Chapter 21 of 23 · 3956 words · ~20 min read

Part 21

»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.«

Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«

»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will, mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum Verbrecher werden soll, du mußt.«

»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«, erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte, weinend.

»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia, so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich lasse dich nicht.«

Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen. »Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich.

Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne, wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.

»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme. »Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig. Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln, wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie. Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund, mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie. Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen, wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.«

Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses, und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt. Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.«

Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel ihm entgegen und erbat sich seine Befehle.

»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.

»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«

»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es läutet, zeigen Sie sich nicht.«

»Sehr wohl.«

»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«

»Sehr wohl.«

»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.«

»Sehr wohl.«

Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin. Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«

Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier, nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes erschien ihm wie versengt.

Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus.

Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.

Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief. Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen.

Das Rücken des Tisches weckte sie auf.

Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es galt, alle Kraft zu bewahren.

Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war. Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.

Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen. Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein. Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen, die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück des Parks.

Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf, und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor, durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan und warf sie hin.

Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen, als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung übrig ließe.

»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort. »Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte sich und riß ihr die Jacke auf.

Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich, die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle, begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da.

»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.«

Sie rührte sich nicht.

»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der Stimme.

Sie rührte sich nicht.

»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch; »man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn treiben?«

Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die Schultern auf die Erde.

»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!« murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich weg von deiner Brust.«

Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam? Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von pedantischer Enthaltsamkeit war.

Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab, und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin, in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.

Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam, sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen, durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt, seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit.

Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten, daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.

»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« rief Erwin außer sich vor Wut und Enttäuschung, und zugleich sich wehrend gegen ein aus dem Unterirdischen heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl, das auf einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf ihm lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid in dieser Brust? Was soll ich tun, um mich zu retten? was tun, um dich zu rühren? Soll ich mir die Adern aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen meine Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, elender als elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll ich tun!«

Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche Vase aus dem zartesten und kostbarsten Porzellan und schleuderte sie vor Virginia hin, daß sie zu hundert Scherben zerstückte. Es lag in dieser Tollheit, in diesem Wüten nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im Schluchzen und darin, wie er schäumte, sich bäumte, die Zähne knirschte, die Fingernägel in seinen Hals grub; aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles über ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und Öde in ihm entstand.

Vielleicht spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren Botendienstes, der Nachricht von Seele zu Seele gibt. Vielleicht war dies die Ursache, daß sie Erbarmen mit ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend der Kohlenglut näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen, erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen niederstürzender Mensch, ein Mensch, der furchtbare Qualen gelitten hat durch diese ungeheure Anstrengung, und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis zur Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, der aus einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen ist und trotzdem keine Stütze findet, um sich von der wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu befreien. Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, herzmordende Anstrengung, in der er nach ihr gerungen hatte wie nach dem einzigen Ding, das gepackt, gehalten, besessen werden mußte, dem einzigen, das den Sturz in den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit und Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel der Qualen, war es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, als müsse sie sich selbst vergessen, als müsse sie Haß und Liebe, Leben und Ehre, Scham und Schmerz vergessen, und sie sagte tonlos:

»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.«

Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht zu ihr heran. Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, herrliche Virginia,« flehte er leise, »und sag’ es mit dem Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk des Himmels, damit ich wieder zu einem Menschen werde.«

Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und kraftlos, erwiderte Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, was du willst.«

War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, das Erwin zur Stummheit verurteilte? War es die trauernde Verheißung, das Opfer, das Schauspiel einer Ergebung, die nichts von Hingabe hatte, aber alle Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die ihn versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er verlangt hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was ihm gewährt werden sollte, und daß gerade die Gewährung dieses Wesen in eine unerreichbare Ferne rückte, eine Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals zu besitzen. Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl hatte, das er je empfunden, ja, weil es vielleicht das erste Gefühl war: nicht Gelüste, nicht Wohlgefallen, nicht Entzückung an der Form, nicht Entflammung der Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht Sucht; nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden und Umschlungensein.

Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es an, daß sie mich liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ ich es, daß ich sie liebe?

Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt an Worten. Statt dessen drängte es ihn, sich vor ihr zu erniedrigen, aber aus Furcht vor ihr wagte er nicht zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er verlor sich aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da und nagte mit den Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, die mit ihm geschah, flößte Virginia Schrecken ein. Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine Hände, seine Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr war, als ob an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch sei. Sie hätte fragen mögen: wo bist du? Er erschien ihr wie ein Gespenst. Den sie so stolz, so reich, so erfahren, so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so überlegen gesehen hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr graute vor ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich bis ins Geisterhafte.

Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte kaum mehr die Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen Aufregungen wirkte jetzt auf ihren Körper. Außerdem spürte sie, daß sie Fieber hatte, und ihre Zähne begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich wieder. Sie wußte, daß er sie nun nicht mehr hindern würde, das Zimmer und das Haus zu verlassen, aber wohin sollte sie gehen?

Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte ihr angstvoll. Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit entgegenschlug, sah sie sein Gesicht überdeutlich in die Luft gemalt, dieses Gesicht, das schlaff, leer, trüb, häßlich und gemein geworden war. Da begriff sie, daß sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen hängt, in Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß er sie bezaubert hatte in den Verkleidungen und Hüllen, die ihn den Menschen gegenüber gewappnet und undurchschaubar gemacht.

Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und steckte es fest mit den wenigen Nadeln, die noch daran hingen. Die Uhr in der Halle schlug zwölfmal. Erwin stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das Bewußtsein vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia blickte, während ihre Arme noch erhoben waren, matt gegen ihn zurück, und im tiefen Fieber dachte sie abermals: wo find ich einen Ort, um mich auszustrecken und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –?

In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. Die elektrische Glocke läutete schrill und lang. Erwin runzelte die Stirn, bewegte sich aber nicht. Es wurde ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne, daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte sie von oben bis unten. »Machen Sie auf!« flüsterte sie mit der Gebärde einer Fliehenden. Mit gleichgültiger Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete. Herein traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und Frau von Resowsky.

Virginia stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie mit geschlossenen Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau von Resowsky und Ulrich sie nicht aufgefangen hätten.

»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, »wir müssen sie in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, der auf der Treppe stand, stellte die Laterne nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester hatten das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es aus dem Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« rief Ulrich Zimmermann.

Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur Rechenschaft? Gut so. Sie haben, Baronin,« wandte er sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls eine ziemlich unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.«

»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, ohne ihn mit ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte die Achseln und kehrte der ehemaligen Freundin den Rücken. Einige Minuten später war es wieder still im Haus. Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens.

Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich auf den Diwan und fiel sofort in einen schweren Schlaf. Als er erwachte, schien die Sonne. Während er dem Diener läutete, entsann er sich erst, daß er Wichtel befohlen hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er ihn rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den Gärtner im Park und gebot ihm, Wichtel zu schicken. Er ließ das Bad richten. Als er gebadet und gefrühstückt hatte, trat er vor den Spiegel.

Unwillkürlich, in einer lächerlichen Anwandlung, drehte er sich um. Er meinte nämlich, ein anderer stehe hinter ihm, dessen Bild der Spiegel wiedergab; denn er erkannte sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches Gesicht, daß er sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend, geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen Gesicht anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig verschwunden. Er übte sich in einer gewissen redenden Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie sonst in einem Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber das Gesicht blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend wie das Gesicht eines alten, verkommenen Weibes.

Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, das macht mich häßlich, sagte er sich. Er heftete die Augen mit einem leeren, gebrochenen Glanz in die Luft und murmelte: »Unerreichbar! unerreichbar! unerreichbar!« Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm niedersauste.