Part 9
Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert, durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt, das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn sie, ungeduldig über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“
Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige -- dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen, sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“
In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat. Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei beiden lebenden Sorten.
Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.
Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier, und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich verschiedenen früheren Tieren.
Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für Goethe, der in der Welt nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.
Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach Südamerika.
Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.
Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.
Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist. Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind Pferdezähne.
Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier, Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit 1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden. Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes, landeseigentümliches Pferd besessen haben.
Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.
Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies. Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, als wenn diese alten Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten, wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet: der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im Sande tief begraben war.
Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.
Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände der „_gran secco_“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln. In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas dürreres Jahr.
Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.
Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, -- aber in dem wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere, Gürteltiere.
Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte, das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte doch auch ihm gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas einfällt.
Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz bestimmter Seite.
Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden. Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen, das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo gewesen war.
An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach, Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte, plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig gewesen, um der Wahrheit -- oder sagen wir mindestens, der neuen Suche nach der Wahrheit -- eine Gasse zu bahnen.
Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte, daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt. Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.
Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.
Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben mußte.
An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen. Kein schlauer Riese offenbar.
Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es möchte am Ende der +Mensch+ gewesen sein, der dem alten Herrn die Löcher in den Kopf gehauen hätte.
In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort „prähistorische Forschung“ umschließt.
An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.
Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt, die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren, zurückdatiert hatte.
Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese letzteren Knochen zeigten vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt, durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.
Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?
Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen „Werkzeug“, -- etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein, daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen beherberge, -- eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.
Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.
Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.
Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen. Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung, sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.
Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich durch diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da, wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun doch eine Art Panzer gebildet haben.
So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück gemacht haben muß.
Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des Menschen.
Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in der großen Weltlogik wider Tatsachen.
Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus, daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein +mußten+.
Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen, genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem und erhaltenem Herdfeuer gebraten worden war. Einmal wusch das Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.
Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand, gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.
Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig. Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und Riesenfaultier?
Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut ausgerottet worden?
So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben. Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren, die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das aber mindestens Streitobjekt.
Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in Deutschland gelebt habe, -- vielleicht irrtümlich. Mindestens aber zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar: der noch lebende Wisent (Auerochse) und der wahrscheinlich durch Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet) gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins Mittelalter hinein gegeben.
Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“ gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der +sehr+ geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel auf Java unlängst gefunden worden ist.
Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.
Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig „Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei Weimar oder unsere Renntier-Menschen von Schussenried. Tatsache aber ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.
Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent +kein+ Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein Megatherium oder Mylodon.
Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere +lebe+ noch -- das Riesenfaultier.
Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.
Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel, daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen -- oder wenigstens gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm, der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom „lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.
Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh, ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. Das seltsamste an ihm sei aber -- seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen. Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr. Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.
Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch Mord untergegangen.
Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug. Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam es dem Jäger.
Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren. Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben, so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin seltsam.
Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.
Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz. Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.
Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge, -- außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.
Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!
Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.
Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als -- allerdings nur hypothetischen -- Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898. Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.
Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.
Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?
Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr oder minder lange ausgestorben sind.