Part 3
Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann von vornehmer Haltung und schweigsamem Gehaben. Er hatte ein blasses Gesicht, einen rötlichen Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und traurige Augen, die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel gebogen, als ob sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet die Sauberkeit und Sorgfalt eines Menschen, dem alles daran liegt, seine Armut vor der Welt zu verbergen. Er war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen und lebte mit einem weiblichen Wesen geheimnisvoll zurückgezogen in der Vorstadt. Er besuchte seine wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis.
Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen gelernt. Er hatte schon damals erfahren, daß der Graf im Besitz der sogenannten Froweinschen Miniaturen war, die nach einem Sammler oder Mäzen des achtzehnten Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord Pembroke in Schottland, das dritte war zur Zeit der österreichischen Herrschaft in Toskana durch einen Vorfahr des Grafen, die Palester waren italienischen Ursprungs, aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen Malereien, die nach Erwins Meinung einen außerordentlichen Wert hatten, als abergläubisch behütetes Erbstück von Generation zu Generation. Man wähnte, daß der Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm einst noch ein neuer Glanz beschieden sein werde, solange dieser Schatz Familiengut blieb. Graf Ottokar war nicht mehr in der Lage, das Archiv eines Ahnenschlosses damit zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als Fabel hinnahm, so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der durch eine philosophische Lebensführung gehärtet wurde. Vor Wochen hatte er das Buch mitgebracht, um es Erwin zu zeigen, und schon eine flüchtige Prüfung hatte diesen belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die drei in Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes gewesen, aber Erwin, der das römische kannte, stellte entzückt das Palestersche höher, und seine Begierde nach dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie der Widerstand, den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar voll Nachsicht und versprach mit reizender Ironie, er werde ihm den Frowein hinterlassen, wenn er ohne Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir zu lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich will erobern.«
Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und während der Graf sich an den Tisch setzte und aß, wie man im Wirtshaus eine bestellte Mahlzeit zu sich nimmt, schlich Erwin vorsichtig und lüstern um das Thema.
»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred.
»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach und primitiv gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz ohne gleichen ist.«
»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem begreif’ ich dein heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist voll von schönen Werken der Kunst, bekannten und unbekannten; warum soll tyrannische Habsucht den Geist in Fesseln binden und den Genuß beschränken?«
Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg jedoch, um Erwin nicht in seiner Entgegnung zu stören. Erwin legte die Hände flach zusammen und sagte mit einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die Welt ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die Wahllosen und klein für die Wählenden, groß für die Augen und klein für die Hand. Ich bin kein Augenmensch. Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, zu zerstören.«
»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das Chaos anfängt«, bemerkte Graf Ottokar trocken.
Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der Graf erhob, um sich zu verabschieden. Manfred, der müde war, folgte seinem Beispiel, nachdem er mit Erwin die Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen abholen wollte.
Als er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, schneite es. »Ich gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl von Erwin weg,« gestand Manfred, »er hat die Gabe, mich ehrgeizig zu machen.«
»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter Mensch«, erwiderte Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er allein ist, ganz allein. Er gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht vorstellen kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen Stadt, in einem großen Haus und darin in einem großen Zimmer ... mir ist, als ob er ein anderer wäre.«
Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die Züge des Grafen hatten einen ernsten, beinahe düsteren Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich nämlich, im Gegensatz zu Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu viel, und was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre hat mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des Ozeans geruht; nun ist mir alles vermauert, Leben und Menschen. Ich komme mir vor wie ein Zwangsarbeiter in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?«
»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, Polynesien.«
»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der Graf sinnend. »Und das alles ist vorhanden. Jetzt, indem wir sprechen, rauschen dort die Palmen. Nichts ist aufwühlender als das Gefühl der Gleichzeitigkeit. Sie werden nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und die Maschine wird pochen wie ein Herz.«
»Ich würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es Manfred.
»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um so mehr wird Sie die Reise verwandeln. Wir verwandeln uns nicht, wenn die Erlebnisse mit unseren Wünschen übereinstimmen. Schreiben Sie mir einmal von dort drüben, vom andern Ende der Welt.«
»Mit Vergnügen.«
»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich werde bei Nacht schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, und so ist es auch gemeint. Leben Sie wohl, Sie müssen einsteigen, ich gehe zu Fuß.«
»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt.
»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage nicht den Lärm dieser Vehikel. Leben Sie wohl.«
Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger Teilnahme nach.
Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin in dessen Elektromobil zu Virginia.
Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein paar Sekunden lang steif wie eine Latte. Manfred konnte durchaus nicht erraten, was in ihm vorging. Er selbst gab sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch, Erwin und Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke von beiden.
Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz verwandt, auch der Unruhe des Künstlers über die Wirkung seines Werkes; er suchte aus Erwins Miene zu lesen, ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt, unbefriedigt geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend ins Gesicht. Nie zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; das Phlegma, das die Schönheit verleiht und das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll wird, gab ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald an Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa wie man zwei seltene Leckerbissen zusammen in den Mund schiebt.
Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins Betragen zufrieden sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel ihr, die Knappheit seiner Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken Spielraum, seine Zurückhaltung war bedeutsamer als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit an, daß ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen waren. Sie hatte seine Kritik ein wenig gefürchtet, seine unbedingte Billigung, die sie spürte, hob ihre Sicherheit. Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges, auch nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, Manfred anerkennend zuzunicken, als sie sich von Erwin unbeobachtet wußte.
Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen hingegangen war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen die Rolle, die mir Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein Kopfzerbrechen verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. Betrachten Sie mich als einen, der zur Verfügung steht. Vergessen Sie die Person und denken Sie nur an das Amt.«
Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. »Ich kann nicht kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden mich auch viel zu eigensinnig finden, wenn Sie kommandieren müßten. Es wird hoffentlich nichts dergleichen nötig sein.«
Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. Auf der letzten Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem er Manfred durchdringend anschaute: »Hör’ mal, es ist doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen, diese ... Dame, diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe stammt, wie du sie mir geschildert hast –?«
Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor Freude lächelnd, erwiderte unbedacht: »Wie scharf und wahr du siehst!« Sogleich merkte er, daß er zuviel gesagt; er wollte seine Worte zurücknehmen, verstrickte sich noch mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene ärgerte, glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, wenn er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in Kürze berichtete.
»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, »solche Früchte reifen nicht auf dem dürren Baum des bürgerlichen Behagens. Amüsant wäre es, von diesem Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen Männer zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle tausendjähriger Heuchelei.«
»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred hastig.
Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das Grab«, antwortete er, als könne eine solche Aufforderung nur scherzhaft genommen werden. Sie drückten einander die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück.
Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia langsam ihre Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der eigene Schmerz. Ihm war, als ob er sterben müsse, um erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder von neuem beginnen zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett begeben. Ihr Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, auf welchem eine Teekanne, drei Tassen und eine mit Äpfeln gefüllte Schale standen.
Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte Worte; wenn sie schwiegen, empfanden sie die Schauer als gefährlich, die über ihre Haut rannen. Manfreds Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in die Winkel; spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an den Kleidern trug er eine Last wie ein Badender, dem eine Fessel nicht zu schwimmen erlaubt. Virginia schien gefaßt, ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie gegen die bedrohliche Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie stolz sie ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar und wie schön!
Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. Und er ging, bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt.
Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte er ihr einen Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es war das erste Geschenk, das sie annahm. Er war fertig, alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon auf dem Bahnhof, und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin.
Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war bald verstrichen. Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie Porzellan, und als sie an seiner Brust lag, schluchzte sie wie ein Kind. Manfred preßte sie an sich, bog mit der Linken ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und dann empor. Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch.
Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. Rücksichtsvoll hatte er die letzte Minute gewählt. Als er Virginia so hingeschmiegt erblickte, war in der Linie ihres Körpers ein Etwas, das ihn stutzig machte. Er sah zu Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen. Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. Sein edles Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, lächelnd und sich verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der Halle.
