Part 20
»Ich hab' das nie behauptet, Ulla! ... Ich hab' mit dir nicht gerechtet! Ich hab' mich nicht in Schutz genommen! ... Ich weiß, daß ich schuldig bin -- nicht in Werken, aber in Gedanken. Das will ich ja eben sühnen ... Da drüben ...«
Er überlegte und setzte nach kurzem Kampf hinzu: »Zurück kann ich nicht mehr, selbst wenn ich wollte. Es ist alles schon abgemacht! ... Ich bin gebunden. Ende der Woche muß ich schon in Hamburg aufs Schiff ...«
»Ja ... beeile dich nur, von mir wegzukommen! ... Jeder Tag ist da zu viel!«
Der Hauptmann von Logow unterdrückte eine Bewegung des Zornes. Er fuhr mit unveränderter Stimme fort: »Aber vielleicht hast du recht mit dem, was du vorhin sagtest: ich hab' kein Recht, dich hier allein zu lassen. Ich will nicht schuld sein, daß du dich unglücklich und verraten fühlst! ... Also komm in Gottes Namen mit mir, Ulla! ... Oder noch besser ... folg mir in ein paar Monaten nach, wenn ich mich drüben ein bißchen eingerichtet habe!«
»Wo?«
»In Chile. Weißt du nicht, wo Chile liegt?«
»Irgendwo da drüben ...« Sie zuckte die Achseln. Ganz klar war es ihr nicht. »Es ist ja auch gleich, wohin wir zusammen vor der Maxe davonlaufen ...«
»Ja ... wenn du's nicht anders auffassen kannst ...«
Er ging finster in dem Zimmer auf und ab. Nach einer Weile wandte er den Kopf zu ihr und frug kurz: »Also du fährst mit?«
»Ist's denn weit von hier?«
»Natürlich ist's weit.«
»Und wo wohnen wir denn da?«
»Das weiß ich nicht!«
»Vielleicht auch wieder in einer ganz wilden, einsamen Gegend?«
»Es kann sein!«
»Und du bist auch wieder den ganzen Tag außer Hause?«
»Freilich hab' ich Dienst! Dort erst recht ...«
»Was sprechen denn da die Leute für eine Sprache?«
»Spanisch!«
»Davon versteh' ich doch kein Wort! ... Da hab' ich ja keine Menschenseele, mit der ich reden kann!... Da bin ich ja erst recht verraten und verkauft ... Wie fange ich's da mit den Dienstboten an? Hier bleiben sie mir ja schon nicht ...«
»Herrgott, sei doch nicht so schlapp!«
»Und was mach' ich denn da, wenn ich wieder krank werde? Vielleicht ist da gar kein Arzt in der Nähe! Da sterb' ich und werd' im Urwald begraben! Dann seid ihr mich los!«
Er bemühte sich immer wieder, geduldig zu bleiben.
»Ich kann die Lebensbedingungen drüben nicht ändern!« sagte er. »Ich kenne sie nicht, aber natürlich werden sie nicht ein Viertel so schlimm sein, wie du dir das einbildest! ... Du mußt nur ein bißchen mehr Mut und Selbstvertrauen haben!«
»Nein. Ich fürchte mich davor!«
»Ulla!«
»Ich fürchte mich vor der Seefahrt ... Und ich fürchte mich vor den Leuten drüben! Ich fürchte mich vor allem auch vor dem Alleinsein mit dir! ... Ich bin ja dort ganz hilflos in deiner Hand! An mir läßt du dann alles aus ...«
»Nein, Ulla -- das versprech' ich dir ...«
»Und dann wird's schlimmer wie je! Und die Maxe ist ja doch immer da!«
»Wenn du das Wort noch einmal aussprichst, verlass' ich das Zimmer!«
»... und ich seh' nicht ein, warum ich mich von der Maxe bis ans Ende der Welt jagen lassen soll, während sie hier herrlich und in Freuden lebt! ... Den Gefallen tu' ich ihr nicht! ... Hier ist's immer noch besser! Hier hab' ich wenigstens Menschen ... Die Mama ... Ich bleibe ...«
Es war eine Pause. Dann sagte er: »Wie du willst! ... Überleg es dir!«
»Nein. Ich bleibe!«
Eigentlich fiel ihm ein Stein vom Herzen. Ihm graute nachträglich bei dem Gedanken, daß sie gemeinsam ihr Elend hätten übers Meer schleppen sollen. Er wartete die nächsten Tage hindurch auf eine Gelegenheit zu einer neuen Aussprache mit seiner Frau. Er hoffte, sie würde ihm von sich aus einen Anlaß dazu geben. Aber Ulla tat nichts dergleichen. Sie war etwas lebhafter als sonst und wirtschaftete mehr im Hause herum. Auf ihren Zügen lag dabei eine kalte Abwehr. Wenn sie mit ihm zusammen war, redete sie hartnäckig kein Wort, sondern starrte an ihm vorbei ins Leere. An einem Morgen hielt er's nicht mehr aus.
»Ulla -- so können wir nicht auseinandergehen ... Wir müssen noch zusammen über die Zukunft einig werden! ... Ich schreibe dir vielleicht am besten von drüben, wie alles ist, und du kannst dir dann immer noch überlegen, was du tust!«
Sie erwiderte nichts. Nach einer Weile erhob sie sich und verließ das Zimmer. Nun gab er es auch auf. Den Rest des Tages verbrachten beide stumm in der kleinen Villa, in der schon überall halbgepackte Koffer, geöffnete Schubladen, gähnende Schränke die nahe Auflösung des Haushalts verrieten.
Am Abend war Abschiedsessen im Kasino. Erich von Logow war im Regiment nie so recht warm geworden. Er hatte, in der trüben Unruhe, die ihn seit Jahr und Tag erfüllte, nicht viel Verkehr mit den Kameraden gesucht, und in diesem Grenztruppenteil wieder, der hier wie ein Vorposten die Wacht am Ende des Reiches hielt, hatte man nie erwartet, daß er lange bleiben würde. Er stammte aus dem Generalstab. Er war ein Springer. Er kam und ging. So hatte die Feier nicht das Herzliche wie sonst in der großen Familie eines Regiments, wo man den Scheidenden seit so und so viel Sommern und Wintern als Kameraden kannte. Aber sie war trotzdem würdig und nett verlaufen. Der Oberst hatte gesprochen und den neuen Militärinstruktor ermahnt, auch da drüben in Südamerika den preußischen Waffenruhm in Ehren zu halten und die Chilenen auf die Höhe des alten Landsknechtsspruchs zu bringen:
»Wer im Krieg will Unglück ha'n, Der fang' ihn mit den Deutschen an!«
und der Hauptmann von Logow hatte gedankt und gelobt, sein Bestes zu tun, und sein Glas bis auf die Nagelprobe auf das Wohl des Regiments geleert.
Sonst hatte er, nach seiner Gewohnheit, nur ganz wenig getrunken. Sein Kopf war frei, während er von dem Liebesmahl durch die stockdunkle Nacht nach seinem Hause vor der Stadt schritt. Der Wind pfiff über das weite Feld, die Pappeln rauschten rechts und links am Wege. Man mußte den genau kennen, um ihn nicht in der Finsternis zu verfehlen. Ein schwacher Lichtschein da drüben wies die Richtung. Dort brannte eine Kerze im Flur. Erich von Logow trat ein, legte Helm, Säbel und Mantel ab, und öffnete leise die Tür zum Schlafgemach. Es war schon spät. Er wollte Ulla nicht wecken. Aber das Zimmer war leer! Sollte sie aufgeblieben sein, um ihn zu erwarten? Das war doch sonst nicht ihre Art. Er ging hinüber in den Wohnraum. Auch da niemand. Aber nebenan, auf seinem Schreibtisch, lag im hellen, gelben Strahlenkreis der Lampe ein geschlossener Brief. Ohne Aufschrift. Offenbar von ihr. Er riß ihn auf. Es waren die Schriftzüge seiner Frau. Er las:
»Wenn wir uns schon trennen sollen, weil es Dir so beliebt, so will ich wenigstens nicht die sein, die zu Schimpf und Spott in dem leeren Haus sitzen gelassen wird. Dann will ich es wenigstens sein, die Dich verläßt und die zuerst das Haus verläßt, und Du magst dann selber den Schlüssel abziehen. Gib ihn bitte an Frau Hauptmann von Japorski. Sie hebt ihn schon auf und sieht in der Wohnung nach dem Rechten. Sie soll so gut sein und tüchtig lüften, damit die Nordseite nicht muffelt! Sonst habe ich mit dem Hauswirt Ärger, wenn ich zum Umzug zurückkomme. Vorläufig gehe ich zu Mama nach Darmstadt und bleibe, bis Du unterwegs bist. Ich fahre jetzt, während Du im Kasino bist, zum Abendzug auf den Bahnhof. Das habe ich mir schon seit Tagen überlegt. Weiter habe ich Dir jetzt nichts zu sagen. Du willst ja auch von mir nichts wissen. Also leb vorläufig wohl!
