Chapter 16 of 23 · 3916 words · ~20 min read

Part 16

»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals erschienenen Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau von Resowsky wird dann Sorge tragen, daß man im Klub erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite Bedingung ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der Welt gelangt. Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. Bis dahin bleibst du auf meinem Landgut bei Takern in der Steiermark.«

»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem Lächeln.

»Bist du damit einverstanden?«

»Ja.«

»Ich habe dein Wort?«

»Du hast mein Wort.«

»In acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut werden. Von einer kirchlichen Zeremonie ist natürlich keine Rede. Unmittelbar nach der Trauung reisest du nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt. Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch meinen Advokaten anweisen lassen.«

»Ich verstehe«, antwortete Marianne.

»Bleibt es dabei?«

»Es bleibt dabei.«

Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein Va-banque-Spiel. Ihre Brust war voller Kälte, und der Sieg stimmte sie nicht zuversichtlich. Sie hatte Angst um sich, Furcht vor Erwin, und der tödlich verwundete Stolz hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung an eine Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt, die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren Stolz, den sie selbst zertreten, großmütig wieder aufrichten werde. Dies hätte sie ihm überschwänglich danken, dafür hätte sie hinsinken können, doch nun war alle Herrschaft im Bösen.

Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche Verbindung in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen dienten der Gutsverwalter aus Takern und dessen Sohn. Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem Reisegepäck. Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof.

Feïnaora

Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für seine nächsten Freunde nicht mehr zugänglich. Er brach eine Arbeit von leichter Haltung ab, um sich der schwierigen und profunden Untersuchung eines mathematisch-philosophischen Themas zu widmen: »Der Begriff der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er mußte bis zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht dem Gefühl einer Leere zu verfallen, das ihn rasend machte wie Zahnweh, ihn vor sich herabwürdigte und unerbittlich zu den Menschen trieb.

Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte sie, er probierte sie, er genoß sie, er verwarf sie. Alle, alle, alle. Er hatte die Wirkung gespürt, durch welche die genialsten Geister der Zeiten die Menschheit in Atem hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität in sich zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. Er wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, indem er lächelte.

Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten fuhr er zur Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, verrufene Orte zu besuchen, Tanzlokale letzten Ranges und Verbrecherkneipen. Es waren Abhärtungskuren für die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als Elemente der sozialen Ordnung. Die Flut, in der er schwamm, hatte seinen Organismus gestählt gegen den Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und sein Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die schärfsten Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und so war es Würze, wenn er, von den Schwaden des ekelsten Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias emportauchen ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust.

Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia noch den ganzen September auf dem Lande verbringen wolle. Er fand dieses Schreiben gleichzeitig mit einem Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als er eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des Freundes, und seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte und las aber- und abermals. Dann steckte er es in die Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht nahm einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte beide Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen Augen: »Nun hilf mir, Feïnaora, du Geschöpf der Inseln und des Meeres!«

Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie geheimnisvoll erschien. Noch einmal löste sich die Spannung, er fiel wie vernichtet in einen Lehnsessel, schlief wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte, sah er zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner geschickt, aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte auf der Seite, die er leer geglaubt, vier Worte von Virginias Hand: »Ihre Schutzbefohlene grüßt Sie.«

Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr seit mehr als sechzig Tagen, dieser warnende, erinnernde und fast drohende Gruß. Erwin schüttelte bedächtig den Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort nach Edlitz zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst fuhr am Nachmittag mit dem Automobil.

Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen mußte, erregte trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. Drei niedrige Zimmer, mit verruchten Ölbildern behangene Wände, wacklige Stühle und ein liliputanisches Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen; er beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem Virginia mit ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr abends, als sich Erwin auf den Weg begab. Alle Fenster der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan war ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, etliches Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit tiefherabhängenden Zweigen war eine Bank. Erwin setzte sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben, inmitten des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es mochte wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also.

Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst nicht im ersten Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr träumereiche Zeit. Sie träumte, daß sie sich in einer fremden Stadt befand. Die Straßen sind leer, es ist sehr kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut hinauf. Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. Sie weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt zu ihm muß. Es ist von Wichtigkeit, sie darf keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt sein Gesicht an der Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch unterscheidet sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe mit zahllosen steilen Stufen muß erstiegen werden. Es ist schwer, sie wird müde, sie denkt: warum kommt er mir nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr jemand, den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet sich um die Mauer, will’s denn kein Ende nehmen? Gott sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was ist das? Der Raum ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie sich aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß. Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred geht unten auf einem schmalen Weg und schaut herauf, verwundert, fremd, gleichgültig, mit einem Gesicht, das klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine Flamme. Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, des unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die zu wachsen scheint, sie weiß nicht warum, entpreßt ihr einen lauten Angstschrei, und sie erwacht.

Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen Pause antwortete Virginia beschwichtigend und erhob sich dann, um, wie sie zu tun gewohnt war, ans offene Fenster zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach oben und blieben an den Sternen haften.

Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der Finsternis in das bläuliche Licht hervortreten, das auch ihr Nachtgewand bläulich schimmern machte. Wenig fehlte und er hätte den schützenden Schatten verlassen, um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff ihn Verzagtheit.

Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus vielleicht wie die seine; er fühlte die Nachtkühle über die leichtbedeckten Schultern huschen und wie die Glieder fröstelten.

Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief er lange. Er schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt zurück, ihm sein Feldbett zu holen. Als er vormittags gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen stand, das etwa tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern belauscht. Ihr helles Sommerkleid leuchtete durch die undichten Zweige. Sie hatte ein Buch auf dem Schoß und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in die Augen.

»Erwin«, sagte Virginia.

Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand übergab. Ihre Freude war so mit Furcht gemischt, daß sie sich des Eingeständnisses von Schwäche, das in der hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst nach dem Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich wieder; mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie die unwillkommenen Zeichen, die zu viele einsame Stunden verrieten.

Frau Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt sah. Sie war redselig, neugierig, zapplig und etwas konfus. Da das Wetter schön war, beschlossen Erwin und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, schwieg sie eine Weile verlegen. »Was war denn eigentlich los?« fragte sie auf einmal hastig. »Haben Sie sich mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam Virginia zurück, lächelte die Mutter flüchtig an und rief: »Gehen wir!«

Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und beinahe gleich großen Gestalten lange. Wie gut ihm der graue Dreß steht, dachte sie, wie leicht und kerzengerade er schreitet; und sie, das weiße Musselinkleid, die weißen Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«, murmelte sie und seufzte.

Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der sogenannten buckligen Welt. Virginia dachte: er ist anders als in der Stadt. Erwin dachte: sie ist dieselbe auch in der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung erst durch sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte die seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von seiner Reise, aber er schien nicht bei der Sache. Virginia merkte es und teilte seine Unruhe.

Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. Virginia lag gern in der Sonne, nur den Kopf barg sie im Schatten. Aber die Strahlen fielen dennoch auf ihr Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem Hut. Im Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, in denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte den Kopf und roch die säuerliche Feuchtigkeit der Erde.

»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte sie. – »Vor ein paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? ich bin schon seit vierzehn Tagen ohne Nachricht. Was schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht wissen? Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, denn seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit.

»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred Geheimnisse vor Ihnen hat. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen. Hat er Ihnen von Feïnaora geschrieben?«

»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?«

»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie zu.« Erwin setzte sich aufrecht, nahm den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las.

»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine Nachricht mehr von dir. Bis in den indischen Archipel waren deine Mitteilungen von dankenswerter Häufigkeit, wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich gewünscht hätte. Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man bei der Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das zu Weihnachten keine Geschenke bekommt.

