Chapter 25 of 28 · 3888 words · ~19 min read

Part 25

Er trat mit ihr in den Nebenraum, in dem der Geburtstagstisch stand. Außer ihnen war niemand im Zimmer. Vor dem Kuchen mit den Lebenslichtern blieb er stehen. Aber er achtete nicht auf den bunten Tand von Rosen, Handarbeiten, Fruchtkörbchen, Büchern, der ihn umrahmte. Er legte einen Busch weißer Lilien, den er bisher, ohne daran zu denken, in der Linken gehalten, achtlos zu den übrigen Blumen, und schaute Maximiliane an. In diesem Augenblick sahen sie sich erst wirklich wieder. Beide wurden blaß und ernst.

»Setz dich doch endlich!« sagte sie.

Er nahm auf dem Sofa Platz. Sie neben ihm. Die Tür zu dem anstoßenden Gemach stand offen. Dort hatte man sich um Otto gedrängt, der seinen Zwist mit dem Schwiegervater dem Familienrat unterbreitete. Die hier innen hörten, wie die kleine Frau Adda leidenschaftlich ausrief: »Ich geh' mit meinem Mann durch dick und dünn! ... Da werden wir eben in Gottes Namen Artilleristen!... Ich verkauf' meinen Schmuck. Das Auto auch. Papa soll nur sehen!«

Und sie mußten, trotz der zitternden Spannung zwischen ihnen, lächeln, und Erich von Logow sagte: »Ich wär' froh für deinen Bruder, wenn ich ihn wieder in Uniform sähe. Das Nichtstun taugt den Teufel was! ... Man muß sich Aufgaben stellen -- so schwer wie möglich -- und sie zu lösen suchen! Was darin für ein Segen liegt, das hab' ich in den drei Jahren erkannt ... Ich hab' allen Grund, mit der Zeit da drüben zufrieden zu sein ... Wie ich neulich so frühmorgens zum erstenmal nach drei Jahren die europäische Küste wiedergesehen hab', da hab' ich gar nicht begriffen, daß das noch derselbe Kerl sein sollte, der damals so verzweifelt ins Aschgraue hinübergefahren ist! Jetzt hab' ich, gottlob, meine alte Spannkraft wieder!«

»Bewahr sie dir nur, Erich!« versetzte sie leise mit einem kaum merklichen Zucken um die Lippen. »Bewahr sie dir ja!«

Sein Antlitz hatte sich plötzlich verdüstert.

»Ja ... und nun sieh mal, wie das geht: Ulla hatte mir versprochen, mich in Hamburg zu erwarten. Sie ist auch rechtzeitig aus dem Süden dorthin gereist ...«

»Ja. Mama hat es mir geschrieben.«

»Nun stand ich, wie das Schiff im Hafen festmachte, ganz vorne -- unten auf dem Kai alles schwarz von Menschen -- und hab' mir die Augen ausgeschaut. Umsonst! Im Hotel hab' ich Ulla dann getroffen. Im Bett. Wieder krank! Der rasche Klimawechsel war ihr zu viel gewesen!«

»Ach, du Armer ...«

»Da war man so grade im Mai wieder daheim in Deutschland -- bei blauem Himmel -- ganz geladen mit gutem Willen und Hoffnungen auf die Zukunft ... Und gleich die erste Nacht mußte ich im Hotel wach sitzen und Ulla pflegen, bis ich sie wieder nach Berlin bringen konnte. Ja -- da spürte man wieder die alte Kugel am Bein ...«

»Du mußt Geduld haben, Erich!«

»Wenn sie's nur mit mir haben! Schau: jetzt haben sie's noch einmal mit mir versucht. Ich bin wieder im Generalstab. Ich hab' noch einmal die Klinke zur großen Karriere in der Hand. Versag' ich diesmal, ja, dann sagen sie sich: ›Der Mann hat zu viel anderes im Kopf! Für den ist das zu schwer!‹ Und stecken mich einfach in die Front. Da kann ich dann mein Bataillon drillen und sachte meinen Abschied nehmen und grau und alt werden an Ullas Krankenbett ...«

Plötzlich wurde er leidenschaftlich.

