Chapter 4 of 33 · 3980 words · ~20 min read

Part 4

Da war beispielsweise gleich der bewußte Nebel in Ringgestalt aus der Leier. Seit man mit dem anderen chemischen Auge, dem Prismaglas der Spektral-Analyse, die Nebel aufs Korn genommen, war er allerdings der Kant’schen Milchstraßen-Theorie schon von dort her ziemlich ungefährlich geworden. Denn er bestand nachgewiesenermaßen aus echtem Gas, zählte also zu den so wie so jetzt beweisunkräftigen Nebelmassen. Immerhin war aber seine Ringform selber ein Aergernis, das die bösen Zweifler lockte, wenn es so schwarz auf weiß im Buche stand. Die photographische Platte lieferte jetzt den Beweis, daß man sich mit diesem starren Individualisten auch der Form wegen besser in gar keiner allgemeinen Theorie beschäftigte. Schon das Fernrohr hatte im Innern des länglichen Ringes gelegentlich ein zentrales Sternchen gezeigt, das möglicherweise hineingehörte. Daraus machte die Platte einen großen, im Ring umschlossenen inneren Nebelfleck, der auf der Photographie wirksamer sogar war als der Ring selbst. Warum sah man ihn mit unserm Auge trotz aller Rohre nicht? Dieser Zentralkörper warf einfach Lichtstrahlen aus, auf die unser Sehnerv nicht mehr eingerichtet ist: jene berühmten ultravioletten Strahlen, die zwar auf der photographischen Platte einen Eindruck hinterlassen, den wir dort als Ergebnis dann auch gewahren, -- die als unmittelbar einfallende Lichtwirkung unser Auge aber blind finden. Kein Physiker hat zur Zeit eine Ahnung, was das für eine Sorte Weltkörper sein kann, die da leuchtet. Ist dieses ganze Gebilde doch vielleicht kein Ring, sondern eine einheitliche Gaskugel, deren Schichten sich aber in der Art ihres Leuchtens, ihrer Phosphoreszenz im früher angedeuteten Sinne, unterscheiden? Einstweilen reißt mit diesem Funde jedes Band. Mit unserm Milchstraßen-System hat dieser krause Geselle mit seinem ultravioletten Gas-Herzen jedenfalls gar nichts zu tun, weder so, noch so. Hier waren die Andromeda-Freunde in Kants Sinne also glänzend noch einmal wieder gerettet.

Doch auch bei den Platten war noch nicht aller Tage Abend.

Nach dem Ring kamen die Spiralen, die Frösche und Schwärmer an die Reihe. Sie waren ja nicht ganz so unbequem wie der nackte Ring. Aber schließlich ist eine Spirale, wenn sie einigermaßen regelmäßig ist, einem Ring immer noch ähnlicher als eine solide Scheibe oder Linse.

In Anbetracht dessen war es Musik in den Ohren der strengen Kantianer gewesen, als ein äußerst gewissenhafter neuerer Kritiker, der Astronom Tempel, gerade diese Spiralnebel, die sich in der Zeit nach Herschel gar aufdringlich vorgetan, schlechthin hatte aus der Welt schaffen wollen als „Phantasietrug“. Tempel war ein Wunderkind im Gebiete der menschlichen Netzhaut. Vom Lithographen zum Sternforscher war er wesentlich heraufgekommen eben wegen seiner einzigartigen körperlichen Sehschärfe. Er sah das Doppelte fast seiner Kollegen -- und gerade mit diesem Doppelten leugnete er die Spiralform bei Nebeln.

Wir Menschen, meinte er, sind nun einmal unverbesserliche Aesthetiker. In Fleisch und Blut stecken uns rhythmische Gebilde. In ein Chaos sehen wir Kunstfiguren hinein. So soll eine chaotisch versprühte Lichtmaterie gleich einem Feuerwerkskörper ähneln, wie ihn unsere Kunst baut. Aber wir beschwindeln uns, und alle Nebelspiralen, so nett sie im Buche aussehen, sind solche mit Phantasiezutat erschwindelten „Kunstformen der Natur“.

Hinter solchem Zweifel steckt im Grunde ja eine Weltanschauung. Die Weltanschauung der Angst, es könnte in der Natur irgendwo rhythmische, ästhetisch schöne Gebilde geben auch ohne Zutun des Menschen. Es gibt Leute, die meinen, ihre ganze freie Naturauffassung falle in Mystik zurück, wenn so etwas möglich sei, -- wobei die guten Leute nur leider vergessen, daß sie selber ja den Menschen aus dieser Natur hervorwachsen lassen und also in ihm schließlich doch an das Wunder glauben, daß die Natur auf natürlichem Wege rhythmische Kunstgebilde schaffe. Doch das jetzt beiseite.

