Chapter 11 of 23 · 3907 words · ~20 min read

Part 11

Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren sein!« rief er scherzend.

Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung und Lebenskunst gesprochen.

Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer Verbeugung zu ihr.

Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.

»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er die weichste Liebkosung geflüstert.

Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich.

Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du hältst mein Leben in deiner Hand.«

Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er.

Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten. Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«, sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand. Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen vermocht hatte.

Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind.

Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos, birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen Namen.

»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell, schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen, wo wir hingeraten sind.«

Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin, der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor dem Pavillon standen.

Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu behangenes Rondell, in dessen Mitte unter gekreuzten Balken eine chinesische Laterne mit roten Gläsern hing und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und Busch mit sanftem Scharlach übergoß.

Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, preßte beide Hände gegen die Brust und stammelte: »Mein Gott, was war denn das? weshalb sind wir denn so gerannt? Ich kann nicht mehr.«

Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. »Ruhen Sie sich aus«, antwortete er. »Niemand wird uns stören.«

Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur Besinnung. »Weshalb sagen Sie das so wunderlich: Niemand wird uns stören –?« fragte sie.

»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete er mit müder Stimme.

Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf der Erde? Sie können ja auch auf der Bank sitzen. Ihre Kleider werden ja schmutzig.«

Die müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht find ich meine Lust daran, vor Ihnen auf der Erde zu kauern, Virginia. Was kann mir die Erde anhaben gegen das Gefühl, Sie über mir zu wissen.«

Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. »Es ist so still hier«, murmelte sie dann.

»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen fliegen schon. Nur die Sterne sind zu blaß. Man sollte nicht an Orten wohnen, wo die Sterne so blaß sind im Mai.«

Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von meinem Platz aus kann ich die Sterne nicht sehen«, sagte sie.

»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem Atem.

Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner Rede. Zu dieser Stunde schlief sie an andern Tagen längst, und ihre Lider wurden schwer. Plötzlich fragte sie mit innigem Klang in der Stimme: »Denken Sie auch manchmal an Manfred, Erwin?«

»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« fragte Erwin langsam dagegen, und er griff mit der Hand nach einer Rebe, die er abriß. »Ich denke immer an Manfred, immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht an Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, bei Nacht, indem ich in die Kissen beiße. An wen könnt ich sonst denken als an Manfred? an wen mit gleichem Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred, den Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor mir kam?«

»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos und sehr bestürzt.

Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war sicher, daß Virginia die Frage wiederholen würde. So geschah es auch.

»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine Stimme war dumpf und ingrimmig. »Dürft ich denn reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am Ende. Gehn wir lieber ins Haus zurück.«

Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia in ihrem blinden Schrecken bestärkt wurde. »Ist denn etwas mit Manfred passiert, etwas, was ich nicht weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.«

»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von Erwins Lippen. »Ruhig Blut, Virginia. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß er der starke Felsen ist, an dem mein Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich denn sprechen soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich macht, und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die Sterne so blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie die Krankheit über den Lebenslustigen; dabei weiß ich nicht, wie arm, wie reich, wie elend, wie beschenkt ich mich dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt. Ich habe nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur wie Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder wie Stunden, in denen man sich verliert, um sich noch wissender zu besitzen. Daß ich mich unwissend ins Hoffnungslose verlieren könnte, habe ich nie für möglich gehalten. Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich waren für die Dauer eines Sommers, waren mir nur Gespielinnen. Sie rührten mich, sie erregten mich, sie verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie wappneten mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte nicht an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen Sie die Ohren mit den Fingern. Lassen Sie mich reden, wie jene Figur im Märchen von der Gänsemagd redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was ihr widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt es in dem Märchen. O Herz, das du hangest, muß ich klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin unterminiert. Es ist etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in einem Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, daß ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, mit meinem Gehaben das Mitleid eines Schlächtergesellen auf mich ziehen würde. Denken Sie es ungesagt, Virginia. Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, und Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen können. Genug jetzt. Genug.«

Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und blieb unbeweglich sitzen.

Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage aufgerichtet. Ihr Gesicht war weiß geworden und brannte aus dem Zwielicht weiß heraus wie das Innere einer Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde der Trauer, der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar wurde ihr Herz kleiner, und alles, was dieser Mann da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie berührte, so menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter Schauer flog über ihre fast unbeschützte Brust, und sie erhob sich.

Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin stand lautlos auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen es vergessen«, flüsterte er ihr mit erstickter Stimme zu.

»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, »ach, Erwin.« Sonst nichts. Aber diese beiden Worte, einfach wiederholt, rissen Erwin hin wie eine nie vernommene Musik, und er glaubte das Unmögliche noch in derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt von diesem Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren Schleiern kühlen Wesen des Mädchens, dessen Wert er spürte, wie ein Luftschiffer den Azur spürt, in dem er schwimmt, stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund kamen gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. War es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch ein Ungemeines darin verborgen sein, Instinkt und Glut.

»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia.

Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er richtete sich empor. »Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia und blickte auf seine Knie.

Er gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie von der Seite her zur Terrasse zurückbrachte. Virginia war froh, als sie wieder Leute sah und niemand sie fragend anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag des Wagens. Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr nicht möglich. Doch da er die Hand noch immer ausgestreckt hielt, fand sie es am besten, ihm zu willfahren; verwirrt und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in seine Hand, aber er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine freche Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als die vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch der Finger, deren Berührung eine Siegeshoffnung war.

Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die Welt erschien ihr schwarz und öde. Die raschen Hufschläge der Pferde erinnerten sie an das Pochen ihres Herzens, und sie legte beschwichtigend die Hand auf die Brust. Da berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!« rief sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, wandte sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr war zumute gewesen, als müsse sie auf der Stelle umkehren. Doch wie, mit welchen Worten, mit welchem Gesicht sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des Leichtsinns, des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie betrogen worden war. Stumm und ratlos blickte sie vor sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den Gedanken kaum ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter zu fahren, und dieser gehorchte kopfschüttelnd.

Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin ins Haus zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener löschten die Lampen aus und räumten die Tische ab. Eine Gesellschaft von zehn oder zwölf Personen befand sich im Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische Lieder sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen Leute waren durstig und fühlten sich ein wenig geistlos. Erwin erfüllte sie mit neuem Leben; nach kurzer Zeit hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die Schläfrigen; ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der drohenden Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter Abend langweilig endet, war er langweilig,« sagte Erwin, »wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.« Zum Schluß wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein etwas beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, trieb durch ihre transzendente Plumpheit das Vergnügen auf den Gipfel.

Zwischenspiele

Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel einen Brief Erwins, der folgenden Wortlaut hatte:

»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen der Trunkenbolde nachahme, die in der Nüchternheit bejammern, was sie im Rausch verbrochen haben. Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit anklagen werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder betrunken, noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig genug, um die Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht als reuiger Sünder vor Sie hin. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu beschönigen habe ich nichts.

Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht leugnen. Vielleicht wäre sie zu umgehen gewesen durch List; vielleicht durch einen Aufwand von Heroismus, dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft erwehren, mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden, ist darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist, gewiß keine angenehmere Lage schafft. Ich entstamme einer Generation, die die Ökonomie der Leidenschaften gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht zu verschwenden, mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade dann in die Kandare der praktischen Vernunft zu beißen, wenn das unpraktische Gefühl unsere Bequemlichkeit und unsern Vorteil bedroht. Es wäre bequemer und vorteilhafter für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine Sache hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende.

Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund vergangen zu haben. Aber mußte ich nicht die Maske eines brüderlichen Beschützers in der Stunde von mir werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe keinen Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe keine Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts vergeben, ich habe die Ihrige nicht angetastet. Manfred ist in meinen Augen noch gewachsen, denn ich bin ihm eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres Herz appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln der Konvention verringert werden kann. Zwischen mir und Manfred steht kein tyrannisch trennendes Entweder-Oder, sondern die versöhnende Erkenntnis, welche Kameraden erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal ungleich begünstigt werden.

Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia, haben mir meine Träume ein Ideal zugeschworen, gleichwie Kindheitsgedanken eine unerhörte Erfüllung ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses Ideal vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu vergessen, wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit ist die Ursache, daß ich mich einer Rücksicht entledigte, an die im gewöhnlichen Verlauf der Dinge Mann gegen Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch des Anrechts auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen, so sei es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können. Die Zukunft wird es lehren. Aber desungeachtet gibt es in meinem Innern ein nicht niederschmetterndes Gesetz: Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit anzubeten ist kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein und nur für sich allein? Dagegen bäumt sich mein Herz, mein Glaube, mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden, und die Qual macht mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört ist?

Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen Tibetreisenden von den Wundern des Dalai-Lama. Denn ich habe gerungen um diese Schönheit, ich habe sie entdeckt, ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich und nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie von fern, wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter Verse spüren, sie sind wie Sonntagsgäste vor einer zauberhaften Statue, und ihre Bewunderung ist so verständnislos wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen, begriffen in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie mir erweckt, wurzelt in der Sehnsucht, also im edelsten Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie rührt das Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich ein Lebensziel haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen Erfüllung nicht ein finsteres Geschick zu scheitern bestimmt hätte. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich beuge mich. Erwin.«

Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer Schürzentasche herumgetragen, bevor sie sich überhaupt entschlossen hatte, ihn zu öffnen. Beim Anblick der kühnen und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie das Blatt wieder sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den erhobenen Arm sinken läßt.

Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar gerüstet steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte Bahnen. Da Virginia von den Mitteln des Stils nur eine geringe Vorstellung hatte, folgte dem ersten Widerwillen und der eisigen Befremdung über die leidenschaftliche Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme. Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine ihrer Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen zugehört, niemals ohne Schrecken. Dieser Schrecken trat jetzt an die Stelle des lästigen Verdrusses, den Virginia stets empfand, wenn man ihre Schönheit hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die sie im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund und Hand, ohne mehr davon zu genießen als ein flüchtiges Wohlgefühl vorm Spiegel oder im Blick des sympathischen Beschauers.

Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder, legte ihn wieder beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des Anrechts auf einen Freund verlustig gehen, so sei es. Da ward ihr die unendliche Verehrung und Liebe gegenwärtig, die Manfred an Erwin band. Sie konnte es vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie würde verwinden können.

Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte mich meinem Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen, daß Manfred den Freund verlor, der ihm so teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der Geliebten. Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn sie, wenn ihre Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war, daß Erwin den Freund vergaß, so war sie doppelt zur Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred um den Freund zu kämpfen. Das stand fest.

Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute gewesen. Bei seinen verwegensten Worten war ihr zumute gewesen, als ob sie sterben müßte, falls es kein anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch ihre nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der Manfred drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine eigentümliche Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen ist, zu handeln, wird davon noch kräftiger befeuert als ein Mann.

Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen und schrieb: »Sie kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie mich gekannt, lieber hätten Sie sich die Zunge abgebissen, als daß Sie davon gesprochen hätten. Nun wäre das Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das Geschehene ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben, die Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden. Das liegt in meiner Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will, dann gibt es keinen Erwin Reiner mehr für mich. Doch Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit Schmach bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut! Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der Freundschaft Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie das Häßliche; Sie haben ja Gewalt über sich, treiben Sie es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und meinetwillen.«

So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte kamen ihr schal vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln über ihnen schweben. Sie sagte sich, daß es feig sei zu schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die Perlenkette kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr, die sie in seinem Gemüt hervorzubringen beabsichtigte, erschwert oder vereitelt worden. Demzufolge mußte sie selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen, konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens ein paar tausend Kronen wert war, nicht noch stundenlang im Hause behalten.

Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte, kam die Mutter und sah das Perlenhalsband auf dem Tisch liegen. »Was ist das? woher hast du das?« fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken darüber, daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen? »Erwin hat es mir geschenkt,« antwortete sie zögernd, »ich muß es ihm aber wiedergeben.« – »Geschenkt? Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat er dir geschenkt? Und du willst es zurückgeben? Warum?« Auf ihren Zügen malte sich ein förmlicher Krieg der angenehmsten und der argwöhnischesten Gedanken.

»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete Virginia mit gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse da, und ... ich kann es nicht behalten.«

»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner.

»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir helfen. Ich hab’ einen schlechten Kopf.«

»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau mich nicht so mißtrauisch an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.«

»Aber was willst du damit?«

»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten. Er ist gar zu wunderbar.«

Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so begab sich Frau Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler, den sie seit ihrer Jugend kannte, und erkundigte sich bei ihm nach dem Wert des Halsbandes. Um die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu befriedigen, erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei, das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der Händler prüfte, zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten Ranges, sagte er, die seien in solcher Menge kaum erschwinglich, aber als er den ungefähren Preis nannte, der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen übersteigen mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines großen Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen stehenbleiben konnte. Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie mit Schwindelanfällen, und ihre Gedanken an Virginia, an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in Bestürzung und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie seit Monaten lüstern gespielt.