegen, in hohem Tschako und Schwalbenschwanz, Wache. Die ganze Straße hinunter standen die Menschen und schauten sich die Hochzeitskutschen an, Offiziere darin und Offiziersdamen in zarten Frühlingsfarben, und immer wieder Offiziere. Warmer Maisonnenschein war in der Luft -- tiefes Glockenläuten, fern von der Garnisonkirche her, als Zeichen, daß die Doppeltrauung zu Ende war.
Ein ›Ah‹ der Neugier unter den Gaffern, ein Sich-auf-die-Fußspitzen-Erheben der hinteren Reihen: da kamen die Brautwagen. Die beiden Neuvermählten, Frau Ulla von Logow und Frau Dora Grotjan, schlüpften tief verschleiert heraus und am Arme ihrer Männer, mit niedergeschlagenen Augen, ins Haus. Beide waren blaß. Das fließende Weiß mit dem grünen Myrtenkranz ließ sie noch bleicher erscheinen: Ulla, mit ihrem von Natur schon blutlosen Teint, sah aus wie eine Marmorbraut. Es war, als sei ein Bild ohne Gnade aus seinem Rahmen herniedergestiegen.
»Ich hatt' sie mir eigentlich noch großartiger gedacht!« meinte der Festordner, der Regimentsadjutant Rudicke, zu dem Hauptmann Neugereuth. »So eigentlich noch niederschmetternder ... strahlender ... Na, das macht die Aufregung ... Ich muß jetzt nur schauen, daß wir die ganze Gesellschaft glücklich in den Garten lotsen. Der Photograph tanzt schon vor Ungeduld. Er hat gerade noch gutes Licht ...«
Vor Beginn der Festtafel sollte ein Gruppenbild der Teilnehmer aufgenommen werden. Es war ein Gerufe und Gelaufe, bis endlich alles beisammen und in aufsteigenden Reihen auf den zum Hotelgarten niederführenden Stufen geordnet war. In der Mitte vorn die beiden jungen Paare, rechts und links die Eltern, neben dem Brautvater seine beiden Brüder: der Oberstleutnant Bruno von Ottersleben, Chef des Generalstabs des XXV. Armeekorps, der Stolz der Familie, hochgewachsen, breitschultrig, mit etwas grob geschnittenen Zügen, die klug, energisch und voll Wohlwollen waren, und der Major z. D. und Bezirkskommandeur Kaspar von Ottersleben, dessen militärische Laufbahn sich schon dem Abend zuneigte. Er war ein etwas vor seinen Jahren gealterter, nervöser Mann. Er konnte nicht lange still stehen. Er trat ungeduldig während der Vorbereitungen zum Photographieren von einem Fuß auf den anderen. Seine Frau hielt ihn begütigend am Arm. Neben ihr stand Otto, der Sohn des Hauses, der von seinem Berliner Kommando herübergekommen war. Seinen jüngeren Bruder Peter, den Lichterfelder Selektaner, hatte man mit gekreuzten Beinen auf den Boden vor den Brautpaaren hingesetzt, zwischen seinen beiden noch jüngeren Kadettenvettern Günter und Busso, den Söhnen des Oberstleutnants. Dessen frische, große blonde Frau saß auf der anderen Seite neben den Grotjanschen Eltern, zu ihrer Linken der Bruder der Brautmutter, Major Freiherr von Koninck, ein wuchtiger, breit geratener blauer Husar. In den oberen Reihen drängte sich eine Musterkarte der Armee, das Dunkelblau und Hellrot der Infanterie, das dunkle Schwarz der dreißigsten Pioniere, die Samtkragen der Feldartillerie, helles Dragonerblau, Scharlach und Karmoisin der Generale und Generalstäbler, goldener und silberner Gardeglanz, hohe und niedere Regimentsnummern, die aus allen Teilen Preußens herbeigereisten Verwandten. Davor das schneeige Weiß der Bräute, das Rosa, Himmelblau, Violett der Damenkleider -- das Grün der Bäume umher -- das Strömen der Sonne über das ganze bunte, flüsternde, lachende, leise wie vom Frühlingswind bewegte Bild.
