Part 12
Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia gegenüber den Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie war verstört und konnte bei Tisch nichts essen. Schweigend gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia war innerlich selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter aufgefallen wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um zu Erwin herauszufahren. Das Halsband packte sie in Seidenpapier und steckte es in das Ledertäschchen, das sie trug. Ihre Bewegungen waren energisch und ihre Mienen gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen Angst.
»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel.
Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie einen solchen Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben Antrieb unternehmen würde. Der scharfsinnige Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier um eine Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte, der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde da sein, bat die Zögernde, im Salon zu warten, rückte einen Sessel vor die Terrasse, brachte ein paar Zeitschriften herbei, und all das ließ sich Virginia still und ein bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war, blickte sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein matter Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es war ihr, als müsse sie sich abwenden von dem Prunk des Gemachs, der ihr heute tot erschien wie ein Kleid im Schaufenster eines Modengeschäfts.
Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert, und fünf Minuten später raste das Elektromobil vom Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf. Erwin wurde von Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der sich verdient gemacht hat. _Avant le souper_, dachte Wichtel, der eine französische Bildung genossen hatte, als er die Erregung in den Zügen seines Herrn gewahrte.
Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun von seinen Mienen, war der Zweck eines kurzen Verweilens in der Bibliothek. Ich habe sie richtig eingeschätzt, dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis, aber es ist gelungen.
Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand auf. Seine Blicke umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende Beteuerung und musterten sogar ihren Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug ein dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache, weiße, von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse, ferner einen schwarzen, großen, runden Strohhut mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen Gesicht sommerliche Helligkeit verlieh.
Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Sie gingen hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte, schloß Erwin die beiden hochgewölbten Fenster.
Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort ein nicht wieder gut zu machender Fehler werden konnte. Er war noch nicht ganz im klaren darüber, weshalb Virginia gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich weit von ihr und betonte so einen Willen zur Distanz, der ihr eine gewisse Freiheit geben sollte. Sie kämpfte sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er lenkte sie ab, ließ aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von seiner Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem ungesunden Servilismus einer Welt, die bereit gewesen, ihm zu dienen, noch ehe er Zeit gehabt, ihre Dienste zu bewerten. Er habe niemals erworben, er habe stets nur besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und nicht genossen worden.
An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg zu ihr war. Mit erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte er es fertig, ihr alles das zu sagen, was sie ihrerseits ihm vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias Augen glänzten. Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an. Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten ihrer Stirn ihm die Richtung gewiesen, ahnte sie nicht, sondern glaubte an eine ebenso glückliche wie beglückende Bekehrung.
Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete, daß ihn das Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter in seiner Seele. Und nicht nur dies: so wie vorher Virginias Nähe ihn entflammt, so würde ihr Anblick jetzt genügen, ihn vor den Flammen zu schützen, denn er habe den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei seiner Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige Kälte der Verehrung, die jede Rebellion und Begierde erstickt«, sagte er. »Und Sie haben sich nicht nur selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es ist in mir eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen schweigen gegen ihn, aber das Schweigen müssen wir aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir vertraut, eine Großmut, die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz; ich will Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter, reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte, sondern schon Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut und nährt. Ich möchte Sie aus schädlichen Dämmerungen reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse und Einsicht der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen aufschließen, als ob es Türen in meinem Haus wären, ich möchte Ihnen die Beunruhigungen ersparen, von denen jede eine Falle und eine Gefahr für Ihre Schönheit bedeuten kann, ich will mich Ihnen weihen und will entsagen und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres Schicksals, und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor seiner Virginia erst niederfallen, bevor er sie als eine begrüßt, die ihm entgegengelebt hat.«
Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden Worten solche Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich der hinreißenden Wirkung nicht einen Augenblick entziehen konnte. Man wollte sie bilden und verschönen, das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred in keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr, zu drohend alles Leben, als daß sie wie andre schöne Frauen mit der Grazie des Leichtsinns hätte hindurchschreiten können. Sie nahm von den herrlichen Versprechungen auf, was sie zu fassen vermochte, und war froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr hatte. Sie horchte, wachte, entspannte ihren Geist, wobei ihr freilich dieser Mann immer wunderbarer wurde und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ.
Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel unbefangener sogar, als sie sich ihm je gezeigt. Und das war das Meisterstück gewesen. Als ihm Virginia mit Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen Position sogleich zu erproben. Er wickelte das Paket auf, ließ die Perlen fallen, bis die Kette nur noch am Mittelfinger hing, und blickte Virginia enttäuscht an.
»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von mir genommen hätten, würden Sie sie mir gerade in dieser Stunde auch nicht vor die Füße werfen«, sagte er mit umdunkelter Stirn.
»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief.
»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige und unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal, Virginia! Sie heiligt einen Freundschaftsbund. Lassen Sie mich wenigstens daran glauben. Wir binden uns mit der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen beim ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen. Die schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt, werden flehend am Boden rollen, und jede bedeutet ein verlorenes Glück.«
Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr an, daß sie sich nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete sie schweigend, voll von einer Güte im Ausdruck, einer leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid wachrief, dann legte er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab.
»Was hab’ ich getan!« murmelte er.
»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte Virginia endlich schwankend und in dem Drang, ihn durch Nachgiebigkeit aufzurichten, »ich könnte sie niemals tragen.«
»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie später anders darüber denken werden.«
»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie wünschen. Die Sitte ist mächtiger als Sie und ich, und wenn auch Manfred jetzt seine Zustimmung gibt, so weiß er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn der Anblick der Perlen bringen könnte.«
Erwin verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So behalten Sie das Geschmeide als Pfand«, schlug er vor; »ich verpfände es gegen mein Wohlverhalten, meine Ehrerbietung, mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe meines Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?«
Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der überzeugenden Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen. Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, als sie sich von Erwin verabschiedete. Am selben Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie erklärte, was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen. Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte sie die Gabe im stillen hingenommen, aber in der Schilderung war alles von Zweifeln umwölkt, und sie schuldigte sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien ihr die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender Umstand. Brisbane in Australien; es war, wie wenn man einen Brief in den Mond schickte. Bis Manfred ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle Verwirrungen gewiß schon zur Ordnung gediehen.
Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter zugefallenen Schatz das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias Rückkehr hatte sie sich natürlich erkundigt, was mit den Perlen geschehen sei, und als Virginia die Kette mit einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, – denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte die alte Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia auszuforschen, ob sie eine Ahnung von dem ungeheuern Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares Geschenk als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr wider die Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie hoffte; sie bangte; sie war erregt und schweigsam; sie behandelte Virginia mit einer Vorsicht, die diese bedenklich hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst sich gewöhnt hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf kernloser Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches Betragen gegen Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie.
Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er kam spät nachmittags und blieb bis in die Nacht. Er war jedenfalls mit sich einig darüber, daß er nun etwas wie eine methodische Belagerung durchführte. Aber unterschied er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der Mann danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen zu erliegen, in zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert durch ein Lockbild von Glück und Verderben. Ihm war, als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die Form vom Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war; ob er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine tiefste Begierde. In diesem Werk, in dem alles schlecht, wild und verbrecherisch war, schien er seine Vollendung zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der Morbiden, der Eroberer und der großen Instinktiven.
Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen war die zuckende Sammlung, die Menschen eigen ist, welche auf einem vorgeschobenen Posten gefahrvolle Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes waren markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch packender, der Mund fester geschlossen, die Haut etwas fahler, Schultern und Hände etwas ruhiger als sonst.
Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie zeigte sich nun in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und Schwierigkeit. Das Pulver in den unterhöhlten Gängen hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer Explosivstoffe bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der Posten umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn. Die Nachbarn steckten die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt kommt der Herr Kavalier schon jeden Tag«, sagten sie und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten eine Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter eines Postvorstands, und was sonst noch in die Höfe und auf die weiße Wendelstiege kam an Bedienerinnen, Waschfrauen, Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen pflog, das alles schnüffelte und raunte. Hätten sie nur etwas Sicheres gewußt! Gern verzeiht der Nachbar, wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber nichts weiß, wird er zum Torquemada.
Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn vor Erwin zur Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den Rat gegeben, diese Winkelzuflucht zu verlassen«, sagte Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom Schleim verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete sie; »verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir bevorsteht.« Erwin schwieg, doch auf seiner Stirn zeigten sich die ersten Drohungen einer kommenden Alleinherrschaft.
Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm« zu stimmen. Er hatte da einen Ton von frostiger Majestät, der eine ganze Stadt von Schwätzern und Übelrednern zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch über der Plebs ausdrückte.
Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt, wo auch immer Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht der Schatten eines Makels auf sie fiel; und diese wirkliche Welt verschmähte doch ebenso wenig den Klatsch und Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und am Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben. Sie hätte die schlimme Nachrede untrüglich empfunden, ein einziger Blick der Bezichtigung hätte sie für alle Zeit verscheucht. Aber man wußte, daß sie Braut war; man hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen Meeren weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners, und was diese poetische Kunde, was die Patronanz einer Dame, wie es Frau von Resowsky war, nicht vermocht hätte, brachte Virginias Gestalt und Wesen zustande, ihr reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über ihr schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte sie, man umschwärmte sie, und einige Komtessen eigneten sich sogar ihre Art zu lächeln an oder beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna Schörk nachahmten.
An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia zu befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft sein Blick auf ihr ruhte, prüfend oder träumend, zuckte sie zusammen, als ob man sie angetastet hätte. Mit Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm fesseln ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt zu haben. Er bat demütig um Verzeihung, doch heimlich beglückten ihn ihre Vorwürfe, die halb neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch verrieten. Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir vielleicht zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu mühelos erscheinen; es geht mir wie einem, der beständig durch Pauspapier zeichnet. Sie gab ihm das zu verstehen, aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum, der mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit vielen Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die gewußte Last.«
Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung bieten wollte, führte er sie an einem historischen Tag, an dem dreimalhunderttausend Arbeiter vor dem Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte, der geordneten Kolonnen, die von unten her kamen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult. Erwin lenkte den Blick seiner Begleiterin auf einzelne Gesichter. Er wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen. Während er sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges Weib in epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin sprang hinzu, hielt die Arme der Schreienden fest und trieb müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus den Kolonnen schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin wieder an Virginias Seite war, sagte er: »Es war eine Prostituierte.«
»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise.
»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte er mit verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie verdorrte Wurzeln und Augen wie entsäftete Früchte. Es ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht, ein Leib, der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht spüren? Meine Ohren sind voll davon, und mich verlangt nach Freude, damit ich vergessen kann.«
Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er stehen, schaute das junge Mädchen groß und tief an und sagte mit Inbrunst: »Ihr Glücklichen! Glückliche Virginia!«
Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich; bis zu diesem Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich gefunden. Aber daß er es war, der ihr das Glück zuschrieb, schien ihr keine Vermehrung des Glückes zu sein. Klang es nicht, als wolle er seinen Anteil daran haben, als sei er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen und wurde um Dank immer verlegener.
Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals zum Ausruhen gelangen. Seine heimlichen Gedanken zu durchschauen, wenn er spottete, oder wenn er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt, daß er mit keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die sie häßlich und verräterisch nannte, glaubte sie ihn durch Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft belohnen zu müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte hatten oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich zu ergründen suchte.
Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum Haus gehört und vieles von der Stimmung des Hauses bringt und nimmt. Er würde es nie werden. Er war der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt, der befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert, indem er sich gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer Festlichkeit; seine Gegenwart erweckte Neugierde, und er verabschiedete sich, wenn die Erwartung ihren Höhepunkt erreicht hatte.
Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen auf einmal so seltsam wurden! Man wähnte, Blumen noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie in seinem Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu einem Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder die Wünsche gewisser Stunden ausdrückte, einsamer Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden, tatkräftiger Stunden.
Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn, der in seiner Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt freudiger. Er lehrte sie die Blumen kennen; nicht nur dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht so groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen, dem Charakter nach. Er erkannte die Blumen am Geruch mit geschlossenen Augen; er sprach von ihren geistigen und sinnlichen Neigungen. Einige Blumen erweckten die Sinnlichkeit der Menschen, andere töteten sie, wie z. B. die Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht, bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und deutete das Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom befruchtenden Wind und vom samentragenden Insekt.
Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er es war. Es wäre interessant und lehrreich gewesen, aber nicht so eigen. Ohne Zweifel wußte er, daß das Liebesleben der Pflanzen zu den geheimnisvoll aufschürenden Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend, daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen werden muß.
Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen empor. Virginia erinnerte sich nicht, solche Worte je vernommen zu haben. Es geschah einmal, daß sie aufstand, als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein Nebel schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger Sekunden der Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl, beleidigt worden zu sein. In ihren Zügen erwachte eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war, ärgerte sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen wie ein Spuk.
Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen. Frau Geßner schlief gewöhnlich nach einer Viertelstunde ein. Virginia lauschte gern seiner wohltönenden Stimme. Er las Dante und Shelley in bedeutenden Bruchstücken; er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien. Im glättenden Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne vorsichtig an die Gesetze der Lebenskunst und der Persönlichkeit.
Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios schimmernden Geschichten. Da Virginia leidlich gut italienisch verstand – die bucklige Großtante, die am großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet –, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms schwelgerisch feiernd. Der Titel, den er vorstellte, hieß: Die Freude. Triumph über die Materie war das Motto; oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar zu bedenkliche Stellen milderte er geschickt, und die bunten Figuren tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig verblaßt war, durch das aber wundersame Irrlichter huschten, die in den Träumen junger Mädchen nicht viel anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge.
Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt mit einer fast gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich sie zurück. Doch er hatte dann einen herrischen Ernst, der die Abwehr als beschränkt erscheinen ließ. =Ihre= unschuldige Sachlichkeit hingegen reizte ihn bisweilen zur Frivolität, ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich.
Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd in der Sofaecke, und Erwin und Virginia bei der Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz voll Frage und Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam, überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel der Sinnlichkeit durch die Zeiten, von der edlen Kultur der Sinnlichkeit, von der Hingabe, von der Großmut, die in freier Hingabe liegt. Er hatte viele Wege offen und verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine Scham erwachte, sie senkte die Augen vor seinem Blick, er bekämpfte den fernen Aufruhr der Scham und schürte dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz verborgene Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung für sie, moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte gegen gewisse Freiheiten der Rede und der Schilderung kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre Brust war von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so ungeheuer fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele niemals erkennen konnte. Ungenau spürte sie das Rechte, war lustvoll und verwirrt, schweigsam und gern getäuscht.
Aber vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen, daß er, was wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft machte. Sie sah sich nach Hilfsmitteln um, wenn er sie in die Enge trieb. Sie konnte nicht zurückweichen, dann wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig gehalten zu werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und Bestimmtheit ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie viele Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern würde, daß von Überlistung keine Rede mehr sein könne. Da verdoppelte sich seine Kraft und sein Schwung, und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand unausweichlicher die magnetische Gewalt seiner Gegenwart.
Er wünschte aus ihr etwas wie eine _grande dame_ zu machen. Er behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte den Ausdruck _grande dame_ und bezeichnete ihn als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus, wurde aber stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme ohne jede Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich, doch müsse sie den Kopf nicht allzu lässig tragen, meinte er, dadurch beeinträchtige sie die vollkommene Linie des Halses und der Büste, verberge sie das liebliche Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie förmlich mit Händen anrührten, erschrak Virginia, und daß sie ihr nicht die Unbefangenheit raubten, war ein Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche Eitelkeit fremd war.
Er entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders prächtiges und kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich Liebenbergschen Park bestimmt war. Er wählte ihre Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der Blusen, den Schnitt der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit immer bedrückterem Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er brachte ihr die auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn sie in seinem Beisein daran roch, kam es über sie wie ein matter, aber gefährlicher Rausch. Endlich überredete er sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin in Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen fünfhundert Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch den Dilettantinnen von Bedeutung, die nur nach außen wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem von großer Wichtigkeit für eine Frau, die es versteht, einer leblosen Minute durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.«
Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und ließ ihn in die Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte, das Instrument sei sein Eigentum und bleibe es. Dagegen ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als Frau Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik hören zu können.