Sachlich hatte Tempel in seinem Falle sogar guten Grund zur Skepsis, -- das heißt bis zu dem Tage, da die Photographie auch hier ohne Rücksicht auf Sachlichkeit oder Weltanschauung des einen oder andern die Sache selbstherrlich in die Hand nahm.

Mochte nun im Weltall Kunstfeuerwerke abbrennen, wer wollte: bessere Schwärmer und Frösche, als jetzt in korrektester Spiralform auf den photographischen Platten wirklich erschienen, ließen sich einfach nicht ausdenken, -- trotz Tempel.

Es gab Spiralnebel genau im Sinne der brauchbaren älteren Zeichnungen. Man denke sich, um das Bild klar zu bekommen, einen nebelhaft glühenden Hauptkörper, eine Kugel etwa. Von dieser Kugel wickeln sich Arme los. Einmal etwa genau zwei, links einer, rechts einer. Jeder ist nach der entgegengesetzten Seite krumm gebogen. Oder es gehen drei solcher Schweife in Windrosenlage ab, also in regelmäßiger Stellung wie arabeskenhaft geschweifte Radspeichen. Oder: von dem Hauptkörper rollt sich ein einziger fast gleich dicker Arm wurmhaft heraus und umkringelt ihn als einzelner Spiralstreifen fast vollständig, nur eine kleine Oeffnung lassend. Oder endlich, noch verzwickter: von dem Zentralkörper fließen mehrere solcher fast konzentrischen Spiral-Ringe aus, die sich auch noch gegenseitig ein Stück weit umkringeln, dann aber, als sei die Spirale verbogen, übereinander hinlaufen, sich schneiden und getrennt endigen. Der eine oder der andere Arm hat dabei wohl noch die besondere Eigenheit, an der offenen Spitze wie in einem Knopf in einen zweiten Kernball auszulaufen.

Und nun: -- gerade diese seltsamen Spiral-Nebel, einmal sicher als vorhanden festgestellt, zeigten zwei weitere, im höchsten Grade bemerkenswerte Eigenschaften.

Zunächst fiel ihre Menge auf. Ging allmählich die Anzahl der Nebelflecke überhaupt in die Tausende und Abertausende (über 7000 sind heute fest bestimmt, über 100000 werden mindestens als Wahrscheinlichkeitsabschätzung vermutet), so vermehrte sich mit dem Photographieren gerade die Zahl der unverkennbaren Spiralen aufs überraschendste dabei.

Dazu aber trat als weiterer Umstand, daß ausgesucht diese Spiralnebel nicht aus Gas, sondern aus echten Sternen bestehen wollten, wo immer die Spektral-Analyse ihnen zu Leibe ging. Ich habe schon den Nebel im Sternbild der Jagdhunde einmal berührt, den Scheiner etwa 6½ Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein läßt und entsprechend als echte Milchstraßenwelt, als zweites, unabhängiges Weltsystem gleich dem unserigen faßt. Nun denn: gerade dieser Jagdhund-Nebel war von allen der erste, der sicher als Spirale erkannt wurde, schon vom Lord Rosse. Seitdem ist auch er in Amerika photographiert und in seiner Gestalt genau in Rosses Sinne bestätigt worden.

Auch die Forschungs-Arabeske um den Andromeda-Nebel und unsere Milchstraßenform nähert sich hier offenbar ihrer letzten, aber bedenklichsten Spirale.

Der Andromeda-Nebel schwebte noch einmal vor uns, gerettet als selbständiges Milchstraßen-System. Aber mit ihm ist der Jagdhund-Nebel auf dieselbe Deutung gerettet. Und dieser Jagdhund-Nebel ist keine einheitliche Stern-Linse, sondern doch ein wenigstens annähernd ringförmiges Gebilde: eine ungeheure Spirale aus Fixsternschwärmen.

Wem gleicht nun endgültig unser eigenes Milchstraßensystem: der Linse der Andromeda -- oder dem spiralig gewundenen Feuerwerkskörper der Jagdhunde?

Diese Doppel-Frage aber ist im Jahre 1888 durch Anwendung der Himmelsphotographie nochmals vereinfacht und im Prinzip gelöst worden. Der Andromeda-Nebel selbst wurde von Roberts photographiert. Und die photographische Platte erwies ihn selber -- -- ebenfalls +als Spiral-Nebel+.

Es war eine der ersten Errungenschaften des Nebel-Photographierens, daß es uns auf eine bestimmte Möglichkeit bei den Spiralnebeln überhaupt aufmerksam machte.

Nehmen wir eine platte Uhrfeder. Und bringen wir diese platte Spirale in verschiedene Lagen zu unserm Gesichtsfeld. Es ergibt sich, daß bei bestimmten Lagen das Erkennen der Spirale schwer, ja zuletzt geradezu unmöglich wird. Wenn ich genau gegen die Kante der Spirale sehe, so sehe ich nur mehr ein senkrechtes Streifchen, -- genau wie beim senkrechten Blick auf den gekerbten Rand eines Markstückes. Aber auch wenn ich die Spirale etwas mit der Fläche um die Ecke lugen lasse, sehe ich gerade die Spiral-Natur noch nicht als solche. Die Spiralringe schieben sich ja perspektivisch so aneinander, daß ich einen geschlossenen Körper zu sehen glaube. Ein solides Markstück, ebenso ein wenig um die Ecke balanciert, schaut tatsächlich noch genau so aus. Und erst ein ungemein scharfer Blick würde schließlich die ganz feine Zeichnung der aneinandergeschobenen Spiralreifen doch in der Fläche noch herausfinden können und so die wahre Natur enträtseln.

Aus dieser Betrachtung folgt, daß auch Spiralnebel im Raum, die mit der schmalen Kante senkrecht gegen uns stehen, uns bloß als leuchtendes Streifchen, solche aber, die ein wenig mehr schräg stehen, als schmale Spindel, Scheibe, Linse erscheinen müssen. Und erst eine kolossal verschärfte Detailschau würde wenigstens im letzteren Falle noch gerade die Spiralnatur enthüllen aus feinsten Linienandeutungen, spiralig gewundenen Strichen in der Scheibe oder Linse. Eben diese Detailschau nun hat die Photographie uns beim Andromeda-Nebel ermöglicht.

Schon längst hatten scharfe Beobachter im Fernrohr etwas in dem Linsenscheibchen dieses Nebels wie eine feine Struktur gesehen, -- eine Art dämmerhaft angedeuteten engeren Grundrisses. Im Mittelpunkt schien eine undeutlich begrenzte Verdichtung sich merkbar zu machen.

Dann sah Trouvelot in Washington mit einem besonders brauchbaren Rohr zwei dunkle Streifen, die den Nebel fast längelang durchsetzten.

Was sollte das sein?

Die Skepsis im Sinne Tempels sagte: Augentäuschung. Das Auge der photographischen Platte aber sah den Dingen auf den Grund.

Auf der Photographie erscheint die ganze Nebel-Linse mit einer endgiltig durchschlagenden Unzweideutigkeit als eine -- Spirale in außerordentlich schiefer Projektion.

In der Mitte genau wie bei dem Nebel der Jagdhunde ein Zentral-Ball. Von ihm sich loswindend mehrere riesige Spiralenarme, die an sich offenbar frei herum greifen, für unsere zufällige Beobachterstelle auf der Erde aber so aneinandergeschoben sind, daß ihre Zwischenräume nur mehr als ganz feine, dunkle, elliptische Längsbogen die schmale Gesamtlinse durchsetzen.

Mit diesem Funde war die Kant’sche Idee inmitten ihres vollen Triumphes noch einmal geschlagen.

Es gab ferne Welteninseln gleich unserm ganzen Milchstraßensystem. Aber es gab sie nur in Spiralform. Auch der Andromeda-Nebel wies diese Form. Wir wußten aus der Spektral-Analyse, daß er aus einem unendlichen Gewimmel sonnenähnlicher Fixsterne bestand. Aber diese Fixsterne durchwimmelten nicht eine einheitliche Linse, die, vom Mittelpunkt angesehen, das rein perspektivische Bild eines Milchstraßenringes ergab, sondern im Mittelpunkt schwebte zunächst ein rundlicher, oben und unten abgeplatteter Sternhaufen. Von ihm aber ging in flacher Ebene ein spiralig gewundener Strom weiterer Fixsterne aus, der die Zentralmasse im ganzen nun doch wirklich ringförmig umgürtete. Freilich nicht als regelmäßiger Ring. Denn in Wahrheit schoben sich ja mehrere Spiralreifen hintereinander darin mit dunklen Zwischenräumen.

Kant selbst hätte als ehrlicher Logiker vor dieser völlig verwandelten Sachlage zugeben müssen, daß seinem ganzen Ideengang die sachliche Grundlage unter den Füßen fortgezogen sei. Und nur eins konnte er schließlich noch vorbringen.

Die Nebelflecke -- das Wort einmal für das Ganze gebraucht -- hatten ja doch verschiedene Gestalt. Warum sollten nicht auch neben jenen spiralförmigen Weltnebeln tatsächlich noch anders geformte existieren? Und warum sollte nicht gerade unser Fixsternsystem anders gebaut sein? Wenn die Milchstraße sich so hübsch auch aus einer Linsengestalt mit gleichmäßiger Sternverteilung erklären ließ: warum sollten wir nicht Linsengestalt trotz so und so vieler spiraliger Brüder im All besitzen?