Ganz zuletzt kam noch Maximiliane von Ottersleben vom Saal her. Es war da noch etwas an der Tischordnung zu ändern gewesen, wegen plötzlicher Unpäßlichkeit des Divisionskommandeurs. Sie trat vorne an den linken Flügel. Der Divisionspfarrer Nicholt wollte sie an sich vorbei lassen. Aber sie meinte: »Ach wo, ich steh' hier ganz gut!« und blieb wo sie war und schaute, die Hände auf dem Rücken zusammenlegend, in lässiger Haltung hinüber nach dem Apparat. Ihre Augen waren glänzend und lebhaft, ihre Lippen halb offen, ihre Wangen leicht gerötet. Ihre Brust hob und senkte sich rasch von dem Treppenlaufen im Hause. Sie lächelte heiter. Sie hatte sich in der Gewalt. Sie hatte Zeit gehabt, sich auf diesen Tag vorzubereiten.
»Donnerwetter!« sagte neben ihr eine lachende Stimme. Sie wandte den Kopf. Da stand der Generalmajor von Glümke, straff, jugendlich schlank, im Glanz seiner vielen Orden, auf feinen Säbel gestützt, und musterte sie aus seinen großen blauen Augen, in denen der Übermut brütete, mit unverhohlener Billigung. »Donnerwetter!« wiederholte er. »Famos sehen Sie aus, Fräulein Maxe!«
Sie trug ein rosafarbenes Kleid, über dem blonden Scheitel einen vollen Kranz von rosa Rosen. Im Sonnenglanz, unter dem blauen Himmel, war das, im Verein mit der Wärme auf ihren Wangen, wie ein Bild des Frühlings, im Gegensatz zu dem Weiß der vor Aufregung blassen, verschleierten Bräute. Alle hatten Maxe heute reizend gefunden. Ihr war es gleich. Sie hatte sich willenlos von ihrer Mutter so herausmustern lassen. Sie machte auch jetzt nur eine kurze abwehrende Schulterbewegung, während ihr Nachbar ihr geheimnisvoll zuraunte: »Ihre Schwestern können sich gegen Sie verstecken! Wissen Sie das?«
»Bitte, Herr General ... Hier ist noch Platz!«
Man wollte Olaf als Ehrengast einen Stuhl in der Mitte einräumen. Aber er winkte mit der weißbehandschuhten Rechten ab.
»Nee, danke ... danke gehorsamst! Ich bin hier vorzüglich aufgehoben! Fräulein Maxe behandelt mich zwar schlecht, aber das bin ich bei ihr schon gewohnt! Wir sind doch gute Freunde -- was?«
Seit er sie damals, vor einem Vierteljahr, im Schnee im Stadtpark getroffen, stand er mit ihr auf dem Neckfuß. Er war seitdem öfters in das Otterslebensche Haus gekommen, ein-, zweimal sogar spät abends nach dem Tee, zu einem Plauderstündchen als armer, von Gott und der Welt verlassener Junggeselle, wie er sagte. Meist hatte er dann mit dem Oberst in dessen Rauchzimmer gesessen und debattiert. Die Beziehungen zwischen den beiden Herren hatten sich dadurch auch dienstlich sehr gebessert. Maximiliane wußte: das war für Papas Stellung ein großer Vorteil. Schon deswegen mußte man Olaf nehmen, wie er nun einmal war. Übrigens hatte sie auch weiter nichts gegen ihn und seine Dummheiten. Sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Er flüsterte, nachdem die erste photographische Aufnahme mißlungen war, vertraulich: »Na ... Hand aufs Herz, Fräulein Maxe ... Wie sieht er denn aus?«
»Gar nicht, Herr General!«
»Ist er hier unter uns?«
»Nirgends!«
»Ich muß doch mal schauen, ob Sie dabei rot werden!« Er blickte ihr scharf wie einem seiner Soldaten in das schmale, hübsche, unregelmäßige Gesicht und schüttelte den Kopf. »Keine Spur! Merkwürdig, wie Sie sich verstellen können! Wo kriegen Sie nur die unschuldigen Augen her? Aber Sie haben sich doch verraten, Fräulein Maxe!«
»Wieso?«
»Sie haben sich instinktiv dicht neben unseren Kommißbonzen gestellt! Sie denken, ~den~ Mann muß man sich auf alle Fälle warm halten!« Er verstärkte seine Stimme und rief vergnügt zu dem Divisionspfarrer hinüber, der vorhin Maxens Schwestern getraut hatte: »Na ... Herr Pfarrer ... sehen Sie mal, wen wir da zwischen uns haben! Da gibt's bald mehr für Sie zu tun -- nicht?«
»Ach, lassen wir doch Fräulein von Ottersleben damit in Ruh'!« meinte der Geistliche gutmütig. »Die hört diese Späße nun schon den ganzen Tag!«
»Ja, weiß Gott!« sagte Maximiliane ergeben und rückte sich im Stehen zurecht. Es wurde wieder photographiert.
Olaf von Glümke mußte schweigen. Aber er war unverbesserlich. In der ersten Pause hub er wieder an: »Wenn man uns nur nicht auf dem Bild für ein heimliches Brautpaar hält, Fräulein Maxe, weil wir so verträglich beisammen stehen ...«
Und nun wurde sie wirklich ärgerlich und versetzte, unwillkürlich ein wenig mit dem Fuß aufstampfend: »Jetzt hören Sie aber, bitte, endlich einmal auf, Herr von Glümke! Sonst sag' ich's mal Papa!«
Ihr Vater schaute nicht herüber und achtete nicht auf sie. Er hatte, während die Gesellschaft sich auflöste und in Gruppen nach dem Festsaal schritt, eine plötzliche andere Sorge. Er drängte sich an seinen jüngeren Bruder, den Major z. D., heran und mahnte verstohlen: »Kaspar, ich bitte dich, daß du mir heute keinen Mißklang in das Fest bringst! Du sitzt zwischen lauter noch aktiven Herren, die deine Verbitterung nicht teilen ...«
Über das kluge, nervöse Gesicht des zur Disposition gestellten Bruders flog ein Schatten von Erstaunen: »Ich verbittert? ... Ich nehme nur kein Blatt vor den Mund.... Es gibt Mißstände in der Armee, Thilo! ... Und die zur Sprache bringen ...«
»Mißvergnügte Leute sehen überall Mißstände, mein Lieber!«
»Ja, soll ich etwa tanzen und springen, weil man mich in der Vollkraft meiner Jahre kaltgestellt hat? Dann hab' ich wenigstens das Recht zur Kritik!«
»Ruhe ... Ruhe ...« versetzte von hinten der Husarenmajor Freiherr Wilderich von Koninck in einem Ton, als spräche er zu einem störrischen Schwadronsgaul, faßte den aufgeregten Mann am Arm und führte ihn zur Seite. Zugleich wandte sich der Oberst von Ottersleben an Olaf von Glümke.
»Wenn ich bitten darf, Herr General -- Seine Exzellenz hat leider vorhin abgesagt -- meine Frau zu führen!«
»Nichts angenehmer als das!« sagte Olaf in seinem verbindlichsten Leutnantston. Er hätte lieber neben der Tochter gesessen. Er schaute während der Tafel immer wieder verstohlen zu Maximiliane hinüber, die weit unten am Tisch saß. Er konnte zwischen zwei Blumenaufsätzen gerade ihren blonden Kopf erkennen. Ein Pionierhauptmann führte sie. Ein kleiner Dragoner war auf ihrer anderen Seite. Es war da unten am Tisch schon ein Gelache und Gekicher zwischen den jungen Mädchen und den Leutnants. Der Sekt rötete die Backen. Man bewarf sich mit Veilchensträußchen, zog vor der Zeit aus den Konfektschalen Knallbonbons und fuhr schuldbewußt, mit einem Blick auf die älteren Herrschaften oben, bei dem Krach zusammen -- mitten darin saß Maximiliane von Ottersleben mit einem lächelnden, aber ganz leeren Gesicht, als ob sie das alles nichts anginge, und der General von Glümke dachte sich: ›Komisch! Sie dalbert nicht mit! ... Sie ist älter als ihre Jahre! Sie hat was hinter sich. Sie hat sich schon mal verbrannt. Aber gründlich!‹
»Nun, gnädige Frau!« sagte er zu seiner Nachbarin. »Wie ist Ihnen denn nun so zumute! ... Ein nasses und ein heiteres Auge! ... Hart, seine lieben Mädels so auf einmal alle wegzugeben! Nicht?«
»Eine haben wir ja noch!«
»Aber wie lange?«
Frau von Ottersleben warf einen Blick auf ihre mittlere Tochter.
»Die Maxe wird nicht leicht unterzubringen sein, Herr von Glümke!« sagte sie.
Er riß seine blauen Augen auf. »Die? ... Na -- da muß ich doch lachen!«
»Denken Sie nur: Wie schwer hatte sie's bisher neben Ulla ... Wenn eine gewisse Ähnlichkeit zwischen zwei Schwestern vorhanden ist und die eine ist dabei eine ausgesprochene Schönheit ...«
»Schönheit in Ehren ...« Der General ließ den Blick nicht von dem schweigsamen, kühlen Mädchenkopf da unten. »Aber Schönheit allein ist langweilig. Es gehört doch noch was dazu ... Rasse! ... Sehen gnädige Frau doch nur: Eigentlich ist sie doch einfach reizend!«
»Ja, ich finde es heute ja auch!« gestand Frau von Ottersleben. »Es haben's mir auch schon andere gesagt ...«
»... und wird noch viel reizender! ... Dafür hab' ich doch Augen! ...« Er schaute träumerisch zwischen den beiden Blumenaufsätzen hindurch.
