Part 5
In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur.
Das ist das hergebrachte Geschichtsbild.
Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren.
Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen.
Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen, planetengroßen Weltgeschichte, -- nicht als ledern begrifflicher Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da, sonst wüßten wir es nicht. Nur um feine Schleier handelt es sich, die aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen Schleiern.
Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr Grund.
Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald. Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken.
Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl.
Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld.
Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der Weltentwickelung an als wir selbst.
Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen +Zusammensturzes+. Und doch zielen alle neueren geologischen Gedanken mehr oder minder dahin.
Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte, sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe, bis endlich in der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen.
Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie Pfeiler und Berge darüberragen.
Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar.
Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet, und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld.
In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde.
Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der Erdgeschichte sich vollzogen haben, -- nicht ruckweise natürlich als wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen, sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben.
Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor, eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten.
Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung. Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch das Tiefland kam, bis das Meer voll war.
Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und so viel Meter +unter+ der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß.
Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt. Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt.
Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe.
Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station, daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die _Linnaea borealis_ blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand, das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel am Tiberstrand.
Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund. Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche, wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, -- hier das dumpfe Deuten von der Tiefe her. Das Deuten, das meldet: alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, -- der flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“ sein, -- Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten, wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck.
Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten.
Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen Birkenebene.
Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns, die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen. Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen.
In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere. Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein Bruchmaterial weit verschleppt.
Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide.
Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein die Alpen nach Holland schleppt.
Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß, ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich beschieden hat: der Umdrehung der Kugel, den Schwankungen und Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los.
Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen.
Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter nach den Polen trieb.
Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen.
Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah, aber schon hinter ihr.
Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit nach Thüringen und Sachsen zurückbringt.
Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten. Mich faßte ein neues Bild.
Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches Land im Fernrohr schaute.
Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland. Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen: kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte.
Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars (und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll.
Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart.
Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit Abendhintergrund.
Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden Qualmes hinein.
Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen, glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen -- Urwaldbäumen, jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel nähere Etage über der Ebene bildend.
Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch damals bestand?
Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als „Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle des heutigen Lebens.
Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für diese Geisterstunde noch einmal empor.
Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, -- ein mystisches Schattenbild der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den Menschengeist selbst.
War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten?
Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne, einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit Deutschlands geglüht hatte✹.....
Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos eilende Zug schon die Scene jäh geändert.
Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde vor: der Farrnkräuter.
In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes oder je nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen.
Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte Steinkohlen-Urwald selbst.
Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben, aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen, auch die oberste.
Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe. Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin Raum zum Herbergen.
Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern Stammdicke sich wälzten.
Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende bei uns genommen.
Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland, das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, -- so empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der Individuen.
Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst wir mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen unserer Heimat geworden.
Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, -- der eine sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen, -- der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone vorkommen. Da kann man nun wählen.
Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten, die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen!
In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut, -- ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit.
Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist.
Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern.
Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt.
Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich zweifelhaft sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in Kiefer, Fichte und Tanne -- oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder Birke.
Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu ertragen.
Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden, wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als „Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden. Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen. Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas.
Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre Regsamkeit, ihre Daseinsenergie.
Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale beste Anpassung sich vom Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie dem standgehalten haben.