»Und was das Schrecklichste ist, Maxe: Sie verzehrt sich auf ihrem Krankenbett auch noch vor Eifersucht! ... Vor grundloser, sinnloser Eifersucht! Denn wir beide, du und ich, haben uns doch seit Jahren nicht mehr gesehen und keine Zeile miteinander gewechselt! Das hab' ich ihr geschworen, und sie glaubt es mir auch. Aber es ist ihr nicht genug. Sie will bis in meine Gedanken eindringen. Ich soll ihr eigen sein mit Herz und Seele! ... Sie quält sich und mich bis aufs Blut. Und macht uns beide krank und elend! ... Das ist der Grund, warum du mich heute zum erstenmal siehst! ... Einmal mußte ich ja schließlich kommen!«

Er reckte sich in den Schultern und hob den dunklen energischen Kopf.

»Eine Zeitlang geht's ja! Da hält der Kraftvorrat vor, den ich heimgebracht hab'! ... Aber schließlich höhlt es einen aus, Tropfen um Tropfen, man wird mürbe. Man sieht's kommen! Ich weiß nicht, warum ich dich auch noch damit quäle! ... Du kannst doch nicht helfen. Aber dir muß ich das alles sagen! Du bist ja das alles!«

»Schweig!« versetzte sie hastig, hart und leise. Von nebenan näherten sich Stimmen. Otto von Ottersleben und seine Frau traten über die Schwelle. Er schwenkte die Rangliste, in der er schon nach für ihn passenden, billigen Artillerieregimentern gesucht hatte.

»Na, adieu, Schwesterchen!« sagte er aufgeregt und erhitzt von dem großen Entschluß, mit dem er kämpfte. »Und vergiß in Zukunft deine darbenden Verwandten da unten bei den Kassuben oder Masuren nicht! Wir gehen jetzt dem Hungertuch entgegen! Der olle Bräsig hat ganz recht: Die Armut kommt von der Poverteh! Macht nischt! Auch recht! Mal was Neues im Leben!«

»Also willst du wirklich wieder eintreten!«

»Nu grade! Und wenn der Schwiegerpapa zehnmal vor Schreck vom Stengel fällt!« Der hübsche junge Mensch stand lässig und trotzig lächelnd vor seinem auf dem Sofa sitzenden Schwager, schaute auf dessen Achselstücke hinunter und machte plötzlich große Augen. »Du, Mensch ... seh' ich denn recht? ... Du trägst ja die dicken Epauletten ...«

»Ja. Seit vorgestern bin ich Major!«

Major! Ein Aufschrei ging durch das ganze Zimmer. Otto von Ottersleben legte dem andern beinahe feierlich die Hand auf die Schultern.

»Herrschaften: er ist doch offenbar ein Kirchenlicht vor dem Herrn! Man sieht's ihm nicht an, aber in der großen Bude müssen sie's ja wissen! Wieviel Vorderleute hast du denn diesmal übersprungen?«

»Ein paar Hundert!«

»Na, Gott segne deine Studia!« sagte der Oberleutnant der Reserve von Ottersleben in stiller Wehmut, beim Gedanken an seine eigene rückständige Laufbahn.

Die übrigen drängten sich um den neuen Major. Es war ein Händegeschüttel und Glückwünschen. Alles machte frohe Gesichter. Erich von Logow lachte mit. Er war aufgestanden. Seine Augen blitzten. Unruhig spielte der Ehrgeiz über seine energischen Züge. Sein häusliches Elend war vergessen. Er war in dieser Minute ganz Offizier. Ganz Wille und Selbstbewußtsein. So blieb er, während sich allmählich der Schwarm der Besucher verlor. Nun gingen endlich die letzten. Er fand sich mit Maximiliane allein. Die sinkende Sonne schien schrägen Strahls durch die offenen Fenster. Draußen verblaßte der blaue Sonnenhimmel über den Dächern und Telephondrähten Berlins. Sie standen nebeneinander auf dem Balkon und schauten hinaus in diese steinerne Weite, in der zu Hunderttausenden und Millionen die Menschen gleich ihnen lebten und ihr Leid trugen. Um sie grünten und blühten auf dem schmalen Sims umher die Blumen. Ein süßer, schmeichelnder Duft stieg von ihnen auf, umwehte sie in dem lauen Abendwind. Maximiliane hätte gewünscht, daß ihr Gast sie jetzt verlassen möge. Aber sie wagte es ihm nicht zu sagen. Es schien ihr wie ein Eingeständnis von Schwäche. Die durfte er bei ihr vor allem nicht sehen. Sie wollte von etwas Gleichgültigem zu reden anfangen, da drehte er den Kopf zu ihr und sagte rasch: »Verzeih ... ich hab' vorhin immer nur von mir gesprochen ... das kommt davon, wenn man sich so in sein Schicksal verbockt und verbiestert! Man kommt davon nicht los!«

