Chapter 7 of 23 · 3970 words · ~20 min read

Part 7

»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der Begriffe Raub und Krieg.«

Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell leuchtete.

»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt. Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem Unerforschlichen.«

Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.

»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt, um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit, von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«

»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.

»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«

»Und Manfred?«

Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen. So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge, Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut und Haar.«

Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie besitzen nichts; niemand und nichts.«

Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument. Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.«

»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«

Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. »Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor. Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine possierliche Sache.«

Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er übermütig.

»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.

»Auch die Froweinschen Miniaturen?«

Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann achselzuckend.

Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich, zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen kann, daß mein Versuch gelungen ist?«

»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«

»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«

Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten zusammen.

Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes, unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.

Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt?

Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen, während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um Hilfe. Rufend erwachte sie.

Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich beschäftigte.

Das Perlenhalsband

Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren. Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.

Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht anschauen?«

Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.

»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob.

Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie ein wenig erstaunt.

»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter, »warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut.

»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?«

»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig. Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.«

Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.«

»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute. Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich, man besucht mich, wie man in ein Museum geht.«

Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln: »Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia tat, sah neugierig zu.

Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten. Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes Betrachten.

Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.

Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.

»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.

Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend: »Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.«

Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den Zauber, den sie auf ihn ausübten.

Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue, nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline, der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin.

Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war, daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames Kind.

Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß; ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.« Virginia legte das Bild hastig beiseite.

Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand, mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein, da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren? Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte, Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den ausgestopften Vögeln gesprochen.

Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte, spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das Gedächtnis den Geschmack.

Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße Erstarrung.

Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: »Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die Herrin.«

Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe, seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein Schleier vor einem Spiegel.

Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt, als sie nach Hause kam.

Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung gehofft hatte.

»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man den Geschmack nicht mehr los.«

Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?«

»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!«

Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel. Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie können lange trauern, doch sie vergessen schnell.

Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist, an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.

Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre, freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um die Zukunft der Menschen.