Part 28
Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis -- heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“ herübergekommen war.
Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.
Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, -- die von selbst einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel.
Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der Großstadt selbst.
Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.
Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem Licht das Geheimnis der Großstadt.
Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.
Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der „Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster, Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte Raum erwünschtes Versteck.
Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt, Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte, die Fledermaus, der Marder und die Eule.
So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.
Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt.
Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer wuchs der Domturm ins Blaue -- und in ihm siedelte sich mit treuer Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung -- Mäuse und schädliche Insekten -- sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet ist, wird er es sein.
Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes, zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.
In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie, in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten, gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250) allgemein da war.
Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa. Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809 erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um die Welt gegangen.
Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt.
Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen, diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz.
Die Pariser Belagerungsratte taucht hier auf, die vielgefürchtete „Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen Hauses schwarz geworden ist.
Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht -- dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot.
Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis herausgenagt -- ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt worden.
Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist?
Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich.
Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein Spätzlein sättigen kann!
Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.
Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, -- wer will es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz, seit alter Germanenzeit ein segenbringendes Hausgeistchen des Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.
Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet, wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer Hyazinthen geschmückt hatte.
Sein Triumph aber ist die Großstadt.
Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten, öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle.
Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos -- und dazu eines waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden Kultur beiseite -- nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein, zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös -- wie kann man denn bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell von mir Notiz zu nehmen.
Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von seinem Keifen, wenn er gerade recht dabei ist -- er wechselt ein Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen, schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.
Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste Grundmelodie zu vernehmen war.
In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im ganzen wohlbefestigten Stadt.
Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.
Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck. Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der Großstadt.
Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen Weltstadt hängen können.
Eine Weltstadt -- und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische Ziffer steigt -- die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen, eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken -- gegen Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen können!
Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt -- und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen, weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.
Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen, märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten. Große Teile von Paris sind so entstanden.
Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin, auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein Schimmelfleckchen ist.
Keplers Traum vom Mond.
In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar übersetzt worden: Keplers „Traum“.
Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.
Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel Gewaltigeres.
Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, -- mitten im Vollglanz mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen -- und Irrtümer. Und das bis heute.
Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?
Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes, wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, -- nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde sind.
In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich übertrieben ist.
Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens, der menschlichen Deutung voneinander los.
Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des Zweiten von Habsburg und Wallensteins.
Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der Geburtsstunde strahlten.
Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte: eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber um +diesen+ Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen, die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen. Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind, das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.
Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht bestand.
In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische Harmonie.
Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“
Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, -- bis zum Verzweifeln.
Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.
Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des Sonnensystems unter sich.
Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis -- ein Stück Welt, in dem ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.
In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand. Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.
Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!
Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres Gebiet für seine tiefe +künstlerische+ Sehnsucht fand. Der Traum erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.
In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen, beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen. Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich „stimmend“, -- das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, -- bis zu dem goldenen Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit +unermeßlich+ ineinandergeschachtelter Harmonien hing.
Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.
Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.
In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen. Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder Fechner zurückzukehren, -- zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne Zwiespalt.
In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine bedeutende Rolle.
Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn blieb. Von allen blieb er auch +nach+ Kopernikus noch der Erde treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.
Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, -- wie würden die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab -- das klassische Altertum hatte schon an so etwas gedacht --, wenn diese Mondbewohner Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, -- wie erschienen ihnen die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?
Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes als Sternwarte aus.
Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen, wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.
Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.