Chapter 15 of 23 · 3991 words · ~20 min read

Part 15

»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften Treue ein ganzes Leben voll unentschiedenen Schwankens aufwiegt«, sagte Erwin düster. »Diese phantasielosen Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine Gegenwart besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern sie Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht gebunden sein.«

Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, der Saft wird ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, entgegnete sie, »und alles übrige sind Worte und nicht einmal ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu gut, um zu sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die sind da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt gegen das Fenster.

Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, nein,« sagte er leise und geheimnisvoll, »was uns zu den Frauen zieht und was uns von ihnen scheidet, sind Dinge, die von der Tierheit kommen, und andere Dinge, die unsagbar und traurig sind und viele Verheißungen enthalten wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.«

»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile habe«, unterbrach ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir einmal von einem jungen Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer Freunde verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat mir sehr leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern Sie sich nicht?«

»Nein, ich erinnere mich nicht.«

»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende Himbeere nur ein Unkraut. Seit der Stunde ist es für mich festgestanden: wenn vor Gott und den Menschen entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, Erwin, die würde nicht lange dauern.«

Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich nicht«, versetzte er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. Ich liebte sie, weil ihr Haar einen unaussprechlichen und unvergleichlichen Geruch besaß, einen Geruch nach Milch und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch deswegen liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten wußte, die ich bei keiner andern Frau getroffen habe. Wenn ich in das Zimmer trat, errötete sie. Es war, als würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß; sie machte damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf eine zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick und Gebärde schon, ohne zu feilschen.«

Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete gierig, wie sie nun selbst errötete, ganz langsam, von den Schläfen aus über die Wangen herab bis zum Hals. Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den Lidern. Sie schickte sich an zu gehen. »Verlassen Sie mich denn, Virginia? Freundin?« fragte Erwin leise, indem er zu ihr trat.

»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, ihn anzuschauen.

»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem Nachdruck zu fragen fort, von ihrer Befangenheit beglückt.

Sie zuckte die Achseln.

»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel mit Ihnen zu sprechen, Virginia.«

Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Auf Wiedersehen«, sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß war gefaßt. Das Einverständnis mit der Mutter war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer und Körbe gepackt. Frau Geßner war überzeugt, das alles entspreche einer Abmachung mit Erwin. Am nächsten Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof.

Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der Wohnungstür läutete und dann vom Hausmeister erfuhr, die beiden Frauen seien aufs Land gereist, erbleichte er vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er. Außer sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was denken. Ihr nachzufahren, wäre die größte Dummheit, die ich machen könnte, sagte er sich; nein, nein, meine Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in die Ketten beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst mich rufen.

Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von Virginia; sie schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem entlegenen Dörfchen sich der gewünschten Stille erfreue. In der ersten Nacht habe sie mit der Mutter im Gasthaus logiert, doch gestern hätten sie eine kleine Villa unfern vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. Ein trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher hätte sein können.

Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf die Stücke. Er begab sich in das obere Stockwerk der Villa, öffnete ein geräumiges Zimmer, das gegen den Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und betrachtete prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel hatte. Er läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner und den Hausmeister,« befahl er, »es muß hier umgestellt werden; das Bett, der Kasten und der Waschtisch aus dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie gehen in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel da aufgeschrieben ist. Die Adressen der Firmen stehen dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt Papier, auf dem die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, alles von ersten Lieferanten. »Nehmen Sie drinnen einen Wagen und bringen Sie die Sachen gleich mit heraus«, sagte Erwin.

Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. Es war ihm in den Preisen ziemlich freie Hand gelassen worden, und er hatte selbst gewählt, nicht zur Unzufriedenheit seines Herrn. Erwin hatte die neue Einrichtung des Zimmers, welches das entlegenste und stillste des ganzen Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die Wände gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene Karaffen und feines Porzellan; nun brachte er die Wäsche und Kostüme selbst in den Laden und im Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und empfangsfrohen Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster wieder schließen, schaute auf der Schwelle noch einmal in das dämmrig gewordene Zimmer zurück, lächelte, als er ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der Bettdecke zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte dicht hinter ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell drehte er sich um. Es war Marianne von Flügel. »Du hier?« fragte er erstaunt.

