Chapter 23 of 33 · 3971 words · ~20 min read

Part 23

Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“ (Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran, geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er aus erster Hand gibt, hatte ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte.

Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben.

Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen „Waldrapp“.

Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort „Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit haust.

Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt. Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp, dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals unmöglich sei.

Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen.

Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre.

Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, Hartert und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen, besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W. von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick, der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich findet.

Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel -- ein +Ibis+.

Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in Schwärmen in altem Gemäuer, z.✹B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat, und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus.

Es ist einfach derselbe Vogel.

Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, -- kurz, ein typischer Landesvogel war. _Geronticus eremita_ lautet der wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände, in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt.

Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden. Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der Türkei und verfliegt sich ab und zu auch einmal vereinzelt bis nach Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf -- ausgestorben buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner.

Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab, zeichnen vielleicht sein Schicksal.

Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse ausgeblieben, -- verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet. Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter den Tisch -- und was für eine interessante.

Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert sind, sich noch bis heute erhalten hat.

Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher, ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist?

Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu Buffons Zeiten, war er noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete, klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen.

Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer- und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist.

Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art -- wie lange, steht dahin. Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. _Tempi passati!_

Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands noch wiederzufinden.

Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten, der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab, systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er mit diesen ein deutsches Tier, unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten.

Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien, Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen hineinlagen.

Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht den europäischen Löwen.

Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten, bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt.

Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus, die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, -- so ist auch der Wisent für immer in der Welt dahin!

Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der überhaupt der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird, wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall, wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt.

So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen bewohnt war.

Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig Stück an der Elbe und Mulde vorhanden.

Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich (ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten.

Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren deutschen Tierwelt heute.

Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum, der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge, den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt. Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende heraufkommen, ins Gesicht.

Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben, die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten, kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben.

Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung. Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist, daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme. Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte keiner. Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen Storchs, die alle rapid eingehen.

Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit!

Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor.

Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch etwas Zoologisches neu zu schenken.

Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner, in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht, trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin -- sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der gegen das metallene Netz der Kultur stieß -- zu seinem Verderben.

Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei.

Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die getrockneten Korallen und Seesterne -- sie haben mir einen Todeszug, ein hippokratisches Gesicht, -- Gruß der Sterbenden.

Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend Jahren.

Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung, präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln, die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe, dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling -- überall steht ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen.

Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich, aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen.

Ein Totenkopf.

Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist.

Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem Tage verschwunden sein.

In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist. Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen.

In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot; nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden.

Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war. Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert dort landeten, verproviantierten sich fröhlich mit diesen wandelnden Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte Dronte war gegessen.

Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig.

Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen.

Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin: es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit.

Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt.

Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger bleiben würde.

Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache, Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft emporgestiegen.

Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde, schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last.

Und dahinein eines Tages -- der nackte Mensch.

Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen Raubtiere also!

Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die Körpergröße.

Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley, daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen allein kaum haltbar.

In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891 entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens volle Militärgröße.

Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil.

Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei dem er eine ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier. Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen, wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen.

Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff, mußte größer sein als er.

Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in Betracht als Größengegner des Menschen.

Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort, denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen, Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die einzige Qualle _Cyanea arctica_ gefährlich werden. Denn sie hat einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich diese vierzig Meter Giftschnur wickeln.

Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische) dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die indische Riesenmuschel _Tridacna gigas_, deren zwei Meter breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch blitzschnellen Schluß guillotinieren können -- zur leckeren Mahlzeit für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß.

Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere -- Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm _Megascolides australis_ von Gipsland in Australien, der zweimal so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung.

Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde Nase töten.

Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an, nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen.

Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten erschien, da es jeder Schüssel spottete -- diesem anderthalb Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim täglichen Bade begegnen mögen.

Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt.