Chapter 14 of 28 · 3959 words · ~20 min read

Part 14

Die Orgel spielte. Die kirchliche Handlung begann. Er faltete mechanisch die Hände. Er sah vor sich, oben auf den Stufen, Maxe von Otterslebens gesenktes Profil. Er mußte es sehen. Er konnte den Kopf nicht nach rechts oder links wenden und angesichts aller derer, die hinter ihm die Bänke erfüllten, unaufmerksam erscheinen. Er prägte sich andächtig dies Bild ein, das er seit einem halben Jahr und mehr im Traum geschaut: diese eigenwillig geschwungenen, kühnen Züge von der niederen Stirn bis zu dem etwas vorspringenden Kinn -- den herben Reiz der Linie, in der ihre schlanke Gestalt sich etwas nach vorne bog. Er trank es stumm mit seinen fiebernden dunklen Augen in sich ein. Seine Frau saß mit starrem Gesichtsausdruck neben ihm. Einmal entfiel ihr ihr Tuch. Er bückte sich und hob es auf. Sie dankte mechanisch. Dabei trafen sich ihre Blicke. Unheimlich, halb voll Angst, halb im Aufkeimen einer verzweifelten Feindschaft zwischen ihnen, im Kampfe um die dritte ... Der Pfarrer oben predigte mit wohltönender, starker Stimme vom Segen der Ehe. Von der Braut vor ihm sah man eigentlich nur Schleppe und Schleier. Jetzt erhob sie sich. Eine zarte Wolke von Weiß. Mit ihr ihr Mann. Es war feierliche Stille. Der Ringewechsel. Das laute und das leise Ja! Maxe von Ottersleben hatte eine rasche Bewegung nach vorne gemacht und ihrer Schwägerin Strauß und Spitzentaschentuch abgenommen. Sie stand dicht neben ihr. Nun sah Logow ihre ganze hohe, biegsame Erscheinung -- ein Widerschein von Blond und Grün auf weißem Grund. Verklärender, gedämpfter Lichtschein fiel von oben durch die gotischen Fensterwölbungen auf sie nieder -- märchenhaft stand sie vor seinen Augen -- ein Wunder -- ein Traumbild, das ihm nicht von dieser Welt schien -- streng, jungfräulich, unnahbar wie eine Göttin, ohne sich um die Versammlung unten zu kümmern, den Blick nur hilfsbereit auf der Braut, ein schwaches, schwesterliches Lächeln um die halboffenen Lippen. Die junge Frau von Ottersleben kniete mit ihrem Gatten nieder. Der Geistliche hob die Hände zum Segen ... Vorne in der ersten Reihe weinten die älteren Damen. Die Orgel setzte brausend ein. Die Trauung war zu Ende. Draußen in der Sonnenhelle des Herbsttages standen Hunderte von Menschen und waren enttäuscht, daß es sich nur um eine so kleine Hochzeit handelte. Denn es waren keine vierzig Gäste, die sich im Festsaal des Hotels wieder zur Tafel zusammenfanden, und unter ihnen herrschte eine gedämpfte, mehr höfliche als fröhliche Stimmung. Das machte nicht nur die Halbtrauer, sondern auch die ungleichartige Zusammensetzung der Tischrunde. Die Bannersen und die Ottersleben mit ihrem Anhang verhielten sich zueinander wie Öl und Wasser. Sie vertrugen sich gegenseitig, aber sie mischten sich nicht.

Während Erich von Logow eine ihm unbekannte Bremenserin zur Tafel führte, glitt sein Auge hastig über den Tisch, an dem sie entlang gingen. Er hatte eine zähe Hoffnung, der Zufall würde Maxe in seine Nähe bringen. Nein! Da saß sie bereits. Sie zog sich eben die langen Handschuhe aus und plauderte, ohne ihn zu sehen. Er kam dicht an ihr vorbei. In ihm war eine Verzweiflung: Ich muß sie sprechen! Dann die Stimme der Vernunft: Was willst du ihr denn sagen? Das, was du auf dem Herzen hast, doch nicht! Und trotzdem -- die quälende Sehnsucht blieb. Vor ihm schritt, breit und groß, sein Oheim, der Oberst von Ottersleben, mit einer älteren Dame. Er konnte sich nicht halten. Er raunte ihm von hinten zu: »Du, Onkel -- wie lange bleibst du eigentlich in Berlin?«