»Sprich mir nur von Ulla, wenn es dir das Herz leichter macht!«

Er schüttelte das Haupt, als wollte er sagen: Es hilft ja doch nichts! Dann frug er, nach einer Weile, vor sich hin: »Nun bist du schon lange Witwe, Maxe ...«

»Bald werden's drei Jahre!«

Sie verstummten wieder. Endlich versetzte er: »Denke dir: ich hab' es erst beinahe nach einem halben Jahr erfahren: so tief im Innern war ich damals in Chile. Seitdem hab' ich so oft an dich denken müssen ...«

Er brach ab und fügte dann hinzu: »Das heißt: vorher ebenso oft!«

Sie machte eine Bewegung, vom Balkon zurückzutreten. Er verstand sie. Er murmelte: »Ja, ja ... ich bin schon still ...«

Wieder war um sie nur das Fächeln des Windes, von der Straße her das unbestimmte Brausen Berlins. Dann forschte er trocken, anscheinend wieder völlig Herr seiner selbst:

»Wie lebst du nun denn so eigentlich, Maxe?«

»Du siehst's ja, Erich! Ich kann nicht klagen!«

»Also bist du zufrieden?«

Sie zeigte ihm ein ruhig lächelndes Gesicht.

»Es ist mir ja noch manches geblieben nach dem Schicksalsschlag! Vor allem die Erinnerung an einen Menschen, der's so gut mit mir gemeint hat und mich so geliebt hat wie gewiß keiner wieder auf der Welt. Ich bin viel durch ihn geworden, -- glaub mir! Das wirkt jetzt noch nach. Das hat mir die Kraft zum weiteren Leben gegeben. Ich hab' die Trümmer gesammelt. Es ist doch hier ganz nett um mich -- nicht?«

Er nickte.

»O gewiß,« meinte er. »So für die erste Zeit ... bis das Schwerste überwunden ist ... Aber dann ...«

»... aber dann?«

»Du kannst doch nicht immer so weiterleben ... Das kann dir doch nicht genügen!«

Ihre Stirn blieb heiter, ihre Augen klar.

»Was soll denn noch Großes kommen? Ich erwarte mir nichts mehr.«

»So? Nun -- das freut mich!«

Er sprach es bitter und wandte sich ab. So setzte er hinzu, während es düster unter seinem Schnurrbart zuckte: »Aber ich glaub' es nicht, Maxe!«

Maximiliane von Glümke lächelte wieder.

»Glaub ruhig daran, was du von mir siehst und hörst! Woher willst du denn sonst etwas wissen? Und nun wird's Zeit. Geh heim zu Ulla und grüße sie schön von mir!«

Er erwiderte nichts.

»Und richt ihr aus, ich käme morgen nach ihr schauen und wünschte gute Besserung. Adieu jetzt, Erich! Sie wartet gewiß schon auf dich!«

»Ich geh' ja schon ...«

Erich von Logow sprach es finster und zerstreut, ohne sich von seinem Platz zu rühren. Endlich trat er vom Balkon in das schon halb dämmerige Zimmer zurück. Da blieb er wieder stehen. Sein Auge irrte ziellos durch den kleinen, von Blumenduft und Geburtstagsschmuck erfüllten Raum. Es schien, als suche er nach einem Anlaß, noch länger zu verweilen. Die junge Exzellenz stand vor ihm und wartete, daß er sich verabschieden würde. Plötzlich seufzte er schwer auf.

»Wenn man so denkt, Maxe .... ein einziger Fehltritt im Leben ... oder vielmehr eine wahnsinnige Blindheit in der entscheidenden Stunde ... Und nun bis an sein seliges Ende darunter leiden zu müssen ... jahraus ... jahrein ..., wo man alles so viel besser und schöner hätte haben können ...«

»Gute Nacht, Erich!«

»... siehst du ... wenn ich darüber nachdenke, dann verlier' ich wieder allen Mut, alle Kraft ... Es ist gräßlich ... Es erscheint einem alles so unnütz, was man tut und soll ... fremde Pflichten von außen, wo man mit sich selber nicht fertig wird! ... Sei du froh, Maxe, und danke deinem Schöpfer, daß du dies Kunststück fertig bringst ...«

»Gott sei Dank hab' ich meine Ruhe gefunden!«

Er schaute sie wieder wie vorhin zweifelnd an.

»Eigentlich sieht dir's gar nicht ähnlich! Du warst doch früher so wie ich: Alles oder nichts! Freilich, das Leben nimmt einen hart in die Lehre. Man wird bescheiden. Oder sollte es wenigstens endlich sein ... Also adieu, Maxe!«

Die Generalin von Glümke wollte klingeln, um das Mädchen draußen zu benachrichtigen, daß der letzte Besucher ginge. Da trat diese eben über die Schwelle. Sie brachte einen Brief. Maximiliane öffnete ihn und sagte, während jene sich zurückzog: »Von der Dorle! Die Grotjans lassen dich auch schön grüßen, Erich, und dir zum Major Glück wünschen. Sieh mal an: da wußten die das schon in Thorn!«

»Das ist ja kaum möglich!«

»Doch: da steht's!«

Sie zeigte ihm mit dem Finger die Stelle. Er blickte über die Schulter und versetzte plötzlich: »Was ist denn da für eine Nachschrift?«

»Wo?«

»Da am Rand ...«

Er las rasch, halblaut, die paar Zeilen vor: »Was machen denn deine Diakonissenpläne? Denkst du wirklich noch daran, der Welt zu entsagen? Hoffentlich nicht! Nochmals tausend Grüße! Dein getreues Dorle.«

Die junge Frau ballte hastig den Brief zusammen, als wollte sie ihn verstecken. Eine flüchtige Röte schoß über ihre Wangen. Erich von Logow blieb eine Zeitlang stumm. Endlich frug er mit trockener Kehle: »Was heißt denn das, du willst Diakonissin werden?«

»Nein, Johanniterschwester!«

»Das ist doch dasselbe!«

»Ungefähr ja.«

»Ich denke, du fühlst dich hier ganz wohl ...«

Sie gab keine Antwort.

»Du behauptest doch, du seist so zufrieden ...«

Sie hatte sich von ihm abgewandt. Er sprach langsam: »Mir scheint, mit deiner Seelenruhe ist es doch nicht so weit her, Maxe ...«

Zum erstenmal verlor sie die Fassung. Sie warf gereizt den Kopf in den Nacken.

»Das geht dich nichts an, was ich tu' und lasse! Gar nichts ... verstehst du?«

»O ja, ich verstehe.«

»Du hast daraus keine Schlüsse zu ziehen ...«

»Ich tu' es doch!«

Er trat näher. Sie wich vor ihm zurück. Er folgte ihr. Er stand dicht vor ihr. Beide waren sie geisterbleich geworden in der Dämmerung. Maximiliane von Glümke nahm ihre äußerste Kraft zusammen.

»Geh!« sagte sie heiser. »Zum letztenmal: geh zu deiner Frau!«

Diesmal gehorchte er. Er gab ihr nicht die Hand. Er drehte sich schweigend um und nickte ihr auf der Schwelle durch das Zwielicht traurig zu, wie einem Kameraden. Sie rührte sich nicht. Sie holte kaum Atem. Sie stand unbewegt, wie eine Statue, bis er das Zimmer verlassen. Dann stürzte sie auf das Sofa nieder und barg, aufschluchzend, das Antlitz in die Hände.

21

Es war eine der nüchternsten Stadtgegenden, in der Major von Logow diesmal sein Berliner Heim aufgeschlagen, im Nordwesten draußen, zwischen der Spree und Altmoabit, mit dem Blick auf Kohlenlager und Speicherschuppen, die den trüben Spiegel des Flusses verdeckten. Aber auf dessen anderer Seite, kaum zehn Minuten entfernt, lag das Generalstabsgebäude. Und zudem: die Wohnung war billig. Das fiel jetzt auch ins Gewicht. Denn Ullas Leiden kostete Geld. Immer mehr Geld, jahraus, jahrein.

Und ihre Schwester Maximiliane dachte sich, während sie am nächsten Morgen durch den Tiergarten zu dem Krankenbesuch gen Norden ging, -- selbst gesund, straff und mit flüchtigen Schritten: wenn nicht einmal dieser wunderbare Mai ihr neue Lebenskraft bringt, wann -- wann soll sie denn dann je genesen?

Um sie war frisches Grün, blauer Himmel, goldene Sonne. Sie hatte den Großen Stern und das Schloß Bellevue hinter sich gelassen und auf der eisernen Brücke die Spree überquert. Nun stand sie vor dem Logowschen Haus, einer grauen Mietskaserne wie tausend andere. Da wohnten sie zwei Treppen hoch. Sie brauchte nur zu klingeln und hinaufzugehen. Sie fand die Kranke sicher daheim. Und sicher allein. Ohne ihren Mann. Den hielt der Dienst den ganzen Tag außer Hause fest.

Und doch zögerte sie in einer unbestimmten Scheu. Irgend etwas hemmte sie, auf den Knopf am Haustor zu drücken. Der alte Schuhmacher, der da drinnen mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch saß, blinzelte aus seiner Portierloge neugierig zu ihr heraus. Sie zauderte noch immer. Es war wie eine jähe Anwandlung von bösem Gewissen. Ein Schuldgefühl. Eine Erinnerung. Sie dachte sich: Jedesmal, wenn ich die Schwelle der Logows überschritten hab', hab' ich Unglück in ihr Haus gebracht. Immer war ich das Trennende. Immer trat ich zwischen ihn und sie, zwischen Gesundheit und Siechtum, zwischen Kraft und Schwäche. Soll ich denn ewig das Werkzeug ihres Verhängnisses sein? Und des meinen dazu?

Da hinten, fern, kam ein Offizier um die Ecke. Er schritt langsam auf sie zu. Am Ende war es Logow selbst. Er hatte ein wichtiges Aktenstück daheim vergessen und holte es sich. Oder er schaute nach seiner Frau. Eine plötzliche sinnlose Angst ergriff sie. Sie kehrte um. Sie eilte von dem Hause weg, als ob sie da ein Verbrechen hätte begehen wollen, und in entgegengesetzter Richtung den Bürgersteig hinunter. Erst nach ein, zwei Minuten warf sie, den Fahrdamm überschreitend, einen bangen Seitenblick zurück. Der Offizier setzte immer noch ruhig seinen Weg fort. Er hatte die Logowsche Wohnung längst hinter sich. Er war untersetzt und rundlich und trug einen grauen Schnurrbart. Es war lächerlich, daß sie sich in ihm ein Trugbild ihres Schwagers Erich vorgespiegelt hatte.

Aber das wiederholte sich heute den ganzen Tag. Immer wieder stand Erich von Logow vor ihr. Er hatte heute viele Doppelgänger in Berlin oder wenigstens Menschen und Dinge, die sie ständig an ihn erinnerten. Sie erblickte auf dem Rückweg von der Spreebrücke aus das Dach des Generalstabsgebäudes und fragte sich: Ob er wieder die Mobilmachungsarbeiten unter sich hat, mit den eingerahmten Vierecken, wie damals? Sie sah, während sie in der Leipziger Straße Besorgungen machte, ein paar Offiziere mit karmesinroten Beinkleiderstreifen aus dem Kriegsministerium treten, und es ging ihr durch den Kopf: ›Das sind wohl Kameraden von ihm. Aber er sieht besser aus, frischer!‹ Sie nahm zu Hause die Zeitung zur Hand mit dem bewußten Vorsatz: ›Ich muß doch einmal nachschauen, ob seine Beförderung schon drin steht!‹ Und zwang sich, die Seiten umzublättern, und ertappte sich darauf, wie sie unter den Depeschen nach Neuigkeiten aus Chile suchte, als könnte unter ihnen vielleicht noch, als Nachhall seines dortigen Wirkens, sein Name genannt sein.

