Chapter 19 of 28 · 3963 words · ~20 min read

Part 19

»Herrjeses!« tönte gleich darauf von innen langgezogen die Stimme des Generals von Glümke. Er kam selbst mit ein paar Laufsprüngen auf den Flur, packte den Schwager an den Schultern, rückte ihn ins Licht und blitzte ihn halb lachend, halb zweifelnd aus seinen feurigen blauen, von feinen Krähenfüßen umrahmten Augen ins Gesicht. »Na -- nu hört die Weltgeschichte auf! ... Erich ... bist du das wirklich oder dein Geist? ... Maxe! ... Maxe! ...« Er verstärkte seine stählerne Stimme, als kommandierte er eine Divisionsschwenkung. Es schmetterte durch die ganze weite Wohnung bis in die letzten Ecken. »Maxe! ... Es geschehen Zeichen und Wunder! ... Der Logow hat auf einmal den Weg zu uns gefunden! ... Famos! ... Na ... tritt mal ein! Meine Frau pellt sich offenbar gerade aus ihrer Staatsrobe ... Durchläuchtings waren hier ... eben erst abgegessen und in Gottes Namen expediert ... Wird gleich kommen! ... Setze dich, mein Sohn! ... Rauche!«

In Olaf von Glümkes stürmischem Temperament hafteten Erinnerungen unter dem Einfluß eines neuen Eindrucks nicht lange. Er trug nichts nach. Mochte sich der Schwager damals im Elsaß auch komisch benommen haben, indem er gar nicht zum Vorschein kam -- na -- da saß er nun -- reuig wie der verlorene Sohn -- und es war gut. Und da erschien auch die Maxe! ... Famos ... sie tat auch, als sei nichts geschehen! ... Sie war eben eine Frau, wie man sie sich nur wünschen konnte ... wie die Prinzessin vorher zu ihm gesagt hatte: Auf Ihre Heirat, Herr von Glümke, trifft wirklich das Sprichwort zu: Was lange währt, wird gut! ... Sie lachte und reichte Erich von Logow so unbefangen die Hand, als hätten sie den hereingeschneiten Gast schon lange erwartet. Der selber war der einzige von den dreien, der ernst, fast gedrückt blieb.

»Wie's Ulla geht?« sagte er. »O, danke! ... Ganz gut! ... Es macht sich wenigstens! ... Und wo ich selber herkomm'? ... Aus Berlin! ... Da dacht' ich, ich überspringe hier auf der Rückfahrt einmal einen Zug, um euch zu sehen. Um sechs Uhr siebzehn muß ich weiter ...«

»Du wirst den Abend hübsch bei uns bleiben!« erklärte Olaf von Glümke mit großer Bestimmtheit. »Ich lade noch ein paar Leute ein! Für Damen bist du nicht, du oller Kopfhänger! ... Also ein Männertrunk! ... Aber der gehörig! Still! ... Abgemacht! ... Keine Widerrede! ... Was hast du denn in Berlin vorgehabt? ... Dich mal wieder ein bißchen beim Großen Generalstab in Erinnerung gebracht? ... Sehr recht!«

»Nein. Das hab' ich nicht!«

»Du warst bei keinem von den Herren? ... Auch nicht bei Onkel Bruno? ... Der kennt doch den Königsplatz wie der Fuchs seinen Bau! ... Erich ... nimm mir's nicht übel: du bist verrückt! Glaubst du denn, sie werden dich auf den Händen aus deinem Vogesennest dorthin zurücktragen?«

»Sie haben mich aus dem Generalstab 'rausgesetzt,« sagte Erich von Logow leidenschaftslos und hart. »Aber sie haben recht gehabt.«

Der General von Glümke warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu. Was war nur mit dem Logow los? Freute sich der noch, daß er eigentlich ein wenig Schiffbruch gelitten hatte?

Da fuhr der fort, so unparteiisch, als spräche er nicht von sich, sondern von einem beliebigen Dritten: »Ich bin mit mir ins Gericht gegangen ... Was hilft es, sich Schwachheiten einbilden? Die trüben nur den Blick. Und da hab' ich gefunden: Ja. Ich hab' den Anforderungen nicht entsprochen, die man an mich stellen konnte, und die ich unter anderen Umständen auch erfüllt hätte. Also mußte ich fort und einem Besseren Platz machen. Da bin ich viel zu sehr Soldat, um das nicht einzusehen! Da beklage ich mich mit keinem Wort darüber ...«

»Na -- das macht dir ja alle Ehre ...« meinte der General zweifelnd. Er wußte nicht: sollte er weiter fragen, was das eigentlich für hemmende Einflüsse gewesen? Nee -- lieber nicht! Hand von so Geschichten! Ein Kind konnte sich ja auch sagen, was der einzige und alleinige Grund war: die unglückliche Ehe mit der Ulla, der unseligen Schlafmütze! Herr von Glümke lächelte zufrieden und dankbar: Gottlob! Seine Maxe war anders! ... Die brach nicht ihren Mann! ... Im Gegenteil: die gab einem Halt. Die hob einen. Gab Zuversicht und Lebensfreude! Vorwärts -- nur immer vorwärts! ... Deubel ja ... was machte im Gegensatz dazu der junge Hauptmann vor ihm für ein ernstes und resigniertes Gesicht! Klug wurde man aus ihm nicht ...

Der Divisionsadjutant hatte sich melden lassen. Olaf von Glümke stellte die Herren einander vor und erhob sich.

»Du mußt mich eine Stunde entschuldigen, Erich! Hier der Major Gutgesell, mein chronischer Tyrann, mahnt an die Pflicht. Wir haben ein paar Herren aus Berlin und vom Generalkommando hier. Besprechung wegen der Kaisermanöver. Du weißt, sie werden dies Jahr besonders großartig. Eine ganze Armeeabteilung operiert zwischen Neckar und Main. Alles, was in Südwestdeutschland Beine hat, kommt mit. Ihr Elsässer auch. Und wir natürlich erst recht! ... Na ... ich werde sehen, daß ich es möglichst kurz mache! ... Maxe leistet dir unterdessen Gesellschaft! ... Schau zu, Schatz, daß er bei uns ein bißchen fideler wird ... auf Wiedersehen!«

Er eilte elastisch hinaus. Die beiden hörten, wie er im Flur seinen Generalstabshauptmann begrüßte: »Tag, mein Teuerster! ... Haben Sie den ganzen Schwamm beisammen in Ihrer Mappe? Schön! ... Dann man dalli! ...« Das Sporenklirren verlor sich gegen die Treppe hin. Maximiliane drückte in dem Schweigen, das zwischen ihr und Logow eingetreten war, auf den Knopf der elektrischen Klingel und beorderte den eintretenden Diener.

»Ich bin jetzt nicht zu Hause!«

Dann wandte sie sich an ihren Gast: »Sonst werden wir nämlich alle Fingerlang gestört. Das geht hier zu wie in einem Taubenschlag!«

Sie fühlte, daß Erich von Logow einen besonderen Grund haben müsse, um so plötzlich bei ihnen zu erscheinen. Aus seinem Gesicht ließ sich nichts erraten. Das war wie gewöhnlich, undurchdringlich in seinem harten Ernst. Und auch, was er sprach, waren zunächst keine großen Neuigkeiten. Er erzählte, daß er in Darmstadt gewesen und die verwitwete Frau von Ottersleben besucht hatte.

»Mama freut sich schon sehr auf dich! Sie sagt, du kämst im Herbst während des Manövers zu ihr ...«

»Ja. Es gibt ja einen Riesenrummel! ... In Darmstadt noch nicht so sehr. Der Kaiser wohnt in Mainz und dann in Frankfurt. Wo mein Mann mit seiner Division hingerät, wissen wir nicht! ... Es wird alles ganz kriegsmäßig. Es entscheidet sich immer nur von einem Tag zum anderen. Aber jedenfalls bin ich dann in seiner Nähe ...«

Der Hauptmann von Logow nickte zerstreut.