Und der Straßburger Regimentskommandeur wandte den Kopf. »Nur bis morgen mittag!«

»Und deine Damen reisen mit dir?«

»Na, meine Frau auf alle Fälle! Ohne die kann ich alter Ehekrüppel mich nicht behelfen. Aber was unsere Vizetochter betrifft ...« Er blieb vor dem Stuhl des jungen Mädchens stehen. »Du, Mäxchen ... hast du Lust, noch ein bißchen in Berlin zu bleiben? Da ist gerade der Erich! Den kannst du um Freiquartier bitten!«

Maximiliane von Ottersleben drehte sich um und reichte unbefangen ihrem Schwager im Sitzen über die Stuhllehne die Hand. »Tag, Erich! ... Sieht man dich endlich einmal!« Und dann zu dem Oberst: »Nein, danke schon, Onkel! Ich hab' hier nichts verloren! Ich geh' wieder mit euch!«

Erich von Logow mußte weiter. Sein Herz zitterte. Er hatte ihre Stimme gehört, dies schöne, ruhige Mädchenantlitz gesehen, und auf ihm -- nur ihm bemerkbar, wie ihm schien -- eine plötzliche Blässe, die ihre heiteren Worte Lügen strafte. Er nahm Platz, ganz am anderen Ende der Tafel, weit von ihr entfernt. Sie schwatzte da drüben und lachte ein paarmal hellauf. Ihr Tischnachbar, der Mann mit dem Kaufmannsgesicht, mußte einen eigenen, trockenen und drolligen Humor besitzen. Sie unterhielt sich offenbar sehr gut mit ihm. Er war der einzige Sohn eines Bremer Millionärs. Seine Nachbarin verriet es ihm. Sie lächelte dabei verstohlen. Natürlich: ohne Grund setzte man solch schönes Mädchen nicht mit solch reichem, jungem Mann zusammen. Die Brautmütter hatten da schon ihre stillen Absichten und mischten die Karten. Brütende Eifersucht gegen diesen Unbekannten bemächtigte sich Logows. Dies schien ihm selber lächerlich. Er fing an, Angst vor sich selber zu empfinden und vor dem, was nachgerade aus ihm wurde. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Er trank rasch ein Glas Wein. Er bemühte sich, eine Unterhaltung mit seiner Tischdame anzuknüpfen. Sie war ganz lebhaft und empfänglich, aber das Gespräch schlief doch immer wieder ein, und die Hanseatin wandte sich schließlich resolut zu ihrem Nachbar zur Rechten. Auf Logows anderer Seite saß ein junger, stumm und unermüdlich kauender Kadett, um den er sich nicht zu kümmern brauchte. So konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen und blickte immer wieder flüchtig auf Maxes blondes Haupt mit den weißen Rosen dort drüben. Auf seiner eigenen Hochzeit hatte sie auch einen solchen Kranz auf dem Scheitel getragen. Der war rosafarben gewesen und ebenso ihr Kleid. Er erinnerte sich wohl. Das war nun Jahre her und Jahre. Und neben ihm, auf dem Ehrenplatz, hatte damals seine junge Frau gesessen. Zum erstenmal heute suchte sein Auge Ulla an der Tafel. Sie saß Maxe schräg gegenüber, gleichgültig und stumm. Ihr Tischherr gähnte eben verstohlen. Natürlich. Es war kein Vergnügen, dies Bild von Stein statt eines Wesens von Fleisch und Blut neben sich zu haben. Das wußte niemand besser als er selber, ihr Mann! Aber heute -- heute hatte sich etwas in ihr enthüllt -- ein Mensch hatte plötzlich aus ihr aufgeschrieen in seiner Not -- in Angst -- in Eifersucht auf die eigene Schwester ... Wieder verwirrten sich seine Gedanken und hefteten sich an Maxe. In einem Zittern: Morgen reiste sie ab. Und kehrte dann überhaupt nicht wieder. Diesmal hatte sie gezwungen kommen müssen. Aber er kannte sie zu gut. Freiwillig fand sie nicht mehr den Weg in eine Stadt, in der er war ...

