Chapter 13 of 23 · 3992 words · ~20 min read

Part 13

Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag seine letzten Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe stille lagen und über ihre Mauerngevierte der Mond heraufstieg oder die Sterne dunstumschleiert sich entzündeten, setzte er sich an den Flügel und spielte. Es waren Fantasien. Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild, melancholisch, voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt in klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen. Da er immer weniger von sich selber sprach, nahm er seine Zuflucht zur Sprache der Musik, die von seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung, von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne, seufzte und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn er so saß, den Kopf emporgewandt, war etwas edel Vertieftes an ihm, und sein schlanker Körper ruhte ebenmäßig in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen. Dann erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn war gerunzelt, sie ärgerte sich über die Mutter, die oft Tränen in den Augen hatte, aber ihr Bestreben, sich der eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward desungeachtet offenbar.

»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und schlug den Deckel des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen; Teufelszeug ist es. Sie müssen unter die Menschen, vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen Sie werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er erzählte eine lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse, und plötzlich war sein Gedächtnis angefüllt mit pikanten Histörchen, heiteren Schwänken und den Alkovengeheimnissen aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen Stadt.

Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf, war es, als ob ihre Anwesenheit allein genüge, ihn zum Mittelpunkt zu machen. Und wenn er den Vornehmsten, den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja oft sarkastisches Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er stets den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie in den Augen aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung, ließ ihr jeden Argwohn als Undank erscheinen, und allmählich empfand sie seine Hilfe, seine Führung als etwas Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche Weise, und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender Klatsch ihr zu Ohren gelangte.

Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit Wochen nicht gesehen hatte und die gerade Anstalten traf, für den Sommer nach Tirol zu reisen. Marianne lenkte alsbald, wie es in ihrer Absicht lag, das Gespräch auf Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber da Virginias Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme nicht verließen, erging sie sich in grober Deutlichkeit und sagte, es würde sie wundern, wenn die Geschichte nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein schlechtes Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie hinzu, »mit Männern und mit Weibern.«

»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia erstaunt.

»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer. Ich, die einzige, die ihn kennt.«

»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.«

Marianne lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes Buch. Mag sein, aber wer eine Seite in diesem Buch liest, hat keine Ahnung davon, was auf allen andern Seiten steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie nach einer kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen Begriff von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles nur eine Frage des Widerstands. Sie machen Epoche in seinem Leben, so wie ein Fasttag im Leben eines Fressers Epoche macht.«

Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne sie zu verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes an, der geschwungene Mund dehnte sich, sie fühlte ihre Pulse rascher schlagen. Marianne bot ihr die Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht weil es sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war. Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche Empfindung; ihr war, als beginne sie Erwin zu hassen. Sie kannte noch nicht den Haß, sie sträubte sich gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen.

Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner ab, um mit ihnen in die Oper zu fahren. Es war sehr heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau Geßner Kopfschmerz und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und Dunst zitternden Raum, da sah sie zwei Augen strahlend und mit fast verschlingendem Ausdruck ununterbrochen auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen, die mit einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß. Erwin stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach kurzer Weile erblickte ihn Virginia neben Helene. Er unterhielt sich sehr angelegentlich mit ihr, und sein Gesicht hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten Ausdruck. Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen, neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet, aber ihre Augen strahlten dann und wann mit demselben verschlingenden Glanz zu Virginia hinüber, die ein solches Unbehagen verspürte, daß es sie die größte Überwindung kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte, daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren, die sich dann in die Richtung wandten, wo Erwin sich mit jener Frau befand.

Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und sagte kurz: »Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du willst fort? Warum denn?« fragte Frau Geßner, erschrocken über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber diese hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb die Mutter, welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia in solchen Momenten durch Frage und Widerpart zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein Gespräch fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen Wechsels seiner Stimmung nicht versehen hatte, war einer Ohnmacht nahe. Aber als sie die andere nicht mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles, auch Erwins bestrickendes Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte sie nicht, obwohl es furchtbar in ihr zu tagen anfing.

Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit ihrer Mutter das Theater verlassen hatte, schmunzelte er. Nachdem der Vorhang aufgegangen war, schlüpfte er in seinen Mantel, setzte den Zylinder auf, schob den Stock unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend und leise vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große Freitreppe des Opernhauses hinab.

Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen Bahn, so fuhr es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes willen, was hab’ ich da getan! Wie es bei phantasievollen Menschen zu gehen pflegt, wenn der Impuls zu einer falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles Mögliche geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Aber es gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings einem ebenso falschem Impuls gehorchte, ich werde sagen, daß ich die Mutter zum Wagen begleitet hätte; er wird es sonderbar finden, aber er wird nichts merken. »Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht, frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte und verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu Haus werd’ ich dir alles erklären.« Und bei der nächsten Haltestelle verließ sie den Wagen.

Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum habe ich es getan? grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens. Und sie spürte genau, als ob eine Wunde in ihr sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs.

Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei einer Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn auf der Straße zu treffen, blieb sie unwillkürlich stehen. Erwin wandte sich um. »Virginia!« rief er freudig. Dann schüttelte er verwundert den Kopf. »Ich wußte, daß Sie zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte ihr mit langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten.

Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte Erklärung kam ihr langweilig und albern vor. Mechanisch steckte sie ihre Nase in die Blumen. »Bitte, begleiten Sie mich zu einem Einspänner«, sagte sie gepreßt. – »Wollen Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie verneinte. »Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen zu verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend fort. Virginia atmete auf. Sie nickte. »Ich habe jetzt die Lust verloren«, antwortete sie; »auch ist es zu schwül im Theater.«

Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem Kutscher die Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden. Daß er Virginia zu dieser Stunde allein fahren ließ, war fast eine Genialität. Er konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als sie ihm mit froher Bewegung die Hand reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu knacken«, murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich rasch entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen, und seine Stimmung verfinsterte sich.

Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete die Rosen. Sie empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte plötzlich und warf die Blumen auf die Straße. Als sie vor dem Hause stand und läutete, kam eben die Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie beide lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«, sagte Virginia verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag nicht.« Und Frau Geßner fragte nicht, sie seufzte bloß.

Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten Schlafrock an und ging eine Weile im Zimmer hin und her. Dann holte sie Schreibmappe und Tintenfaß, setzte sich an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer Hand wie sonst, einen Brief an Manfred.

»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit bist, so nah bist du heut meinen Gedanken. Ich könnte beten, daß die Zeit schneller läuft. Ich war nie so ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die Stadt hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald und Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche nach Edlitz fahren, wo es uns auch vor zwei Jahren so gut gefallen hat. Wir werden wieder dasselbe kleine Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten, wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von den vielen Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut, auf dem Moos zu liegen und zu denken, an dich zu denken! Ich möchte so lang wie möglich dort bleiben, und wenn wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin Liebenberg, da geh’ ich noch hin, weil ich’s versprochen habe, aber dann ist Schluß mit allen Gesellschaften und Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn jede Woche ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend über die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar darüber zu sein, womit man ein solches Übergreifen vor sich und andern rechtfertigen soll. Ich bin fest entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins Redlichkeit nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in der Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu viele Pflichten, zu viele Bedenken erwachsen mir daraus, zu viel unreines Gefühl, das man dann wieder betäuben muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit beschränken. Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich glaube, auch dir wird es im Grunde lieber sein, wenn du deinem Freund nicht auf eine Weise verpflichtet bist, die mir drückend erscheint. Erwin wird das einsehen; er hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken, wenn sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst kann ich nicht klagen ...«

Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte sie sich. Nein, sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene überlas, war es ihr, als ob in all ihren Worten eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte sie schreiben müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du kannst! Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie saß noch lange, den Kopf in die Hand gestützt, und bisweilen flog es wie Fieber durch ihren Körper.

Ein anderes Gesicht

Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn Virginia erwartete. Das Fest sollte um fünf Uhr beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß vor dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt Erwin in der Küche auf. »Machen Sie keine Umstände, Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und schob die ängstliche Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann jede Dame empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit, und ich muß Virginia zur Eile treiben.«

Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend die Tür geöffnet hatte. Virginia, das Haupt in ihrem weißen Mantel gegen ihn kehrend, sah ihn erschrocken an. Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine gute Wendung. Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht in ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten waren, die selbst vor Manfred, obwohl er einmal herzlich darum gebeten, nie die Haare gelöst, wollte die unerwünschte Gegenwart des Eindringlings nicht willig hinnehmen. Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer zu gehen.

Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen, sie davon abzuhalten. Er drehte sein Unterfangen ins Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde und streckte flehend die Arme aus, und was er sagte, war so witzig und voll Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch Frau Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit anderthalb Stunden plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal hab’ ich ihr angeboten, eine Friseurin zu holen, aber das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden Hände an mir vertragen«, gab Virginia nervös zu.

Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn Sie zehn Minuten stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er, »werd’ ich Sie aus der Verlegenheit befreien, und Sie werden eine mustergültige und stilgemäße Haartracht haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr, als ich leisten kann.«

Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig. Sie fürchtete, blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte. »Können Sie denn das? Wieso denn?« erkundigte sie sich verwundert. Er zuckte die Achseln. »Nie ist mir das Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und schüttelte den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte sie lächelnd hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s fertigbringen, probieren Sie es meinetwegen.« Und befangen nahm sie Platz.

Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen zu, als Erwin ans Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet, und da er die Arbeit still, flink und mit großer Behutsamkeit verrichtete, gewann Virginia ihre Ruhe wieder, und sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit gelangt sein mochte.

Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht die prickelnde Lust seiner Finger; von den seidenweichen Haaren sprangen elektrische Funken auf seine Haut, die ihm die sinnliche Täuschung erweckten, als stehe er unbekleidet unter einem lauen, rieselnden Wasserfall. Verriet nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte Vehemenz seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte, die Entzündung seines Gehirns und seines Willens, die unheimliche, in allen Poren wühlende Sucht seiner verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung, die jünglinghafte Spannung des Gesichts ein edles Ansehen, und Virginia, die ihn so im Spiegel gewahrte, dankte ihm durch einen ruhigen Blick.

Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks, und eine Stunde später setzte sich der Zug der historischen Gruppen in Bewegung. Man sah Pagen und Ritter, Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner, Ratsherren und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen Sanftmut verbürgt war, erinnerte sich vor den Augen der vielen Zuschauer gleichwohl an tänzerische Anfechtungen seiner Jugendzeit, und als die Reiterin den Zügel riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch ihre unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich aus, als zähme ein kühnes Burgfräulein den stolzen Araberhengst. »Famos«, murmelten die jungen Aristokraten. Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen Sammetkleid nach Art einer Edeldame des sechzehnten Jahrhunderts und dem Hut mit den funkelnd weißen Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen einer Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin.

Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von solchem Erfolg nicht ein wenig trunken werden sollen? Als sie noch bei der Mutter gelebt, unwissend; als nur Manfred allein, aus der unbekannten Welt sich lösend, vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der dunkelblaue Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren, oben werden sie erfüllt.

Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt. Es war kein steifes Wesen; die freie Mischung der Gesellschaft kam einer reizenden Zwanglosigkeit zustatten. Virginia saß in einem Zirkel junger Herren und Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil nahm. Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging ihr entgegen. Erwin erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig vor sich hin, plötzlich tauchte Fritz Kynast vor ihm auf. »Haben Sie meine Schwester nicht gesehen, Erwin?« fragte er.

»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht, daß Frau Zurmühlen hier ist«, versetzte Erwin kalt.

»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte der junge Mann in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie wissen ja, ich habe mich der Pflicht unterzogen, sie bisweilen dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind alle ein wenig besorgt um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den Herbst nach Rimini ins Seebad schicken.«

»Ah, nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut und gleichgültig.

»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu gehen?« fragte der andere mit mühsamer Freundlichkeit und einem Zug in den Mundwinkeln, der Drohungen zu enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas davon verlauten lassen.«

»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst davon abgekommen.«

»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen bei den Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt. Erst gestern hab’ ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der Erwin nach Rimini geht, unmöglich.«

Die beiden Männer sahen einander schweigend an. Fritz Kynast lächelte, Erwin erwiderte das Lächeln nicht. Er nickte jenem zu und entfernte sich. Er gewahrte, daß die Fürstin von Virginia weggegangen war, und schritt Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten dann zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen hatte, befanden sie sich in einer ziemlich einsamen Partie des Gartens. Es war ihr unbequem, aber sie fand keinen Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren. Auch hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab.

