Chapter 14 of 23 · 3957 words · ~20 min read

Part 14

Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie mit diesen Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise, selbst eine Grenze zöge. Virginia begegnete seinem Blick, und auf einmal wurde sie dunkelrot. Das Spiel wird ernst, dachte Erwin.

* * * * *

Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten Stock eines alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden Hauses. Man mußte zuerst den Hof durchschreiten und dann eine Holzgalerie erklimmen, die in das Zimmer des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber etwas armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche Sauberkeit auszeichnete. An den Wänden hingen ein paar Originalskizzen von mittelmäßigen Malern und eine große Photographie der Rembrandtschen Nachtwache.

Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem braunen Flanelltuch bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem Gesicht las er einen Brief, den er soeben von seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche hatte er dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt, deren Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht worden war. Doktor Zimmermann bedankte sich für das Büchlein und schrieb weiterhin:

»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn auch deine Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte fallen, ein Fehler, der auf einem Mangel an innerer Einfachheit beruht, so erkenne ich dir doch alle Begabung für den selbsterwählten Beruf zu, die mein früheres Mißtrauen und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht vorhanden erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst, ich sähe dich mit Genugtuung und großer Erwartung auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen. Nicht zu gedenken der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der Mißkennung, der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du reichlich genossen hast, gebricht es dir auch nach meiner festen Überzeugung an einer Eigenschaft, ohne die ein wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt dir an Gemeinsinn; ich will es besser soziale Gebundenheit nennen; es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention, auf der alles Tüchtige und Außerordentliche der Kunst wie der sichtbaren Welt ruht, als auf einer Basis von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine Zeitgenossen werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf durchhöhltem Grund oder hängen gänzlich in der Luft, haben keine Herkunft, keinen Stammbaum und keine höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten Bewußtsein können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst sich nicht zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu frühem Tod, was auf dem Markt Unsterblichkeit prätendiert. Deine Sorge wegen meiner Gesundheit ist, ich hoffe es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten Onkel Wilhelm Zimmermann.«

Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren, daß Doktor Zimmermann mit den Anfängen eines tückischen und höchst gefährlichen Leidens kämpfe, daß er sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu Rate zu ziehen, und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens aus der Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem Winkel sitze. Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der joviale, lebhafte, sprühende Mann, der scharfe Geist und schlagfertige Dialektiker in der Melancholie gleichender Todesfurcht, nichts konnte trauriger für Ulrichs Ohren klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen.

Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt des Briefes überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe, die Türe wurde nach raschem Pochen geöffnet, und Erwin steckte den Kopf in die Spalte. »Kann man herein?« – »Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand da.« – »Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf. Das war das Unerwartetste. Schon stand Virginia auf der Schwelle, dann trat sie ins Zimmer und reichte Ulrich die Hand.

Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern, was ihm den Sinn beschwerte. Er reichte Erwin den Brief seines Onkels. »Mir ist, als seien Sie anders geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu Virginia, indes Erwin ans Fenster ging und las.

Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände, die auf dem Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie aufschlug, fand sie, von Ulrichs Hand geschrieben, ihren eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt. »Soll das mir gehören?« fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt aber ein Bild dabei. Soll das auch mir gehören?« – »Wenn Sie’s annehmen wollen, ja. Ein alter Stich, aus dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern und hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.«

Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem der Sensenmann grinsend und lüstern emportaucht. Darunter stand: die Braut. Gedankenvoll schaute Virginia darauf nieder: sie ließ den linken Arm sinken, und der Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich galant danach und schaute dann über Virginias Schulter auf das Bildchen. Unter seinen schöngeschwungenen Wimpern hervor schoß ein messender Blitz auf Ulrich Zimmermann.

»Was halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich Ulrich betreten.

»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen Sie: die Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und wenn sie ins Freie gehn, laufen sie über die Straße ins Wirtshaus. Wir wissen es ja längst: das schlechte Gewissen macht Moralisten, und der untätige Geist gebiert Kritik.«

Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur Virginia. Er sah nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung von ihr, die sich in der Luft bewegte. Nein, sprach es plötzlich in ihm, es ist nicht, es ist nicht! Der Kranz auf dieser Stirne kann nicht lügen.

Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die beiden fortgegangen waren; wo bin ich? wo lebe ich? lebe ich in meinem Bezirk? treu der angeborenen Kraft? Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige Zeugnisse entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn das Heute eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller Durst nach Ehre, wohin? alle Pläne, wohin? alle Träume von Unsterblichkeit, wohin?

* * * * *

»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte Frau Geßner Virginia zu, als diese nach Hause kam. Virginia trat ins Zimmer und sah Helene Zurmühlen vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung lag, verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das freundliche Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig.

Warum war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung angetrieben. Eine Reihe von schlaflosen Nächten vermag die Beweggründe eines Entschlusses zu verdunkeln. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß das Verhängnis unabwendbar gewesen sei und besiegelt vom Anfang an her. Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah sich des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in dem sie sich für gefeit gehalten gegen alle Drohungen des Schicksals. Und es war so plötzlich gekommen, ohne Aussprache, ohne Vorbereitung, wie wenn am Abend eines Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von ihr abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie an, dorthin zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte diejenige sehen und spüren, die von der Sonne beschienen war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre Natur war so beschaffen, daß sie sich in einen künstlichen Edelmut wohl hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand aber keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war, vor die glückliche Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht danach aussah, als ob es ihr um die feierliche Gebärde des Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem erkünstelten Edelmut dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn glücklich macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren Kummer zu vergessen, wenn sie Virginia versicherte, wie sie es Erwin versichern wollte: ich entsage. Der Gedanke, daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren Platz einnehme, tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens ein. Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend und hilflos.

Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre Hände gefaßt. »Ich begreife alles,« sagte sie, »ich begreife ihn und Sie. Seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie derart überfalle, ich weiß, daß ein solcher Schritt ungewöhnlich ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist das einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt in mir ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich aufrecht halten, wenn ich auch wie ein Lahmer bin, dem die Krücke weggenommen worden ist. Sie bedürfen keiner Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter sein, mit Ihnen froh zu werden als mit mir.«

Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer und nahmen plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn sie schien erst jetzt der Einfachheit des Raumes inne zu werden.

Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war bestürzt und aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen, gnädige Frau, wovon Sie eigentlich sprechen?« fragte sie höflich.

Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des Hasses aus Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum heuchelt sie, fuhr es ihr durch den Sinn. Doch faßte sie sich schnell, und mit ihrem gütigen, müden und opferwilligen Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß Sie sich nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn, und was haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben, Ehre, Herz, Leben, Zukunft, Kind und Mann, alles ihm, alles zertreten für ihn, und mit Freude, das dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden, zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein, das ist zu viel, vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren. Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht zu seinem Schatten werden.«

Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog ihr Gesicht. Sie war keines Wortes fähig.

»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,« fuhr Helene mit schmerzlich verzogenem Gesicht fort und in einem Ton von Hoffnung, als ob Virginia durch diese Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche an Erwin aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht, er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und ihre Lippen zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende ihrer Situation zu spüren. Außerdem erschrak sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen Mädchens gewahrte.

»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige Frau,« sagte Virginia leise und mit den Zeichen heftigen Widerwillens, »es scheint Ihnen nicht bekannt zu sein, daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam gegenwärtig auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein Einverständnis zwischen mir und Herrn Doktor Reiner annehmen, so ist das Ihre Sache, nur muß ich Sie bitten, mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.«

Nach diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung etwas Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame Verwandlung in Helenes Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer Zorn, die herrische Abwehr mit dem Hinweis auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich des Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst schon verspielt, daß ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit besessen hatte.

Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken, den Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt. So hätte ich geschaffen werden sollen, dachte sie mit einem müden Blick auf Virginia, so stark, so frei, so stolz.

Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung. Virginia antwortete nichts. Helene lispelte einen Gruß. Eine Gebärde verriet die schüchterne Absicht, Virginia die Hand zu reichen. Virginia geleitete sie stumm hinaus. Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel einer unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte.

Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer Unbekannten nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten erkundigt hätte. Sie ging durch viele Straßen, und ganz ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte nicht einmal den Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen, keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser nachdenken zu können. Wenn diese Virginia nicht seine Geliebte ist, dachte sie, dann ist ja für mich noch nichts verloren; am Ende ist alles nur eine Einbildung von mir. Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin zu sehen und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit dem ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und von Beredsamkeit, den starken, einschmeichelnden und besonderen Worten, die seine Züge so bewegt und so vertraut machten.

Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend; sie trat in ein Geschäft und telephonierte nach Hause, um zu erfahren, ob das Kind schlafe. Ihr Mann war für einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen. Gegen halb neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie im Stiche ließen, richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung mit Erwin. Sie gehörte zu den Menschen, die sich leicht der Täuschung hingeben, durch Reden, Erklärungen und Auseinandersetzungen könne der Lauf der Geschehnisse gehemmt oder verändert werden.

»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner dringend sprechen«, sagte sie mit ihrer sanften Stimme zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch, zauderte einen Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach einer Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück und sagte: »Der gnädige Herr bedauert unendlich, er kann nicht abkommen und bittet, ihn zu entschuldigen.«

Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt, daß ich es bin?« fragte sie matt und geringschätzig. – »Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich. Die ungeheure Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer Ohnmacht. Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus dem Zimmer schallen, und auf einmal kam es über sie wie ein Rausch, wie eine Raserei der Verzweiflung, die nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und Rücksicht. Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin mit drei jungen Männern am Tische aß. Erwin befand sich der Tür gegenüber. Er stellte das Weinglas, das er in der Hand hielt, neben seinen Teller und erhob sich. Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte, verzog sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen. Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die Gäste blickten erstaunt auf die junge Frau. Erwin gewann sogleich seine Fassung; er ging Helene entgegen und sagte höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es, gnädige Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen? Darf ich bitten, mir zu folgen?«

Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür gegen den linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die mit halbgeschlossenen Augen mechanisch schritt, vorausgehen. Dann übernahm er die Führung und machte erst in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war es finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür.

»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen wollte?« fragte Helene atemlos, mit einer Stimme, die zur flehentlichen Abbitte schon bereit war.

Erwin blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte er laut, fest und mit starrem Mund. Dann erst heftete er die Augen auf die gleichsam verlöschenden Züge Helenes; er setzte sich in einen Stuhl und verschränkte die Arme über der Brust.

Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht, ein Gesicht, das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht kannte und vor dem ihr graute; ein Gesicht, in welchem kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von Beredsamkeit, von Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes, steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein furchtbares Gesicht.

Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie mußte sich abwenden. Sie wunderte sich, daß sie die Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne zu schreien, wie man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes schreit. Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer ging und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der Halle holte er sie ein, sagte etwas, was sie nicht verstand, und entließ sie mit höflicher Verbeugung.

Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch so war wie am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte sich auf einen Diwan, lag Stunden und Stunden, und als es Tag wurde, wunderte sie sich darüber. Sie erhob sich, ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle Briefe und Aufzeichnungen zusammen, die sie hätten verraten können, warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann ging sie ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und, bevor sie sich entkleidete, trat sie ans Fenster, das nach dem Lichthof führte. Sie schaute in die Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie sich sorgfältig an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn sie ins Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes, das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder am Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen pfeifend über den Himmelsausschnitt droben. Von einer Küche im untern Stockwerk klang Tellergeklapper und dazwischen ein schrilles, elektrisches Glockensignal herauf. Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch übermorgen, vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger Anstrengung setzte sie sich auf den schmalen Sims, und sie wunderte sich, daß sie etwas tun wollte, was so abschließend und so mutig war. Sie glaubte noch nicht, daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da gewahrte sie das Gesicht in der Luft, das andere Gesicht. Sie ließ die Hände los und sank ohne Laut in etwas unsagbar Weiches und Wollüstiges hinein. Sie sah die verblüfft glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster, und ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht unschicklich, wenn Leute kommen.

Reise und Rückkehr

Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte vom frühen Morgen an alle Türen und Fenster aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf fahren, Gina?« fragte Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig vor sich hin. Ihr war, als müsse sie sich zuvor noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, daß er ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war ihr gleichgültig; desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß kommen.

Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, sah das zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten Schultern. Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, daß Frauen so vor ihm zusammenbrachen, so entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen und davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und miterleben.

Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das Jahr hatte sie verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, das manchmal zu schwindelnder Sehnsucht heranwuchs. Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg, stockte ihr Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene zu tragen, die verbietend war? Es war etwas aufgelöst in ihr. Ein Weg, den sie nicht gehen wollte, den sie niemals gehen würde, schimmerte versprechend. Langsam wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die Brust, und von den Hüften empor zum Halse glitt ein lauer Hauch, der den Kontur des Leibes empfinden machte, den Blick schamvoll von der Welt weglenkte.

Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem Jahr. Das Blühen wogte bis über die Dächer, und in den Kellern sangen die Wurzeln. Der Mond stand am Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der ausgestreckten Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken flammten schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht mehr die strenge Scheu, die sie bis jetzt in ihren Gedanken der werbenden Liebe Manfreds entgegengesetzt. Sie rief nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine Nähe, wünschte seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit bewußt.

Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. Sie erinnerte sich nicht, geschlummert zu haben, dennoch hatte sie geträumt. Seltsame Dinge hatte sie gesehen. Sie stand in der Halle von Erwins Haus und blickte durch offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen. Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn junge Mädchen, alle mit ganz dünnen Schleiergewändern bekleidet, durch welche die Haut leuchtete. Die Gewänder waren von reizvoller Verschiedenheit der Färbung; eines war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte scharlachrot, das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen wie Blumen. Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen schwarze Larven vor dem Gesicht trugen. Sie sprachen nicht miteinander. Eine saß am Klavier und spielte ein Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, und in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas planvoll Verführerisches, das Virginia abscheulich erschien. Als sie sich von ihnen entfernte, kam sie in ein Gemach, das sie vorher noch nie betreten hatte, und sich umschauend gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. Der Knabe mochte ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte ein glühendes Gesicht, und seine Augen glichen auffallend den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu, war aber blaß und nachdenklich.

Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder und Vorgänge nicht durch sich selbst bestanden, sondern daß sie von Erwin heraufbeschworen schienen, der wie ein unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und vorüberziehen ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half nichts, das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich wünschte sie nur, ihn zu sehen.

Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der Wagen da sei, war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm bekleidet, in welchem sie photographiert werden sollte. Doch Erwin hatte ein Briefchen mitgeschickt, in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute zu erlassen, sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie sehen, denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog sie sich um. Trotz dieser Nachricht betrat sie die Villa mit einer noch fortwährenden Verwunderung über ihren Traum und in einer schmerzlichen und ungewohnten Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, aus denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, und als Virginia in die Bibliothek trat, gewahrte sie in der Mitte des Raums eine riesige weiße Porzellanvase voll von weißen Rosen.

Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, bemerkte aber bald, daß er auf einer Ottomane lag, und erschrak über seinen Anblick. Er war aschfahl. »Um Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie stockend. Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben ihm nieder und wiederholte ihre Frage im liebevollsten Ton.

Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, trunken von Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie klingt wie ein Cello. Beinahe hätte er die Arme um sie geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine Vorsicht, zu früh!

»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt und ist tot«, sagte er matt und versank wieder in sein bleiernes Hinbrüten.

Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf dem Stuhl sitzend, vor sich nieder, Tränen in den Augen. Schwer fiel es ihr aufs Herz, daß sie das unglückliche Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von sich gehen lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das getan, dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! Erwin streckte seine Hand nach ihr aus, als verlange er nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde zu begehen, wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die seinige, als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, für ihre menschliche Verfehlung eines verzeihenden Worts, für ihren Traum einer Deutung.

Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd und erkennend. Mechanisch starrte sie die Hand an, die er gedrückt hatte; er hatte die einzelnen Finger förmlich geliebkost. Nie war ihr eine Hand so bloß erschienen wie die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch niemals gehabt, seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau mit dem zerschmetterten Körper!

Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender Glut auf den Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern nachmittag bei mir«, sagte sie. Erwin richtete sich empor. »Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu beschuldigen?«

»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia bitter.