Ulla.«
Der Hauptmann von Logow faltete langsam den Brief zusammen. Das Frösteln der Einsamkeit überlief ihn. Draußen schwieg die Nacht. Das Haus lag still und verlassen und blieb es, bis er am nächsten Abend mit einem schweren Aufatmen das Flurtor hinter sich ins Schloß drückte. Am Vormittag hatte er sich überall abgemeldet. Eigentlich sollte er erst am kommenden Morgen fahren. Aber er wollte nicht die Kameraden an der Bahn haben, kein lärmendes Abschiednehmen vor allen, keine erstaunten und neugierigen Fragen nach seiner Frau, deren Fehlen verriet dann im letzten Augenblick manches, was sonst hier allen für immer ein Geheimnis blieb. So hatte er eben an den Regimentsadjutanten ein paar flüchtige Zeilen mit der Bitte um Entschuldigung gesandt, daß er so plötzlich ohne Abschied abreise, um sich mit seiner schon vorausgefahrenen besseren Hälfte bei deren Mutter zu treffen. Er stand vor dem Hause mit den geschlossenen Fensterläden, aus dem seine Frau schon vor ihm gegangen war; er blickte hinüber nach dem Kirchhof, wo sein Kind begraben lag -- alles hier war eine große Trümmerstätte von Hoffnung und Glück. Er drehte ihr den Rücken und schritt dem Bahnhof zu. Die Abendsonne sank hinter den Vogesen und wies ihm in geheimnisvollem Leuchten den Weg gen Westen, übers Meer, in das neue Land.
Achtundvierzig Stunden später stand er an Bord des großen gelben Hamburger Dampfers, der langsam die Elbe hinabfuhr. Der Hafen lag schon hinter ihnen. Rechts glitten die Höhenzüge vorbei, die Parks und Schlösser, Flottbeck, die Teufelsbrücke, Blankenese mit seinem hohen Wartturm. Links ragte aus der weiten Ebene der Fischermastenwald, die niederen Dächer von Finkenwerder. Und breiter und breiter ward der Strom. Er weitete sich zum Haff. Dort, schon in der Ferne, über der unruhig gewordenen See, lag Cuxhaven. Ein paar Ozeanriesen der Hamburg-Amerika-Linie davor.
»Das ist die alte Liebe!« sagte jemand neben ihm und erklärte, so heiße dort der Pier -- der äußerste des Festlandes -- die Abfahrtsstelle über das große Wasser. In Erich von Logow klang das Wort nach: Alte Liebe ... ja ... das war der letzte Ruf aus der Ferne -- das war es, was ihn in die Weite trieb. Darin war alles beschlossen -- des Lebens Rätsel und des Lebens Qual. Er schaute zurück, und es lag stumm auf seinen Lippen: Du alte Liebe ... du ewig neue ...
Nun war der Küstenstreifen schon beinahe ganz verdämmert. Europa versank. Der Wind pfiff stärker und knarrte im Takelwerk. Die Möwen kreisten und schrieen. Das Schiff schwankte, und so weit das Auge reichte, rauschte grauzerpflügt das Meer ...
16
»Morgen marschieren wir, Ade -- ade -- ade -- ade! Morgen marschieren wir -- Ade -- ade -- ade ... Wie schön schlug heut' die Nachtigall Vor meiner Liebsten Haus ...«
Hunderte von rauhen Kehlen sangen, die Gewehre starrten kreuz und quer über den regennassen Helmen, es ging ohne Tritt mitten durch die Straßen von Darmstadt. Kriegsgemäß. Es war Manöver. Kaisermanöver. Dort im Süden, gegen den Neckar zu, stand der Feind.
