Part 15
Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere und anderes mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf. Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern gesehen, beschrieben -- und mangels besserer Verproviantierung aufgegessen worden sind.
Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht. Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben. Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens die Kulturgeschichte zurückreichte.
Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald, Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen, Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch✹.....
Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.
Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien, andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt. Als Nachtigall es am Tsadsee findet, kommt ihm auf einmal hell zum Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.
Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte „Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten lebend vereinigte.
Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es -- und es ist ein Ereignis für die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts übrig hat.
Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier, bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen. Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.
Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge kennt.
Eigenartiger Zug aber der Dinge.
Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen Boden setzte, -- es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der +Heimkehr+.
Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins Ungemessene zu wandern -- weit hinaus über alles bisher Erzählte.
In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva, ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.
An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht: die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe. Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und zu begraben.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als Tertiärzeit bezeichnet.
Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck. Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe da.
Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen. Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten dran.“
Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob, desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und Gerölle auf.
Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln, oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen, die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.
In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.
Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn Riesen und Zwerge wollten in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.
Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere -- Gebrüll und Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.
Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare zackig geschweifte Schaufeln, -- also im ganzen vier Hörner. Mit diesem wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter hohen Giraffenbeinen.
Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier, und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem Walroß gegeben haben müssen.
Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals neben der großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig war, -- dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, -- Nashörner mit Hörnern und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, -- endlich Schweine und Tapire.
In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken und Schimpansen.
Vom Menschen, -- ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch, als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.
Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der Panzerwölbung hoch wurde, -- ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!
Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.
Also doch in Indien!
Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen Afrika.
Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.
Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am Sivasumpf und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt. Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich herausentwickelt haben?
Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, -- der Name, wie wir ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst folgerichtig Nilpferd geworden.
Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten Fischschwanz zu, -- dieselbe Phantasie, die entgegen aller Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen konnte wie eine Otter.
Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern dahin.
Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche Siva-Tier sind welche.
Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, -- und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.
Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.
Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft sich kopfüber in denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein, wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant. Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut, die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn, Nilpferd, Tapir und Schwein.
Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die Sache war ein großer Schnitzer.
Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt, „ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen, eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner. Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.
In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue Posaune herbei.
Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen, eine Ordnung für sich, -- und noch zu dieser Stunde weiß kein noch so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der Entwickelung gekommen ist.
Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.
Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese drei Tiere tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.
Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab, sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt. Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen Säugetiere herausgewachsen sind.
Wie es nun damit sei -- jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt. Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder, besser gesagt, Abkürzungen.
Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, -- sie verkümmerte zu gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und Mittelfinger zu greifen.
Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar zwei verschiedene Bedürfnisse.
Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.
Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen irgend ging, über den grünen Teppich, -- im schnellsten Lauf, da der Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten sie der üppigsten Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen. Kurz: Sausen war Trumpf.
Und die Krone dieses Sausens wurde -- das Pferd.
Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr gerade eben auf den Boden tippt.
Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele, ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten, natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen der Zeit auftaucht.
Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste des großen Pferde-Stammbaumes.
Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt. Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin der mittelste -- in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal -- schon etwas stärker entwickelt ist.
Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter zurück, maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, -- also halb die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere, vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt. Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten, so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif eingeschlafen war.
So die Linie auf der Grasebene.
Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist, weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.
Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht +eine+ hüpfende Zehe, -- sondern +zwei+ Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar: der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.
Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, -- Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse, Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche, Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.
Wir sind am Ziel.
Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.
Dann aber: -- das Nilpferd.
Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.
Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.
Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im Rhinozeros die des Pferdestamms.
Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen Boden Europas, -- nach Griechenland, wo die Marmorklippen des Pentelikon ragen.
Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.
Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.
Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos (die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.
Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen, wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum Vorschein kam.
Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte nicht einmal als ihr unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.
Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.
Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.
Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner -- und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.