Part 7
Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat.
Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des Schussen reguliert wurde.
Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage: ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der echten deutschen Tundra.
Gletscherschutt lag da, -- in dieser Gegend, die heute weit und breit nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch einmal in unsere Zeit hinein.
Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden an eine deutsche Tundra-Zeit.
Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte.
Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht.
Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche geraten wäre.
Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes niederkollern ließ, -- erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand, wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb.
Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen.
Es erhöhte die Furchtbarkeit, daß zu der einen skandinavisch-russischen Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte, kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten. Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt damals, endgiltig unterzugehen. Die Nadelholz- wie Laubwälder der Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe, deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein winzigstes Käferlein gekrabbelt.
Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst.
Der Planet auf diesem ganzen Gebiet -- die gesamte Strecke, die ich auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im Riesengebirge durchmaß -- war gemordet.
Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können. So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend, vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den Bodensee gedrängt worden, -- die Moschusochsen und der andere, der, unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der Mensch. Was hatte +ihn+ hierher gebracht? Die Knochen des Wesens, das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik fehlt✹....
Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze.
Auf wessen Gebot?
Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, -- wer weiß es.
Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat Alexander nicht wirklich die Welt erobert?
Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit Grönlandmoosen, -- der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und Eskimo-Menschen.
Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen -- nicht Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten. Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands.
Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das Eis herum nach der Nordsee sich wandte.
Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee, sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere, heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa Eberswalde, Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man rein geographisch seinen Kern erfaßt.
Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt, steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher Riesenströme mit Tundrastaffage.
Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin.
Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist.
Denn auch die Tundra schwand.
Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher Landschaftsgeschichte entziffert worden.
Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit.
An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen, einst das Walten einer Naturmacht erkannt, die bis dahin in alten wie neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes in der freien Steppe.
Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag. Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne.
Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung, wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub.
Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst.
Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging.
Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns erfolgt.
Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist „Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von „Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll.
Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet, dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden.
Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht.
Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen, immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“
Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute erst im europäischen Rußland auftaucht und dann bis zum Altai geht, jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien, Nordchina versetzt -- nach Deutschland.
Aber wann jetzt war das wieder?
Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden kann.
Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete, sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet, hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt.
Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich, müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen, mindestens überaus trockenen Zeit.
Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius.
Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol zu. Trockenes Klima. Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks, Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga, Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser zweiten Steppe wäre -- offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der, wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, -- der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten Deutschen fanden.
Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter machen.
Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem Widerstande gegen den Wald.
Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit, so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält, den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten, und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer des Uebergangs dazwischen geschmuggelt.
Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder ging zwischen den anderen Bildern.
Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich, bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt? Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen!
Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand voraufgegangen war.
In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann, als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet hatte.
Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen, wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen hätten.
Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland dauernd erobern. Bis wohin?
Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen schwindender Steppe und -- neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra?
Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem (über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt.
Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden neuen Eiszeit-Tundra.
Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten.
Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht.
Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten der echten Steppe.
In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art. So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die zunehmende Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt.
So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in phantasierende Gedanken.
Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele.
Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz.
Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte, daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte. Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen endlosen platten Wiese, -- man träumt, man müsse über den Kirchturm von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte.
Aber sonst überall Menschenwerk.
Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der Gutsbesitzer von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und weiter treibt.
Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch. Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern praktischen deutschen Geld-Baum.
Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern gepflanzt.
Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt.
In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte, keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora im entscheidenden Moment gewirkt.
In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte Amerika. Europa hatte davon aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da die Landbrücke gerade jetzt fehlte.
Doch seltsamer Schicksalsweg.