Sie saß bei Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, und ließ die Speisen unberührt wieder abtragen. Diese einsame Mahlzeit stimmte sie so trübe, trüber wie je. Man war so allein, so mutterseelenallein. Draußen lockte der Maientag. Sie machte sich wieder zurecht und ging spazieren und beneidete alle die Menschen, die zu zweien waren, und wenn auch nur ein Pärchen aus dem Volk da Hand in Hand auf der Bank saß, oder eine Arbeiterfrau ihrem Mann das Mittagbrot auf den Bauplatz brachte und neben ihm stand, während er schweigend löffelte. Alle diese Leute waren glücklicher als sie, die Exzellenz. Jeder von ihnen hatte seinen andern. Sie hatte nichts. Jeder von ihnen sah sein bißchen Tagwerk und Abendfrieden vor sich. Ihre Stunden waren leer. Es war ganz gleichgültig, was sie trieb, heute, morgen, immer. Sie rief keine Pflicht. Niemand verlangte nach ihr. Außer dem einen! Immer dem einen. Und sie nach ihm. Sie hemmte mitten auf dem Weg ihren Schritt und schloß die Augen, daß die Frühlingshelle um sie in einem dumpfen, rötlichen, geheimnisvollen Dämmern verschwand. Seit gestern, seit sie ihn wiedergesehen, war alles, alles wieder wach ...

Zu Hause blieb sie vor dem Bild ihres verstorbenen Mannes stehen und schaute ernst, mit ineinandergelegten Händen zu den ritterlichen, leise gefurchten Zügen des Generals von Glümke hinauf, als müsse sie vor allem seine Verzeihung erbitten für das, was in ihr war, immer gewesen war, schon ehe er gekommen. Sie lächelte schmerzlich und nickte ihm zu und sagte sich: ›Nein. Ich habe mir nichts vorzuwerfen! Ich war dir treu! Immer! Du hast mich nie gefragt und es nie wissen wollen, wer der erste in meinem Leben war. Aber daß einer dagewesen, das wußtest du wohl! Ich hab's in deiner Nähe, unter deinem Schutz, verschmerzt und vergessen. Daß es jetzt in der Witwenstille wieder auflebt, da kann ich nichts dafür. Ich hab' dich von Herzen lieb gehabt, so, wie ich dir versprach. Geliebt hab' ich im Leben nur einen, einen andern -- vorher -- und nun wieder mit alter Macht. Ich bin dir aus tiefstem Herzen dankbar. Dein Bild steht verklärt vor mir. Es tröstet mich noch aus der Ferne. Aber ich kann von Erinnerung nicht leben. Ich bin zu jung. Das Sein verlangt sein Recht.‹

Es kam Besuch. Nachzügler mit Geburtstagsglückwünschen. Befreundete Damen. Maximiliane von Glümke saß mit ihnen zusammen und bot ihnen Tee an und hörte zu und sprach selber und lachte und frug sich dabei innerlich voll Staunen: Was soll das nur? Warum tu' ich da mit? Es ist ja alles so leer, so nichtig. Es kann doch nicht immer so weiter gehen! Auf einmal wurde ihr klar, daß sie diese ganzen letzten Jahre nur in einem Zwischenzustand gelebt hatte, in einer unbewußten Erwartung, daß Erich von Logow wiederkäme und sie dann erst dem Schicksal würde standhalten müssen. Bis dahin hatte sie sich schonen und unter dem Trauerschleier die Tage verträumen können. Sie zuckte zusammen. Da wurde schon wieder sein Name genannt. Ihre Tante, die Generalin von Ottersleben, sprach ihn aus. Sie erwähnte seine Beförderung in ihrer gesunden, hausmütterlichen Art.

