Chapter 21 of 33 · 3997 words · ~20 min read

Part 21

Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom siegreich angepaßten Machairodus, +selber+ ganz oder doch mehr und mehr aus, -- der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, -- und jetzt rächte sich plötzlich die +zu tolle+ Anpassung, die Säbelzähne brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, -- er blieb zurück gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher machen.

Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will, daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den Angreifer mitgerissen haben könnte.

Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut zu bieten.

Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen, oben wieder hineinwachsen.

Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines lebenden Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins Unsinnige umschlagenden Uebertreibung.

Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, -- wobei er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber durch diese seine Riesenzähne +wehrloser+ gemacht worden, da er überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde.

Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen?

In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der Raubtiere nichts zu tun haben.

Ihr Nutzen besteht für den Elefanten vor allem darin, daß er beim Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen Stoßzahn ab.

Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit, in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die Stoßzähne dort erworben worden.

Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen.

Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis selbst geraten und unter guten Umständen (wie in Sibirien, wo in der Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere Zeit darin erhalten bleiben.

Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich total überflüssig.

Sie hätten ganz eingehen können.

Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil +immer weiter zu wachsen+, wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, -- etwa so, wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn man sie nicht künstlich kürzt.

Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in den Schädel ein.

Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen.

Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, -- da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des Mammut.

Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin. Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast. Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen zweifellos in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen.

So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg.

Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch wieder zu ihrer Zeit.

Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem Schlage der Hand.

Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da draußen vor meinem Blick.

Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen, der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück der Weltentechnik, -- die vollkommene Anpassung, für die es keinen Stillstand mehr gibt?

Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu einem Schluß zu kommen, -- Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg.

Vom Leben im Weltraum.

Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst.

Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren; jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne.

Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies, daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans, in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst energisch gelöst.

Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder.

Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers, der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten, ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe Eisen wie in uns!

Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: -- wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank.

Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, +wie+ fest sie in der übrigen Natur hängen.

Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers, besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf.

Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt, er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch, der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende?

Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser Leib tatsächlich bis dorthin reicht?

Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch -- was war diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens?

Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch wirkliches Leben existieren sollte.

Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt: der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um die Ränder dieses Schnees kreisen?

Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine strahlende Offenbarung.

Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum erstenmal träumte, auf all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters, kam das zuerst.

Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt. Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit.

Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall, nach wirklich sichtbaren Spuren.

Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre, eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen.

Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu entgehen.

Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde gleich den Meteorsteinen niederfalle.

Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen, fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf.

Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten. Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte.

Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut.

Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere, zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond -- also ebenfalls leblos.

So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde, wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden✹....

Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft.

Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte.

Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben selbst.

Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier märchenhaften +Zähigkeit+, die dem Leben innewohnt.

Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter.

Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben?

Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen. Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein Zeitungsscherz.

Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder.

Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen, genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander.

Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft in die Welt posaunt worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten vom zähen Leben.

In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus, befeuchtete sie -- und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt -- und das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken.

Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (_Macrobiotus_). Sie sind klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen. Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und dieser Staub mag +Jahre+ hindurch hierhin, dorthin wehen, als Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen: kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus -- und ist, auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu.

Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen -- auch das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die Bärtierchen sind unzweifelbar echt.

Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges, jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte.

Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für das ganze Leben.

Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg, der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius. Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in dieser Kochbrühe.

Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze von hundertvierzig Grad.

Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam wieder von einem bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht: Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre Keimkraft zu verlieren.

Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer Bravour der Kälte trotzen.

Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren, daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere; als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben.

Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das Leben geprüft -- und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte. Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null, so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, -- er verlor seine Keimkraft, also sein Leben nicht!

Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf, als sei das alles noch nichts gewesen.