»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.«

Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig klang, verstärkte den wunderlichen Trotz. Indem sie auf die Erde blickte, hatte sie das Gefühl, als habe sie ganz vergessen, wie Erwin aussah.

»Und Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts antwortete, fuhr er fort, und seine Worte erschreckten sie, weil sie aus ihnen abermals seine schier unbegreifliche Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen und Absichten erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu Ihren Füßen gelegen, und Sie denken an den Frieden eines Bauerndorfs. Sie wollen die Welt, die sich zu Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen. Das würde sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.«

Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt. In dem grünlichen Wasser schwammen Goldfische. Ringsum standen schöne, alte Bäume. Von fernher tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit niedergesenkten Augen.

»Was? was ist lächerlich?«

»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein Spion. Ich fürchte mich beinah vor mir selbst. Bin ich denn durchsichtig?«

»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie anzublicken, »ich weiß Besseres.«

Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen See hinein, und in den See eine Insel, und auf die Insel ein Schloß, und um das Schloß einen Palmenhain und Lorbeergärten, und an den Molo ein bewimpeltes Boot, und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball und Gesang und Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe die großen Städte der Lombardei, und in Stundennähe die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht der Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer.

Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er? war es Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß? wollte hinfahren? jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit der Mutter im Schlosse hausen? und er würde am Seegestade hausen, allein in einer Fischerhütte?

Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich dann mit übergeschlagenen Beinen auf den Rand des Bassins. Ihr Gesicht hatte einen trocknen und ungeduldigen Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und blickte auf ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so nah, daß er sich nur wenig hätte neigen müssen, um seine Lippen darauf zu drücken. Er spürte die Wärme ihres Leibes und vernahm das leise Knistern des Gewands. Er sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand den Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten Körpers selbst. Und ihm war, als könne es von jetzt an nicht mehr anders sein; immer würde er die weiße Schulter sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche Wölbung ihres Busens.

»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und eintönig; »schon seh’ ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet. Virginia wird heiraten. Virginia wird mit dem Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen anknüpfen, Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll und Haben führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei, drei ...«

Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar mutig in den seinen und sagte befehlend: »Genug.«

Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann. »Genug?« fragte er mit einem von Schmerz zusammengezogenen Gesicht. »Was für ein Wort: genug! Ein Wort für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist ein Sargdeckel.«

»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte Virginia plötzlich sanft und beängstigt. Und mit tiefer Entschiedenheit fügte sie hinzu: »Für mich wäre es sonst wirklich genug.«

Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen.

»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia und schritt voran. Erwin konnte seiner Erregung nicht anders Herr werden, als indem er eine Zigarette anzündete; mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch in die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine Stunde kommen? dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo dieser Engel aus seinem Himmel herunter in meine Arme stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem Kampf ohne Gnade.

Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine Frauengestalt auf einen Weg zwischen den beschnittenen Hecken und schaute mit verstörten Augen auf den vollen gelben Mond, der durch die Säulchen einer über dem Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen.

»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin; »es ist, als könnte man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.«

»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug, Mond, genug«, erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas in seiner Stimme, was Virginia einen Schauer über die Haut jagte. In wenigen Tagen hört das alles auf, tröstete sie sich.

»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu beklagen«, begann Erwin wieder. »Wir müssen etwas für ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild schicken. Ich werde Sie photographieren, so wie Sie hier sind.«

»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert; »aber wo und wann?«

»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den Wagen. Morgen geht es nicht, abends hab’ ich ein kleines Herrendiner, nachmittags will ich zu Ulrich Zimmermann; ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre, daß er krank ist.«

»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?«

»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn er Sie sieht, wird er sicher gesund. Vielleicht sind Sie sogar schuld an seiner Krankheit. Sie haben ihn schlecht behandelt und zu schwer gestraft für eine Unbesonnenheit.«

»Wenn Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude macht, gern. Warum haben Sie denn neulich so fremd von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr ein, bei welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie haben getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und ich habe mich darüber geärgert.« – »Ich liebe es nicht, meine Beziehungen zu plakatieren.« – »Man kann also jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man verleugnet nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen sind, sind Feinde, Erwin.«