»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung.

»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer hat dich denn da heraufgeschickt?«

»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, was treibst du? Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es nicht vor Jahren die arme Amelie Castro bewohnt, die einzige, der du sozusagen ein häusliches Glück gegeben hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und warum sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? Darf man das Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?«

»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten kann«, versetzte Erwin stirnrunzelnd.

»Ich weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne und schritt an seiner Seite die Treppe hinab. Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich unter dem Schatten des aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber. Erwin blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren stark gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie löffelte bedächtig das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und erzählte, daß sie ein paar schwierige Bergtouren gemacht habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich aber zumeist gelangweilt habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich bequem in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr eigenen Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an.

»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal für dich«, sagte sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; am Ende will er auch nichts wissen. Ich habe mir berichten lassen, daß er Beweise sucht für eine Untreue, die er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die Leute aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz genau, was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, wie man so sagt, trotzdem hat er in dem Wahn gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er ist ein guter Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger und ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird nichts unternehmen, denn er scheut den Lärm, und er sagt sich wahrscheinlich: Was kann ich gegen einen Erwin Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen dich ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen aufgeklärt worden, und sie werden alles tun, um dir zu schaden. Fritz Kynast ist gestern nach England gereist; er soll seiner Mutter und sich selber das Gelübde abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu ziehen. Also hüte dich.«

Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. Aber du, Marianne, beschämst jeden Detektiv.«

»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich ernst geworden; »es ist eine Eigenheit der Gesellschaft, daß sie die tollen Streiche ihrer Günstlinge so lange duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf einmal ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau von gutem Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet und verlockend. Aber laß einen Skandal daraus werden, und du bist gemieden wie einer, der die Pest hat. Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit ersparen.«

Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, die in den schrägen Strahlen der Sonne schwärmten. Er riß eine Orchideenblüte aus dem Strauß, der auf dem Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran und warf sie auf die Erde.

»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die Stadt zurückgekommen?« fragte er.

»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits heiraten will.«

»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer Entschluß.«

»Ja. Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem kompletten Ruin.«

»Und wer ist der Auserwählte?«

»Wer es ist? Du bist es.«

Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von Ärger, halb von Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst du das anstellen?« rief er.

Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden und nervösen Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich von dir heiraten lasse. Du lachst? Du staunst? Das ganz Einfache ist immer erstaunlich. Ich werde dich in meine Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen, daß sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich will nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander passen, daß wir viele gemeinsame Interessen haben, daß wir einander nicht stören, uns hübsch aus dem Wege gehen werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb Jahren zu deinem Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten gemacht hast, und daß du dich nicht wundern darfst, wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf den Kopf gefallen, die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. Die Dienstboten sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, und so ein bißchen Palastrevolution muß dir doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem will ich nicht reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen, wenn du mir zweimalhunderttausend Gulden schenktest. Ich muß der Sache von innen her beikommen, ich muß einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine Position haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann ich nur durch die Verwandlung und die Sicherheit, die mir dein Name und deine Stellung geben. Was aber dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir der unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, mein lieber Freund, denn abgesehen von dieser Affäre mit Helene Zurmühlen hast du auch noch eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto, vergiß das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen wirken, dann ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun sieh selbst, gründlicher und klarer kann man nicht sein.«

Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend Marianne an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag standhielt. »Fein gesponnen, bewundernswert fein gesponnen«, sagte er endlich nach einer langen Pause. »Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse. Das leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. Aber eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse übertragen, wird schon wieder zum Fehler. Ich beweise es dir, indem ich mich aus deiner Rechnung schlankweg ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht eine der Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. Und ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, die du daraus ziehen wirst.«

Marianne stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, daß du gleich für mein Projekt zu haben bist«, erwiderte sie spöttisch. »Ich habe noch Zeit. Vielleicht entschließest du dich in einigen Wochen; wer weiß, was sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert mir nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner Lage unterschätzest. Du hältst dich für stärker, als du bist. Du bist die Kreatur der Welt, die du zu verachten vorgibst, und eher würdest du in einer andern Welt Schuhe flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals wird nicht mehr als gelungener Witz passieren, deine Aktien stehen schlecht, so etwas richtet sich eben nach der Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich hör’ ich bald von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte sich nicht. Sie zuckte die Achseln und ging.

