Part 22
Um einen Hügel herum staute es sich da, tausendfach Kopf an Kopf. Seitlings, hinter der Gendarmenkette, standen, eine Musterkarte aller Herren der Welt, die fremden Militärbevollmächtigten. Man sah über der Menge das Käppi des Franzosen und die Hahnenfedern des Italieners, die schwarze Lammfellmütze des Russen und die Tschakos der Österreicher, den Messinghelm des Briten und den Fes der Türken und der deutschen Paschas! Dazwischen Uniformen, die selbst die preußischen Offiziere nicht kannten, ungewohnte Gesichter -- gelbliche Südamerikaner, ein frierender siamesischer Prinz -- ein chinesischer Mandarin, da -- im Mittelpunkt des Staunens -- drei kleine, schwarzgekleidete, rätselhaft lächelnde Japaner! Oben, auf der flachen Kuppe, war ein Gewimmel von Mann und Roß, als hielte da ein aufgelöstes Kavallerieregiment. Aber dieses Regiment bestand nur aus Generalen und Generalstäblern, die meisten Gesichter martialisch unter ergrauten Schnurrbärten verwittert, andere anscheinend viel zu jung für ihren hohen Rang, die Haussterne fürstlicher Herkunft auf der Brust. Ein paar gebieterische Greise mit Marschallsabzeichen ganz vorne trugen das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Sie hatten noch Gravelotte und Sedan mitgeschaut und mitgefochten.
Durch die freigehaltene Gasse der Menschenmasse jagten Ordonnanzoffiziere auf und nieder. Reitende Feldjäger. Mannschaften der kaiserlichen Leibgarde. Dort oben, wo der weiteste Überblick war, zeichnete sich einsam die Reichsstandarte vom Nebelgrau des Himmels ab. Zwei, drei Offiziere hielten da, weit abseits von den anderen. Einer von ihnen war der Kaiser. Er beobachtete die Attacke. Heute hüllte nicht wie sonst der Staub die Reitergeschwader in hochaufschlagende Wolken. Man sah weithin, scheinbar unendlich sich in das feuchte Regengrau hinaus verlängernd, die langen, dünnen Linien -- zwei, drei in Staffeln hintereinander, man sah sie langsam im Schritt anreiten, im Trab, im Galopp, mit eingelegten Lanzen und flatternden Fähnchen, man sah die Kommandeure mit gezogenem Säbel vor ihren Regimentern -- diesen farbig schimmernden, über das Blachfeld hinschießenden blauen, roten, grünen, flatternden Riesenbändern, die sich in der Karriere des Anlaufs fächerartig aufblätterten und auseinanderzogen und durch erneuten Anprall der folgenden Geschwader ausgefüllt und weitergerissen wurden, man hörte das Attackengeschmetter von Hunderten von Trompeten, das Stampfen von Tausenden von Pferdehufen ... man erkannte die Lücken durch Stürze ... da ein Dutzend und mehr auf einmal kopfüber -- ein Gekrabbel am Boden -- gebrochene Lanzen -- reiterlose Pferde -- und jetzt da vorn weißlicher Dunst -- das wütende Kugelspeien der Infanterielinien, der Hagel der Maschinengewehre, die Kartätschenlagen der Batterien ...
»Kei' Floh blieb' am Leben!« meinte tiefsinnig ein Bayer neben Maximiliane, und ein Preuße lachte: »Na ... ob mit oder ohne Attacke ... gewonnen haben wir den Tag! Wir haben den Roten tüchtig in die Suppe gespuckt! ... Ich glaube, hinter Heidelberg herum setzen die Schiedsrichter schon ganze Bataillone außer Gefecht ...«
»Wenn Glümke so weiter arbeitet wie bisher, dann gewiß!« nickte ein anderer höherer Offizier und klappte sich, durchfroren von langer Autofahrt, den Mantelkragen hoch. »Er hat rein den Deubel im Leib -- er und seine Kerls ... Er kann sich zum heutigen Tage gratulieren!«
Maximiliane vermochte sich nicht zu halten. Sie wandte sich an den ihr unbekannten Oberst.