»Bei meiner Schwester in Kassel war ich auch!« versetzte er. »Deinen Bruder Otto hab' ich zufällig in Berlin auf der Straße getroffen. Schon als angehenden Agrarier. Er will jetzt im Frühjahr ernstlich auf die Gütersuche.«

»Da hast du ja die reinste Vetternreise im Lande gemacht?«

»Gott ... ich hab' eben überall Abschied genommen!«

Seine Stimme klang gleichgültig. Er wollte nach seiner Art um keinen Preis, auch nicht mit dem Zucken der Wimper, irgendeine Erregung zeigen. Maximiliane von Glümke zog erstaunt die blonden Brauen hoch.

»Abschied?«

Und nun sagte er, immer in derselben fast geringschätzigen Ruhe: »Deswegen war ich in Berlin. Die Geschichte ist von langer Hand vorbereitet und hat sich nun ganz plötzlich entschieden. Unter den Militärinstruktoren, die wir nach Chile geschickt haben, ist eine Stelle frei geworden. Die Wahl ist auf mich gefallen. Ich hab' mich schon dem chilenischen Gesandten in Berlin vorgestellt. Die Sache selbst geht telegraphisch durch das Auswärtige Amt und das Militärkabinett. Ich muß sofort hinaus. Heute über acht Tage schwimm' ich schon!«

Er sprach von der Fahrt über das Weltmeer so gelassen und obenhin, wie sie vorher von ihrer Spritztour als Manöverwitwe in die Rheinebene. Eine Sekunde war tiefe Stille zwischen ihnen. Dann frug die junge Frau mit leise zitternder Stimme: »Wie lange bleibst du denn da draußen?«

»Vorläufig drei Jahre! Es kann aber nach deren Ablauf auch verlängert werden. Gefällt's mir da drüben -- finde ich den Wirkungskreis, den ich suche, so bleib' ich vielleicht dauernd dort und komme wenigstens endlich zur Ruhe!«

Er wurde lebhafter. Er hob den energischen dunkeln Kopf.

»Hier hab' ich die Ruhe nicht, Maxe, und werde sie nie haben! ... Der Karren ist nun einmal verfahren ... Ich fühl' es zu deutlich ... Gründlich verfahren ... Nach jeder Richtung. Ich hab' früher gedacht, es müsse, wenn ein Mensch nur ordentlich wollte, ihm alles im Leben nach Wunsch gehen! ... Jetzt hab' ich erkannt: das hängt alles von Dingen ab, über die wir zum guten Teil gar keine Macht haben ... Von Entschlüssen, die wir plötzlich fassen und hinterher gar nicht mehr verstehen ... Von Stimmungen ... die schwinden ... Aber ihre Wirkung bleibt ... es ist eine Macht über einem ... na ... kurz ... ich bin bescheiden geworden, Maxe ... Ich will mich gerade nur noch bei den Chilenen nützlich machen ..., weil es hier bei den Preußen nicht mehr recht geht ...«

Die Unruhe übermannte ihn. Er stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder.

»Wenn einer von Haus aus ein Esel ist,« sagte er, »und hat nichts dazu gelernt -- na gut -- verbraucht muß der Kerl werden -- er verschwindet eben schließlich geräuschlos in der Versenkung. Aber denk nur, was man von mir erwartet hat! Und mit Recht. Ich kann es leisten. Ich könnte es jetzt noch ... Ohne die Bleigewichte, die an einem hängen ... Ach ... das drückt einen nieder, das macht alles Mühen vergeblich ... Ich muß heraus aus allem ... ich muß fort ...«

»Ja, und was sagt denn Ulla dazu?«

»Ulla ...«

Er zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Er wurde mit einem Schlage müde.

»Ulla weiß noch von gar nichts!« versetzte er. »Heute nacht bin ich daheim. Morgen vormittag sage ich es ihr ...«

»Später als mir und den anderen?«

»Ja, es ist vielleicht nicht recht von mir! ... Aber es ist der Instinkt der Selbsterhaltung. Einmal wenigstens im Leben wollte ich mir die Kraft zum Handeln nicht durch ihre Mattigkeit und ihre Teilnahmlosigkeit lähmen lassen ...«

»Du mußt denken, sie ist krank ... oder wenigstens nie ganz gesund, Erich!«

Er überhörte es. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sie hätte es schon lange merken können -- wenn sie eben nicht sie wäre! Schau mal: du warst im vorigen November noch nicht zwei Stunden bei uns im Haus, da frugst du mich: ›Was sollen denn die spanischen Vokabeln auf deinem Schreibtisch?‹ Ulla sieht sie seit Jahr und Tag daliegen! ... Glaubst du, das wäre ihr je aufgefallen? Sie hätte sich je mit einer Silbe erkundigt, wozu ich die brauche? ... Es ist ihr total gleichgültig! Alles ist ihr gleichgültig ... Nee ... Maxe ... Ich kann nicht mehr ... Ich ersticke einfach ... Ich muß ein Ende machen ...«

»Und was wird aus ihr?«

»Deswegen war ich ja bei deiner Mutter in Darmstadt. Mama wohnt da sehr nett -- im Grünen, wie eigentlich die ganze Stadt liegt -- gegen die Rosenhöhe hin ... in einer Villa ... Ulla ist bei ihr sehr gut aufgehoben. Beide sind dann nicht mehr allein ...«

Er lachte kurz und gezwungen.

»Ich weiß wohl, was du denkst, Maxe: Man schiebt nicht seine Frau so in einen Winkel und geht heidi über alle Berge. Ja -- wenn es bei mir Leichtsinn wäre oder Abenteurerlust -- aber es ist Notwehr ... blanke Notwehr ...«

»Ich sorge ja für sie, so gut ich kann!« setzte er halblaut hinzu, sich wie hilfesuchend gegen die junge Generalin vorbeugend. »Ich lasse ihr selbstverständlich die Zinsen meines ganzen Vermögens. Ich schicke ihr regelmäßig meinen Gehaltsüberschuß aus Chile herüber. Ich habe mir eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten erwirkt. Was auch kommt, sie ist reichlich vor jeder materiellen Sorge geschützt. Sie hat ihre Mutter um sich, ihren Verkehr. Sie findet sich ja nach ihrer passiven Art in alles. Sie wird sich dort viel wohler fühlen als jetzt, wo wir uns direkt aneinander aufreiben. Und ich bin frei! ... Frei ... Ich kann dir nicht sagen, Maxe, was für eine Erlösung in dem Wort für mich liegt!«

»... Du denkst eben nur an dich ...«

»... Wenn ich's tue, geschieht es nur, weil man noch von mir etwas verlangt ... Weil ich selber die Verpflichtung in mir fühle, noch etwas zu leisten! Herrgott ... ich bin doch eben erst über die Mitte der Dreißig! Das Leben ist doch noch so lang. Ich will es mir doch nicht ganz zwischen den Fingern klein krümeln lassen. Aber deswegen muß ich einen Strich unter alles machen! ... Unter alles ... unter alles!«

Es klopfte. Der Diener trat ein. Maximiliane furchte die Stirne.

»Ich hab' doch befohlen, nicht zu stören!«

»Verzeihen Exzellenz! Es ist eine Nachricht von Exzellenz!«

Sie nickte, entließ den Mann und überflog das Blatt.

»Mein Mann wird länger aufgehalten, als er dachte. Er schreibt: ›Halt mir ja den Erich bis zum Abend fest, da wir ihn einmal haben, damit er uns nicht entwischt!‹«

Sie zerriß den Zettel, warf ihn in den Papierkorb und sagte ernst: »Wenn du meine Meinung hören willst -- die darf ich doch aussprechen, nachdem du mir das alles erzählt hast -- du hast kein Recht, deine Frau zu verlassen! Ob deine Ehe glücklich oder unglücklich ist -- ob Ulla gesund ist oder krank -- es ist deine Frau! Du hast ihr vor dem Altar die Lebensgemeinschaft zugeschworen, und sie hat dir geschworen, dir zu folgen. Wenn du sie mit hinübernähmst, das wäre etwas anderes ...«

»Nein ... um Gottes willen ...«

»Aber sich einfach von ihr loszusagen, weil nicht alles so gekommen ist, wie man dachte ... ja ... das muß man eben tragen, Erich ... ich bin doch auch damit fertig geworden ... Und du bist ein Mann ... Gehört sich's denn für einen Mann, vor dem Schicksal zu fliehen und gerade, wenn dies Schicksal seine eigene Frau heißt? Gesteh es dir einmal selber ... Kannst. du das verantworten?«

Der Hauptmann von Logow stand auf und griff, um sich zu verabschieden, nach seinen Handschuhen, die neben ihm auf dem Stuhl lagen. Plötzlich kam ein unterdrücktes, leidenschaftliches Beben in seine Sprache.

