Chapter 25 of 33 · 3972 words · ~20 min read

Part 25

Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau, was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt.

Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt und Blätter regelrecht damit aneinandernäht.

Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz, daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt.

Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden: „Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: in den Gemeinden der tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen. Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“

So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der Mensch erfüllen sollte.

Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso, wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha, Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was „Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich.

Die Affensprache.

Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen.

Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett -- eine Märchenstimmung!

Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur Naturgeschichte.

Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten.

Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik -- die Romantik des Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns, die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus, der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt -- der Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“

Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache der Affen“ lese.

Es ist ein ernsthaftes Buch -- und das ist der gute Witz der Sache.

Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist, wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm erklärt.

Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur zum Reden zu bringen.

Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht, durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum: der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares.

Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei; die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub verstecken -- sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das Feuergelb des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin Gift -- und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen, daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich bin schön, liebe mich.

Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen nicht auch unterhalten?

Es ist freilich noch ein Unterschied.

Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen.

Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze.

Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines, hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz, und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht eine Sprache habe.

Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht, daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen. Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater.

Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein.

Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht besser, als es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle.

Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von Sänger und Sprecher in unserem Sinn, -- der reinen Möglichkeit nach.

Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken zur Menschensprache nicht enorm sei.

Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles. Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen, stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn.

Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch bereits abhängig vom Gehirn, ist eine Geistestat, bloß noch eine, die in den Innenbau des Leibes selbst eingriff.

Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt, nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift, äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine entscheidende Rolle gespielt hatten.

Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon sichtbar werden.

Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien, von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige auseinandergefallen.

Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte -- sich also ernstlich einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte.

Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, -- es wäre eben ein Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung überhaupt.

Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter „Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „_The Speech of Monkeys_“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat.

Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort rein humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten, sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein Bild für Witzblätter.

Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin.

In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs. Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich.

Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen Garten in Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen, die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren, bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft, und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen.

Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze -- sondern um ein +Signalwort+. Solche Signaltöne haben aber eine Menge sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen.

Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit.

Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute auf, die sie je nachdem erzeugten.

Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft wieder, wie man wollte.

Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm vorgedreht, und er reagiert darauf!

Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, dann ein echtes Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ „Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans Fenster schlug.

Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind. Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige Mosaik geben.

Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit „Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint.

Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest umrissenes Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten.

Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit.

Das Schnabeltier.

Vom Säugetier, das Eier legt.

Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.

Ziert, -- ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus. Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar merkwürdig.

Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt. Das Märchen vom Schnabeltier, -- vom Säugetier, das sich herausnimmt, Eier zu legen.

Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes Raritätenkabinett.

Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben, ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als alle Dichtung war die Konfusion.

Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen, war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern. Linné gab feste Namen, und er brachte diese Namen zugleich in eine Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet seither.

Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam eingeschmolzen.

Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.

Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen. Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.

Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.

Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem System selber erwuchs.

Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur +selbst+, in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte Rubriken wirklich +gebe+.

Hier stand ein Vogel -- hier ein Fisch -- hier ein Säugetier. Da war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien, Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine philosophische Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“ worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich „miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung treu bewahrte.

Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, -- und was an neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es +mußte+ ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und Zweifel geben konnte.

Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.

In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische Welt.

Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in eine englische Privatsammlung verirrt hatte.

Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.

Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten +Schnabel+ zu tragen, der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.

Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das +zwischen+ Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das, sagte die Theorie, +konnte+ es doch nicht geben. Wie der Astronom sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild plötzlich ein großer Stern: „Das +darf+ nicht sein.“