»General von Glümke hat es so gut gemacht -- sagen Sie?«
Der Oberst lachte.
»Na -- tadellos! ... Ich komm' eben von dort!«
Dann fügte er, immer noch lächelnd, hinzu: »Interessiert Sie der so?«
»Ich bin doch seine Frau!«
Im selben Augenblick nahm der Stabsoffizier eine andere Haltung an und verbeugte sich.
»Gestatten Exzellenz, daß ich mich vorstelle: von Herbersdorf!«
Neben ihm legte der bayerische Major die Hand an den Helm.
»Gestatten Exzellenz: Ritter von Raimoser!«
Dann berichtete der erste wieder: »Der Nachtmarsch heute durch den Odenwald ... Auf dem Krähenbergpaß stieg Exzellenz vom Pferd und half eigenhändig die Kanonen schieben. Vierzig Mann mit Hurra an jedem Geschütz. Da ging's! ...«
»Das sieht ihm ähnlich!« lachte die junge Generalin stolz.
Der Generalstäbler fuhr fort: »Und im Morgengrauen ... am Neckar ... Exzellenz ... die Gäule wollten nicht gleich in das kalte Bad -- aber Ihr Herr Gemahl einfach zu Pferd -- bis an den Sattel im Wasser, voraus. Alles hinterher -- wir waren drüben, ehe der Feind noch abgekocht hatte -- nein! Die vierundfünfzigste Division hat eine schöne Leistung hinter sich, das muß ihr der Neid lassen! ... Ich empfehle mich gehorsamst, Exzellenz! ...«
In der Freude ihres Herzens reichte Maximiliane von Glümke dem Oberst freundlich die Hand. Zugleich meldete ihr Bruder Otto: »Du, Maxe ... eben rief mich der olle Schaftenburg an ... du weißt: der Intimus von Papa und Onkel Bruno ... Er ist nun schon Divisionär ... Er hat mir aufgetragen, ich möchte dir gratulieren! Von heut ab hätte dein Mann die Anwartschaft auf ein Armeekorps sicher in der Tasche! Unter den großen Bonzen auf dem Hügel sei darüber nur eine Stimme!«
Es war ein ehrfurchtsvolles Schweigen. Dorle Grotjan sagte zu ihrem Mann: »Hans ... so weit bringen wir's nicht!«
Und selbst die kleine Frau von Ottersleben wurde plötzlich mißvergnügt: »Wir avancieren überhaupt nicht mehr, Otto! Wir von der Reserve!«
Ihr Mann ärgerte sich.
»Na ... hat's etwa der Logow mit all seiner Weisheit so wunderweit gebracht? Es kann doch nicht jeder Napoleon Konkurrenz machen! Die Maxe ist nun einmal der Glanzpunkt der Familie!«
»Kinder, ~ich~ kann doch nichts dafür!«
Die junge Generalin lachte.
In ihrem Inneren ergänzte eine ernste Stimme: ›Und ich hab' dafür bezahlt ...!‹ Dann war das wieder vorbei. Der Herbstwind trug es über die Stoppeln davon. Es verwehte im Blasen der Trompeten da vorn, dem Rauschen der vorbeimarschierenden Bataillone, dem fernen Geschützdonner, dem ganzen Glanz und stürmenden Lebensatem des Kriegs im Frieden. Wie gestern, so brach auch heute jetzt, bald nach Mittag, die Sonne durch das Gewölk. Sie überflutete mit ihren Strahlen die nassen Felder, die nassen Menschen und Pferde -- sie trocknete die Generalsachselstücke und die Schulterklappen der Trainfahrer, die Geschützrohre und die Blechmündungen der Regimentskapellen, die Seide der Fahnen und die Leinwand der Lagerzelte, die Generalstabskarten wie das Biwakstroh. Sie beschien die dampfenden, atemlosen Reitergeschwader da vorne -- die Husaren und Dragoner, die Ulanen und die grünen bayerischen Chevaulegers -- die erdbefleckten Infanteristen, die pulvergeschwärzten Kanoniere, die starken Pioniere und kecken Luftschiffer und grünen Jäger, das ganze große deutsche Heer. Es kam allmählich Ruhe über die Hunderte von Schwadronen und Kompanien und Batterien. Der rote Feind war gegen Karlsruhe zu in Aufnahmestellungen zurückgewichen. Das Plackern des Kleingewehrs verstummte. Nur noch in langen Zwischenräumen rollte, wie von einem abziehenden Gewitter, da vorn der Donner der Geschütze. Für heute war die Schlacht zu Ende.
