Chapter 26 of 33 · 3574 words · ~18 min read

Part 26

Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es _Platypus anatinus_, den entenhaften Plattfuß. Das Wort _Platypus_ war aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder fallen.

Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.

Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“, den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig _Ornithorhynchus paradoxus_: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“. +Schnabeltier+ hat sich in der Folge als kürzeste deutsche Bezeichnung überall eingebürgert.

Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den strikten Anhängern Linnés lieb war.

Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse der Säugetiere als Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“, nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte, just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum Säugetier.

Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus! Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden, dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es damit beim Schnabeltier?

Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer wollte seine Kinderstube überwachen?

Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar. Dann half alles nichts: es war +kein+ Säugetier. Aber was war es denn?

Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz neue Klasse der Wirbeltiere.

Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen -- immerhin eine etwas bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um +eines+ Vertreters willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen ganz allein?

Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt als Fehlgriff entlarvt.

1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus -- und Meckel hatte nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die Sache, es stellte sich auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings nicht abzuleugnen.

Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den Schnäbeln ihre Suppe.

Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition +doch+ ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere verließ und einsam für sich ging, -- einsam für sich auf Straßen, wo im System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.

Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von +beiden+ noch etwas hatte, das +noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs+ zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?

Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann -- ging man zur Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich denkender Mensch.

Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier selber, wirklich sehr übertrieben worden.

Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“ einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.

Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!

Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen austapeziert.

Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen, an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein Bruchstück einer Schale -- nichts. Die Eingeborenen hatten einmal wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet✹....

Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.

Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus, sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.

Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“ mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein gewöhnliches Säugetier blieben +verschieden+, darüber bestand auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man jetzt als besonders wichtig nach +Uebergangsformen+.

Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen, erschlossen ist.

Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit dem haushalten, was man besaß.

Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen einzigen -- den sogenannten Amphioxus -- noch lebend im Inventar mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen, wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen) fischähnlicher Tiere -- die Molchfische -- den entsprechenden Uebergang vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte. Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine einzige absonderliche Eidechsenart -- die Hatteria aus Neuseeland --, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.

Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr, die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere. Welche Tierform, lebend oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen hinauf? Und den Uebergang von wo aus?

Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus bedeutsam werden mußte.

Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten. Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche Entwickelung glaubten -- was aber damals allgemein verlacht worden war -- das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.

Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig herauslockte -- und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie damals durch Bennett.

Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde erhalten hatte.

Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel. Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.

Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier festgestellt.

Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, Wilhelm Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen, erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen. Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse✹....

Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und die Tatsache stand zum erstenmal +ganz+ fest: beide Schnabeltiere legten Eier!

In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen, daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres -- des Molchfisches Ceratodus -- gründlich zu studieren.

Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, eine zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden weiblichen Ameisenigel.

Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an, zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen, während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.

Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen, aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber spricht sich weniger günstig aus. Das Wasserschnabeltier ähnelt auch darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt. Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde, die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.

Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.

Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen Geschöpfes aufgehellt.

Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche Ameisenigel nur an +einem+, nämlich dem linken Eierstock reife Eier.

Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben, wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter immer noch in sie eintreten, -- ein Vorgang, der sich allerdings so nun wieder +nicht+ bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt, daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen; bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.

Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben, wissen sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen, daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer +Ahnen+ wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch oder Fisch.

Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.

Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu engen Gefängnisses zu sprengen.

Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte, wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die leere Eihülle, das Junge aber benimmt sich jetzt zum erstenmal als echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen abgesonderte Milch -- eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.

Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die +ganze+ Entwickelung einrechnet.

Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“

Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat er in umfassender Weise Material gesammelt.

Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt über das Geistesleben der Landschnabler.