In grauen Strähnen strömte der Herbstregen herunter. Der Boden war ein zäher Brei, aufgeweicht von Nagelstiefeln, Rossehufen und Kanonenrädern der endlos von Frankfurt her durchrückenden Kolonnen, die Bürgersteige, die Fenster und Balkons schwarz von Menschen. Undurchdringliche Schilddächer von Regenschirmen säumten die Wegkreuzungen ein. Über ihnen sah man nur die Pferdeköpfe und die Oberkörper der berittenen Offiziere vorbeigleiten. Maximiliane von Glümke versuchte, vom Darmstädter Bahnhof kommend, seit zehn Minuten vergeblich, den Schnittpunkt der Rhein- und der Neckarstraße am Zivilkasino zu überschreiten, nachdem ihr Suchen nach einem Wagen heute vergeblich gewesen war. Sie stak, das Reisetäschchen in der Hand, ihre Jungfer neben sich, mitten in der Masse. Vor ihr zog es immer weiter vorüber: Generale mit ihrem Stab -- Lanzenwälder, Pausen, in denen nur das dumpfe Poltern auf dem Pflaster verriet, daß Artillerie durchpassierte, und wieder schwere, schulternde Infanteriemassen. Es war ohne Anfang, ohne Ende. Es schien das achtzehnte Armeekorps zu sein. Maximiliane erkannte durch die Lücken der Menschenmauern zuweilen die Uniformen der nassauischen und kurhessischen Regimenter -- das Artillerieregiment Oranien -- die Wiesbadener und Homburger Füsiliere. Jetzt eben entstand im Vorbeimarsch der Einundachtziger, der Frankfurter, ein Halt. Sie benutzte die Gelegenheit und ging mit der Sicherheit einer Soldatenfrau zwischen den Sektionen hindurch. Auf der anderen Seite der breiten Rheinstraße war auch noch alles voll von Menschen, die ganze Stadt in festlich verregneter Stimmung, aber man kam doch vorwärts. Beim weißen Turm trat die junge Generalin in einen Blumenladen ein und kaufte einen Strauß zur Begrüßung für ihre Mutter, zu der sie heute für einige Zeit auf Manöverbesuch kam. Während sie auf das Binden wartete, schaute sie durch die regenblinden Scheiben ins Freie hinaus. Soldaten ... immer wieder Soldaten ... auch hier ... nicht die gewohnten Truppenteile, die man im Frieden sah, sondern ganz sonderbare Formationen aus der probeweisen Mobilmachung eines Armeekorps mit kriegsstarkem Train -- lange ernste Munitionskolonnen, rauchende Feldbäckereien auf Rädern, Reservehufschmieden, Ambulanzen mit dem roten Genfer Kreuz, fauchende Lastautomobile, dann, von Pionieren bewacht, eine Karrenreihe mit großen, darauf verpackten Trögen, ein Pontonbrückentrain, rechts, um die grauen Massen des Schlosses herum, am Theater vorbei bis in die Altstadt hinein, Hunderte von stillhaltenden Leiterwagen mit Heu und Stroh, von Odenwälder Bauern mit Vorspannpferden geführt -- ein Bild wie aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die junge Frau riß plötzlich die Glastür auf und rief: »Dorle ... Dorle ...!«
Eine kleine rundliche Dame und ein zwei Köpfe größerer, knochiger Herr in Zivil drehten sich um. Jawohl: sie waren es ...! Dorle Grotjan stieß einen Schrei des Entzückens aus und flog ihrer schönen Schwester entgegen. Ihr Gatte, der nun schon Hauptmann bei seinen dreißigsten Pionieren in Thorn war, küßte ihr, der Exzellenz, respektvoll die Hand.
