Part 33
Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, -- aber nicht, daß ein Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.
Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut erklärt.
Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig als freier Schwimmer paradierte.
Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.
Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat, da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte, ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?
Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit ihnen ihre Wasser belebte.
Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne Pflanzen sich entfalten können.
Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so einst ein Hauptheer dieser asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten Abgrund sein Wesen getrieben haben?
Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht. Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären, keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in seiner Regenpfütze uns bietet.
Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.
Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.
Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.
Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er eine ganze Weile sogar die freie Luft.
Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft, wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel die Fensterchen des Kapitäns.
Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-, das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten, daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.
Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite, die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging. Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich, wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander gestanden haben.
Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben.
Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein.
Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es, als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat.
So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem Querschnitt durch Jahrmillionen.
Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der Unsterblichkeit.
Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache.
Osterglaube.
Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch noch ohne starke Farben.
Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich, in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf.
Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim auf sein Wasserrevier.
In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet.
Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten, mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel gehäuft.
Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings.
Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener, tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt.
Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte nur beschleunigt.
Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme, die unser Grübeln auslacht. „Neu!“
Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder erlebt sie sie.
Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in äonenfernen Tagen.
„Neu!“
Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt.
Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen. Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen✹...
An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden. Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen.
Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf, vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die lieblichen Muschelkalkberge Thüringens.
Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und Haifischen und Korallen.
Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden, stehen heute noch im Berliner Museum.
Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten.
An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche.
Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge.
Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen Stellung der Weltatome begründet.
Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer.
Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem gleichen Gesetz.
Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter -- das Wort: „selbstverständlich“.
Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung: mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke, schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht weiter.
Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute wie nur je.
Nicht tot zu kriegen ist sie.
Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt -- das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es nicht finden können.
Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die Fenster ein!“
Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“?
Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder unserer Zeit, das Wunder aller Wunder.
Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen, ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst!
Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen.
Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie wunderbar das Natürliche selber ist.
Als Natürliches!
Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch wieder das höchste Wunder.
Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen Geschehens.
Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome? Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch?
Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist!
Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein Auferstehungsmorgen geschenkt ist -- das zweite, nicht minder große: daß es Verschiedenes gibt.
Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge, eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem Auge noch wieder das alles schwimmt.
Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten beachtet wird: -- daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt.
Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute -- diese zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die Entwickelung, der Fortschritt.
Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als „selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare, daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen.
Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen -- es hat gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt.
Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines „Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern großen Ur-Wunder lag.
Das Wunder des Natürlichen!
Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den einsamen See.
Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das schelmisch die blanken Zähne zeigt.
Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“.
Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt.
Es ist, -- mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der dunklen Höhle wirft.
Ende.
„=Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung=“ vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft, die aus Anlaß des +Jahrhundertwechsels+ die letzten hundert Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke im Verlage von =Georg Bondi= in Berlin erschienen:
_Dr._ =Theobald Ziegler=, ord. Professor a. d. Univ. Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts.
_Dr._ =Cornelius Gurlitt=, ord. Professor a. d. Kgl. techn. Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts.
_Dr._ =Richard M. Meyer=, Professor a. d. Univ. Berlin: Die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.
_Dr._ =Georg Kaufmann=, ord. Professor a. d. Univ. Breslau: Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert.
_Dr._ =Siegmund Günther=, ord. Professor a. d. techn. Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.
_Dr._ =Franz Carl Müller= in München: Geschichte der organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.
_Dr._ =Werner Sombart=, Professor a. d. Univ. Breslau: Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.
Die folgenden Bände der Sammlung sind =in Vorbereitung=:
_Dr._ =Heinrich Welti= in Berlin: Das musikalische Drama und die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland.
_Dr._ =Paul Schlenther=, Direktor des K. K. Hofburgtheaters zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert.
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