Die Tafel war schon vorgerückt, die Trinksprüche zu Ende, die Stimmung belebter geworden. In der Heiterkeit und dem Gläserklingen um ihn her bemühte sich Logow noch einmal, zum letztenmal, einen Blick von Maxe zu erhaschen. Es war umsonst. Er bildete sich ein, daß ihr Auge absichtlich das seine mied. Und schon stand man auf, und seine Tischdame meinte mit einem Aufseufzen der Erleichterung: »Sie haben wohl schrecklich viel zu tun, Herr Hauptmann!«

»Warum, gnädiges Fräulein?«

»Na -- weil Sie so einsilbig sind!«

»Bitte, seien Sie mir nicht böse!« sagte er, und sie lachte.

»Ach wo! ... Ich denk' nicht dran! Und jetzt wird getanzt!«

Erich von Logow stand, unruhig suchend, im Nebenraum, wo man Kaffee nahm. Dort in der Ecke war Maxe. Sie saß an einem Tischchen, das nur für zwei Platz bot, ihr gegenüber ihr jüngster Bruder Peter. Die Geschwister hatten sich lange nicht gesehen. Es schien, daß ihr der kleine rotwangige Grenadier in Kürze einen Überblick über seinen bisherigen Lebenslauf im Regiment gab. Logow hörte beim langsamen, scheinbar unabsichtlichen Nähertreten, wie jener eifrig, immer noch mit seinen runden, erstaunten Kinderaugen, berichtete.

»Also der Oberst ist kolossal nett! Na -- und mit dem Hauptmann geht's! Er kolkt immer davon, ich sei so schwach im Felddienst! Ja, woher soll ich's denn haben -- frisch von der Selekta ins Regiment? ... Nächsten Sommer wird's schon besser! Da hab' ich keine Sorge! Und was den Major betrifft ...«

Zwei lange, aufgeschossene Kadetten, die Söhne des Obersten Bruno von Ottersleben, drängten sich heran, um den Vetter zu begrüßen, mit dem sie im Korps in Lichterfelde zusammengewesen waren. Der Leutnant erhob sich und empfing sie mit gönnerhafter Herzlichkeit. Sie zogen sich zusammen zurück. Logow atmete auf. Er hätte den kleinen Mann am liebsten mit Gewalt von seinem Platz neben Maxe verjagt. Jetzt ließ er sich hastig da nieder, ehe sie ihm noch entfliehen konnte, und seltsam: im Augenblick, wo er nun am Ziele war, legte sich eine tiefe Ruhe über ihn, wie Stille nach dem Sturm. Oder vor dem Sturm. Er wußte es nicht ... Er fühlte sich willenlos ... Irgend etwas war in ihm ... Irgend etwas trieb ihn ... Er rückte ein wenig seinen Stuhl. Nun konnte sie überhaupt nicht mehr aus ihrer Ecke an ihm vorbei. Sie war seine Gefangene. Sie schien nicht darauf zu achten. Sie hob den Kopf und sah ihn freundlich ruhig an. Es war wie eine Frage: Was willst du hier? Beide lächelten. Menschen waren in Menge um sie und sahen sie. Es war eine Pause. Dann versetzte er: »Guten Tag, Maxe!«

»Guten Tag!«

»Wie geht's dir denn?«

»Danke!«

»Gefällt dir Straßburg?«

»O, ganz gut!«

»Und Onkel und Tante sind nett zu dir?«

»Wie zu einem eigenen Kind.«

»Da wirst du wohl da bleiben?«

»Ich weiß noch nicht ...«

Nach einem neuen Schweigen fügte sie hinzu: »Wenn Mama wirklich am ersten Januar nach Darmstadt zieht, wie sie mir eben gesagt hat, dann muß ich ja wohl zu ihr!«

»Ist dir das lieber?«

»Es ist doch jedenfalls meine Pflicht!«

Vom Nebensaal hörte man das Stimmen der Instrumente. Er beugte sich vor und sagte leise: »Maxe ... du bist damals ohne Abschied von mir fort ...«

Sie erwiderte ihm nichts.

»Maxe ... möchtest du nicht wieder zu uns?«

Es kam keine Antwort.