»Ja ... unsere Festungsübungen an der Weichsel waren vorgestern zu Ende. Da sind wir rasch mal hier zu Muttern 'rüber!« sagte er ganz aufgeregt auf ihre Frage. »So was sieht unsereins nicht alle Tage ... Schau nur die Brückentrains ... der Neckar wird morgen an fünf Stellen zugleich von fünfzigtausend Mann überschritten! Großartig! ... was?«
»Ach, das ist noch nichts!« rief Dorle dazwischen. »Von der Rosenhöhe aus solltest du einmal sehen! ... Die ganze Rheinebene, bis Frankfurt hin -- alle Straßen schwarz!«
Und ihr Mann ergänzte begeistert: »Das ist das elfte Korps. Und heute nacht ist das ganze bayerische Armeekorps mit Sack und Pack, Pferden ... allem ... in achtzig Zügen von München hier herüber. Sie schiffen sich eben zwischen Aschaffenburg und Frankfurt aus ...«
Das Ehepaar war wie berauscht. Die junge Exzellenz blieb kühler, an kriegerischen Trubel im großen Stil gewöhnt. Sie frug: »Wo ist denn der Kaiser?«
»Der Kaiser ist noch in Mainz! Das Hauptquartier geht morgen von dort direkt gegen den Neckar, in die Gegend von Ladenburg ... Der Großherzog von Hessen ist auch drüben in Mainz. Eine Menge Fürstlichkeiten! Wir waren gestern in Mainz ... Ich sage dir: die Stadt steht auf dem Kopf! Ein Menschengewühl ... ein Leben ... alles voll Fahnen ...«
»Dabei nichts mehr zu essen und zu trinken!« lachte Frau Dorle. »Die Leute übernachten im Freien!«
»Und wir kommen hier auch nicht von der Stelle,« sagte die Generalin etwas ungeduldig. Im selben Augenblick hatte ein höherer Offizier zu Pferde, ein früherer Untergebener ihres Mannes, sie erkannt. Er grüßte Maximiliane ehrerbietig und wetterte dann den nächsten Ulanenleutnant an, der, das Reservekreuz auf der Tschapka, sehr mißvergnügt, weil er und viele Leidensgefährten, statt vor der Front querfeldeinzusprengen, hier Fuhrknechte und Karren bewachen mußte und teilnahmslos von seinem durchnäßten Gaul über diese vierräderige Trübsal hinweg ins Graue blickte.
»Zum Donnerwetter, Herr ... wozu hat Sie denn der liebe Gott erschaffen und hierher gestellt, wenn Sie sich um nischt kümmern? ... Da steht Ihre Exzellenz womöglich schon seit einer Stunde und wartet auf Durchlaß ...«
»Oh ... Pardon ...«
Der Reserveleutnant riß, zu plötzlichem Eifer erwacht, höchst eigenhändig den nächsten Karrengaul zur Seite. »Platz für Ihre Exzellenz!« befahl er. Hinter dem Wagen schrie ein Unteroffizier: »Platz für Exzellenz!« Andere Stimmen wiederholten es: »Platz für Exzellenz!« Niemand wußte mehr, wer die Exzellenz war. Aber es bildete sich eine Gasse, durch die hindurch die drei in ruhigere Straßen und zum Hause der verwitweten Frau von Ottersleben gelangen konnten.
Maximilianes Mutter wohnte mit ihrer ältesten Tochter außerhalb der eigentlichen Stadt gegen die Bessunger Kasernen zu. Es waren helle, freundliche Zimmer. Im vordersten stand, im eleganten Zivil, Otto von Ottersleben mit seiner Frau, und schaute tiefsinnig auf den Heereszug hinunter. Die Scheiben klirrten von dem dröhnenden Schritt der Bataillone, die Fensterrahmen zitterten unter dem Gerümpel der Geschützräder -- jetzt setzte die Musik ein -- ein Reitermarsch schmetterte durch Grau und Regen ... lieber Gott ja -- so war man früher auch mit hinausgezogen, hatte sich den Landstraßendreck ins Gesicht spritzen lassen und die Flöhe im Bauernbett gezählt und im Stall drauflos gedonnert, weil der Einjährige Meier die Roßäppel nicht mit seinen eigenen verehrlichen Pfoten zusammenkratzen wollte. Jetzt war man ein freier Mann -- konnte tun und lassen, was man mochte. Besaß sein eigenes Rittergut in der Ostmark. Aber auf Otto von Otterslebens hübschem Gesicht lag ein Schatten, während er sich von den Soldaten unten ab- und den Seinen im Zimmer zuwandte.
Dort hatte Maximiliane inzwischen lachend die Mutter umarmt. Frau von Ottersleben erwiderte ihre Küsse. Dann entschuldigte sie die Älteste: »Ulla kommt gleich! Sie hat eben einen langen Brief gekriegt von ihrem Mann, aus Südamerika.«
»Wie geht's ihm denn?«
»Es scheint ganz gut, Maxe! ... Aber 's ist doch recht traurig! ... Da sitzt die arme Ulla nun hier ... Ich bin ja froh! Ich habe dadurch Gesellschaft! Ihr andern kommt ja doch nur alle Jubeljahre mal! ... Sogar du, Maxe!«
»Ja, eben wegen der Ulla, Mama!« sagte die junge Exzellenz, ernst geworden. »Ich bin ihr doch ein Dorn im Auge!«
»Warum denn nur, Kind?«
»Ich weiß nicht! ... Ich geh' ihr aus dem Weg, wo ich kann. Aber heute ist's mir gleich. Ich muß dabei sein, wenn mein Mann ... o Gott ... was werden die Leute draußen naß!... Er natürlich auch!... Er schont sich ja nie ...«
Schallend dröhnte es unten aus der grauen Flut von Helmen, Gewehrläufen und gerollten Mänteln:
»Der Hauptmann, der führt uns, Er geht uns kühn voran. Wir folgen ihm mutig Auf blutiger Siegesbahn ...«
Und während die eine Kompanie da vorn im Regen verschwand, hallte schon der Chor der nächsten:
»Er führt uns jetzt Zu Kampf und Sieg hinaus, Er führt uns deutsche Brüder Ins Vaterhaus!«
Und der gestrenge Kompaniechef, der in seinem nassen Mantel vor den Seinen ritt, wandte wohlwollend den Kopf im Sattel zurück, zufrieden, daß seine Kerls trotz des Schweinewetters fidel waren, und die jungen Leutnants, die leichtfüßig, mit ihrem kleinen Tornister auf dem Rücken, neben ihren Sektionen schritten, sangen aus Langeweile mit, während es sich weit, weit in der Ferne in tausendstimmigem Chor verlor:
»Und wer den Tod Im heilgen Kriege fand, ja fand, Ruht auch in fremder Erde Im Vaterland! ..«
Dann plötzlich Stille unten. In der Menschenmenge ein beinahe ehrfürchtiges Schweigen. Ein Generalkommando kam vorbei. Vorne der Kommandierende im Auto mit dem Chef und den Herren seines Stabes. Ein hellblauer, blondbärtiger, von Aschaffenburg herübergekommener Bayer ritt nebenbei und stenographierte sich im Gespräch mit einem der Adjutanten im Sattel Notizen in sein Taschenbuch. Dahinter die Ordonnanzoffiziere, die Stabsordonnanzen in schimmerndem Stahlhelm, berittene Burschen mit Handpferden, und weiter, zu Roß und zu Wagen, all das Gefolge: Militärintendanten, Stabsärzte, Kriegsgerichtsräte, Feldgeistlichkeit, Stabsveterinäre, Aktenfuhrwerk, eine Abteilung eines Telegraphenbataillons mit Sack und Pack -- es dauerte lange, bis der Zug des Allgewaltigen vorbei war, und eben sagte Dorle Grotjan, die kleine Hauptmannsfrau, mit einem Anflug von Neid und Bewunderung zu ihrer Schwester: »So weit werdet ihr nun auch bald sein, Maxe!«
»Oder wir gehn in Wiesbaden unterm Regenschirm spazieren!« lachte die junge Exzellenz. »Wir sind auf alles gefaßt!«
Neben ihr versetzte ihr Bruder Otto: »Und ich hab' manchmal umgekehrt förmlich wieder Lust, ein bißchen mitzumachen!«
Durch die Hülle des Millionärs und Dandys hindurch regte sich in ihm beim Anblick des Waffentreibens da unten das kriegerische Blut seines Stammes. Die Tür zum Nebenzimmer ging auf. Ulla von Logow kam herein, den Brief ihres Mannes in der Rechten. Sie ging auf Maxe zu und reichte ihr gleichmütig die Hand in einer Art von geistesabwesender Ruhe, die nichts Feindseliges an sich hatte. Sie erzählte ganz unbefangen von dem, was Erich von Logow ihr schrieb. Jeden Monat einmal kam ein Brief von ihm. Es stand ungefähr immer dasselbe drin, wie heute: Viel Dienst -- viel Ärger -- viel Strapazen -- etwas Erfolg -- annähernd so eben das, was er sich gewünscht und erwartet hatte. Ihr, seiner Frau, schien es mit der Gesundheit besser zu gehen. Sie sah wohler aus, sie war etwas lebhafter als früher und schlug selbst nach Tisch, als der Himmel sich aufzuhellen begann, ihrer Schwester Maximiliane, die sie seit fast einem Jahre, seit ihrer schweren Krankheit, nicht mehr gesehen, einen Spaziergang vor. Es war dabei etwas in ihren dunklen, ruhigen Augen, das hieß: Ich habe mit dir zu sprechen. Die beiden jungen Frauen machten sich fertig und traten vorsichtig, die Röcke zwischen den Regenpfützen raffend, hinaus in das Straßengewühl.
