Part 32
Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer lebendigen großen blauen Meduse.
Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.
Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar seine Augen als überflüssig zuwachsen.
Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.
Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es, die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000 Kilogramm Speck ansetzen kann -- jede Schätzung erlahmt vor der Zahl, die dazu nötig ist.
Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.
Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt, mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.
Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen durch diesen eigenen Laternenschein spähend.
Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf, -- und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen „Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas✹......
Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.
Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber überhaupt beschreiben zu können.
Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so besorgter, wohin damit.
Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.
Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.
Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren Anschluß zu verrechnen.
Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte, auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.
Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.
Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, -- ja der Gletscherapus (_Apus glacialis_) geht am Kap Krusenstern in Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen, wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.
Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.
Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.
Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon unendlich differenziert sich erweist.
Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer, Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als „Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.
Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.
Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den Beinen.
Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im Prinzip macht es der Molukkenkrebs.
Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern Kupfer.
So will er in kein System.
Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.
Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, -- in der das Bild der Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen erklingt.
Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse, -- auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die Wunder des Apus studiert hat.
Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel, halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch wieder seltsameres Wesen.
Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.
Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, -- und diese Larve zeigt den gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals gräbt.
Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute allerdings völlig die Erde verlassen haben.
Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel, ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane eroberte, -- das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und -- vor eine verschlossene Tür laufen.
Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, -- es schienen ihm unklare Bruchstücke von Fischen zu sein.
Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein. _Concha Triloba_ nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler, Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.
Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden, vollends wenn sich herausstellt, daß es ein -- Krebs ist.
Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!
Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam 1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.
Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht, gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten nachgewiesen worden.
Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht. Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb, und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und Atmungsorgan jeder zugleich.
Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften Apus von heute.
Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste, stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten. Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: -- alle hatten sie nur ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite nichts.
Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen. Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500 gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine seitwärts noch offenklar herausstehen.
Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung herabgeschneit dasteht.
Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des Lebens auf Erden.
Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.
Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle, aus der sich alles gebildet haben soll.
Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden, Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?
Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium -- und die Chronik schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.
Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine noch ältere Erdenschale, -- aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von -- Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die Trilobiten. Vom Himmel -- aus dem All -- woher?
Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.
Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein „Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem annoch weißen ersten Blatt?
Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve bringen könnte, er sucht die Sterne.
Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?
Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle aufführe.
Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen, weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind, daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses, sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit ursprünglich schon tief im Text stand, -- so wie es bisweilen mit alten Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen gelesen worden sind.
Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet, die als solche dick vor Augen liegen.
Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.
Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten noch vielerlei zu fragen.
Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette hinter sich haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze der Entwickelung.
Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm, der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung auf Erden geworden ist, -- von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische. Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?
Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.
Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus, eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil, das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.
In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser Lächerlichkeit gestorben.
Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde, vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. Man nahm den Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten. War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.
Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und andere kühn.
Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte. Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.
Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten, Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten, der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.
Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten äußeren Gestalten annähmen.
Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.
Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden andere kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen. „Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge -- ein Scheitelauge -- saß.
Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum doch noch nicht.
Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft. Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der schärfsten Art -- und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.