In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht schlafen. Er verbrachte die Stunden teils mit Lektüre, teils damit, daß er in seinem Geist die Erinnerung an Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm er die Gedichte Ulrich Zimmermanns zur Hand und fand sie dürr und allgemein. Er beschloß, sich von Ulrich abzuwenden. Um vier Uhr ließ er die Gestalten der übrigen Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den Stab, mit Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl der Furcht vor Palester stieg in ihm auf.

Er sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der erste Lenztag, von besonderem Geist und besonderer Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen einer gewählten Verderbtheit, lachend wie ein griechischer Gott und in Freuden erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er sich im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. Die Welt war zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem Druck seines Geschicks, einer Epoche des Stumpfsinns, der ehrlosen Streberei, der uninteressanten Anständigkeit zuzugehören.

Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte eine junge Russin kennen, die durch ihre fabelhaften Toiletten Aufsehen erregte, und reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. Und wie er es in jener schlaflosen Nacht vorausgelebt, begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut, vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, die auf ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen hinwies. Er war der Sohn eines deutschen Diplomaten, in Eton erzogen, und befand sich mit seinem Hofmeister auf der Reise von Paris nach Italien.

Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm anzufachen, die in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele ist und deren Verlauf oft das Schicksal der späteren lenkt. Rolf von Hendrichsen verließ seinen Begleiter und fuhr mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen in Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten in der Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung der Skaligergräber bei Fackellicht erzeugte, sie träumten in den verwilderten Gärten und toten Palästen Ferraras, wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein durch den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff und fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und Erwin rief: »Hier bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch mit einem Ausdruck, als ob die Wüste seine Heimat wäre.

Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm verursacht. Der Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, Verfolgung wurde beschlossen, und die Angehörigen des Jünglings hatten Mühe, ein öffentliches Ärgernis zu verhindern. In Syrakus wurden die beiden Freunde durch ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein Baron Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der Familie Hendrichsen, ein feiner, edler Greis, bezeugte der empörten Beredsamkeit Erwins seine Anerkennung und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines Abends saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer Hotelterrasse in Taormina, hoch über dem Meer. Rolf sollte am andern Morgen mit Herrn von Marlotti heimwärts reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der Jugend, von der Schönheit, lauter Dingen, die nach Erwins und Marlottis Übereinkunft verloren gegangen seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen.

Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie zwischen Blick und Mundlinie, behauptete der Greis; bei Männern, die von einer wirklichen Leidenschaft besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen Weise. Er ließ durchblicken, daß er Erwin für einen dieser Besessenen halte. Erwin schüttelte seufzend den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und unentbehrlich«, erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum, die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris Myrrha, ich liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den Schritt einer Frau, aber ich kann nicht auf die Blume verzichten, wenn ich nur dadurch allein die Frau gewinnen würde.«

»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte gegen Marlotti hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so vollkommen ist, daß sie sich ihm versagt.«

Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, zurückgelehnt in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen gegen den dunklen Atlas des gestirnten Himmels gerichtet. Die hinreißende Kraft seiner Worte erweckte ein großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War das noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch geadelt hatte, das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier wandelte die Verderberin, herrlich schimmernd erhob sich über dem Sumpf der Großstadt das unergründliche Sinnbild des Verderbens, gekleidet in die Unschuld.

Es war interessant, es war lehrreich, und es war schauerlich. Ein Gesicht ist hierher gewendet, und ein Gesicht ist dorthin gewendet; hier ein loderndes und stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht, ein wissendes Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges Gesicht. Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an Glied gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, das war in seinem Mund problematisch und voll Dämonie. Und er spürte, wie er Virginia haßte, unsäglich haßte, und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt.

Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche Dinge zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige Alte, nachdem sie seine Hand betrachtet: »Verführung, Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten, Marlotti blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es ist nicht so unwahrscheinlich.«

»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, an den Tod glaub ich nicht.«

Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt einige Briefe von Frau Geßner. Er wurde aus keinem dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz aus die Wohnung in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung in Gersthof gemietet, nur eine Viertelstunde von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm gefällig zu verstehen gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe seiner Abreise zu erhalten. Unumwunden zu fragen, hatte sie nicht gewagt. Von Virginia schrieb sie nichts.

Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten Rausch ergeben hat, um zu vergessen. Er schlug alle Töne an von der Müdigkeit bis zur Wut, von der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch das Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine Zeile von ihr wäre mir so viel wie einem Fieberkranken das Chinin,« schrieb er, »ihr Schweigen ist wie Vitriol auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er schreckte nicht davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu vernichten.

Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe aus der Hand eines Mannes zu einer Frau gegangen. Vielleicht nie zuvor hatten Worte der Leidenschaft mit so versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung so in Heimlichkeit, Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, Sehnsucht und das Feuer der Seele in solchem Grade meisterhafte Berechnung gewesen. Virginia mußte zum Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und eine Begierde nach Auflösung rätselhafter Art. Aber sie antwortete nicht.

Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, aber er blieb. Da erhielt er Ende August einen Brief von Frau von Resowsky. Sie schrieb, es sei ein höchst albernes Gerede von einem fingierten Duell zu ihren Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es Zeit, die meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal der Klatsch Boden gewonnen habe, werde es nicht mehr möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen Freunden schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen Sinn, zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen üble Dinge auch darüber gemunkelt würden.

Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. Der Gedanke, zu spät erwogen, daß Virginia von dem lästerlichen Unfug erfahren könne, machte ihn bleich vor Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein und benachrichtigte Marianne sogleich.

Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein schillernder Glanz in den Augen verriet eine gleichsam festgefrorene Energie, welche die Triebkraft einer Wahnidee besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte Erwin zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah im Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee der Jugend abgestreift war, das leichte Kind, den Genossinnen von Spiel und Tanz noch nicht entführt, noch liebenswürdig in seinem Werben um den Prunk der Welt und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft.

Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. Da war keine Lockung mehr.

Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das ihn stets belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde hart. Anstatt zu bitten, forderte er. Marianne lachte ihn aus. Sie schickte sich an, zu gehen, er hielt sie zurück. Noch eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut miteinander. Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte sie ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete ihn mit Hohn, und er schien ihr Recht zu geben, aber sein unsinniges Verlangen wuchs, indem er sich preisgab. Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu nennen, und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte durch Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel.

Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre Virginia, wie sie den Mond mit ihren Armen umfaßt hielt, damals am Wasserbecken im Garten, das Antlitz hingewendet, aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend, daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht mehr ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst der Schamloseste der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert werden konnte. Deine Himmelshöhe kann mich nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er, und seine Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, ein Herabzerren ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne von ihm wünschte. Der wildeste Trotz schäumte in ihm, und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch dann wärst du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden, auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den Beweis zu liefern, daß sie seine niedrigste Dienerin würde, indem sie ihn in ihrer Macht wähnte.

Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte zu ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, aber mehr als den gesellschaftlichen Sturz fürchtete er jetzt die Zersplitterung seiner Kräfte. Alles erschien ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel führte, und er glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu rächen, die er den Einrichtungen entgegensetzte, welche für heilig und nicht verletzbar galten.

»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch knüpfe ich zwei Bedingungen daran. Du gehst zur Baronin Resowsky und erklärst ihr, daß ich mich mit deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen deine Person nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen Ausweg zu verrammeln.«

»Gewiß nicht.«