Chapter 22 of 33 · 3919 words · ~20 min read

Part 22

Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen werden könnte.

Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub, der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene Teile in den Raum hinein.

An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst, die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin schwebt, losreißen und in den Raum werfen.

Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen, flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen.

Und wenn es nun mit verloren geht?

Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, +daß+ sie recht kalt sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen, schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu sterben.

Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim, auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht, genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus sich hervorgehen zu lassen.

Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen.

Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist.

Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft, immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß, mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja bezwang sie zuletzt als denkender Mensch.

Das ist +eine+ Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus spinnen könnte.

Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten, luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung vom Leben +nie zutrauen würden+.

Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben.

Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen Erdenstern sei.

Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern Anpassungen bewähren.

Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade +so+ leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der Maulwurf in der Erde leben können.

Aber es +brauchte+ ursprünglich keineswegs überall so zu sein.

Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung, ob hier nicht noch +Reste+ auftauchen einer +allgemeineren+ Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und Kältegegensätze und an anderes mehr.

Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des Lebens denken könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde, als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf niederschlug -- erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der Dinge „angepaßt“ und es wäre nun +das+ Leben entstanden, das fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann.

Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein Minimum von Luft und Wasser dazu.

Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft, denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“. Ein +beständig+ scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für „Leben“ rechnen.

Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem -- sie ziehen ihn nämlich aus +festen+ Stoffen, festen chemischen Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt.

Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen -- eine einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden könnten. Aber man sieht: es +könnten+, wenn schon Pflanzen, so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein -- Pflanzen eben mit Mondanpassung.

Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse.

Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen, kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem Grundplane ebenfalls anlegen +müßte+. Nicht die fahrigen und phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister: nämlich menschenähnliche Intelligenz.

Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der +Anlage+ nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen, wenn ihre Zeit erfüllt ist.

Darum aber kann der +Weg+, den die Lebensentwickelung bis hierher genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein unendlich +verschiedener+ sein.

Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde), können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das „Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder Darwin unterscheidet.

Ihre +Kraft+ ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres +Stoffes+ könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen, so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach, Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch -- und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes!

Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen +müssen+, einerlei, wie nun die +äußere+ Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird.

Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei denen es sich zu verweilen lohnt.

Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf.

Die Küche der Urzeit.

In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm die süßen Früchte in den Mund hängen, -- und der Mensch, hinausgejagt ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend und hungernd.

Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele herrschten.

Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen, Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die Lawinen der Eiszeit donnerten.

Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit.

An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben, indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen.

Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen.

Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht, ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet, verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger bestehen heute noch✹....

Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust und getafelt hat.

Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht. Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden, bedeckten Land und Küste.

Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut: rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und kein Anzeichen von Ackerbau.

Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung.

Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen. Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem „Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als selbstverständlich rechnete.

Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen geblieben.

Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen -- erst wollte er bloß solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder Vulkanbrand gegeben, zu bewahren -- dann lernte er, daß beim Schaben das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, -- und Prometheus war fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige.

Mit der Herdflamme begann die Kochkunst.

In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes, verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu den Urwaldfichten empor.

Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier.

Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine, künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“, den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent als Fürstenmahl.

An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von „Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist.

In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas liegen sie um so reichlicher.

Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker, rot und weiß gescheckter Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter.

Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich „aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre Bestimmung erfüllt.

Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich, werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten Stoßzähnen war.

Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht.

Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden wohlkonservierte Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und verzehrt haben.

Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße.

Wo immer man in den Kjökkenmöddingern wühlt: immer stellt sich eine gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem verloren gegangen ist.

Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr -- und damals war er ein Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen. Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten, wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, -- dieselbe Praxis, die am Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten.

Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen, flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben heute, steht er bloß als ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten, ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist!

Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land erobert hat, längst völlig verschwunden.

Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden. Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche.

Das Ende der Tierwelt.

_Morituri te salutant_✹....

Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel.

Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem „Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der Geier.

Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller.

„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy habend ein leiblich fleisch und weich gebein“.