Es ging schon gegen Abend. Die letzten Strahlen der tiefstehenden Sonne flimmerten schräge fern drüben im Osten über den Hügelwellen des badischen Baulands. Dort lagerte Olaf von Glümkes sieggekrönte vierundfünfzigste Division. Sie hatte den Neckar längst im Rücken. Zur Linken blaute schattenhaft am Horizont über den schwäbischen Rebhügeln die Rauhe Alb. Aber aller Augen waren nach rechts gerichtet. Man war noch immer hart am Feind. Man wich ihm nicht von der Klinge. Er wurde den lästigen Seitendruck nicht los. Durch die breite, fruchtbare Lücke zwischen Königstuhl und Schwarzwald bedrohte man nach wie vor auf Karlsruhe zu seine rechte Flanke, zwang ihn zu immer weiterem Rückzug. Leicht konnte heut nacht ein verzweifelter Gegenstoß erfolgen. Man war auf der Hut. Fieberhaft arbeiteten die todmüden Truppen mit Schaufel und Spaten. Ganze Regimenter gruben sich geräuschlos in ihre Deckungen hinter den Hügelkämmen ein. Dichte Vorpostenketten spannten sich vorn als undurchdringliches Netz. In fliegender Eile wurde abgekocht. Wenn es erst dunkel wurde, sollte kein Schein eines Biwakfeuers, kein Lichtpunkt einer glimmenden Zigarre dem Feinde die Stellung verraten.
»... 'n Abend, Leute!«
»Guten Abend, Euer Exzellenz!«
Dröhnend scholl es, wo Generalleutnant von Glümke auf seinem dampfenden riesigen irischen Schweißfuchs die Linien abritt. Die Gesichter strahlten. Die gemeinen Soldaten lachten, die Einjährigen, die Unteroffiziere, die Herren Hauptleute und Leutnants. Alle waren stolz auf den heutigen Tag und auf ihren Führer.
Olaf von Glümke war am Flügel der Stellung angekommen. Er hob die Hand und winkte kameradschaftlich einer Gruppe von Offizieren zu, die vom Weg her stillstehend grüßten. Heute machte er keine Unterschiede. Sie hatten ihm alle, alle nach Kräften geholfen. Dann unterdrückte er ein leises Gähnen. Wenn er überdachte: Eigentlich war er seit gestern früh, seit sechsunddreißig Stunden, nicht mehr zur Ruhe gekommen. Sogar die Nacht durch im Sattel. Ein bißchen viel. Eine Sekunde fühlte er seine Jahre. Aber nur eine Sekunde. Dann leuchteten seine feurigen blauen Augen wieder in alter Kriegslust, und um seinen Mund spielte sein gewohntes verwegenes Lächeln.
»Ich will jetzt noch rasch zu den Vorposten da hinüber, mein lieber Gutgesell!« sagte er zu dem neben ihm haltenden Adjutanten und deutete gen Westen, wo sich die Sonne unheimlich blutrot zwischen den nachtdunklen Stämmen einer Baumgruppe abhob. »Schaffen Sie's noch über das infame Terrain? Ihr Schinder kommt wohl nicht mehr recht vorwärts?«
Der Adjutant hob die Hand an den Helm.