»Ich hab' mir schon mehr gestanden, als ich dir gesagt hab', Maxe! ... Und ich darf dir auch nicht mehr sagen. Denke dir den Rest. Ich geh' jetzt. Ich kann nicht warten, bis dein Mann zurückkommt! Grüß ihn, bitte, von mir und entschuldige mich bei ihm! ... Wir sehen uns jetzt in diesem Augenblick zum letztenmal, Maxe, auf lange, lange Zeit. Vielleicht für immer. Wer kann's wissen? Und da, zwischen Tür und Angel, darf ich's doch sagen: du hast ganz recht! Mit dem Schicksal, das meine Frau mir bereitet, wär' ich schließlich irgendwie fertig geworden! Das hätt' ich getragen und mir gesagt: Man ist nicht zum Vergnügen auf der Welt! ... Aber was ich nicht ertragen kann, was mich verzehrt, was mir das Hierbleiben unmöglich macht -- das ist der Gedanke an dich ... das bist du ... das ist deine Nähe ...«

Er legte die Hand auf die Klinke. Er stand schon halb in der Tür.

»Du, Maxe, treibst mich übers Meer! ... Gott helfe mir: ich kann wirklich nicht mehr anders! Ich muß. Laß es dir gut gehen! Bleib so glücklich, wie du bist! Ich bin froh, daß du wenigstens nicht in die Irre gegangen bist! Leb wohl!« --

Es war am anderen Mittag, drunten im Elsaß. In der kleinen Garnison. Frühlingsblau lugte der Himmel durch die weißen Fenstervorhänge, maigrün der Wasgenwald, ein schräger Sonnenstreif ließ die Stäubchen in der Luft flimmern und vergoldete das Gelb des Kanarienvogels im Käfig. Der schmetterte drauflos. Sonst war kein Laut im Hause. Ulla von Logow saß am Fenster und stickte. Draußen klirrte ein Säbel. Sie wunderte sich, daß ihr Mann so früh vom Dienst zurückkam. Eigentlich wollte sie ihn, als er eintrat, danach fragen. Aber schließlich war es ja gleich. Sie senkte das dunkle Haupt wieder über die Handarbeit. Er sah ihr gleichgültiges, klassisch-lebloses Profil. Er ging ein paarmal unruhig und unschlüssig im Zimmer auf und ab, ohne daß sie irgendwie darauf achtete, und frug dann, stehen bleibend: »Sind Briefe für mich gekommen?«

»Ich weiß nicht.«

Er zuckte die Achseln und trat nebenan an seinen Schreibtisch. Da lag ein ganzer Stoß -- wohl zehnmal so viel als sonst -- eine Depesche aus Berlin -- ein Schreiben mit dem Aufdruck der chilenischen Gesandtschaft, Drucksachen von Firmen, Kataloge von Ausrüstungsgegenständen -- seine Frau hatte wieder gar nicht beachtet, was der Bursche, wahrscheinlich vor ihren Augen, dahin gelegt. Sie träumte wirklich nur noch ihr Sein. Er seufzte. Dann kehrte er entschlossen zu ihr in das Wohnzimmer zurück. Die Sonne umgab ihr Haupt mit einem goldenen Strahlenschein. Es war schön wie immer. Aber ihm, vor dessen Augen noch Maxes blühendes blondes Leben stand, schien es älter geworden, wie von herbstlichen Schatten übertönt, krankhaft in seiner Blässe. Er räusperte sich.

»Da draußen exerzieren sie noch, Ulla!« sagte er. Und wies in der Richtung nach dem Exerzierplatz.

