Part 13
Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem Häberlein die ganze geforderte Summe -- es waren jetzt schon nur mehr 20000 Mark -- bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum für Naturkunde.
So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.
Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der Naturforschung ihren Schlachtruf.
Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte zum ersten Male den +Kopf+ der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf -- oder ein Eidechsenkopf?
Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz und gar nur Vogel schien. Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der Knochennähte, -- alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte den Vogelschnabel, -- war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten Vogelschnabel, sondern er trug +Zähne+ im Ober- wie Unterkiefer. Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!
Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.
Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von 1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb, Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb -- auf lateinisch: _Hesperornis regalis_, das ist: der königliche Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, -- noch in viel späteren Tagen als der Jura-Zeit.
Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein „Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.
Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen, die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.
Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.
Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich dünner. Dafür gab es aber +innerhalb+ eines allgemeinen und vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige Meinungsverschiedenheiten.
Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht Fleisch sein +könne+, weil er wirklich im natürlichen Werden der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich +verknüpfe+: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten, was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.
Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse -- oder schon näher zum Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.
Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der „revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte der Befiederung sich dem Vogel nähere.
In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel) und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, -- mit dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei der Eidechse stehe.
Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen +innerhalb+ des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames sollte sie entwertet haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht mehr um die +Leiter+ -- die stand ein- für allemal fest -- sondern um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der +Sprosse+, die gerade Frau Archäopteryx vertritt.
Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.
Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher -- als Vogel -- vor eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das Problem vom Fliegen.
In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, -- dieser Vogel ist uns nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten -- ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.
Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift, eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins Symbolische rückt.
Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime ausgegangen war.
Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.
Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.
Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde -- und eine leidende.
Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin fliegen wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives Feld, wie jeder sofort merkt.
So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die lebende Wesen einfach _nolens volens_ mitreißen konnte, -- und andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit, daß sie sich’s gefallen lassen mußten.
Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren konnte.
Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.
Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich durchweg unserm unbewaffneten Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.
Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.
Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen. Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.
Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, -- nun so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug. Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal gleichsam in den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück. Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen es ja noch heute gar nicht anders.
Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen.
Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden -- zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen, das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung vorwärtsbewegte.
Es waren Tiere, -- diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen, im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch von Solnhofen so reichlich vertreten ist, -- Verwandte der kuriosen Schladenvögel oder Stangenreiter, die nichts anderes sind als Wasserjungfern oder Libellen, -- also Insekten.
Fliegende Insekten.
Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen, mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte, ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab. Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der _postillon d’amour_ der Pflanze in einer Weise, die entschieden sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind.
Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan. Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte -- und alle unsere bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig auf diese „Insekten-Befruchtung“ --, so war der Umschwung selber doch entschieden ganz und gar Werk des Tieres.
Wie war das zugegangen?
Das Tier kam aus dem Wasser.
Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser.
Die chemische Formel _H₂O_, die Wasser bedeutet, ist ein wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden in sich selbst über den Wassern.
Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich gar nicht herauswagte, hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste Entwickelungsschule ging.
Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm, der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung des Wassers.
Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das Tier hat diese Neigung überwunden.
Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin.
Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß, mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen stellte sich das aktive Schwimmen.
Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen schon ein +erster Flug+. Der Flug in einem dickeren, zäheren Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt ein Flug.
Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie zu schwimmen begannen.
Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers, die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte Fliegen als Leitmotive beherrscht haben.
Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder.
Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der „Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh. Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen, also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft vollgepumpt wird.
Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend ausgestaltet, daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, -- sein spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt.
Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element, daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde bis acht Meter weit vorwärts.
Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so weiter auch in die Luft hinaufsteigen?
Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit den Flossen auch die Luft peitschen?
Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes Stück weit -- bis zu hundert Metern -- allen Ernstes auf seinen Flossen.
Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten, um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß, Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere einem schwebenden märchenhaft bunten Orchideenzweig geglichen haben müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form. Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft nicht, denn er würde ersticken.
So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender Wichtigkeit in der Flugfrage.
Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam.
Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben, die beim Schwimmen helfen.
Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von der Atmung her fest erobert.
Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich.
Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten, schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß sie seinen Körper wirklich dahintrugen, -- wobei die Kleinheit und die durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, ist der Schmetterling entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von Solnhofen.
Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch.
Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern, die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte. Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch -- oder wie er jetzt genannt werden muß -- der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen, Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten.
So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt.
Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten.
Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem Beutegelüst.