»... Wollen nicht auch Exzellenz vorher das Pferd wechseln? ... Exzellenz reiten es schon seit zehn Stunden. Es scheint mir auch nicht mehr ganz kapitelfest auf den Vorderbeinen!«
Olaf von Glümke lachte und klatschte dem Tier auf den Hals. Er sprach zu ihm wie zu einem guten Freund.
»Das könnt' dir passen, alter Schwede -- was? Aber dir sollen heut mal deine Mucken gründlich vergehen! ... Nee -- lieber Gutgesell -- das dauert mir zu lang. Inzwischen wird's dunkel. Vorwärts!«
Er jagte über das steinige, von Baumstöcken und Wurzeln durchsetzte Blachfeld hin. Er kümmerte sich wenig um die Hindernisse. Er hatte in seinem langen Reiterleben schon andere überwunden. Sein Herz war leicht, seine Brust weit von dem heutigen Tag. Da hatte man doch, soweit es in dem ewigen faulen Frieden möglich war, gezeigt, was man konnte -- da wußte man doch, wozu man auf der Welt war. Er richtete sich im Sattel auf. Er holte tief Atem. Ja -- das war schön -- diese Stunde -- war wie eine Erfüllung des Besten in einem -- den Wind um die Ohren, den Gaul unter sich, der Sonne und dem Feind entgegen, hinter sich, durch dick und dünn, die treuen Kerle, vor sich noch ein Jahrzehnt und länger einer glänzenden Karriere, dort drüben, am Rhein die schöne, junge, geliebte Frau -- in seiner Seele, die sonst Handeln und nicht Sinnen hieß, stieg ein Gefühl der Andacht empor. Er dachte sich: ›Herrgott ... ich danke dir, daß du mich leben ließest ... Die Welt ist schön ...‹
In dem holperigen Weidegrund zu seinen Füßen aber hatte, unbekümmert um Krieg und Kriegsgeschrei, aus dem Dunkel des Schicksals heraus ein Maulwurf seinen Haufen aufgeworfen. Der ermüdete Gaul galoppierte unsicher. Er merkte zu spät die Gefahr. Er trat mit dem rechten Vorderhuf in die lockere Erde und brach durch und ging vornüber, und Roß und Reiter taten einen schweren Sturz ...
18
Der Mond war noch nicht aufgegangen. Er stieg erst lange nach Mitternacht von Osten her über den kalten, sternklaren Himmel. Tiefe Nacht ruhte über der Rheinebene, und doch kein Dunkel. Da, wo sonst selten einmal der spärliche Lämpchenschein aus einem Bauernhaus die weite Finsternis unterbrach, da flammten heute Hunderte und Tausende von Lichtern, regelmäßig in feurige Linien und Staffeln geteilt, die Biwakfeuer des Heeres. Sie waren jetzt schon halb erloschen. Die Mannschaft schlief. Spärlich einmal fielen fern, ganz fern Schüsse durch die Stille. Aber im Rücken der Stellung war es auch jetzt lebendig. Ein Knattern und Knarren, ein Rasseln und Rumpeln war auf allen Straßen. Schwerfällig schoben sich die mächtigen Trainkolonnen durch die Nacht. Die Leiterwagen hielten im Dunkel nicht ordentlich Vordermann. Sie füllten, rechts und links fahrend, den ganzen Weg. Es war schwer, an ihnen vorbeizukommen. In kurzen Zeiträumen ließ Otto von Ottersleben immer wieder die Hupe seines Automobils ertönen, das mit seinen beiden Flammenaugen zornig in das Schwarz vor sich leuchtete, den Schlammboden in den Glanz einer Schneelandschaft verwandelnd.
An einem Kreuzweg hielt, in einen Mantel gewickelt, ein höherer Offizier, Mann und Roß wie ein Schattenriß vom Dämmern des Himmels abgehoben. Er rauchte eine Zigarre. Sie leuchtete eine Sekunde auf und erhellte sein bärtiges Gesicht. Der junge Sportsmann stoppte sein Auto. Er lüftete, die eine Hand am Steuer, mit der anderen seine Kappe.
»Ach ... Verzeihung ... Ich möchte um Auskunft bitten ... Ich fahre hier mit meiner Schwester, der Generalin von Glümke, durch die Nacht ... Es ist ein Gerücht verbreitet, Exzellenz von Glümke habe oben im Kraichgau ein Unglück mit dem Pferde gehabt ...«
»Oh ... doch hoffentlich nichts Ernstes, Exzellenz?«
Der Oberst sprach von seinem Rappen in das Dunkel des offenen Autos hinein, in dem er irgendwo Frau von Glümke vermutete.
Sie stand auf. Ihre Stimme zitterte.
»Ich weiß nicht! Ich will hin! In einer Stunde ist man doch dort! Aber mein Bruder behauptet ...«
»Erst müssen wir wissen, Maxe, wo die vierundfünfzigste Division augenblicklich steht!«
»Und das kann uns hier niemand sagen?«
Der Oberst zuckte bedauernd die Achseln.
»Hier in der Front kaum, Exzellenz! ... Das verschiebt sich ja unaufhörlich, in der kriegsmäßigen Lage, in der wir uns befinden. Da kennt man die Stellung der Truppenteile nur im Hauptquartier.«
»Dahin will ich ja eben!« rief Otto von Ottersleben.
»Fahren Sie nur immer noch weiter zurück -- die große Straße entlang. Sie sehen schon von ferne die vielen Lichter!«
Das Automobil schoß davon, daß der Kot weithin von den Pneumatiks spritzte. Nach kurzem wurde es vorn hell. Strohwische loderten an langen Stangen rechts und links vom Wege. In dem unsicheren Flackerschein huschten immer zahlreicher schattenhafte Reiter, Radler, Motorfahrer vorüber. Auf dem Kartoffelacker drüben waren Stimmen und Fackeln. Eine Telegraphenabteilung legte bei Nacht eine Kriegsdrahtleitung querfeldein. Nun zeichneten sich hohe Giebeldächer im Dunkel ab -- Schartenmauern -- Türme -- Parkwipfel -- ein schloßartiger Gutshof irgendwo mitten in der Rheinebene, alle Fenster des dreistöckigen Herrenhauses hell, als feiere man da drinnen ein Fest. Vor der Anfahrtsrampe brannten rechts und links Pechflammen. In ihre düstere Purpurglut getaucht, hielt da eine Wagenburg von Militärautomobilen, standen Dutzende von gesattelten Pferden, von Kavalleristen gehalten. Ein unaufhörliches Laufen von Unteroffizieren, Ordonnanzen, Burschen erfüllte treppauf treppab den Eingang. Einige Herren vom Luftschifferbataillon standen plaudernd seitlings, des Mondes und des neuen Aufstiegs harrend, und schauten bald hinüber auf das Feld, wo in verschwommenen Umrissen, von schwarzen Musketierklumpen an Tauen gehalten, der Riesenkörper eines Parseval frei in der Luft schwebte und im Nachtwind schwankte, bald wieder sahen sie nach rechts empor. Dort tönte, von unsichtbar hoher Stange, das Rasseln des Slabyapparats durch das Dunkel, der die drahtlosen Depeschen empfing und weitergab. Ein junger Leutnant trat zu den anderen heran und lachte.
»Wir fangen fortwährend Meldungen von drüben ab. Ganze Haufen! Aber der Deubel soll sie enträtseln ...!«
Das Ganze hatte nichts eigentlich Kriegerisches mehr an sich. Die Truppen waren ja auch alle viele Stunden weiter vorn. Bis hierher drang kaum mehr der Laut eines Kanonenschusses. Es war, als sähe man einen großen, wissenschaftlichen Fabrikbetrieb mitten in der Nacht in methodischer Tätigkeit. In den ersten Zimmern des taghell mit Lampen, Kerzen, Stallaternen erleuchteten Schlosses, das Maximiliane mit ihrem Bruder betrat, saßen Reihen von Offizieren, die Stirnen gerunzelt, den Bleistift in der Hand, Geheimtabellen vor sich, mit der Chiffrierung und Dechiffrierung von Depeschen beschäftigt. Nebenan tackten, von Unteroffizieren bedient, rastlos die Telegraphenapparate. Soldaten kamen und gingen, brachten die abgerollten, mit geheimnisvollen Chiffrebuchstabengruppen bedeckten Streifen und nahmen ebensolche Blätter entgegen.