Ringsum war heller Jubel. Ein Lärm wie noch nie. Die einheimischen Truppen marschierten durch, die Regimenter der fünfundzwanzigsten Division, die bisher in Oberhessen im Manöver gewesen. Zwar die Kavalleriebrigade, die russischgrünen Dragoner mit ihren roten und weißen Krägen, war schon längst voraus in der Rheinebene, wo der Vortrab der Reiterschwärme seit dem Morgen mit dem Gegner plänkelte und seinen Vorpostenschleier zu zerreißen suchte, aber die ganze Straße hinunter war alles voll von den Hundertfünfzehnern und ihren weißen Gardelitzen und ihrem klingenden Spiel. Auf Hunderten und aber Hunderten von Helmen schimmerte unter dem hessischen Löwen die Jahreszahl »1621« des zweitältesten Regiments der Armee, das noch den Beginn des Dreißigjährigen Krieges gesehen, die langen Kerle der Leibkompanie grinsten und nickten in die Menschenmauern, Zurufe und Scherze flogen, Gejohle, Mädchengekreisch -- die Babettchen und Sannchen am Küchenfenster winkten ihren Gardisten und Gardefüsilieren zu. Und hinterdrein fluteten die weißen Achselklappen der Gießener, die blauen Mainzer, die gelben Offenbacher -- ferne Musik kündete das Nahen immer neuer Truppenteile -- es hatte den Anschein, als höre das nun überhaupt nicht mehr auf, als würde, so wie ein Strom tagaus tagein durch sein Bett fließt, die deutsche Armee ohne Ende ihre bunten Fluten hier vorüberwälzen. Die beiden, Frau von Glümke und Frau von Logow, hatten eine Weile mit unwillkürlichem Sachverständnis dem Vorbeimarsch zugeschaut. Dann wandten sie sich ruhigeren Gassen zu nach der Altstadt und, an der verlassenen Kaserne des Leibgarderegiments vorbei, durch die Dieburger Straße hinaus ins Freie. Hier war es mit einem Schlag einsam und still: schwach violett, sanftgestreckt, zum Greifen nah, lagen in der klaren Luft die Odenwaldberge. Ein Sergeant in blauer Feldlitewka kam mit einer Meldung von dort, von Osten her, in rasender Eile auf einem knatternden Motorzweirad, heran und flitzte wie ein Schatten vorbei -- dann zwei, drei Militärradfahrer -- Es war hier wie ein Verklingen des großen kriegerischen Schauspiels in der Ferne -- Nun rührte sich wieder nichts. Noch prangte das bunte Laub an den Bäumen und zeigten im Geäst auf den Feldern die Äpfel ihre roten Backen. Aber mehr als ein welkes Blatt kreiste bei jedem Luftzug zu Boden, deckte die Erde, daß man beim Gehen das herbstliche Rauschen unter den Füßen hörte, wie eine Mahnung: die grauen Tage sind nah. In dies leise, müde Knistern klangen jetzt von ferne her dumpfe, hallende Schläge. Sie waren viele Stunden weit entfernt. Man hörte sie nur, wenn gerade der Wind aus Südwesten kam. Dann war es, als grollte dort drüben über der Rheinebene ein Gewitter: die beiden Schwestern waren stehen geblieben und horchten, und Maxe sagte: »... Kanonen! ... Jetzt geraten sie schon ordentlich aneinander ...«
Und dann im Weitergehen: »Möchte nur mein Mann so recht tüchtig nach vorn 'rankommen! ... Unter den Augen von Majestät!«
»Er wird schon!« meinte Ulla phlegmatisch.
»Ja -- wenn alle Leute die Dinge so pomadig ansähen wie du! ... Glück muß der Mensch haben! ... Gottlob ... Olaf hat's eigentlich immer! ... Er ist so veranlagt! ... Er zwingt sich's herbei ...«
Die blasse brünette Frau neben ihr nickte. Sie sagte gepreßt, in einem Ton, der ihre eigene Schicksalslast verriet: »Freilich ... du bist zu beneiden, Maxe ...«
Nach einer Weile setzte sie schleppend und traurig hinzu: »Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast!«