»Maxe ... nur ein bißchen ... nur für ein paar Wochen ... Du ahnst nicht, was das für mich heißt ...«

Nun sagte sie ruhig: »Du weißt so gut wie ich, daß das ganz unmöglich ist!«

»Wieso?«

»Schon nach der Art, wie Ulla mich ansieht oder vielmehr nicht ansieht, seit ich heute hier bin ... Wenn es noch überhaupt eines Gegengrundes für mich bedürfte! Aber das tut nicht einmal not!«

»Gestern wolltest du doch zu uns kommen?«

»Ich muß doch höflichkeitshalber. Wo ich so lange euer Gast war. Aber ihr wart verhindert ...«

»Das hat Ulla gelogen. Wir waren wohl zu Hause!«

Eine Sekunde wurde Maxe Ottersleben bleich. Dann sagte sie, ohne daß der Ausdruck ihrer Züge sich veränderte: »Nun -- da siehst du ja wieder, daß das eine wahnsinnige Idee ist ... von dir ... Also laß mich! Und bitte, laß mich jetzt überhaupt ...«

Sie wollte aufstehen, um zu gehen. Er machte ihr nicht Platz. Sie konnte sich nicht vorüberdrängen, ohne Aufsehen zu erregen. Sie mußte sich in Geduld fassen und blieb seufzend sitzen. Er frug nach einer Weile leise: »Bist du auch so traurig auf einer Hochzeit, Maxe?«

»Warum?«

»Auf meiner warst du traurig ... Ich weiß es ... Ich weiß es ... Ulla hat es mir gesagt ...«

»Ach ... immer Ulla ...«

Sie preßte finster die Lippen zusammen.

Er fuhr fort: »Aber freilich: Du hast nichts zu bereuen, so wie ich ... Mein Leben lang! Ich war ein blinder Narr, Maxe ... Ich hab' es dir ja schon einmal gesagt, dieses Frühjahr ...«

»Weil du es mir gesagt hast, deswegen bin ich ja fort!«

Es schien, als ob Erich von Logow das überhörte. Sein dunkles, heißes Auge irrte durch den Saal.

»Ja, solch eine Hochzeit!« sagte er. »Da wird nun wieder ein Menschenschicksal geschmiedet! Für immer! Man denkt hinterher über so vieles nach! ... Man möchte so vieles ungeschehen machen! Du kannst dich besser als ich verstellen, Maxe!«

»Was heißt das? Ich geb' mich, wie ich bin ...«

Er sah sie so durchdringend an, daß sie die Augen niederschlug.

»Das ist nicht wahr, Maxe! ... Ich weiß es besser! Du hast keine Geheimnisse vor mir. Und ich nicht vor dir, wenn wir's uns auch nie gesagt haben!«

»Ich denke, wir hören jetzt auf, Erich!«

Er achtete nicht darauf. Er fuhr langsam fort: »Ich hab' gezittert und gebebt vor Glück, bis ich jetzt endlich in deine Nähe gekommen bin. Und jetzt bin ich schon wieder traurig, daß ich dich in ein paar Minuten wieder hergeben muß ...«

»Ja. Das mußt du! Geh jetzt! Dort steht deine Frau!«

»Ach, meine Frau!« Er machte eine Bewegung der Ungeduld. »Aber ich will nicht ungerecht sein: eigentlich macht sie mich nicht unglücklich, sondern ich hab's selbst getan! Ich hab's selbst gewollt. Ich hätte sie ja nicht zu nehmen brauchen, sondern ... weißt du, was die einzige glückliche Zeit in meiner Ehe war, Maxe?«

»Laß mich jetzt und geh zu deiner Frau!«

»Das war die Zeit, wo du bei uns warst, als mein lieber, blonder Kamerad! ... Ach, die paar armen Wochen! ... Die goldene Zeit ... Das bißchen Sonnenschein .. das bißchen Lebensfreude ... Ich bin ein harter Mensch. Damals hab' ich mein Herz gefunden, Maxe! Es tut weh. Furchtbar weh! Das weißt du auch, das weißt du Ärmste viel, viel länger als ich. Wir sind zwei unglückselige Schicksalsgenossen.«

»Soll es denn durchaus hier ein Aufsehen geben, Erich? Ich erzwinge mir jetzt den Ausweg, wenn du nicht ...«

»Nein! Bleib! Bleib! Ich hab' dir noch so viel zu sagen!«

»Wir haben uns gar nichts zu sagen! Dort ist deine Frau! Sie sieht uns!«

»Maxe! Ich kann's nicht ändern! Meine Spannkraft ist zu Ende. Meine Karriere ruiniert. Ich komme nicht mehr vorwärts. Ich kann mich nicht mehr zusammenraffen. Der Mühlstein um den Hals zieht mich in die Tiefe. Es hat sich furchtbar an ihr und mir gerächt, Maxe! ... Sie hat mich ohne Liebe genommen, obwohl sie gewußt hat, daß du ... gleich am ersten Tag unserer Verlobung hat sie mir's mitgeteilt ... Ja, schrick nur zusammen, mein armes Herz ... Es wäre besser gewesen, ich hätt' es nie erfahren! Und dann bist du dies Frühjahr gekommen und hast mir das letzte genommen, was mir aus dem großen Schiffbruch noch übriggeblieben war!«

Maxe Ottersleben warf heftig das Haupt zurück.

»Nun soll auch ich noch schuld sein!« sagte sie. »Das ist zu viel! Ich bin mir keines Unrechts bewußt. Du allein spielst fortwährend mit dem Feuer! Und nun mach ein Ende! Sei ein Mann! Gib mir den Weg frei!«

»Nein!«

»Ja, was willst du denn noch?«

Sie frug es halb verzweifelt.

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es selbst nicht,« murmelte er.

Auf einmal erfaßte sie die Angst. »So komm doch zu dir! ... Du hast ja ganz irre Augen ... Um Gottes willen ...«

Da fuhr er zu ihr herum. Er raunte es zwischen den Zähnen: »Ich will nur hier sitzen und dich anschauen und dir sagen, daß ...«

»Sei still!«

»Ich will dir's sagen ... Weißt du, Maxe ... eigentlich müßte ich mich umbringen für meine Dummheit damals ...«

»So hör doch endlich auf! Quäle mich doch nicht so entsetzlich! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Ich kann ja bald nicht mehr an mich halten! Ich fang' an zu weinen ...«

Er musterte sie mit fiebrigglänzenden Augen wie ein Verzückter. Seine Stimme war leise.

»Damals hast du rote Rosen getragen und warst schön! Jetzt hast du weiße und bist viel schöner! Die Schönste von allen!«

»Hör auf ... Was soll denn das um Jesu willen werden?«

»Verrückt werd' ich! Oder bin's schon! Verrückt ... Aus Liebe zu dir ...«

Sie fuhr empor. Er erhob sich auch. Sie standen sich gegenüber.

»Ich lieb' dich, Maxe ... Ich lieb' dich ... Ich sag's tausendmal: ... Ich lieb' dich ... Ich möchte dich küssen vor all den Leuten ... dich auf den Arm nehmen und mit mir forttragen ... Ich lieb' dich ... Ich lieb' dich!«

Das Tischchen zwischen ihnen schwankte. Eine Tasse klirrte. Maxe Ottersleben hatte sich gewaltsam frei gemacht. Es hatte niemand darauf geachtet. Man tanzte schon. Im Saal drehten sich die Paare.

Eine fremde Dame rang die Hände: »Ach Gott ... das schöne Kleid ... über und über ...« Sie wies auf die Kaffeeflecken in der grünen Seide.

Zugleich sagte Frau von Ottersleben, die eben über die Schwelle getreten war, erschrocken: »Komm nur rasch! Wir waschen es gleich aus!«

Sie führte Maxe nach hinten. Als sie nach geraumer Zeit zu ihrem Mann zurückkehrte, war sie ganz erregt.

»Du, Bruno ... das hätt' ich doch nie geglaubt ... Die Maxe ist doch sonst so vernünftig ... Daß sich die über ein verdorbenes Kleid so aufregen könnte ...«

»Was ist denn geschehen?«

»Denk dir: sie ist direkt draußen in Ohnmacht gefallen! ... Ich hab' sie gerade noch aufgefangen! Jetzt eben erst kommt sie wieder zu sich!«

11

Die Esplanade von Metz war an dem schönen Sonnabendnachmittag farbig von Uniformen, Offizieren und ihren Damen des Waffenplatzes an der Westgrenze, in dem jeder dritte Mensch Soldat war. Es war schon in der zweiten Hälfte Oktober, aber in dieser Gartengegend Lothringens schien die Herbstsonne noch mild und golden über dem tief eingeschnittenen Tal der Mosel, die dort unten strömte. Blaßblau spannte sich der Himmel über dem mittelalterlichen Gassengewirr der grauen Grenzfeste. Trotzig ragte drüben der St. Quentin, das festeste der festen Werke, zu ihm empor. Der leise Rauch einer Militärbäckerei kräuselte sich auf ihm hoch oben aus dem Fort Friedrich Karl.