Daneben, im großen Saal, war die Befehlsausgabe. Es standen da an die hundert Offiziere, die meisten die Adjutantenschärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte, die hohen Stiefel mit Kot bespritzt, die Gesichter übernächtig von Mangel an Schlaf nach der Mühe des Tages, alle stumm im Stehen in ihre Bücher notierend und stenographierend, was die Stimmen der Generalstäbler in ihrer Mitte langsam, nachdrücklich, durchdringend klar, diktierten. Ein Geruch von nassem Tuch, von Pferdeschweiß, von flackernden Dochten war in dem Raum. Unwillkürlich wandten sich all die scharfen, schnurrbärtigen Köpfe einen Augenblick vom Ernst zur Sache nach der ungewohnten Erscheinung einer schönen jungen Frau, hier mitten in der Nacht in den geheiligten Räumen des Armeeabteilungskommandos, in denen alle Linien von dem weit ausgedehnten Kampfplatz draußen im Spinnennetz zusammenliefen. Ein höherer Adjutant hatte die Generalin empfangen. Er verbeugte sich tief, eilte voraus und führte sie und ihren Bruder durch weitere Räume voll schreibender, mit dem Zirkel auf der Generalstabskarte messender, rechnender und brütender Offiziere bis in das vorletzte Gemach der langen Zimmerflucht.
Da waren Generale. Wohl ein halbes Dutzend und mehr. Grauköpfe und Kahlschädel. Derbe, altpreußisch-kriegerische Züge und glattrasierte, strenge Gelehrtengesichter. Sie saßen und standen -- sie lasen und schrieben -- sie blätterten nachdenklich in Stößen von roh mit Buntschrift ausgeführten Feldkrokis, die vor ihnen lagen -- sie schwiegen und warteten auf etwas da drinnen, hinter der Tür links zum Allerheiligsten ...
Jetzt öffnete sich die. Ein eleganter Generalmajor vom Gardetypus trat heraus. Einen Augenblick sah man in das Innere, in eine große Stube, die bis aufs Letzte kahl ausgeräumt war. Kein Tisch, kein Stuhl in der Ecke war geblieben. Von der Decke sandte ein Kronleuchter seinen hellen Schein in alle Ecken und auf den Boden. Den deckte ein Netz aneinandergefügter Generalstabskarten -- das ganze Manövergelände im kleinen, von der Kocher und Jagst bis über den Rhein, von dem Main bis an die Murg. Kleine bewimpelte Nadeln staken an einzelnen Stellen in den Plänen und zeigten den augenblicklichen Standort der Truppen an. Davor lag auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestützt, den Kopf in den flachen Händen, jemand am Boden, lang auf den Holzdielen ausgestreckt. Man sah von hinten sein kurzgeschnittenes schlohweißes Haar, das Funkeln der goldenen Raupen auf den Schultern, das Glitzern der Sporen an den Reitstiefeln. Neben sich hatte er rechts und links auf der Erde ein brennendes Licht stehen, um besser die Karten lesen zu können. Das war der Höchstkommandierende. Sein Wille lenkte wie durch einen Fingerdruck auf einen elektrischen Knopf den ganzen mächtigen Apparat da draußen. Er sann über den morgigen Tag. Stumm lag er da und rührte sich nicht. Hinter ihm stand sein Adjutant und schwieg. Die Tür schloß sich.