Dieser neue Schluß wäre eine Rettung, -- aber eine äußerst dürftige, wie man sieht. Die sichtbaren Nebelwelten, die früher ein Glied der Schlußkette waren, das erklärte, sind jetzt ein Ballast, der selber mit Mühe forterklärt werden muß. Aber es bedarf der ganzen Spitzfindigkeit zum Glück nicht. Denn ein allerletzter Schleier reißt: und damit ist die Situation klar.

Denken wir uns doch noch auf einen Augenblick in jenen wirklichen Spiralnebel der Andromeda so hinein, wie wir es früher taten, als wir ihn für eine einheitliche Sternenlinse hielten. Stellen wir uns beobachtende Menschen vor auf einem Weltkörper fast oder ganz im Mittelpunkt.

Wie würden sie den Himmel jetzt sehen?

Sie befänden sich zunächst im Mittelpunkt des inneren Sternhaufens, jener glänzenden Mittelstelle im Nebel. Nach allen Seiten ständen Sterne, viele groß und nah, und alle immerhin so, daß nirgendwo ein Gedränge nach Milchstraßenart entstände, da der Sternhaufen vielleicht abgeplattet, aber immer doch noch annähernd eine Kugel wäre. Aber in bestimmter Ebene erschiene gleichwohl eine solche Milchstraße als größter Kreis rings um den Himmel. Das wäre nämlich jetzt das ganze Spiralsystem, dessen Ringe sich so glatt hintereinanderlegten, daß sie von innen nur mehr als einziger Reifen erschienen. Immerhin würde eine gewisse Ungleichheit in dieser Milchstraße sich bemerkbar machen. Denn die Spirale kommt ja doch an einer Stelle aus dem Zentralfixsternhaufen heraus und verläuft an einer anderen ins Weite. Eine Seite der Milchstraße würde näher aussehen, sich leichter noch in Sterne auflösen lassen: die, wo die Spirale sich von der Mitte losringt, -- eine andere umgekehrt verlöre sich mehr in völlige Milch. Und selbst das könnte recht wohl noch weit überboten werden durch einen zweiten Umstand.

Die Spirale mit ihren Windungen liegt in diesen Nebeln anscheinend, wie gesagt, flach in einer und derselben Ebene. Aber sie könnte für den engeren Anblick gleichwohl sehr gut wenigstens gewisse kleinere Verschiebungen auch über die Horizontallage hinaus besitzen.

Dann würde die von ihr gebildete Milchstraße einer solchen Welt die Spuren davon zeigen in Gestalt von Spalten, von dunklen Lücken.

Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen, würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes, in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale schließen, -- niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten, durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse müßte durchsetzt sein mit tiefen Röhren und, -- abgesehen von dieser Verschiebung schon des ganzen Bildes, -- wie sollte man sich das im Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt✹.....

Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das alte liebe Silberband.

Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde überwallt.

Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, -- oder wirklich hier?

Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere Milchstraße✹.....

Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen.

Schon das schlichte Auge sieht das, -- einem Kinde kann man es zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, -- dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh in den schwarzen Raum.

So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten. Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen.

Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls.

Kant hat unrecht -- und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt, unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse, sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure Spirale aus Millionen Fixsternsonnen umwindet. Und unsere Schau in die Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander.

Ein in seiner Größe fast grausiges Bild.

Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen ergießt, wird nicht ruhen.

Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger.

Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder Traum✹.....

Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen.

Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt.

Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister meines Hirns.

Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich.

Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich. Warum bangt dir vor dir selbst?

Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und Höllenwelt des Dante war.

Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie wieder -- als Schönheitslinie.

Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit. Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses Armes noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er: Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs. Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer, weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu verfallen.

Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt, nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell.

Warum das alles?

Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume✹.....

Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit.

Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens, in dieser ungeheuren Natur, -- vom Andromeda-Nebel bis zum prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir?

Ein Narr fragt viel.

Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen, denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr abbog, höheren Sternen und Ideen zu.

Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns.

Die Entstehung der deutschen Landschaft.

Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt.

Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge.

Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit vergleichenden Landschaftsstudiums.

Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während das Auge den Totaleindruck erlebt.

In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt.

Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher, denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen.

Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen Birkenalleen: die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins deutsche Land.

Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern.

Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist.

Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform, die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten, wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist die _Linnaea borealis_, das eigene Patenkind des großen Linné bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede.

Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft.

Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen.

Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu.

Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr wußte.

Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden Bernstein.

Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das packend.

Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt, wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los. Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“

Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, -- sagen wir heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt ein ewiges Streitgebiet der Natur, von dem man nicht weiß, ist es noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie, Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt, denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“