Maxes Mutter seufzte. »Und trotzdem ... ich wäre ja froh ... aber das Mädchen ist so sonderbar! Sie macht sich gar nichts aus den jungen Leuten. Das erschwert es so! ... Beobachten Sie sie einmal: Sie ist direkt unliebenswürdig zu ihrem Tischherrn. Das sind so ihre Mucken. Sie kann unausstehlich gegen Herren sein, wenn sie will ...«
Und wieder dachte sich der General von Glümke voll Unruhe: Jawohl. Die hat schon ihren Knacks im Herzen weg. Die weiß: Es geht nicht alles so mit Lenz und Liebe! Die ist bereits auf dem Weg zur Vernunft ...
»Sie bekommen ja auf einmal einen ganz roten Kopf, Herr von Glümke ...« sagte neben ihm die Dame des Hauses.
Er fuhr zusammen und lachte: »Wissen Sie, warum? ... Ich war heilsfroh, daß unserem tüchtigen Divisionskommandeur die ehrenvolle Aufgabe der Festrede zufiel. Nun kriegt der aus heiterem Himmel wieder mal sein Podagra, und ich muß hier aus dem Stegreif einen Speech loslassen ...«
»Es wird schon gehen!«
»Na, es ~muß~ gehen!« sagte Olaf unbekümmert, klopfte an sein Glas und erhob sich.
Es war still geworden. Seine helle Kommandostimme hallte durch den weiten Saal.
»Ja ... meine verehrten Herrschaften ... das wußt' ich ja ... ich seh' aller Augen vorwurfsvoll auf mich gerichtet. Die Damen scheinen mich sämtlich mit ihren Blicken zu durchbohren: Was haben denn Sie elender alter Junggeselle einen Toast auf Neuvermählte auszubringen? Was verstehen denn Sie davon? ... Stimmt! ... Ich habe einen unterdrückten Neid gegen meine beiden glücklichen jungen Kameraden da vor mir, Herrn von Logow und Herrn Grotjan. Ich hab', wie ich in deren Alter war, leider den Anschluß verpaßt. Aber warum? Sehr einfach! Es wollt' mich keine haben! ... Jetzt darf ich's ja sagen! Nee -- lachen Sie nicht: das ist eine sehr traurige Geschichte ... und ich finde es eigentlich furchtbar nett von mir, daß ich mich trotzdem hier zum Sprecher aufgeschwungen habe, um unser aller Empfindungen Ausdruck zu verleihen, den Glück- und Segenswünschen für das Haus Ottersleben! ...«
»Meine Damen und Herren ... im Ernst gesprochen: Ich hab' immer einen Riesenrespekt vor diesem Hause gehabt, meine unbegrenzte Verehrung für dies schöne vorbildliche Familienleben, gerade weil es mir selber versagt geblieben ist -- für Sie, mein lieber Herr Oberst, und Sie, meine verehrte gnädige Frau! ... Und ich hab' mich immer gefreut, wenn ich mit den Truppen unten vorbeigekommen bin und an den Fenstern drei Köpfe gesehen hab' -- einen schwarzen, 'nen blonden und einen noch blonderen ...«
Er machte eine Pause und fuhr dann gelassen fort: »Anderen Leuten haben die auch gefallen! Sehr begreiflich! Und zwei von ihnen ziert nun heute der Myrtenkranz. Mein lieber Logow ... dumm sind Sie nicht, nach dem allgemeinen Urteil Ihrer Vorgesetzten -- heute dürfen die Ihnen ja ausnahmsweise auch einmal etwas Schmeichelhaftes sagen -- Sie sind -- nehmen Sie mir's nicht übel -- sogar ein verflucht gescheiter Kerl. Aber das Gescheiteste in Ihrem Leben haben Sie heute getan. Und Sie, mein lieber Herr Leutnant Grotjan ... ich habe ja nicht das Vergnügen, Sie so gut zu kennen wie Ihren nunmehrigen Schwager -- aber ich bin überzeugt: Sie auch! ...«
Er wandte sich an die jungen Frauen.