Es war eine Bewegung unter dem bunten Tuch. Ein Grüßen von rechts und links. Der Generalleutnant und Kommandeur der fünfundvierzigsten Infanteriedivision Exzellenz Olaf von Glümke kam, die Hände in den Paletottaschen, von der Innenstadt aus quer über den Platz. Er hatte im Gegensatz zu anderen Herren seines Ranges etwas Nonchalantes in seiner Haltung. Er ging wie ein eben aus dem Sattel gestiegener Kavallerist und dankte auf die Honneurs der dunkelblauen preußischen und der himmelblauen bayerischen Infanterie, der hellblauen Dragoner und hechtgrauen Maschinengewehrmannschaften, der dunkeln sächsischen, preußischen, bayerischen Fußartilleristen, der Pioniere und Kanoniere von der Feldartillerie und der Fähnriche der Kriegsschule, die alle Uniformen der preußischen Armee durcheinander trugen.

Eine Abteilung der Metzer Garde, des Königsinfanterieregiments, marschierte vorbei. Augen rechts! Die Beine flogen im Parademarsch. Er dankte den Hundertfünfundvierzigern, winkte ab und dann lebhaft nach vorn. Er hatte da jemanden entdeckt, der ihn höchlichst interessierte, einen großen, breitschultrigen, ruhig, beinahe etwas schwerfällig gehenden Obersten von der Infanterie. Er beschleunigte jugendlich lebhaft seinen Schritt.

»Ottersleben!« schrie er. »Ottersleben! Kriegt man Sie endlich mal zu Gesicht?«

Der Oberst Bruno von Ottersleben wandte sich um und stand militärisch stramm vor dem General, der ihm lachend die Hand drückte.

»Ist das nun nett? Seit fünf Tagen krauchen Sie in Metz und Umgebung herum und lassen sich bei mir nicht sehen?«

»Exzellenz ... Ich mache mit einer Anzahl meiner Herren aus Straßburg eine kleine taktische Übungsreise über die Schlachtfelder ...«

»Weiß! Weiß! Keine Zeit. Natürlich. Na -- und wie steht's denn sonst bei Ihnen? Gattin munter? Bitte, mich zu Füßen zu legen! Fräulein Maxe auch wohl?«

»Eben hol' ich die auf dem Bahnhof ab!«

Olaf von Glümke riß seine feurigen blauen Augen auf.

»Nanu! Was tut denn die schöne Nichte hier?«

»Sie begleitet auf meinen Wunsch eine Dame, die wir in Straßburg zu Besuch haben, eine Frau Oberstleutnant Torwart. Die mochte gern die Stelle sehen, wo ihr Vater 1870 bei St. Privat fiel. Morgen ist Sonntag. Da fahr' ich dann mit ihnen heim!«

»So ... so ...« meinte der andere, anscheinend zerstreut. Aber die paar Worte staken ihm merkwürdig in der Kehle. »Na -- famos! ... Wo sind Sie denn da morgen früh? ... Am üblichen Standort ... beim heiligen Michael? ... Aha! ... Aber lassen Sie sich nicht aufhalten, lieber Oberst! Sie versäumen sonst noch den Zug!«

