Chapter 24 of 33 · 3876 words · ~19 min read

Part 24

Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten.

Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht: die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so vieler Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist; das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke Ruderschaufeln Löcher beißen kann.

Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser Reptilien im ganzen längst herum.

Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit, jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota, der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat.

Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge, als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon für sein Museum zu spät kam.

So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner.

Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere, dem Höhlenbären und dem Tiger.

Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt, sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15 Fuß des Mosasaurus gebracht hat.

Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder, und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen schon so gut wie ausgerottet.

Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen.

Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie beim Walroß vorspringender Messer trug.

Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der, wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf.

Und doch das alles eines Tages im Absturz.

Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück Menschenhaushalt selbst, als Haustiere.

Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze müssen selbst ihn schon schützen.

Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das alles?

Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt an ein Stück Feuerstein.

Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage, gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein liegt des ganzen Rätsels Kern.

Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der Eiszeitgletscher.

Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug.

Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung, diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten Köpfe der übrigen Tierwelt -- der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches.

Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein Schlag mit der flachen Hand eine Mücke.

In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke, der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht.

Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete.

Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel.

Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt „ausgestorben“ -- ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt!

Die Anfänge der Kultur bei den Tieren.

Natur und Kultur sind keine Gegensätze.

Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung.

Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller, pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn.

Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche Lichtpost des Auges hin die Hand.

Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus, begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung daran.

So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres Wunder, als es in jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur.

Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“.

Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in grandiosem Schwunge erhob.

Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst, ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser Kultursinfonie.

Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes -- Knochen, Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen -- hinauszugehen zu +Werkzeugen+, zu totem Material, das erst indirekt durch die Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird.

Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen des Ufers herabschleifen.

Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“ hat hier gebaut: der Ameisenlöwe.

Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut. Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur mangelhafte Beine und gar keine Flügel.

Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet. Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel: immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem, also zur Kultur.

Da führte die Sache selbst weiter.

Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum. Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre: eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe.

Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen: die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß.

Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig zögernde Besucher seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da treibt er es unentwegt heute noch.

Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“.

Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit.

In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode.

Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine Minierspinne _Cteniza fodiens_ auf Korsika erfunden. Sie baut sich halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats, einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck von innen aufklappt.

Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit einer Nadel öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet.

Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze Wasserkäfer des Müggelsees _Hydrophilus piceus_ löst das Problem alljährlich noch.

Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks, da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht, in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt, sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip der vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten unterseeischen Bootes modernster Konstruktion.

Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie längst die Wasserspinne, die _Argyroneta aquatica_.

Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form einer anhängenden Perle mitzuführen.

Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug. Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie -- und mit mehr physikalischem Glück -- auf den systematischen Luftfang. Im Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen, wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten!

Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch einer selbsterbauten schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, -- noch kein Mauerwerk, sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein.

Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe.

Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen, stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen, kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf Pfahlbaurosten.

Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr sollte die Karte dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber.

Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel, einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken. Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern, künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst✹....

Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart, die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren Wurzelanhängsel.

Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall, gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über ihren Blattlauskolonien auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung.

Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe, führt die Termite auf.

Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus Papiermasse erbaut, -- macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen, chitinhaltigen Speichel dabei vermischt.

Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer. Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen, die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer, der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte.

Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht: sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich projiziert, scheint der Prometheusfunke wirklich reines Menschengenie, solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die Herdflamme, denken.