Vorspiele
Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia: »Darf ich Ihnen zur Heimfahrt meinen Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?«
Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet; gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg sie ein, nur in dem Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu sammeln. Erwin erriet ihren Zustand; er war bereit, sich zu entfernen. Da wurde sie sich ihrer Unüberlegtheit bewußt, die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht, so, wie ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in der Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen zu sollen, war ihr höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken, das konnte sie nicht über sich bringen, es erschien ihr unfreundlich und undankbar, und sie bestand darauf, daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn ich nichts rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar sein kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke.
Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen fast mit Genuß, daß ihr das Schweigen peinlich war. Er liebte es, von der Seite her die Augen einer Frau zu betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das Hinausstrahlende des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks liebte er vielleicht.
Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr helfend die Hand. Er hatte eine ritterliche Art zu warten, sich zu verbeugen, zu grüßen. »Auf Wiedersehen«, sagte Virginia hastig.
Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor, und ihr war, als käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie fiel der Mutter um den Hals und weinte sich satt.
Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr. Man saß da und wartete auf den Briefträger. Der Briefträger war nicht so faul, er brachte an jedem Morgen eine Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung schrieb er ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches Adieu, kam schon vom Bord des »Phönix«.
Auch Erwin hatte einen Brief erhalten. Er hatte die Absicht, es Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit? Sie war überflüssig. Es lockte ihn nichts dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein Tag war angefüllt wie ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er war zu Fuß gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch wieder zurück. Vor der weißen Wendelstiege zögerte er abermals. Da erinnerte er sich der hingeschmiegten Bewegung ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust gelegen, jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies entschied.
Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald vom Gespräch zurückziehen. Erwin durchschaute die Absicht und suchte etwas, um sie zu fesseln. Er brachte die Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre Skizzen zu sehen. Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen herbei. Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen, in denen er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige Aufmerksamkeit.
Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik, die von gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die Oberflächlichkeit und mangelnde Kraft des Schauens. »Ja, das weiß ich,« stimmte Virginia bei, »deswegen bin ich auch so lustlos.«
Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei. Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es fehlt Ihnen das systematische Studium der Natur und die Kenntnis der großen modernen Meister«, sagte er. »Wer gibt Ihnen Unterricht?«
»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia, »der Mann ist ein Anstreicher, weiter nichts.«
Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte; er rühmte einen der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei eine staatliche Anstalt, die Kosten wären infolgedessen gering, und er machte sich erbötig, ihre Aufnahme durchzusetzen.
Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit andern zusammen zu arbeiten«, wandte sie ein.
»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit nicht gestört werden.«
Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht. »Um Gotteswillen spotten Sie nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod nicht leiden. Das macht mich ganz krank.«
Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als Mangel an Ernst deuten, und willigte ein. Sehr bald fand sie sich belohnt. Der neue Lehrer nahm es genau und nahm es tief. Er verlieh den Gegenständen Seele, indem er den Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn man sie von innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten mußte. Sie bekam einen gewaltigen Begriff von dem vorher so unbestimmten Wesen und sah auch ein bescheidenes Ziel für sich selbst.
Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art. Es war etwas Genaues an ihr, kein nebelhaftes Wort kam von ihren Lippen. Sie lernte Verhältnisse kennen, Charaktere abschätzen, Gesichter beurteilen und hatte minder häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene Wirkung auf die Menschen.
Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern der Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal, in den Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden, und seine Gesellschaft war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch war belebend, die eigenartige Eleganz seiner Kleidung und seines Auftretens empfand sie als etwas Auszeichnendes und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er, »Technik haben heißt weiter nichts als Mut haben.« Er wollte mit ihr in eine Galerie gehen und schlug ihr das Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und eines Vormittags holte er sie ab.
Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit dem jungen Mann stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft. Erwin spürte es und bemerkte, die kleinbürgerlichen Beengungen harmonierten schlecht zu ihrem Wesen, sie möge sie doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen.
Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte er Dinge zu sagen, die Virginia niemals gehört hatte. Er schuf ihr das Bild; er gab der Gestalt Leben, der Idee Bedeutung. Zugleich war es, als enthülle er sein Herz, das in einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden heilt, die eine grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte zwangen sie zur Ehrfurcht, und sie mußte sich sagen, daß sie um so tiefer unter ihm stand, wenn sie sich nicht neigte vor solcher Größe des Gefühls.
Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie sich durch die Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf- und Abgehen, in den Laden kramen, Vorsichhinreden und Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst gewesen, heute klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage später erschien Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia wollte gerade zur Schule. Sie war verspätet und deshalb in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit ihm zur Eröffnung einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den interessanten Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. – »Das ist schade«, erwiderte Erwin tadelnd. – »Schon deswegen, weil ich keine Toilette für sie habe«, fügte Virginia lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird genügen, alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin trocken.
»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«, mischte sich Frau Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie sich an das zögernde Mädchen, »dein blaues Sammetkleid ist ja sehr hübsch.«
»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia und ging in ihre Kammer.
Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor, und einige Frauen und Kinder sahen mit neidischen Augen den beiden zu, als sie einstiegen.
Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier, ja merkbare Bewunderung, als sie an Erwins Seite durch die Räume schritt. Erwin ergriff die Gelegenheit, das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu machen, vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen Frau von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie zog Virginia sogleich in ihren Kreis, und alsbald schwirrte es um sie von neuen Namen und ungewohnten Schmeicheleien. Eine nicht mehr ganz junge Person fiel ihr auf, die ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel, und nach kurzem Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich ohne Wunsch noch Lust, das Versprechen, sie zu besuchen; als die Baronin Resowsky ein gleiches von ihr forderte, war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung auszuweichen.
Um Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge Männer und erkundigten sich, wer die Novize sei. Es amüsierte ihn, geheimnisvoll zu bleiben, und er beobachtete ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren Unruhe sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren Gewänder der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens, das Erwin Reiner genoß, um dessen Wort und Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur wie eine Gnade walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren eigenen Augen und Gedanken, und was galt es viel, sich stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich gewiß weit über ihr stehend dünkten?
Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen über ihre Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden Nachmittag kam. Aber er bemühte sich, den Nimbus zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben hatte.
»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom Gezwitscher auf den Geist?« fragte er.
Sie verstand nicht ganz.
»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«, fuhr er mit gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz, aus Eitelkeit, aus Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder aus Verzweiflung. Und wollen Sie wissen, womit man sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der Seele. Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind, um den Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr Opfer in Stücken, sie plündern seine Brust und entleeren sein Gehirn.«
Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als durch die Worte. »Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt sie ihm mit aufblitzenden Augen entgegen.
Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der blakenden Lampe herabzuschrauben. Frau Geßner befand sich in der Küche, er war mit Virginia allein im Zimmer.
Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt, aber fremd und entsagend. Das etwa war in seinen Mienen zu lesen. »Meine Gärten sind verdorrt,« murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener Stimme fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen, das ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch Sehnsucht gläubig war. Jede dieser jungen Frauen war mir eine Göttin; von jeder habe ich Wunder und Offenbarung erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich habe mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben. Ich habe oben und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten Gruft gewühlt, die man die Gesellschaft nennt, ich kenne sie alle, die Aristokratin, die Bürgerin, die Abenteuerin, die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die Schalen von einer Zwiebel.«
Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia vorüber, ziellos, doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch ganz Europa und durch den halben Orient gezogen,« begann er wieder, gleichsam unwillig und von der Erinnerung verstört, »ich war in allen Salons von Paris, Petersburg, London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach einem Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren geführt, aber ich bin im Norden so kalt geblieben wie im Süden. Hätte mich irgendwo und wann eine göttliche Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre als Preis bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie, ich hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später dann, wenn der Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das Glück fordert eine Seele ganz. Es flieht, wo sie sich in kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,« – Virginia zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche Elend, das ich Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer Generation. Wir jungen Männer allesamt gleichen dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen, sein eigenes Kind verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres eigenen Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer Freiheit. Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn es ist eine Welt, wo der Beste sein Herz und der Schlechte das des andern zerfetzt, wo der Starke zu den Schwachen Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo die Gesetze Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.«
Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises, und seine funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den blassen Lidern. Virginia nagte sinnend an ihrer Lippe. Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie Ihr Leben so beurteilen.«