Olaf von Glümke setzte langsamer als bisher seinen Weg nach Hause fort. Er bewohnte mit seiner Dienerschaft und seinen Pferden eine eigene Villa draußen in Montigny. Es war ein geräumiges Gebäude, noch aus Fachwerk wie die meisten, hier im ehemaligen Festungsbereich gelegenen Häuser. Das hohe Gehölz eines Parks überschattete das Dach mit seinem herbstlichen Laub. In der tiefen Stille klirrten die Sporen des Generals weithin auf dem Kies des Weges. Das Haus schwieg wie ausgestorben. Es schien ihm feucht in den Zimmern. Der französische Kamin rauchte. Der Diener Joseph, ein früherer Bursche, war dümmer als je. Die Mappe voll Schriftstücken auf dem Tisch barg eine Masse dienstlichen Ärgers. Im Stall hustete Diana, die Fuchsstute. Das Wasser im Saufeimer war zu kalt. In dem Hafer, den er aus der hohlen Hand blies, fanden sich weiß Gott schwarze Wicken. Schweinerei überall! Es schien Olaf von Glümke, als ginge gerade heute alles gegen den Strich. Und er hatte niemanden, mit dem er über solch kleines Ungemach lachen konnte. Er speiste allein zu Abend. Es schmeckte ihm nicht. Er sah über die Tafel hinweg drüben im Leeren immer noch ein zweites Antlitz, ein schmales, unregelmäßig reizvolles Mädchengesicht, mit blonden Haaren -- nein -- kein Mädchen -- eine Frau. Eine junge Frau. Maximiliane von Glümke ... Es klang ihm gut. Eine junge Exzellenz. Kaum sechsundzwanzig. Und eine schöne ...

Nachdenken war die Sache Olaf von Glümkes nicht. Bei ihm setzte sich der Impuls in Taten um. Zuweilen ging es damit auch schief. Das hatte er vor zweieinhalb Jahren erfahren. Leider. Er wollte sich nicht wieder die Finger verbrennen. Und so tat er in seiner Unruhe, was er sonst nie tat: er zündete sich eine Zigarre an, ging in der Stille des Herbstabends in seinem Zimmer auf und ab und überlegte.

Und sagte sich: Sie ist doch scheu und spröde. Sie hält sich doch ängstlich vor mir zurück. Vor den Männern überhaupt. Sie hat da irgendwo schlimme Erfahrungen gemacht. Sie traut uns nicht mehr. Wenn sie nun doch nach Metz kommt, auf die Gefahr hin, mir morgen, am Sonntag, wo alles unterwegs ist, zwischen Montigny und ihrem Hotel in der Priesterstraße zu begegnen, so fürchtet sie doch diese Möglichkeit nicht, wenn sie sie auch nicht sucht. Es ist, als wollte sie dem Schicksal ein Hintertürchen offen lassen ...

Und sagte sich weiter: Ich kann nicht ewig hinüber nach Straßburg! Es fällt schließlich auf. Im Winter ist auch die Hoffnung, sie auf der Straße zu sehen, gering. Und ich stehe nicht so mit Ottersleben, daß ich ihm ohne besonderen Grund einfach ins Haus fallen kann. Vor vierzehn Tagen war sie schon zur Hochzeit ihres Bruders in Berlin, über kurz oder lang geht sie ganz aus Straßburg weg. Und ich steh' da ...

Diese Ungewißheit quälte ihn die ganze Nacht. Gegen seine Gewohnheit fand er kaum Schlaf. Um vier Uhr früh stand er auf, machte Licht, kleidete sich an und ging durch das tiefe Dunkel hinüber in den Stall. Den erhellte der matte Schimmer einer Laterne. Fünf von dem halben Dutzend Gäulen standen. Contessa, sein Liebling, lag, lang hingerekelt. Das freute ihn. Dann war der gute Kerl heute besonders frisch. Er trat auf den Fußspitzen in die Box, um die Stute nicht zu erschrecken, half ihr in die Höhe und sattelte sie, ohne den nebenan schnarchenden Burschen zu wecken, stieg auf und ritt davon.

Allmählich wurde es morgenhell. Dampfende, weiße Nebel hingen über der Moselniederung. Herbstlicher Tau glitzerte auf den schon halb kahlen Bäumen und Büschen. Durch die stille Luft klangen die Frühglocken der Dörfer. Es war jetzt am Sonntag kaum ein Mensch unterwegs. Der General von Glümke ließ seinen Gaul ausgreifen. Er trabte die Pappelallee von Amanweiler her gegen Norden. Dabei schirmte er die Augen mit der Hand und blickte ungeduldig nach vorne. Vor ihm lag ein kleines lothringisches Dorf. Nicht anders wie hundert andere, höchstens die Kirche neu, die Häuser alle wie vor wenigen Jahrzehnten neu gebaut und gedeckt. Es sah nach nichts aus und hieß doch St. Privat. Und war einmal für acht heiße Stunden der Brennpunkt der Weltgeschichte gewesen.