Chapter 17 of 23 · 3989 words · ~20 min read

Part 17

Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht recht gehört zu haben. Sie schaute ihm entsetzt in die Augen. So nahe, dachte er mit Frohlocken, mit Furcht vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn er gewahrte jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, während sie sich vergrößerten. Er packte ihre Schultern, sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham und Schrecken, stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich befreien. Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich gegen den ihren, in dem allmählich Angst und Haß sich zu flehentlicher Bitte entschieden. »Nicht anrühren! nicht anrühren!« sagte sie schnell und leidenschaftlich. Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln, eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand sie auf, doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen fingen ihren Mund wie etwas, das niederstürzt, wie man einen flügellahmen Vogel mit den Händen fängt, und ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in elektrischen Wellen fort.

Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er sah die weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, die von keiner natürlichen, eher von einer mechanischen oder kränklichen Bewegung geöffnet waren, jede Sekunde verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit des lebendigen Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen Formen ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten, der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis er gewahrte, daß er eine Besinnungslose hielt, eine die wachsfahl dalag, hilfsbedürftig geworden, in ein Intervall von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die Sühne für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach einem kurzen Tod zum Austrag gelangen könnte.

Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, feurig fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser Blick traf, der bis in den untersten Grund seiner Seele drang, da mußte Erwin einen Rückzug von entscheidender Bedeutung antreten, der ihn fast wieder an jene Schanzen warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie ist unvergleichlich, sagte er sich, und ich habe eine Dummheit begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre Eigenart zu berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, das rächt sich.

Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen ließ: das ist Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, niemals, im Innersten niemals. Unschuld! Was war denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die Frauen, wenn sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer Begierde zur Gewissensruhe verhilft? Die furchtsamen Mädchen, die wissenden Frauen, die schwankenden, ziellosen, hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine Kraft. Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte ihn. Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! Element und Wille; die Schönheit und ihr Begehrer, ihr Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr Herr, ihr Schicksal.

Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab lagen von den bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, die fast ohne Bezug war zur Gegenwart, daß er es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer verließ, eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald genug treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er sich allein sah. Nach einer Viertelstunde regungslosen Brütens ging er gleichfalls. Er rief die Bäuerin und gab ihr ein Geldstück.

Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte sogar einen Umweg ins Dorf.

In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die Regenkälte zu vertreiben. Was soll nun werden? grübelte er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im Vorteil gegen mich. Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken, es sei alles zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? jetzt? unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. Ich kann es nicht. Das Gelingen wird mich nicht reicher machen. Erfolg ist nur Bestätigung, nicht Vermehrung. Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie reißt mich aus mir selbst heraus.

Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. Sie reißt mich aus mir selbst heraus! Das war eines jener tiefen Worte, die nur ohne Eitelkeit und Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, um seine Stimmung zu verdüstern. Er las, er arbeitete an seiner Abhandlung über die moralische Idee. Am Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief an Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf der Insel Mangaia für eine reizende, aber bedeutungslose Legende im Stil von Montesquieu oder Hearn zu erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen seines Liebesfiebers.

»Ich kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem Punkt erscheinst du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. Und du spürst es selbst, wenn ich gewisse Äußerungen recht verstehe, in denen sich das Bedürfnis ausspricht, deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und ihnen ein soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten Jahrhundert repräsentiert die Liebe nicht mehr. Ich kann eine Tyrannei des Gefühls nicht billigen, die uns um den Genuß und die geistigen Ziele des Lebens betrügt. Nenne mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an der panischen Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie nicht, ich halte ihr stand. Doch ich kann nicht auf das Recht der schönen Selbstbestimmung verzichten. Leidenschaften sind Arzneien des Geistes und Massagen des Herzens. In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole schädigen den freien Austausch. Du hast nicht wohl daran getan, dein polynesisches Erlebnis ins Europäische zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, dir eine ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So erklärst du die Treue als ein Prinzip, und das ist verwerflich. Prinzipien morden die Jugend, das einzige positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für Virginia daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem ich sie vorbereitete. Sie wäre zu einer Dummheit fähig gewesen, da sie nie einen Berater hatte, der sie von den sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite. Jetzt magst du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, wenn man, wie ich, der Meinung ist, daß ein edles Pferd zu den vollkommensten Wesen der Schöpfung gehört. Sie ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die abgefeimtesten Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. Er, vor dem doch alles kniet! Leb wohl, Gott schenke dir Frieden und Vernunft.«

Das Bindende

Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen zwei Uhr pochte es an seiner Tür. Es war Frau Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein. Erwin ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm und Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«, antwortete er kühl.

»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt ist sie gestern nach Haus gekommen und hat sich ins Bett gelegt. Ich glaube, sie hat gefiebert. Hat auch kein Wort mit mir gesprochen, kein einziges Wort, gestern nicht und heut nicht. Können Sie sich das erklären?«

»Ist sie heute aufgestanden?«

»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.«

»Was tut sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich werde mit Ihnen gehen.«

»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.«

»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie das machen?«

Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag zu Ihnen, sie hat mir’s streng verboten. Was ist los? sag ich. Sie schaut in die Luft. Jetzt hab ich mich weggestohlen.«

»Ich gehe mit Ihnen.«

»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank, wenn man ihren Eigensinn brechen will.«

»Wir werden sehn.«

Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege unter einem trüben Himmel schweigend dem Landhaus zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare Räume, von denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten lag das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine feuchte Holzkammer. Oben war ein ziemlich großes Gelaß, das auf den Balkon führte; auf der einen Seite dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer, an die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt ihr denn nicht Geld genug, daß ihr euch in solche Käfige sperrt?« wandte sich Erwin auf der Treppe an Frau Geßner.

»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese schuldbewußt.

»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin zornig. »Gott bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk. Ich bitte um Verzeihung, aber meine Geduld ist zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die Frau nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie.

In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau Geßner zu Virginia ging. Er betrachtete die einfachen Zirbelholzmöbel, das plumpe, rotüberzogene Sofa und die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war ein getünchter Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah. Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt, den der Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte und dessen vier aneinandergenietete Teile sie als Rahmen für einige ihrer Skizzen benutzt hatte. Man gewahrte da einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei Äpfel auf einem blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb, in dem Forellen lagen.

Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder. Hinter ihr wurde die Türe abgesperrt. »Was gibt’s?« fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte scheu zu Boden. Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff die Klinke. »Virginia!« rief er heiser.

Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf.

»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen zu sprechen?«

Keine Antwort.

»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von anständigem Betragen darf nicht wie ein unverschämter Zudringling behandelt werden.« Er betonte sehr scharf. Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien seine Worte zu pulverisieren.

Keine Antwort.

»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen euch?« raunte Frau Geßner, dicht zu Erwin herantretend. Aus ihren Augen fielen eine Menge von perlenden, hellen Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin befahl ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er war sehr bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand und rief: »Hören Sie mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr. Um sechs Uhr bin ich wieder da. Sie werden sich dann entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde diese Beleidigung zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr. Das ist mein letztes Wort.«

Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern. Zweieinhalb Stunden lang irrte er in beständigem Regengeriesel mit aufeinandergepreßten Zähnen durch die Wiesen und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der angekündigten Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben, als er mit festen Schritten die Treppe emporstieg. Er trat ein und verbeugte sich vor Frau Geßner, die, als sie ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen preßte. Er blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte traurig den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob den Zeigefinger und flüsterte: »Etwas Übles haben Sie ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So war sie noch nie.«

Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie zumeist, wenn er bejahrte Frauen reden sah, deren Mund des beherrschten Mienenspiels ermangelte. Er würdigte sie keines Worts und ging zu der verschlossenen Tür. Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich bin es, Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er.

Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und stärker, mit Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu hören; kein Schritt, kein Laut. Nun wanderte er ein paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau Geßner aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur Tür und sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch niemand hat gewagt, was Sie heute wagen. Ich will Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu bereuen, die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben noch eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.«

Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich. Er starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit schaute er auf die Uhr. Frau Geßner saß am offenen Balkon. Sie rührte sich nicht, bewegte selbst die Augen nicht. Sie horchte. Die den Fenstern gegenüberliegenden Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die Zweige der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf Minuten war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken bedeckt. Ein kläffender Hund sprang vor dem Haus vorbei.

Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich und griff nach seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend die Hand aus. Er zuckte die Achseln und ging. Es steht zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick seines Lebens kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen. Vor einer Tür stehen und nicht eingelassen werden! Das war das Furchtbarste, was ihm zustoßen konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das war das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen werden!

Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die Dunkelheit hinunter wie ins Bodenlose. Da vernahm er eilige Schritte hinter sich. Er wußte, daß ihm die Alte folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte heimlich: »Ich kann mir’s denken, Erwin.«

Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen? dachte er verdrossen; alle alten Mütter sind lästig und respektlos. »Was steht zu Diensten?« sagte er mit höflicher Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«, antwortete sie seufzend.

Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil sie ihm eine Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen Zimmer unten, das ohne Stufe ins Freie führte, blieb Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen sehen, daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um Virginias Hand.«

Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer zu werden. Im Geist hatte sie sich des öfteren das Entzücken ausgemalt, das sie empfinden würde, wenn einst diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun war sie keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken. Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen von Glanz, Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich um Virginias Hand?« wiederholte sie ungläubig und matt. »Mich? mich bitten Sie? warum nicht Virginia selbst?«

»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch zubrüllen?«

»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?«

»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin, es sind schon festere Bündnisse aufgelöst worden.«

»Sie läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.«

»Darauf kommt es eben an.«

»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?«

»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten worden ist.«

»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise und bekümmert, aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck, der die monatelangen kupplerischen Wünsche enthüllte. In einer besorgten Falte ihrer Stirn wohnte der letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung, Erwartung und Dankbarkeit.

Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk ansieht, und unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte die Frau unter den Arm und sagte: »Sie begreifen, Mama, es handelt sich also darum, Virginias kindischen Trotz zu besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr sprechen kann. Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern, sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus bleiben. Um acht Uhr abends werde ich unvermutet und möglichst geräuschlos ins Zimmer treten. Sprechen Sie nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß sie bei Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die Dinge sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«, schloß er; »Virginia ist uneins mit sich selbst. Das ist der Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch die Erklärung dafür, daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird gut.«

»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner.

»Manfred wird mit Feïnaora tanzen.«

»Wie?«

»Davon reden wir ein andermal.«

»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen, Erwin?«

»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration mehr aus.«

Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin gegangen war: Gina ist uneins mit sich, das arme Kind weiß nicht, was es tun soll. Aber da gibt es kein Schwanken; das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie nicht von sich weisen.

Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber den weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen. Nicht die klügste und sanfteste ist fähig, sich der Gefühle ihrer eigenen Jugend zu erinnern. Alle haben gelernt, praktisch zu sein, und haben vergessen, daß die Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den Verblendungen der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft beruht. Sie werden gemein, ohne es zu wissen, und grausam, ohne es zu wollen.

Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt und schaute in das feurige Rechteck von Virginias Fenster, das von immer schwärzer werdender Nacht begrenzt wurde. Lange saß er so. Es läuteten tiefe Glocken, deren Schall der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte weder Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen hatte. Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt, nicht zu essen noch zu trinken, bevor ... bevor die Tür dort oben offen stand. Es war, als dürfe die Sonne nicht mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen stand. Es war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei zugeschaut und hätten ihn verhöhnt.

Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen als zu kühn, die andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte sich wie ein Span im Feuer. Das Feuer war seine Begierde, sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen. Das beleuchtete Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen. Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt; ihr wenig beschützter Leib hatte gefröstelt in der feuchten Wiesenluft, die durch die Fensterfugen drang. Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen, auf fühllosem Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis einander sucht. Der Smaragdring auf der Linken war abgezogen, und sie war frei vom verpflichtenden Bund. Nackt war der Goldfinger ohne den Ring, wie eines Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen über allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und zitterten dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung zwischen Wimpern und Brauen, die den Schmelz und die Reinheit eines Blütenblattes und die vollkommen parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam mit dem sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man den Raum von hier bis an die Lagerstätte, es mochten nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war dazwischen, die nicht geöffnet wurde.

Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis dachte sie nicht.

Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht seines Griffs geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch gesessen, den Kopf in die Hand gestützt, in den erglühenden Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr an Feïnaora, sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als liebe sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte eine Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter den Zweigen der Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen. Denn sie fühlte seine Nähe unaufhörlich. Sie fühlte seinen heftigen und sprechenden Blick, seine unterwerfende Gebärde, sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner Stirn und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie wußte sich von alledem gekettet, aber sie war entschlossen, sich frei zu machen. Sie wollte frei sein. Sie wollte nicht mehr vom Morgen bis zum Abend mit erwartendem Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie wollte nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine Worte sie betasteten wie Finger oder eine Wißbegier erregten, deren sie sich schämte.

So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund an den seinen. Wie hatte er es wagen können, ihren Mund mit dem seinen zu berühren! Das war es, wobei ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig. Sie hatte keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte sich einen Rächer, aber aus Mitleid mit ihm und aus einem Rest von Achtung für seinen Freundschaftsbund mit Manfred fürchtete sie die Rache.

Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies hatte nichts in ihr geweckt, es hatte nur getötet. Es war ihr zumut gewesen, als ob ihr Blut weiß würde. Ja, alle Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds Bild. Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein, und sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch länger zu besitzen. Doch war es schwer, für die Zurückgabe die höfliche Form und den nicht widerruflichen Gehalt zu finden.

Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber. Als ihr die Mutter sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren, ärgerte sie sich. Sie hatte die Mutter bitten wollen, ihm die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer gewesen, so hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu können. Im übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm heute gegenüber zu treten. Sie blieb mit ihrer Arbeit im Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und sprach den ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und man spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm. Gewitter lagen in der unbewegten Luft.

Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine Schritte schallten erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe angezogen hatte, um sie geräuschlos zu machen. Der Blick, mit dem Virginia die Mutter ansah, war wild und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei einem Steinwurf.

Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das Blut ins Gesicht. »Ich habe meine Abreise verschoben,« sagte er, »weil ich mir den Bescheid wegen des Antrags holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter gestern gemacht.«

Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten habe, davon zu sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die kühle Redensart falle ihm schwer, die das Ungewöhnlichste von allem ausdrücke, wozu er sich jemals entschlossen.

Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit. »Ich habe Sie von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«, sagte er.

Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas wie Heiterkeit über ihre Züge verbreitete. »Man sollte wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß mit mir haben wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich.

»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder schmeichelhaft für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer Gelassenheit, hinter der sich sein Ingrimm und seine schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen.

»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte Virginia betroffen.

»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er mit seiner umflorten Stimme, und während er sprach, sah man beständig seine großen, porzellanweißen Zähne. »Sie aber haben nur Hohn und Kälte dafür.«

»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem Tone ein.

»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben hat, ohne zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort. »Ich wage zu denken, daß ich, ich, nur ich es bin, der ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er wußte, was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel auf die Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und hat Ihnen dafür zwei Jahre gelassen, qualvolle Jahre des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger Hoffnung, augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern es war, Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich zu machen, ich soll vor der Tür stehen und betteln, ich soll zu Kreuze kriechen, ich soll das Vorrecht des Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum? warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten. Den Freund halt ich hoch, über mich selbst kann ich aber nicht hinweg.«

Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ihr Antlitz zeigte keine Bewegung, kaum ein Gefühl. Ihre Lider waren so tief gesenkt, daß die Wimpern einander berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein, Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut zu entfärben schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich gefälligst an.«

»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.«

»Ein anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet, das Herz einer Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia –«

»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten, wie Sie hier verraten.«