Part 1
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[Illustration: Signet des S. Fischer Verlags]
Die Masken Erwin Reiners
Roman von Jakob Wassermann
S. Fischer, Verlag, Berlin 1910
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Virginia
Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. Der Arzt, von dessen Spruch Manfred Dalcroze alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte Lunge wieder herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; dennoch war ihm zumute, wie einen Sommer vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen sah.
Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den Professor Ernst Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an sein Versprechen, daß er sich, falls die Dinge den gefürchteten Verlauf nehmen würden, an den Professor Uchatius wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen Tiefseeexpedition betraut war.
»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den Hafen von Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst mich dem Professor Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen und ihm sagen, daß ich trotz meiner dreiundzwanzig Jahre schon manches Ersprießliche im Fach der Mikrobiologie geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im Kreis einer zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich zwei Jahre lang auf Vergnügungsdampfern und unter gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; das würde mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der ›Phönix‹ bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre weg, was ja ungefähr mit der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen würde, die ich befolgen muß.«
Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm seines Bruders: »Uchatius stimmt zu. Sei am fünften November in Berlin.«
Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber nichts von Eile war in seinem Wesen, als er sich gleich danach auf den Weg in die Josefstadt begab. Sich zu hasten, lag nicht in seiner Konstitution. Langaufgeschossene Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte Zartheit. Wären einige seiner Bewegungen nicht so schüchtern gewesen, so hätte man sagen können, er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit, wie sie in den Augen dieses hübschen jungen Mannes wohnte, dessen Erscheinung Neugier und Teilnahme hervorrief.
Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. Der Herbst ist für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. Manfred war voll von Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen des Lebens hatte schon etwas Gespensterhaftes für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg zu Virginia war ihm die Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, die er brachte, seinen Schritt beschwerte.
In einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; dunkler Flur, menschenleerer Hof und ein zweiter Bogen wie ein Schattenspiel; dann kletterte die weiße Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen aus, seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der Menschen betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem Opernglas auf die Bühne blickt.
Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn ein Gefühl der Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und Schmerz einten sich in seinem Innern, und es war ihm deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er für dieses Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in sich aufgenommen hatte.
Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen Satz war das Betrübende gestanden.
Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. Virginia legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn schweigend an. Sein ernster Blick ließ sie trauriger werden. Sie setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein Abglanz von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es kupfrig erschimmern.
Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, das Zimmer mit den Tüllgardinen, dem riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, dem Sofa aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen Alabastersäulchen!
Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das kennen zu lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er las ihr vor. Diese Aufzeichnungen formten das sympathische Bild eines um Klarheit und Sachlichkeit redlich bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, gewannen kraft einer natürlichen Bescheidenheit keinen Raum. Das eingestandene Gefühl, unzulänglich zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und zu verworren; die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, jeder sich einsam weiß, wo alles ruhelos, bestürzt und blind von Saal zu Saal aneinander vorübereilt und niemand den Namen des Gastgebers kennt.
Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen Mannes vom Anfang des Jahrhunderts. Er glaubt sich in umfriedetem Bund und ist verloren wie in der Wüste; ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und er findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch keiner spricht; wer ruht, hat schon verzichtet, und der Tanzende scheint im nächsten Augenblick zu sterben.
Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund zu besitzen. Als der Name Erwin Reiners zum erstenmal in dem Tagebuch auftauchte, verwandelte sich der Ton der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin hat mich vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, »er hat mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke ich den Glauben an die Schönheit des Lebens, denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich täglich wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem Tag.«
Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia geschildert war, schüttelte das Mädchen lachend den Kopf und sagte, das möge sie nicht hören. »Wenn wir mal alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das vorlesen.«
So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während es zu dämmern begann, irrten Manfreds Augen zerstreut über die engbeschriebenen Seiten, auf welchen jene natürlichen Erlebnisse wie Mirakel behandelt wurden.
»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, und ich beachte nicht die Menschen, die mir begegnen. Aber gestern hab ich ein Mädchen gesehen ... eine Sekunde lang standen wir voreinander, unsere Blicke trafen sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte um und folgte ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas edel Schleichendes, so daß ich mich ganz einfältig fragte, ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich sah beständig den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben sich die fernen bläulichen Hügel, die den Prospekt der Straßenzeile bildeten. Ich versuchte auf dieselben Pflastersteine zu treten, die ihr Fuß berührt hatte, mir war, als ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und rechts in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, ich fühlte mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, wo ich sie aus dem Auge verlieren mußte, und als sie endlich draußen in einem Vorstadthaus verschwand, blieb ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am Tor dieses Hauses stehen.«
Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in seinen Empfindungen Stetigkeit und Mark. Halbe Tage hindurch promenierte er vor dem Hause in der Piaristengasse mit einem geregelten Eifer, der die Aufmerksamkeit der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte. Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus dem Tor; wie einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen anschickt, schritt er vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte seinen Namen, entschuldigte seine Kühnheit mit allen Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von Eindruck, von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales und nichtswürdiges Zeug.
Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte beklommen, daß dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand zugehörende Mädchen etwas vom Adel einer Fürstin an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, ihre Haltung, die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, Stolz oder Verwunderung auszudrücken, eine nicht gewöhnliche Charakterstärke.
Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde leicht den Ton verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch ohne dieses Fehlgreifen, das Manfred mißfiel, weil er wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die beiden schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden. Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings mit einem Enthusiasmus, der Virginia nervös machte. Die alte Dame war über seine anständigen Absichten sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen ein, erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte Gelehrtenfamilie waren, und hätte über Virginias Zukunft keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um zehn Jahre älter gewesen wäre.
Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen gewonnen hatte, war ihr Herz zu lieben bereit. Aber ein vorsichtigeres Herz als das ihre ließ sich nicht denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks ein Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft dieser Stadt, in der sie aufgewachsen war, der Luft der Sinnlichkeit und des unbedenklichen Genießens, vor deren Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht immer froh empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus den strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen über Sitte und Tugend, die mit erlesener Schönheit zuweilen im Bunde sind, als ob es in den Absichten der Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk nicht ohne Wehr und Waffe auszuliefern.
Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer deutbare Lächeln geschwunden war, durch welches sie ihrer tiefen Zurückhaltung den Glanz von Liebenswürdigkeit gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, der Blick zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage und Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu offenbaren, erst dann hatte Manfred gesiegt. Im Mai, während eines Spaziergangs im Walde, entriß er ihr ein Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie ähnlichen Gefühlen nicht mehr preiszugeben.
Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen zu halten. Sie einmal so völlig außer sich gesehen zu haben, so im Sturm, in der kurzen Raserei, die aus ihr hervorgebrochen war wie ein Element, unter der sie litt wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war Stoff für dauernde Träume und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit. Und dieses wieder dankte ihm Virginia in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, nichts Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; nichts von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder apart verwendet, zum Kriegs- und Eroberungsarsenal der Mädchen gegen ihre Anbeter gehören. An ihr war alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von sanfter Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich selbst und überlegte Rücksicht gegen den Geliebten.
Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte den Charakter von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie spottete gern und besaß ein Talent zur Nachahmung, das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre Mutter hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden zu lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe Meinung vom Beruf einer Komödiantin. Frau Geßner bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein mit den Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von einem Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur ein kärgliches Auskommen sicherte, hart an der Grenze der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals an eine Versorgung durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen, bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden zu nehmen; aber es war ein ziemlich hilfloses Treiben, und es machte ihr Kummer, daß sie ein ersprießliches Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem hohen Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl sie ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren Stolz, als sie ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen Menschen insgeheim ein orientalisches Frauenideal von Trägheit und Sichtragenlassen hegte.
Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, der sie in einer häßlich aufgeregten Welt als ruhend träumte. Es war eine Schönheit, deren Vollendung dem flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der Tat konnte Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. Ihre Schönheit bedurfte gleich den echten Dichtungen des Studiums und der Vertiefung, um gewürdigt zu werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung; ihre Haltung erinnerte an die selbstverständliche Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit einer großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig und kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches Papier, leuchtend, aber nicht feucht; ihre Lippen hatten die Frische und Narbenlosigkeit wie bei dreijährigen Kindern; die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll gebogen, seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war ein wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm köstlich ruhevoll auf der perlmutterschimmernden Wölbung, und dieses Schauspiel des Lebens unter einer Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu schlummern schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine bezaubernde Wahrheit und Gegenwärtigkeit.
Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es kam ihr wie ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien Anschluß, Freundschaft, Entgegenwirkung. Doch Manfred errichtete Altäre, und der Überschwang des Glücks lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht vertrauensvoll zu seinem Genius.
So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene und gütige, dem Weltlärm entrückte Gestalten, von denen zu beklagen ist, daß sie der Schicksalswind auseinanderreißen und in verwunschene Bezirke des Lebens wirbeln wird.
Eine Vision
Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren, nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.
Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren, um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia folgenden Brief:
»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein, fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst. Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei Stunden ein Tod.
Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen, die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen, nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken.
Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen, wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt, den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia, laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust.
Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte, viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht.
Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten, als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle, die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und Erwin Freundschaft entsteht.
Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!«
* * * * *
Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand er Virginia nicht zu Hause.
Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen Gesellschaft.«
Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen Unmittelbarkeit beraubt.
»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!«
Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte erklingen würden.
»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab’ einen festen Verlaß auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die Sache ist nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen die Wahrheit erfahren.«
Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau.