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Part 19

Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten Früchte getragen hat.

Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten Ranges.

Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war +Ernst Haeckel+.

Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst 1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem tierreichen Hafen führten ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.

Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der _Camera lucida_ und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862 erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus. Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.

In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel kommt, eigentlich +nur+ bekannt zu sein pflegen, braucht hier nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.

In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 kam Cienkowski mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung, die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.

Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus +mehreren Zellen+ fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren. Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom Wurzelfüßerschlage sein.

Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.

Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien +echte „Einzeller“+ seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.

Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, zeigte er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren +fremde+ Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche, die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den +Pflanzen+ ähnelten, -- also sogenannte „Urpflanzen“.

Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen, wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen: so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben: sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen schmarotzern?

Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen. Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen, sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten. Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen. Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand. Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende Pflanze dagegen zersetzt wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches Leben“.

Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und allgemein eingeführt.

Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte, mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen, was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere. Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich beobachtet.

Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten; und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte. Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief.

Hier aber beginnt tatsächlich das letzte und das großartigste Kapitel in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis.

Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der „Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft. Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken, daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien.

Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut.

Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, +was+ für einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien.

„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg in Glasgow folgend, der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von „Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d.✹h. von jenen mikroskopischen Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den Radiolarien.“

Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des „Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie.

Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache Ziffer der +neu+ beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von 1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85 Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum -- bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken, was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der 4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse der Säugetiere noch nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht, daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“ erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich an Radiolarien noch besitzen mögen.

Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten, dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen, daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher so sehr wenig bekannt geworden sind.

Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres. Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“ gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt noch etwas viel umfassenderes in Fluß.

Die +ästhetischen Interessen+ werden aufs nachhaltigste berührt.

Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere.

Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben war, seinem Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen. Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur, die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, +rhythmische Gebilde von vollkommener Schönheit+ hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles. Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in den tiefsten Gründen der Philosophie endigt.

Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff, unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt.

Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch wiedergegebenen Objekte der organischen Natur +ausübenden Künstlern+ eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke. Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!) ist es der +Naturforscher+ gewesen, der dem Künstler dabei entgegengekommen ist.

Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert hat -- im vergrößernden Mikroskop -- ist dem Künstler durchweg fremd geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn der Gewinn liegt unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit dem Apparat des Mikroskopes und der _Camera lucida_ reproduziert. Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der innigen Begeisterung aus: wie +schön+ ist das! Der Naturforscher stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus, und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe -- oder auch treibend auf dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina --: es arbeitet Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen -- Vertreter der Spitze aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat -- wir Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und das sollte nicht zu denken geben?

Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen, setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt -- und das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“.

Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht, ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört, daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als „mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt.

Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet.

Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll.

Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß.

Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der Gegensatz von mechanisch und lebendig +aufhebt+, und wenn ich das Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern „mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. +Das Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der Welt.+

Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an der eigentlich interessanten +ästhetischen+ Frage +nichts+.

Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in +diesem+ Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier, wie es das Radiolar darstellt, trennt.

Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke, der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, sucht sich Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde, die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor, er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst, die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt. Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der Form.

Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht -- den Weg von einer Anlage zu einer Erfüllung.

Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es +dasselbe+ Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft -- und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß: daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, -- des rufe ich jeden echten Schaffenden zum Zeugen an.