Nebenan hatte der blonde Gardegeneral inzwischen erfahren, um was es sich handelte, und versetzte, halblaut -- denn in diesen Räumen wurde nur flüsternd gesprochen: »Nach unseren bisherigen Meldungen, Exzellenz, hat Ihr Herr Gemahl allerdings leider einen bösen Sturz getan. Er liegt noch in dem Pfarrhaus des Dorfes, in dessen Nähe das Malheur geschah ...«
»Und was sagen die Ärzte?«
»Vorläufig nichts Bestimmtes, Exzellenz! ...«
Der Generalmajor zuckte vielsagend die Schultern und wandte sich an Otto von Ottersleben.
»Sie scheinen mir ja militärisch geschult: Ich werde Ihnen auf der Karte den nächsten, für Automobile praktikablen Weg dorthin zeigen und telephonisch Order vorausschicken, daß man Sie an der Heidelberger und der Eberbacher Brücke sofort durch die Trainkolonnen, die Sie da kreuzen müssen, durchläßt!«
Der Mond war aufgegangen. In silbernem Blau lag die Pfalz. Die Heidelberger Schloßruine träumte im Dämmerschein über der Neckarstadt, durch deren Gassen das aus der Rheinebene heranrasende Automobil in das Flußtal hineinschlüpfte, das Rauschen der Stromschnellen zur Linken, durch das schlafende, mittelalterliche Neckargemünd, vorüber an dem geheimnisvoll im Mondschein ragenden Geviert der Landschadenburgen -- zuweilen, an den Neckarübergängen, plötzlich, jäh, aus der Nacht heraus, der Trubel des Scheinkriegs, Fackeln, lange Wagenzüge, Geschrei und ebenso rasch wieder tiefe Stille -- Menschenleere -- Mondschein -- ein Reh über den Waldweg. Kühle. Herber Hauch von den Höhen, über denen wieder eine riesenhafte altersgraue Burgruine dräuend wie ein Drache zu Tal hing. Auf dem Fluß rasselte es in langer Lichterreihe und kläfften die Schifferspitze. Ein Schleppzug fuhr bergwärts. Er verlor sich um die Biegung. In den dunklen Massen des Waldes da oben kreischten und johlten unheimlich die unsichtbaren Nachtkäuzchen. Es war wie ein böses Vorzeichen. Weiter! Nur weiter! ... Aus der Odenwaldenge heraus, aus den ewigen, zeitraubenden Windungen des Flusses! Eine Schwenkung nach rechts. Dort drüben, über dem Massiv des Katzenbuckels, färbte sich der Himmel von feierlicher Röte. Lange Purpurstreifen zogen sich quer durch das Grau des Ostens. Die Sonne ging auf. Man ließ sie halb im Rücken. Man fuhr endlich den geraden Weg, den bisher die Berge versperrt, nach Süden, in das fließende Nebelgrau der Dämmerstunde hinein. Dann zerteilten sich die feuchten Schleier. Der Himmel blaute. Man konnte bei Tageslicht leichter die Karte und die Wegweiser lesen als bisher beim Windgeflacker des Wachsstreichholzes. Geräuschlos rollte das Auto über die weichen Ackerpfade. Ein einsamer Einjährig-Freiwilliger kam herangehumpelt, fußkrank, auf dem Weg zur Etappe. Er hatte Schmisse im Gesicht und trug einen Zwicker. Otto von Ottersleben rief ihn an: »Wissen Sie, wie's Herrn General von Glümke geht?«
»Ich fürchte, gar nicht gut. Es sagen's wenigstens alle im Biwak!«
»Ist's noch weit?«
»Dort sehen Sie schon den Kirchturm über dem Hügel!«