»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, Neuguinea nach Sydney und von da über die Cooks-Inseln hierher nach den Marquefas. Von nun ab verlegen wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, werden wir fern von der übrigen Menschheit an den Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht, die nichts Verlockendes hat. Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts. Bis Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf Neuseeland, die weiteren Stationen werde ich rechtzeitig melden.

»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein Tagewerk, das in unseren Breiten noch erfrischend wirkt, ist in den Tropen schon ein Übermaß. Einige Mitglieder der Expedition sind vom Fieber nicht verschont geblieben, und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen Malabar und der Torresstraße ist der Körper stündlich in Gefahr, einer tödlichen Erschlaffung zu unterliegen, und die Feste, die das Auge feiert, müssen mit einem beständigen Kampf gegen den unsichtbaren Feind bezahlt werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren ist, schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie Gespenster auf Deck herumwankten. Ich lebte meist von Früchten und Reis. Es wächst dort eine Frucht, die Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne. Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste Idee davon, dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen Sherry und anderes Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch süß, sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts auf Erden, und je mehr du verzehrst, je weniger kannst du aufhören. Aber diese selbe Frucht, leider! verbreitet einen entsetzlichen Gestank, und bevor man sie öffnet, scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu bringen. Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit.

»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling erzählen, von Tauben mit Korallenfüßen, von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer der Vulkane, von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? Das haben viele schon getan. Meine Feder ist zu armselig. Diese Dinge bereichern, indem sie entzücken. Anders der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die bereichert, indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig, der neben mir ging und dessen Namen ich nicht kannte. Zu Hause beruhigt man sich bald, Gewohnheit und Anpassungszwang machen das Fremde unscheinbar. In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen könntest, man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer eine tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der schauerlichen Glut des Maschinenraums haust und wie ein Kerkersträfling durch den Ozean fährt. Ist er nicht ein Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf gegen meine Bequemlichkeit? Ich sehe den Chinesen, der fern von seiner Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, der zu fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er spricht und durch Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. Da ist der demütige Malaie, der eitle Ambonese, der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer, dessen Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und dessen Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung und dem Druck der salzigen Lauge. Dann triffst du die Goldsucher, die in einer durch die Not geschmiedeten Kameradschaft die öden Steppen Australiens durchziehen, um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu können, dessen Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends verzehren wird; oder den Farmer, der in einer Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die wir nicht einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut kämpft, und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen kostet, wenn er die widerspenstige Viehherde zum nächsten Markt an die Küste treiben muß. Auch dem verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und dem von frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene Blockhaus in Brand gesteckt wird; dem alten deutschen Arzt auch, in einer Schifferkolonie, der seit siebenunddreißig Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen wird, weil es ihm nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, um zu Hause mit Anstand leben zu können.

»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele seien überall zu finden. Das ist wahr. Aber warum schaut man heute ein Gesicht an, und es bleibt stumm, und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen des Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der Zunder entflammen soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? Ich habe einen Sinn darin entdeckt, daß ich bin, nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich kann keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt das anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in meinem Kreis. Ich höre auf, mich selbst zu genießen. Ich will arbeiten, um zu dienen.

»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit sich allein sein, um sie zu finden. Die Teilnahme eines Freundes würde den Prozeß nur trüben und verlängern. Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein aufgestacheltes Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine Adern sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden. Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual der Nächte übertroffen, Schreckbild überflügelt Schreckbild bis in den horchenden Schlaf. Ich mag das meiner Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht; das heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will mich in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr gegen das Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr gelassen zu erscheinen. Aber meine innere Verstörtheit und Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen Erlebnis, das ich dir erzählen will.

»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas warfen wir vor Mangaia Anker, einem lieblichen Eiland im Cook-Archipel. Wir wollten dort nach Echinothuriden fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll gefärbte Seeigel, die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen Giftapparat enthält. Einige junge Leute von der Expedition, darunter ich, arbeiteten am Strand, und jeder schlief nachts in seinem Zelt. Eines Morgens, meine Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, mit einem Rock aus Grashalmen, so wie sie alle hier gekleidet gehen. Sie redete, jedoch ich verstand natürlich nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie stets die Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. Sie hieß Feïnaora.

»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die andern lachten, als sie zurückkehrten und das anschmiegende Geschöpf bei seinem Tun beobachteten. Von Fischern erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm verstoßen worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht oder konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer wies ich das Mädchen fort und immer kam es wieder. Sie warf sich auf die Erde vor mir und brachte mir Muscheln, Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und Kokosnüsse. Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen, die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, kaum der Kindheit entwachsen, ein scheues Benehmen und ein schmeichelndes Idiom voller Vokale.

»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte sie vor meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon bei mir wie ein aufmerksamer Hund, trug Wasser und bereitete den Tee. Am letzten Abend, bevor der ›Phönix‹ die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und Feïnaora kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte mit sonderbar wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich wollte schlafen und gebot ihr, stille zu sein. Der Schlummer kam, doch er war ohne Tiefe und ohne Vergessenheit. Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene so quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, die Gedanken flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, mir war, als müßt ich sterben, ohne sie noch einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in der Furcht, in der Finsternis und Einsamkeit streckten sich meine Arme aus und sie fanden Leben, Wärme, eine mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von der andern Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich aus dem Fieber der Träume. Am Morgen sah ich mich allein. Feïnaora war verschwunden. Es waren Leute im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der ihren in die Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte mir, daß es Feïnaora war. Das Meer hat ihre Seele ausgelöscht. Virginia hat es gefordert.

»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen Tod. Ich glaube an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht schuldiger werde. Oder, wenn dich die moralische Wertung ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger, sondern verstrickter. Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie wird es möglich sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- und Traumhafte so zu fassen, daß sie versteht, verzeiht, vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will nicht monatelang mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. Leb wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken deinen ewig getreuen Manfred Dalcroze.«

Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach blaß geworden, jedoch kein Spiel der Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein Grashalm war zwischen ihre Lippen geklemmt.

»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte den Brief des Freundes in der Faust zusammen.

»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia mit hartem Blick; doch kaum hatten ihre Augen einander getroffen, so senkte Virginia die Lider, eine verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und sie wandte, ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern Seite.

»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte Geschichtchen ernster zu nehmen, als es im Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und mit vorsichtigem Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin, an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, der Gute, er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu quält er sich? Jetzt plötzlich möchte er gern an die Großmut des freien Weibes appellieren und hat nichts für Sie getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts. Er hat Sie aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und nun mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er fürchten muß, kein Verständnis für das Natürliche und Alltägliche zu finden.«

Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, Virginia,« fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. Wir Männer sind aus anderem Fleisch als ihr. Unsere Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so im Geist, daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue manchmal erst zur Blüte kommt.«

Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand mit vielen Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der zwölfte September. Ihr war kalt, über und über kalt.

Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin folgte ihr und pfiff leise. Schweigend wandelten sie über die Wiesenwege. Von den Bergen her waren indessen große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es donnerte. Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt nicht. Es regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie an ein Haus. Das Tor war verschlossen; auf Erwins Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin bat, den Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden in ein geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen Sofa und Stühle mit weißem Linnen überzogen waren. Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien, das in diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem die freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach Bauernart lamentiert hatte, ließ sie die beiden allein.

In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen Sessel hin und spielte. Das Instrument klang dünn und verstimmt. Als er sich nach einer Weile umwandte, sah er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch sitzen und lautlos weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt, die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, die Hände lagen im Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet sah, erhob sie die Arme, stützte sie auf den Tisch und legte die Hände vor die Augen. Erwin schritt hin, faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander, wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins Innere eines Waldes dringen will. Sie mochte ihr Gesicht nicht sehen lassen und beugte es tiefer herab. Er schob den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von unten ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! Vertrauen! Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte Virginia vertrauensvoll. Sie hauchte seinen Namen.

»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam.