Part 14
Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln (_Rhacophorus_) sich zum „fliegenden Frosch“ bilden. Will er von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts. Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern.
Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse, der sogenannte Flugdrache (_Draco volans_). Ihr stehen jederseits ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm.
Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte: der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen.
Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut. Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine Hautfäserchen zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt der +Feder+. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und Gliedmaßen mit dichtem Federkleid.
Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu sausen.
Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung.
Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen können.
Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu durchdringen.
Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips.
Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag, die Arme ruderten. Und da ein Triumph.
An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie auf, -- auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, -- ein altes wahres Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil.
In dieser Kette der Dinge +ist der Vogel entstanden+.
Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des Menschen fertig gebracht hat.
Der Urvogel von Solnhofen war der erste klare Vertreter.
Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel war mit ihm da, unwiderruflich.
Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle Wassersäule für sich gewann.
Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe.
Werden wir Menschen den Vogel überbieten, -- das letzte abstreifen, was an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist?
Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht auch bezwungen werden!
Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich -- der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen?
Die Weltgeschichte des Nilpferdes.
Die Wasser brausen -- und nun kommt etwas Ungeheures.
Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten. Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich hineingebissen und zerkaut.
Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose, fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen hat, deren jedes vier Hufe trägt.
Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als sei in einem _D_-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.
Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.
Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch! Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau -- und in diesen Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.
Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“ mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.
Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.
Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.
Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, -- der Sanduhr, die mit rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch wieder abgetragen hat.
Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, -- wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.
Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes, dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern glotzt.
Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet. Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.
Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit rechnet.
Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung, das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.
Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.
Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie existiert hat, reizte.
Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf den spaßhaften Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich ging noch ganz wo anders hin.
Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.
Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen Beinen dahin -- und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel, hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen, Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden -- und in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen. Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, -- Neuigkeiten der jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der fletschende Fleischklotz im trüben Becken, -- das ist Patriarchenzeit, unverfälschte, vormenschliche Urwelt.
Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines Nilpferd an Unhandlichkeit, -- aus den guten alten Zeiten, da man im Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, -- es ist jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu lesen.
Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen _Historia animalium_, der Tiergeschichte des Konrad Gesner, gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.
Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein genialer Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles. Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der (wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.
In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.
Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem, was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das Nilpferd folgerichtig auf.
Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.), erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt, hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen. Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er umspann auch ihre Tiere.
Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich eine deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte -- da war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es, wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen ozeanischen Gestade traten.
Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare Zeitung.
Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß in iren Rachen als in ein sack würfft.“
Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus, von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese Quellen wiesen -- höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh, also einem echten Seesäugetier -- allerdings auch nach Indien, -- immerhin in ferne, heiße Länder.
Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf den Gefrierpunkt zu bringen.
Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?
Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel, sondern frisch, wie er ihn gefunden, -- -- aus einem Bachbett bei Zürich!
Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn (also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.
Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu schwierig für 1558.
Fünfzig Jahre gingen hin, -- da kam eine neue Nachricht über das lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten. Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.
Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht, einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen, und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch. Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein Männchen und ein Weibchen. Die Häute wurden eingesalzen und mit Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den Hippopotamus.“
Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten. Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert, in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.
Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese umgetriebenen Menagerie-Riesen.
Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger, unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller, entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird furchtbar, -- bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab, wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln: er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel. Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’ Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.
Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.
Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons, des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten, also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest, daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei. Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein. Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten Fallgruben gebracht.
Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende ägyptologische Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.
Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich, wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.
Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht, der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken; wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.
Aber was nützte das.
Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.