Chapter 6 of 23 · 3959 words · ~20 min read

Part 6

Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln, grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.

Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand. Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die Schwelle.

Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann erbleichend aus dem Kreis.

Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie tanzte nicht mehr.

Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden, nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich müd’, ohne zu gehen.«

Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten! Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht.

Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt. Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät; als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot.

Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr; sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt sind.

Das Tanagra-Figürchen

Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal, welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde. Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau, deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen, aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark genug dazu wäre.«

Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der Welt.«

Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott sei Dank.«

Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand, der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe. Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse, doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.

Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte andächtig schweigend verfolgte.

»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was wie das dankbare Knurren eines Hundes klang.

»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort, »das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen, Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit für mich ist.«

»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den Emporkömmlingen versagt ist.

Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste, das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs Leben.«

Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein! Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines Kornhändlers für mich bleiben.«

Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt sie, Christie Martens, zu dir schicke?«

Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum, aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an.

Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles gesehen haben.

Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber, rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten Sie?« fragte Erwin.

»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?«

»Nein.«

»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.«

»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?«

»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen, daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet, und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser. Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt, kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«

»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt er denn das an, – ganz allein?«

»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser, keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie. Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah, ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke schwankte und das Geländer abfiel.«

Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher.

»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich verstehe den Impuls ...«

»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit, Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne. Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit, Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht, trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.«

Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er.

Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.«

»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not, unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling, wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen, vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!«

Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart, weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.

Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte, schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und verstimmt zurück.

Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem: leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war, begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als ob es groß was gälte.

Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem Diwan und schlief.

Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?

Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr. Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich, »ich war ein wenig müde.«

»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?«

»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«

Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt.

»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme.

Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er abweisend.

»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig.

Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins von Ihren okkultistischen Kunststücken?«

»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen, Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts.

»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat, entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau, wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«

»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«

»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.