»So?«

»Aber ich bin vor der Zeit weg. Ich hab' meine Kompanie abgegeben. Ich bin beurlaubt.«

»Schon wieder?«

Er unterdrückte einen Verzweiflungsanfall angesichts ihrer Stumpfheit.

»Ja ... schon wieder ...,« versetzte er. »Und diesmal auf längere Zeit. Auf drei Jahre.«

Das fiel selbst seiner Frau auf. Sie hob die schwarzen mandelförmigen Augen und sah ihn fragend an.

Er fuhr fort: »Und diese Zeit verbringe ich nicht hier und nicht bei dir. Erschrick nicht, Ulla! Wir müssen nun einmal offen miteinander reden und ruhig und herzlich ... Komm ... Gib mir einmal deine beiden Hände ... So ...«

Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt und sah ihr ernst in das unbewegte Gesicht.

»Wir müssen uns wie zwei Kameraden betrachten, Ulla, denen es bisher leider Gottes auf ihrer Lebensreise zusammen nicht recht gut gegangen ist. Daraus soll keiner dem anderen einen Vorwurf machen. Es kommt alles, wie es muß. Die Reue hinterher ändert nichts. Sicher ist nur: das Glück hat in unserem Hause nicht gewohnt. Du bist kränklich, meine Karriere ist entzwei, unser Kind haben wir begraben, wir beide verstehen uns nicht und finden keinen Trost ineinander ... So geht das nicht weiter. Man sagt immer: Das Allheilmittel ist die Zeit! ... Ich glaube, das sollten auch wir zwei miteinander versuchen.«

»Du willst weg?« frug sie langsam, wie aus einem Traum erwachend.

»Ich will auf drei Jahre als Instruktor in chilenische Dienste, Ulla! ... Bitte ... höre mich an ... Das soll der Prüfstein sein! Besonders für mich. Vielleicht bin ich allein an allem schuld. Vielleicht weiß ich dich nicht recht zu nehmen. Vielleicht läutert mich das Leben draußen, und ich kehre als ein anderer Mensch zurück, und wir werden doch noch glücklich miteinander. Ich will es am heiligsten Eifer nicht fehlen lassen. Ich habe den besten Willen. Nur Zeit mußt du mir lassen, Ulla! Geduld mußt du haben! ... Und auch selber ein bißchen tapfer sein und die Prüfungszeit überwinden ...«

»Wo denn?«

Er beachtete ihre Frage nicht. Er hielt immer noch ihre wächsernen Hände in den seinen und sprach einfach und eindringlich und herzlich.

»Wir wollen uns recht oft schreiben, Ulla!... Vielleicht klärt das manches in uns -- bringt uns aus der Ferne einander näher. Und wir wollen recht oft aneinander denken ... Und nicht mit Bitterkeit und nicht mit Trotz ... Sondern wir wollen in unseren Gedanken einander verzeihen und Mitleid miteinander haben -- wir sind doch alle arme, schwache, sündige Menschen -- und aus dem Mitleid heraus ein wenig Hoffnung -- ein wenig Liebe! ... Die wollen wir hegen und pflegen! ... Wir wollen das alles groß auffassen ... als ein schweres Schicksal, in dem man sich aber über sich erhebt -- nichts Alltägliches dazwischen -- nichts Niedriges ... Nicht wahr, Ulla -- du versprichst mir, daß du das auch so auffaßt?«

»Wo?«

Er schüttelte den Kopf zu ihrer beharrlichen Frage.

»Das ist ja gleich, wo jeder von uns wieder mit sich ins reine und innerlich mit dem anderen zurechtzukommen sucht. Das steht bei dir! Am besten wohl in Darmstadt bei deiner Mutter ...«

Er kam nicht weiter. Ulla entwand sich seinen Händen. Sie sprang empor und er erschrocken mit ihr. Sie lachte auf. Sie warf den Kopf zurück. Sie war ganz verändert.

»So mußte es kommen!« sagte sie mit funkelnden Augen. »Ich hab's ja gewußt ... das ist das Ende ... Das ist das letzte, was du mir noch antun konntest ...«

»Was hab' ich dir denn getan?«

Sie fuhr auf ihn los. Sie keuchte ihm ins Gesicht.

»... das ist der Schluß ... man wird einfach bei der Mutter abgestellt wie ein alter Koffer ... da kann man verschimmeln ... Und du amüsierst dich irgendwo da draußen ... Dort braucht ja niemand zu wissen, daß du eine Frau in Deutschland hast ... Deswegen hab' ich dich wohl geheiratet, he? ... Ich möchte wohl wissen, weswegen ich dich geheiratet hab'! Es war so dumm von mir ... So dumm! ... Aus Liebe nicht! ... Das bilde dir nicht ein ...«

»Sei still, Ulla!«

»... sondern ich hab's mir damals lange überlegt ... sogar mit der Maxe zusammen ... dem blonden Schaf ... und hab' mir gesagt: der bringt mich wenigstens unter die Menschen, ins Leben hinaus ... ich bin doch schön! Da soll man's auch sehen! Jawohl ... wie die Eulen haben wir gelebt in Berlin ... Kein Mensch bei uns als die Maxe ...«

»Hör endlich mit der Maxe auf!«

»... dann hierher ... in dies Jammernest ... weil du die Maxe im Kopfe hattest und nicht deinen Dienst ... Das mußt' ~ich~ büßen ... und wieder als Besuch die Maxe, bis ich sie aus dem Haus geschickt hab' ...«

»Laß das jetzt ...«

»Und nun, zu guter Letzt völlig in die Rumpelkammer ... Zu Mama nach Darmstadt ... Und du fährst mit deiner geliebten Maxe im Herzen nach Afrika oder Asien übers Meer ...«

»Hör auf! Rühre mir nicht daran! Oder 's gibt ein Unglück!«

»Und sie rauscht in Darmstadt bei uns herein -- großartig ... als Exzellenz ... zwanzig Menschen hinter ihr ... und du bist der Dumme ... Und ich bin die Dumme ... Und sitze als elende Strohwitwe daneben und werd' noch ausgelacht hinter meinem Rücken, daß mein Mann mir ausgekniffen ist ... Großer Gott ... Wodurch hab' ich das nur verdient? Warum geht's nur der Maxe so gut? Und warum müssen wir beide ewig für sie leiden? ... Ich bin immer der Sündenbock ... Und hab' doch niemandem was getan!«

Ihre Aufwallung war verflogen. Die Tränen kamen wie der Platzregen nach Blitz und Donner. Sie warf sich auf den nächsten Stuhl. Ein Weinkrampf schüttelte sie. Ihr wildes Schluchzen übertönte das unbekümmerte Schmettern des Kanarienvogels. Sie stampfte mit den Füßen auf die Erde. Sie stieß ihren Mann, der sich über sie beugte, mit dem Ellbogen zurück.

»Laß mich!« murmelte sie zwischen den Zähnen und verstärkte ihre Tränen. Es waren seltsame, kindische, ihr sonst ganz fremde Klagelaute, die sich ihren Lippen entrangen. Sie preßte beide Hände an die Ohren, um Erich von Logows Worte nicht zu hören. Sie machte die Augen zu, um ihn nicht sehen zu müssen. Endlich hörte sie auf zu weinen. Sie war erschöpft. Sie wurde ruhiger. Er hatte solange gewartet und in düsteren Gedanken dagestanden. Nun hob er den Kopf und sagte: »Es tut mir leid, daß ich dir solchen Schmerz zufügen muß. Ich habe nicht gedacht, daß es dich so treffen würde ...«

Sie lachte wieder, mit nassen Wangen und feuchten Augen.

»Das glaub' ich! Wann denkst du denn je an mich? Du denkst ja nur an die Maxe ... An die denkst du bei Tag und Nacht ... Wo du gehst und stehst ... Meinst du, ich wüßte das nicht? Da müßtest du dich besser verstellen können ...«

»Ulla ... laß endlich den Namen ... hab' doch ein bißchen Erbarmen mit dir und mir ...«

»Und dann wirfst du mir vor, ich zerstörte unsere Ehe! ... Haha! ... Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre ...«