Hinter diesen Höhen war das Biwak des Gros' der vierundfünfzigsten Division. Die Truppen waren noch nicht angetreten. In langen Reihen schimmerten die Pyramiden der zusammengesetzten Gewehre. Die Mannschaften standen am Wege, gegen das Dorf zu, Tausende und aber Tausende, mit dem blauen Schein der Waffenröcke die Felder füllend, da und dort die Offiziere dazwischen, und überall war das gleiche, seltsam-ernste, wie angstvolle Schweigen. Das Automobil konnte nur noch ganz langsam fahren. Maximilianes Auge ruhte leer auf der menschenerfüllten Gasse vor ihr. Was war das nur alles? ... Diese Morgenröte hier ... das fremde Dorf ... die vielen Leute? ... Ihr schien es wie ein böser Traum der Nacht. Man wachte auf, und er war verflogen. Nein: das war Wirklichkeit. Da war die Kirche. Daneben das Pfarrhaus. Auf dem Platz davor, unter der herbstbunten Linde, Offiziere, Offizierspferde, Offiziersburschen, wieder Offiziere -- auf den Torstufen -- auf der Schwelle -- im Flur. Hier kannte man die Frau des Divisionskommandeurs. Ehrerbietig machte alles Platz. Stumm hoben sich die manöver-dunkelbehandschuhten Hände an die Helmbänder. Sie stieg aus. Ihr Bruder stützte sie. Sie sah sich ratlos um. Es war solch ein sonderbarer Ausdruck in all den sonnengebräunten Gesichtern, solch eine drückende Stille ... Sie ging in das Haus -- in einem ungläubigen Staunen: Sie hatte noch nie Männer weinen sehen. Aber die zwei, drei Offiziere, die da standen, hatten Tränen in den Augen, hier der Oberst von Mensingen, da der Divisionsadjutant, der Major Gutgesell. In der Ecke heulten die Glümkeschen Burschen, Mannhardt, der erste Pferdebursche, und Hinsch, der andere, als sie ihre Herrin erblickten. Und sie dachte sich befremdet: Was bedeutet das alles? und wußte es doch, noch ehe plötzlich der Divisionspfarrer vor ihr stand und stumm ihre Hand ergriff und langsam die Tür öffnete.
Die helle Morgensonne lag in trügerischem Rot auf dem ernsten Antlitz des Generalleutnants Olaf von Glümke. Ihn störte der Glanz des neuen Tages nicht mehr. Seine Lider waren geschlossen. Es war, als ob er schliefe, das von weißen Mullstreifen umwundene Hinterhaupt auf das weiße Kissen gebettet, die Orden auf der Brust, die weißbehandschuhten Hände, zwischen denen ein kleines Kruzifix lag, über dem Säbelknauf verschlungen, in einer feierlichen Ruhe, die von seinem Totenbett ausging und das Gemach erfüllte. Von draußen, aus dem Flur, tönte wieder Schluchzen, und weiterhin, im Freien, von den Feldern und Wegen ein unbestimmtes, tausendfaches Summen und Murmeln und Brausen von Stimmen. Dann trat der Generaloberarzt hastig über die Schwelle: »Rasch ... Wasser ... Ihre Exzellenz ist ohnmächtig geworden ...«
In einem Nebenraum bemühten sich die Ärzte, die Schwester und die Schwägerin um Maximiliane. Sie lag bewußtlos. Sie hörte nicht, wie fern ein dumpfer Kanonenschlag erscholl, zwei, drei -- ein ganzes Geböller, stürmisch aufflackerndes Kleingewehrgeplacker bei den Vorposten -- Hornsignale -- ›An die Gewehre!‹ -- ›An die Pferde!‹ -- ›An die Geschütze!‹ -- Ein Laufen und Rennen -- ein Jagen von Adjutanten, von denen einer einem anderen durch Hufschlag und Säbeltanzen an der linken Pferdeflanke zurief: »Man merkt schon, daß Glümke nicht mehr kommandiert! Wir müßten schon seit zwei Stunden unterwegs und dem Gegner im Rücken sein ...«
»Ja, aber das Unglück ...«
»Wenn er noch hätte reden können, hätte er gesagt: Kinder ... Krieg ist Krieg! ... Kümmert euch nicht um mich ... Vorwärts! ... Spuckt den Roten gehörig in die Morgensuppe, daß sie noch einmal an mich denken! ...«