»Mein Mann und ich haben den Erich gestern noch unseren Jungens als Vorbild hingestellt!« sagte sie. »Und dabei kann er einem so leid tun! So viel Erfolg im Dienst und so viel Elend daheim! Bruno meint auch, er habe es doppelt so schwer wie andere!«

Dann glitt die Unterhaltung wieder auf andere Familiennachrichten und Neuigkeiten aus nahen und fernen Garnisonen hinüber. Nur in Maximiliane zitterte es nach. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis ihre Gäste gingen. Und als endlich die letzten weg waren, aus diesem kleinen, netten Kreise, den sie sich in Berlin geschaffen, und an dem sie sonst ihre Freude hatte, da wußte sie wieder nicht, was sie mit sich nun anfangen sollte. Und sehnte sich Menschen herbei, nur um nicht allein zu sein, und sehnte sich doch nur, in neuem wilden Schluchzen in der Dämmerung nach dem einen, dem, wenn er kam, ihre Tür verschlossen geblieben wäre ...

Endlich hielt sie sich und diesen Zustand nicht mehr aus. Sie wollte sich ablenken. Sie fuhr in das Theater. Eine befreundete Familie hatte eine Loge im Opernhaus. Da saß man still im Dunkel. Aber da unten auf der Bühne, im »Fliegenden Holländer«, sang wieder der Steuermann vom Schiff herauf mit heller, wohltönender Stimme:

»Über turmhohe Flut vom Süden her -- Mein Mädel, ich bin da!«

und sie biß die Zähne zusammen und krampfte die Hände ineinander und hatte, als der Vorhang fiel und es hell wurde, zwei Tränen auf den bleichen Wangen, und ihre Freundin meinte erstaunt: »Herrgott, Maxe -- das hab' ich gar nicht gewußt, daß du so musikalisch bist!«

Sie zwang sich zu lächeln.

»Ich hab' ein bißchen Kopfweh,« sagte sie. »Seid nicht böse, wenn ich nachher nicht mit zu Borchardt komme! ... Ich will lieber gleich nach Hause und mich hinlegen!«

Daheim fand sie einen Brief. Der Bursche von Frau Major von Logow habe ihn gegen Abend abgegeben, meldete ihr das Mädchen. Sie las:

»Liebe Maxe!

Erich hat mir gesagt, du wolltest heute zu mir kommen ... Ich hab' den ganzen Tag gewartet. Aber Du bist nicht gekommen. Warum nicht? ... Bitte, komm! Wir müssen uns sprechen. Ich kann nicht zu Dir. Ich liege fest. Ich bin wieder ganz elend. Sonst wäre ich schon bei Dir gewesen. Erich hat Dir's ja ausgerichtet. Komm recht bald. Komm, wenn Du kannst, morgen! Bitte, bitte ... Ich habe heute bitterlich geweint, weil Du nicht gekommen bist. Ich bin schon manchmal wie ein kleines Kind, so schwach.

Tausend Grüße von Deiner armen kranken Schwester

Ulla.«

»Nachschrift: Bitte, komm, wenn Du kannst, vormittags. Gegen Abend bin ich immer so dumm. Da hab' ich immer ein wenig Fieber und schreib' dann so konfuses Zeug wie jetzt!«

Genau um die gleiche Zeit wie tags vorher stand Maximiliane von Glümke wieder vor der Mietskaserne in Moabit. Diesmal brauchte der alte Pförtner auf seinem Schustertisch nicht lange zu warten. Sie klingelte entschlossen und stieg die zwei Treppen hinauf und harrte in dem Salon, bis sie der Kranken gemeldet wurde. Ein schwermütiges Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich umsah. Wie gut kannte sie diese Gegenstände umher, die mit den Logows von einer Garnison zur anderen gewandert waren. Da nebenan, in dem offenstehenden Arbeitszimmer: die beiden Granatsplitter von Wörth als Briefbeschwerer auf den Generalstabsakten, die beiden Bronzebüsten der beiden Kriegsgötter, Napoleon I. und Friedrich der Große, rechts und links auf dem Schreibtisch, darüber der Stahlstich des alten Kaisers im breiten Eichenrahmen. Alles weckte Erinnerungen. Da trat das Mädchen wieder ein.

»Gnädige Frau lassen Exzellenz bitten!«